Episode 2: Die Rückkehr ins Unbekannte

28. Juli 2020 0 Von Roland R. Maxwell

Das Klackern der Schreibmaschinentasten, das Ticken der Uhren hallte durch die Büroraume des Versteckten Hauses. Hier wurde 24/7 gearbeitet. Nie hörten die Schreibmaschinen auf schwarze Buchstaben auf weißes Papier zu schlagen. Nie verstummten die Uhren. Sie gingen auch nie falsch, niemals. Es war einfach nicht möglich. Das Ticken war der Herzschlag des Hauses. Tick Tock Tick. Dieses mysteriöse Haus. Lasst mich euch etwas über das Versteckte Haus erzählen. Wann es gebaut wurde und wer dafür verantwortlich war, das wusste wahrscheinlich nur die Dreieinigkeit und vielleicht noch der Direktor. Aus den unzähligen Akten über das Haus erfuhr man nichts, die waren entweder geschwärzt oder unter Verschluss. Kein Mitarbeiter, kein Agent wusste genaues über das Versteckte Haus. Alle wussten, es existiert und es dient der Organisation als Hauptquartier. Doch genaueres? Fehlanzeige.

Wobei, das ist nicht ganz richtig. Eine Sache wusste jeder in der AOO. Das Versteckte Haus konnte sich überall hin materialisieren, wo eine freie Fläche zur Verfügung stand. Wenn es nicht gerade im Materium war, befand es sich in einer Art Taschendimension. Ein völlig weißer Raum. Wollte jemand das Gebäude verlassen, so ging er zur Haupttür, fasste den Knauf an und dachte an sein Ziel. Das Haus erschien dann einfach in der Nähe. Wollte jemand es betreten, so brauchte man einen bestimmten Gegenstand aus dem Inneren des Hauses. Man nahm den Gegenstand in die Hand, stellte sich das Bauwerk vor und … nach kurzer Wartezeit erschien es auf der nächsten freien Fläche. Manchmal dauerte es ein wenig, da das Haus erst woanders war.

Aber erregt das nicht Aufmerksamkeit, wenn plötzlich ein mehrstöckiges Haus aus dem Nichts erscheint? Ob man es glaubt oder nicht, selbst dafür gab es eine Lösung. Außenstehende Zeugen können das Haus gar nicht wahrnehmen, nur Mitglieder der AOO können das. Für Nichtwissende ist es einfach nicht da, es existiert für sie nicht. Das Versteckte Haus scheint eine Art Anti-Wahrnehmungsfeld zu besitzen. Es ist eine Anti-Idee.

Die beiden Phänomene, das Materialisieren und die Anti-Wahrnehmung, werden von der AOO noch erforscht. Irgendwann wird man das Geheimnis dahinter entschlüsseln, doch wenn es soweit ist, wird die Information sicherlich klassifiziert.

Dieses mysteriöse Haus. Wo die Papierarbeit angebetet wird und die Rituale geschrieben sind. Tag- und Nachtschichten wechselten sich im pausenlos Takt miteinander ab. Die Arbeit lag hier niemals still. Das Ticken und das Klackern verstummten nie, denn das waren der Puls und der Herzschlag des Hauses. Das Haus lebte von der Arbeit und die Mitarbeiter lebten vom Haus. Das war der Vertrag, den alle unterschrieben hatten.

Einer dieser Mitarbeiter war der Agent Seth. Er saß gerade an seinem Schreibtisch, die Füße drauf gelegt, Kippe im Mund. Ab und zu blas er einen Rauchring, einfach so aus Spaß. Seine Schreibmaschine war stumm, ihr Klackern ertönte relativ selten. Man musste Seth des Öfteren an seine Pflichten erinnern. Doch selbst eine Schimpftirade des Direktors konnte ihn nicht aus der Ruhe bringen, dafür lebte er schon zu lange. Er hatte schon Schlimmeres gesehen, als einen wütenden Bürokraten. Seth trug wieder sein lässiges Outfit. Ein altes schwarzes Sakko, ein weißes Hemd und abgetragene Anzugschuhe. Keine Krawatte. Die grauen Haare waren ungekämmt, das Gesicht unrasiert. Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich darüber Gedanken zu machen. Wozu auch?

Es näherte sich eine Person, die fast das genaue Gegenteil von Seth war. Die Agentin Morle, genannt Rookie. Sie war jung, fröhlich und voller Energie. Aber auch furchtlos und intelligent. Eine Neko, die mit allen Wassern gewaschen war. Im Gegensatz zu Seth, nahm sie die Kleiderordnung ernst. Sie trug ein dunkles Anzughemd mit einer schwarzen Krawatte, dazu einen rotschwarz-karierten Rock und hohe Stiefel. Da sich das Universum manchmal einen Spaß erlaubte, wurde sie vor einigen Jahren die Partnerin von Seth. Man könnte jetzt die Vermutung aufstellen, dass zwischen den beiden regelmäßig Streit herrsche und man würde absolut richtig liegen. Doch irgendwie komplementieren sich die beiden, sie gehören einfach zusammen. Sie sind wie Tag und Nacht, Kopf und Zahl, Hell und Dunkel. Der eine kann ohne den anderen nicht existieren.

Anfangs waren sie wie Hund und … na ja … Katze. Doch im Laufe der Zeit lernten sie einander zu vertrauen, sich gegenseitig wertzuschätzen. Kurz, sie wurden Freunde. Trotz, oder gerade wegen der vielen Gegensätze. So schnell kann es passieren.

»Guten Morgen, mein Sonnenschein«, miaute Rookie.

»Moin«, grummelte Seth ihr entgegen.

»Ich sehe, du bist wieder hart am arbeiten.«

»Man tut, was man tun muss«, antwortete er ironisch.

Sie seufzte: »Du handelst dir nur wieder Ärger ein.«

Seth grunzte.

»Und wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du dich ordentlich kleiden sollst!«

»Mal schauen«, er zählte mit den Fingern, »Gestern, vorgestern, am Wochenende, letzte Woche als wir zum Leuchtturm geflogen sind und davor auch schon. Also ziemlich oft bereits. Und jedes Mal erkläre ich dir, dass ich keine Krawatten mag. Die stehen mir einfach nicht.«

Sie schüttelte den Kopf. Jedes Mal das Gleiche, dachte sie sich.

»Gibt‘s wieder Arbeit? Will der Chef irgendwas?«

»Arbeit gibt es allerdings«, sie legte eine braune Mappe auf seinen Tisch. Seth nahm eine ordentliche Sitzposition an, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und begann die Dokumente zu lesen.

»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass man dir erlaubt hier zu rauchen.«

»Als altes Eisen hat man so manche Privilegien. Außerdem bin ich doch der Liebling des Direktors.«

Rookie schaute ihn skeptisch an.

Seth las die Papiere, die in der Mappe enthalten waren. Sein Gesichtsausdruck wurde von Wort zu Wort düsterer. Als er mit dem Lesen fertig war, fragte er Rookie entgeistert: »Wollen die uns jetzt eigentlich komplett verarschen? Ist das deren Scheißernst?«, er knallte die Mappe auf den Tisch und zündete sich eine neue Zigarette an.

»Scheint so.«

»Das Problem besteht seit fast zweihundert Jahren und jetzt entscheidet man sich dagegen vorzugehen? Was für eine Scheiße.«

»Es ging halt keine akute Gefahr davon aus, die Ausbreitung wurde ja schon vor Jahren gestoppt. Es gab wahrscheinlich dringendere Brandherde.«

»Ja, die Ausbreitung wurde gestoppt. Aber das bannte die Gefahr nicht. Es fielen trotzdem tausende von Leuten dieser Anomalie zum Opfer. Erst vor einiger Zeit … ich glaub vor ein oder zwei Jahren … da war doch dieses Team, was dort einen Film drehen wollte. Weißt du, wie viele zurückgekehrt sind, Rookie?«, er hielt den Zeigefinger hoch, »Einer!«

»Dann haben wir ja jetzt die Chance es ein für allemal zu stoppen«, Rookie war voller Tatendrang.

»Na, wenn das kein Himmelfahrtskommando wird. Es stoppen … genauso gut könnten wir den Mond sprengen.«

»Haben wir dazu nicht die Mittel?«

»Du weißt, was ich meine!«

»Seth, für uns ist nichts unmöglich. Wir schaffen das!«

Doch, manche Sachen waren unmöglich. Auch für die AOO, dachte er sich. Es gab schon einmal eine Expedition dorthin und die endete in einer Katastrophe. Aber er behielt seine Gedanken für sich. Er wollte seine Partnerin nicht beunruhigen. Was sollte sie schließlich von ihm denken? Seth, der Behemoth, zweifelte an das Gelingen einer Mission? Nein, das konnte er nicht offen und ehrlich zugeben. Niemals!

»Na los, Miesepeter. Wir machen eine Schiffsreise!«, Rookie sprintete davon.

Seth erhob sich langsam und warf noch einmal einen letzten Blick auf die aufgeschlagene Mappe. Auf dem Blatt Papier war ein Foto mit einer Büroklammer angeheftet worden. Es zeigte eine verschwommene Gestalt in Kapuzenmantel. Auf dem Dokument stand das Ziel der Mission. Die Worte waren unmissverständlich: Tötet die Entität mit den Namen »Der Lord«.

Die Sonne hatte ihren Zenit erreicht und am Hafen von Lorgon-City war eine Menge los. Unglaublich viele Touristen strömten durch die Fischmärkte und kauften das ranzige Meeresgetier. Seth konnte Fisch nicht ausstehen, er hasste diesen widerlich fauligen Geruch. Er mochte auch Lorgon-City nicht, hier stank es ständig nach vergammelten Fisch. Egal wo man sich befand. Man konnte diesen Geruch nicht entfliehen. Er hatte gehofft, nie mehr hierher zurückkehren zu müssen, doch da hatte er sich wohl getäuscht. Wann war er das letzte Mal hier gewesen? Vor zwanzig Jahren? Vor dreißig? Vor vierzig? Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern. Er wusste nur, dass er diese Stadt nicht ausstehen konnte. Ja, sie sogar verabscheute. Sie trug eine heuchlerische, bürgerliche Maske aus schnöden Marmor, die all die hässlichen Probleme verbergen sollte. Armut. Soziale Ungleichheit. Kriminelle Banden. Korruption. Hass.

Seth konnte mit Dreck leben, er fand ihn sogar angenehmer als das Hochpolierte. Doch er hasste Heuchelei. Er hasste Doppelmoral. Lorgon-City verkörperte diese beiden Sachen hervorragend. Und dann kam auch noch der Fischgestank hinzu. Rookie machte dieser Geruch nichts aus, im Gegenteil! Sie hatte sich sogar ein Fischbrötchen als Snack geholt.

»Auch ein Bissen?«, schmatzte sie mit vollen Mund und hielt ihn das angebissene Brötchen hin.

»Danke, nein danke«, ihn drehte fast der Magen um.

Sie beide standen vor einem riesigen Schiff der AOO. Natürlich konnte man das als Außenstehender nicht erkennen. Die Organisation liebte ihre Geheimhaltung.

»Tarnen wir uns wieder als Umweltschutzbehörde?«, fragte Seth.

Rookie kramte aus ihrer Tasche ein Blatt Papier vor: »Nein. Diesmal sind wir ein Transportunternehmen, dass Fisch nach Scatland bringt.«

»Wie originell«, warum musste es denn ausgerechnet Fisch sein?

»Wollen wir dann an Bord gehen?«

»Warum nicht«, entgegnete er.

Hafenarbeiter, die allesamt zur AOO gehörten, verluden kistenweise Fisch auf das Schiff. Wenn es um Tarnung ging, machte man keine halben Sachen.

Als Rookie und Seth an Deck gingen, erblickten sie Xyr. Er hatte sich an eine Wand gesetzt und las sein Lieblingscomicheft Lost Future. Er war so sehr darin vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie die beiden Agenten sich näherten.

»Hi, Xyr. Um was geht es in der heutigen Ausgabe?«, fragte Rookie freundlich.

Seth grunzte nur: »Langweiliger Schund.«

Endlich kehrte Xyr aus seiner Fantasiewelt zurück und sah seine Kollegen an. Er begann sich hastig zu bewegen, stammelte vor sich hin, steckte das Heft in seine Manteltasche und erhob sich. Xyr war einen ganzen Kopf größer als Seth, weshalb er nach oben gucken musste, um den Agenten ins maskierte Gesicht zu blicken. Xyr war ein … interessanter Zeitgenosse. Sein Kleidungsstil orientierte sich an seinen Lieblingscharakter aus Sineration. Er trug einen langen schwarzen Mantel, eine dunkle Krawatte, eine graue Anzughose und einen schwarzen breitkrempigen Hut. Zusätzlich trug er eine schwarze Latexmaske. Er strich den Dreck vom Mantel und begrüßte die beiden: »Ah, Entschuldigung. Ich hab euch gar nicht gesehen. Tut mir wirklich leid. Ich war so vertieft. Aber es war gerade so aufregend.«

»Was ist denn diesmal passiert?«, Rookie war wie immer neugierig.

»Oh, eine wilde Schießerei. Explosionen. Eine Verfolgungsjagd. Feindliche Agenten. Mutanten. Ich bin immer wieder erstaunt, welch einzigartige Kreativität die Menschen doch besitzen. Das gab es bei uns damals nicht.«

»Freut mich, dass es dir so sehr gefällt.«

»Er sollte weniger Kinderbücher lesen und sich mehr auf seine Arbeit konzentrieren«, mischte Seth sich ein.

»Sei nicht immer so grummelig. Entschuldigung, du weißt ja wie Seth ist.«

»Oh, oh, oh. Ist schon okay. Er hat ja recht. Ich bin bei der Arbeit und da sollte ich mich auch auf die Arbeit konzentrieren. Lesen kann ich schließlich auch in der Pause«, Xyr wackelte mit den behandschuhten Händen.

»Was machst du eigentlich hier? Außer faul herumzugammeln?«, fragte Seth.

»Oh … Ich soll hier ein wenig ein Auge drauf haben«, er zeigte auf die Hafenarbeiter, die gerade Kisten verluden.

»Ja, dann mach das auch!«

Xyr salutierte und die beiden Agenten begaben sich ins Deckhaus.

»Warum musst du eigentlich immer so unhöflich sein?«, fragte die Katzendame leise.

»Rookie, wir sind hier nicht auf einen Spielplatz. Wenn er lesen will, soll er das in seinen Pausenzeiten machen. Die Mission kann nur gelingen, wenn alle an einen Strang ziehen. Wenn eine Person aus der Reihe fällt, fallen wir alle.«

Rookie sagte dazu nichts, irgendwie hatte Seth da auch recht. Sie hatte nur Mitleid mit Xyr. Er war immer so freundlich und versuchte sein Bestes. Er erinnerte sie ein wenig an Rahmelo, nur in weniger aufdringlich und ungeschickt.

»Wohin eigentlich?«, fragte Seth.

»Kommandobrücke. Der Operationsleiter möchte noch eine Einsatzbesprechung machen.«

»Großartig«, antwortete Seth ironisch, »Und unsere Sachen?«

»Werden in die Kabinen gebracht. Keine Sorge, du bekommst schon deine Zigaretten noch.«

»Hoffentlich. Ich bräuchte dringend eine.«

»Das hab ich mir schon gedacht.«

Sie kramte in ihrer Tasche und holte einen Sargnagel hervor. Seths Augen begannen zu funkeln. Er schnappte sie sich sofort.

»Braves Mädchen!«

Er schnippte einmal mit den Finger und schon entflammten sie sich. Er zündete sich die Zigarette an und inhalierte den köstlichen Rauch tief ein. Er blies den Qualm durch die Nase hinaus.

»Jetzt geht es mir schon viel besser.«

Rookie rollte mit den Augen.

»Das könnten schon Anzeichen einer Sucht sein, weißt du? Warst du schon mal bei einem Arzt und hast mit ihn darüber gesprochen?«

»Ach, Ärzte! Das sind doch alles Quacksalber. Was sind die schon? Das sind ehemalige Medizinstudenten. Also bitte. Es gibt im Leben eines Mannes nur zwei lebenswichtige Medikamente: Rum. Und Zigaretten. Alles andere ist überflüssig.«

»Alkohol auch noch?«

»Ab und zu mal ein Glas. Man muss sich auch mal was gönnen. Schau mich nicht so böse an. In den alten Tagen hat man nur Bier getrunken. Wasser war schließlich giftig«, Seth lachte, »Gute alte Zeiten.«

»In den alten Tagen hat man auch Magier bei lebendigen Leibe verbrannt.«

»Na gut, es war nicht alles Pfefferkuchen und Sonnenschein.«

Rookie und Seth erreichten den Versammlungsraum der Kommandobrücke. Es war ein relativ großer Raum mit einem runden Tisch in der Mitte. An den Wänden hingen keinerlei Dekorationen. Alles schien notdürftig eingerichtet worden zu sein.

»Hätten das alles ja ein wenig heimeliger machen können«, jammerte Rookie.

Auf einen der Stühle saß Illyuzia. Das Chamäleon. Der Wandelbare Agent. Für Seth sah er aus wie eine junge jarganische Dame mit zusammengeknoteten schwarzen Haar, während Rookie einen blauschuppigen Dragonier sah. Das war das Besondere an ihr. Sie war eine Art biologische Anomalie. Oder vielleicht auch eine magische, Rahmelo kann das sicher besser erklären. Illyuzia konnte ihr Aussehen jederzeit ändern. Jeder Beobachter sah eine andere Person vor sich. Niemand weiß wie sie wirklich aussah oder welche Rasse. Man kannte nur ihr Geschlecht, sie identifizierte sich als Frau. Selbst die Wissenschaftsabteilung der AOO biss sich an ihr die Zähne aus. Sie konnten das Rätsel über das Chamäleon einfach nicht lösen. Normalerweise wurde sie bei Beobachtungsmissionen, Spionageaufträgen oder Beschaffungen eingesetzt. Welchen Grund hatte sie hier bei dieser Mission dabei zu sein?

»Welch eine freudige Überraschung! Illyuzia! Was machst du denn hier? Wurdest du auch für die Mission ausgewählt?«, fragte Rookie voller Freude.

»Ja, ich habe vorhin die Nachricht erhalten. Ich soll feindliches Territorium auskundschaften.«

»Ich weiß nicht, ob das nötig ist«, sagte Seth, »Da wo wir hingehen wird Sondieren sehr schwierig sein. Wenn nicht sogar unmöglich.«

»Wir werden ja sehen. Ich bin jedenfalls da, falls ihr mich braucht«, entgegnete Illyuzia.

Seth und Rookie nahmen an den runden Tisch platz. Der alte Agent rauchte weiter genüsslich seine Zigarette. Nach einiger Zeit strömten weitere Agenten in den Raum, einige stachen besonders hervor. Da wäre zum einen Markus Henry Antonius Clover Jr., liebevoll Prig genannt. Er hatte die Fähigkeit ein Wesen aus einem anderen Universum zu beschwören, das für ihn kämpfte. Der Junge hatte ein langgezogenes, kantiges Gesicht und braune, zurückgekämmte Haare. Er trug ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und eine braune Hose, das Sakko hatte er sich lässig über die Schulter geworfen. Er nahm neben Seth platz, was bei seinem Sitznachbar ein genervtes Augenrollen auslöste.

Auch der Agent Nigrum war mit von der Partie. Er war ein sehr unterkühlter Zeitgenosse, der nur das Nötigste sprach. Er trug einen pechschwarzen Anzug mit einer weißen Krawatte. Sein Zwillingsbruder Alba war nicht anwesend. Genau genommen, wurden die beiden noch nie in ein und den selben Raum gesehen. Seth hatte deswegen mal die Verschwörungstheorie aufgestellt, dass es sich bei diesen Pärchen um die gleiche Person handelt. Seth meinte: »Wahrscheinlich ist das nur ein Irrer mit Persönlichkeitsstörung, der die ganze Organisation an der Nase herumführt.« Ob er damit wohl recht hatte? Nigrum setzte sich zwischen zwei Agenten und starrte einfach ausdruckslos geradeaus.

Als letzter Agent kam Xyr hinein, er entschuldigte sich für die Verspätung, nahm den Hut ab und setzte sich ebenfalls hin. Damit befanden sich einundzwanzig Agenten im Raum.

Zum Schluss erschien der Operationsleiter. Oder genauer gesagt, die Operationsleiterin. Sie war eine Frau in ihren späten Vierzigern. Die Lippen knallrot und das Korsett eng geschnürt. Der Klang ihrer Absätze ließ die Männer im Raum hochfahren. Sie strahlte eine unglaubliche Dominanz aus.

»Wurde aber auch Zeit«, murmelte Seth vor sich hin, »hast uns ganz schön warten lassen.«

Im Schlepptau hatte sie ein bekanntes Gesicht, den jungen Wissenschaftler Rahmelo. Rookie und Seth lernten ihn kennen, als sie sich um einen zerbrochenen Leuchtturm kümmern mussten. Er trug seinen weißen Laborkittel und eine runde Brille. Die blonden Haare hatte er nach hinten gegelt.

Die Leiterin positionierte sich gut sichtbar vor dem runden Tisch und begann mit fester Stimme zu reden: »Guten Tag, werte Agenten. Schön, dass sie alle rechtzeitig eingetroffen sind. Ich bin Operationsleiterin Augustina, ich habe hier bei dieser Mission das Kommando. Sie alle unterstehen meinen Befehl und sollten diesen auch befolgen, wenn sie das hier heil überstehen möchten«, während sie sprach, werkelte Rahmelo im Hintergrund, baute einen Projektor und eine Leinwand auf, »Unsere Mission ist von absoluter Wichtigkeit. Versagen ist hier keine Option.«

Allgemeines Gemurmel im Raum.

»Unser Ziel ist die sogenannte Verfluchte Insel, im Volksmund auch Psycho-Island genannt«, sie gab Rahmelo ein Zeichen, der daraufhin den Projektor anschaltete. Er projizierte ein Bild von einer Insel, die von dichten Nebel umgeben war, auf die Leinwand.

»Aufgrund vergangener beunruhigender Entwicklungen hat die Dreieinigkeit und der Direktor entschieden, dass es endlich Zeit wird etwas gegen die Insel zu unternehmen. Schlagen sie bitte alle ihre Dossiers auf.«

Jeder Agent holte eine braune Mappe hervor. Alle, außer Seth. Er schaute bei Rookie mit rein.

»Papiere vergessen, Großväterchen? Schlägt die Demenz langsam zu?«, flüsterte Prig hämisch.

»Pass auf, dass ich nicht gleich zuschlage, Schnösel«, konterte Seth.

»Nur zu, alter Mann. Aber überanstrenge dich nicht.«

»Meine Herren, bitte!«, mischte Augustina sich ein.

Sofort war Ruhe.

»Unser Ziel ist klar«, fuhr sie fort, »Die Vernichtung der Entität namens Der Lord

Das Bild wechselte, nun war der verschwommene Kapuzenmann zu sehen.

Xyr hob den Arm.

»Fragen bitte erst zum Schluss!«

Xyr senkte den Arm wieder.

»Diese … Kreatur verursacht seit fast zweihundert Jahren große Probleme. Unzählige Humanoide sind ihr schon zum Opfer gefallen. Die AOO wird dem nun ein Riegel vorschieben und das Wesen ein für alle mal ausschalten. Es wird kein leichtes Unterfangen, aber gemeinsam schaffen wir das. Der Plan ist relativ simpel: sieben Dreierteams, unterstützt von je zwei MEKs, werden die Insel durchkämmen und Ausschau halten. Sollte ein Team den Lord sichten, muss es sofort das Feuer eröffnen. Jede Anomalie, die sich den Teams in den Weg stellt, muss neutralisiert werden. Je mehr, desto besser. Sollte das Ziel erledigt sein, gebt die Informationen per Funk weiter. Halten sie sich nicht länger als nötig auf der Insel auf. Rahmelo wird ihnen erklären, mit welchen Gefahren sie es zu tun bekommen werden.«

»Das klingt doch alles nach Selbstmord«, grummelte Seth vor sich hin.

Die Operationsleiterin räusperte sich.

Rahmelo stellte sich neben ihr. Ihm stand das Unbehagen quasi ins Gesicht geschrieben.

»Ähm … Also … Die Insel … Ist … Also … Ich …«

»Reißen Sie sich zusammen, Rahmelo!«

»Natürlich, natürlich! Entschuldigung … Also wo war ich?«

»Bis jetzt nirgendwo«, murmelte Seth. Rookie stieß ihn in die Seite.

»Auf der Insel lauern alle möglichen Gefahren. Es fängt schon damit an, wenn wir uns dem Ziel nähern. Es können visuelle und akustische Halluzinationen auftreten. Sie könnten Stimmen hören, seltsame Dinge sehen, bizarre Träume haben. Sollte dies der Fall sein, machen sie sich keine Sorgen. Nichts davon ist echt. Es kann ihnen nichts passieren. Setzen sie sich einfach hin und warten sie bis es vorbei ist.«

Rahmelo schaute in ein Meer aus skeptischen Gesichtern.

»Unseren Forschungen zufolge versucht die Entität dadurch Kontakt zur Außenwelt herzustellen, um weitere Opfer auf die Insel zu locken. Damit war sie in den letzten Jahrzehnten mehr als nur erfolgreich. Ähm … Hören sie nich auf die Rufe. Es ist alles nur in ihren Kopf. Fahren wir mit allgemeinen Informationen über die Insel fort. Sie ist eine der größten Gebiete, wo die Barrieren vollständig zerbrochen sind. Das heißt, die Realität ist hier vollständig ausgeschaltet«, der Projektor zeigte nun ein graphisches Bild vom Ausmaß des befallenen Gebiets, »Das Zerbrechen der Barrieren begann vor ungefähr zweihundert Jahren. Auslöser war, nach unseren Recherchen zufolge, ein fehlgeschlagenes Experiment von Darks Modern Technology, kurz DMT. Der damalige Vorsitzende des Unternehmens, Florian Johannes James Darks, ließ auf der Insel ein Portal aktivieren. Ähm … laut Aufzeichnungen wollte er Kontakt zur Geisterwelt und zu Dämonen aufnehmen. Irgendetwas muss dabei schiefgegangen sein und man öffnete das Tor ins Immaterium

»Wie kann man nur jemanden vertrauen, der Darks heißt?«, spottete Prig.

»Weiter im Text«, fuhr Rahmelo fort, »Sprechen wir nun … ähm … über die möglichen Gefahren, die ihnen auf der Insel begegnen könnten … werden, definitiv werden. Erstmal der Klassiker: biologische Anomalien. Unvorstellbar viele, die Zahlen gehen wohl in die Tausende, Humanoide fanden ihr Ende auf der Insel. Erst vor zwanzig Jahren ging die Elisabeth II. ins Netz der Insel«, auf der Leinwand wurde das Bild eines riesigen Kreuzfahrtschiffes gezeigt.

»Ähm … also, sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass sich auf der Insel unfassbar viele Verwandelte tummeln. Manche versuchen mit ihnen Kontakt aufzunehmen, doch das ist bloß ein Trick. Fallen sie nicht darauf hinein. Neutralisieren sie die Geschöpfe. Dann hätten wir räumliche und temporale Anomalien. Entfernungen werden keinen Sinn ergeben, ihr Zeitgefühl wird völlig aus den Fugen geraten. Sie werden sich nicht auf ihre Kompasse und Uhren verlassen können. Dann könnten mentale Anomalien auftreten. Außerkörperliche und surreale Erfahrungen, seltsame Visionen. Alles möglich. Zum Schluss noch nichtmaterielle Anomalien. Die … äh … brauch ich sicher nicht zu erklären. Natürlich werden Immaterielle auf der Insel sein. Das … ähm … war es von meiner Seite. Vielen … Vielen Dank fürs zuhören!«, Rahmelo trat zur Seite.

Ein Teil der Agenten war eingeschlafen, der andere schaute lustlos in der Gegend herum. Ein kleiner Teil, darunter Nigrum, Xyr und Rookie, klatschten.

»Vielen Dank, Herr Rahmelo«, übernahm die Operationsleiterin, »für ihren aufschlussreichen Vortrag. Kommen wir nun zur Einteilung der Teams.«

»Dürfen wir unsere eigenen Teams bilden?«

»Wir sind nicht mehr in der Grundschule, Agent Illyuzia. Ich teile die Gruppen ein!«

Ein Stöhnen ging durch den Raum.

»Team Eins sind Agent Morle, Agent Seth und Agent Markus.«

»Großartig, das wird ein Spaß …«, Rookie klang nicht gerade begeistert.

»Mit dem alten Sack? Definitiv!«

»Pass auf, Freundchen!«, knurrte Seth.

»Ruhe! Packen sie ihre kindischen Differenzen beiseite und arbeiten sie gefälligst als Team! Wir sind hier nicht im Kindergarten, sondern bei einer wichtigen Mission der AOO«, ermahnte Augustina die beiden, »Weiter … Team Zwei bilden Agent Xyr, Agent Illyuzia und Agent Nigrum!«

Sie schaute nach, ob es irgendwelche Zankerei oder Beschwerden gab. Anscheinend nicht, wenigstens etwas.

»Team Drei bilden Agent Alex, Agent Frieda und Agent Alba … Wo zur Hölle ist Agent Alba? Agent Nigrum! Wo befindet sich ihr Bruder?«

»Nicht hier. Aber er weiß über alles Bescheid«, antwortete der kahlköpfige Agent.

»Wie sehr ich doch die Spielereien von euch beiden hasse …«, stöhnte die Operationsleiterin.

»Warum muss ausgerechnet ich immer mit den Freaks zusammenarbeiten?«, beschwerte sich Agent Frieda leise.

Augustina teilte noch die restlichen Teams ein und entließ dann alle Agenten. Die Sitzung war endlich vorüber. Seth streckte sich.

»Scheiße, war das anstrengend. Und jetzt auch noch mit Prig in einem Team. Kann der Tag noch schlimmer werden?«

»Ich bin auch nicht damit glücklich, alter Mann. Aber es ist, wie es ist. Die Leiterin hat es so gesagt. Muss ich wohl meine Zeit mit einem dementen Beinahe-Rentner verbringen«, spottete der junge Agent.

Seth wollte sich gerade auf ihn stürzen, wahrscheinlich um ihn den Kehlkopf herauszureißen. Doch Rookie hielt ihn zurück: »Lass es, er ist es nicht wert.«

Prig lächelte arrogant und verließ den Raum.

»Wie sehr ich doch diesen ekelhaften, versnobten Schnösel hasse. Bürgerlicher Möchtegernaristokrat. Bettnässer. Anwaltsbengel. Dreckiger Sohn einer tollwütigen Hündin. Elender Commerciaquist«, fluchte er.

»Ich versteh dich ja, aber wir sollten unsere Differenzen für eine Zeitlang beiseite schieben. Sonst scheitert die Mission«, versuchte Rookie ihn zu beschwichtigen.

Seth schaute in ihr freundliches Gesicht, in ihre tiefen grünen Augen. Er seufzte und versuchte ein Lächeln aufzusetzen.

»Du hast ja recht, Mädel. Für das Wohl der Mission werde ich ruhig sein. Nun, entschuldige mich … ich habe noch etwas zu erledigen.«

»Versprich mir, dass du Prig in Ruhe lässt. Keine Prügeleien!«

»Ja, Mama«, sagte er ironisch und sprintete davon. Er hastete Augustina hinterher, die gerade dabei war den Konferenzraum zu verlassen. Seth folgte ihr durch die dunklen Schiffsgänge.

»Hallo Augustina. Lange nicht gesehen.«

»Guten Tag, Agent Seth.«

»Warum so förmlich? Begrüßt man so einen alten Freund?«

Sie blieb abrupt stehen und drehte sich zu Seth um. Wenn Blicke töten könnten …

»Ich wüsste nicht, dass wir Freunde seien. Hast mich ja schließlich sitzen lassen, alter Bastard«, Eiseskälte schwang in ihrer Stimme. Seth hob abwehrend die Hände.

»Also bitte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her …«

»Falls du dich erinnern kannst, hab ich ein Gedächtnis wie ein Elefant.«

»Und das Gemüt eines Drachen.«

Sie funkelte ihn böse an.

»Hey, das war nur ein Scherz!«

»Ja, für dich ist immer alles nur ein Scherz. Es ist nicht nur, dass du mich hast sitzen lassen, nein, du hast dich ohne ein Wort aus dem Staub gemacht und dich zehn Jahre lang nicht gemeldet.«

»Ich hatte etwas Wichtiges zu tun …«

Augustina drehte sich um und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Wichtiger als ich?«

»So war das nicht gemeint …«

»Ich weiß, wie das gemeint war. Dir war dein eigenes Leben immer wichtiger als die Menschen um dich herum. Du lebst schon so lange, trotzdem erkennst du es nicht.«

Seth schwieg.

»Erledigen Sie ihre Arbeit, Agent Seth. Guten Tag.«

Sie wollte gerade gehen, als Seth sagte: »Warte! Hast du mich jetzt eigentlich nur mit diesen Schnösel zusammengelegt, weil du es mir heimzahlen wolltest?«

Sie schaute mit dem Kopf über die Schulter.

»Alter dummer Esel«, fauchte sie, »das ist das, was dir jetzt durch den Kopf geht? Das ist jetzt wichtig? Du hast dich absolut nicht verändert … Wenn du es wirklich wissen willst: Ich habe dich und Markus in ein Team gesteckt, weil zwischen euch böses Blut fließt. Die Mission soll das überwinden. Ihr sollt lernen zusammenzuarbeiten. Die Organisation kann solche Streitereien zwischen Agenten nicht gebrauchen, besonders nicht in solch entscheidenden Zeiten. Du brauchst nicht zu glauben, dass ich hier irgendwelche Kindergartenspiele treibe. Ich bin ja nicht du«, und mit diesen Worten ließ sie Seth alleine stehen.

Der senkte den Kopf und begab sich getrübt zu seiner Kabine. Er brauchte dringend eine Zigarette. Schauen wir uns währenddessen mal an, was Rookie trieb. Da Seth wahrscheinlich seiner Sucht nachging, begab sich die Katzendame aus Langeweile in den Frachtraum. Der Bauch des Schiffes war gefüllt mit Kisten über Kisten, alle enthielten Fisch. Der Geruch war herrlich, zumindest für Rookie. Seth hätte sich wahrscheinlich übergeben. Sie hörte laute Geräusche, Gelächter. Sie manövrierte durch die Stapel , bis sie zur Quelle des Lärms kam.

Ein paar MEKs hatten sich um eine Kiste versammelt und spielten Poker miteinander. Es waren ungefähr vier Männer. Sie hatten ihre schweren Schutzwesten, die Stahlhelme und Gasmasken abgelegt. Rookie erkannte einen von ihnen.

»Hallo, Salih«, begrüßte sie ihn.

Er hatte gerade seine Karten mit einem siegessicheren Lächeln ausgespielt, als er sie erblickte.

»Morle? Du hier? Was für ein Zufall.«

Er lachte, stand auf und umarmte sie. Salih war ein junger Mann in seinen Zwanzigern. Er hatte kurzgeschorene braune Haare und leicht dunkle Haut. Wenn Rookie sich recht erinnerte, stammte er aus Aradien. Nach dem Abenteuer beim zerbrochenen Leuchtturm hatte er sie auf einen Kaffee eingeladen und Rookie traf sich mit ihm. Sie mochte ihn. Trotz seines harten Äußeren war er charmant und liebenswürdig. Und er war recht witzig, sie haben viel gemeinsam gelacht.

»Wollen wir ein wenig durch den Frachtraum laufen?«, fragte er sie.

Seine Kollegen machten ein paar Affengeräusche.

»Schnauze, Jungs«, sagte er mit einem Lächeln im Gesicht, »Ich komm gleich wieder. Wehe ihr guckt meine Karten an!«

Die Jungs lachten. Salih fasste Rookie an die Schulter und drückte sie leicht weg.

»So«, begann er, »du bist auch mit der von Partie?«

»Klar, ich bin immer an der vorderster Front mit dabei. Wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen möchte, kann ich auch für die Finanzabteilung arbeiten.«

»Auch wahr. Du bist eine ziemlich mutige Frau«, er grinste.

»Ach, nicht der Rede wert«, sie errötete.

»Die AOO brauch mehr Frauen wie du. Man kann nicht alles diesen alten Männer überlassen.«

»Das stimmt. Es gibt sehr wenige Frauen bei der AOO. Und die Frauen, die es gibt, sind meistens schon in ihren Vierzigern oder Fünfzigern. Wie Operationsleiterin Augustina.«

»Obwohl auch sie aus harten Holz geschnitzt ist. Aber ja, du hast recht. Wie bist du eigentlich zur Organisation gekommen?«, fragte Salih.

»Mehr durch Zufall«, sie kicherte, »eigentlich hatte ich meine Bewerbung an den Gonzzolischen Nachrichtendienst geschickt. Ich wollte schon immer für einen Geheimdienst arbeiten. Doch der Brief kam seltsamerweise nie bei der Behörde an …«

Salih lachte: »Ja, das ist typisch für die AOO.«

»Und du? Warum ist du hier?«

»Ich? Ich habe jemanden etwas geschworen.«

»Oh, wirklich?«

»Ja, ich habe ihn geschworen, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um diese Welt vor dem Bösen zu schützen. Und da ich jemanden kannte, der jemanden kannte, der jemanden kannte … landete ich hier.«

»Ein ziemlich großes Versprechen.«

»Oh ja. Aber bis jetzt konnte ich es einhalten. Mein Gewehr und ich hatten bis jetzt eine ziemlich gute Chance gegen das Böse. Was besondere Munition doch für einen Unterschied macht.«

»Mit der Typ-O-Munition hat sich die Wissenschaftsabteilung echt was Gutes einfallen lassen«, erklärte Rookie.

»Ganz genau. Was würden wir bloß ohne diese Streber machen?«

Rookie lachte.

Lassen wir die beiden doch für einen Moment alleine und widmen unsere Aufmerksamkeit jemand anderen. Augustina saß gerade in ihrer großzügigen Kabine, Tränen standen in ihren Augen, doch keine einzelne floss. Sie hasste es an diesen Punkt ihrer Vergangenheit erinnert zu werden. Sie hasste es an diesen verfluchten Mann zu denken. Warum musste der Direktor ausgerechnet diesen alten Bastard für die Mission auswählen? Warum konnte sie ihn nicht einfach vergessen? Es klopfte an der Tür. Sie wischte sich die Tränen weg und rief: »Herein!«

Der junge Wissenschaftler öffnete die Tür.

»Ahh, Rahmelo. Was gibt es?«

»Ich wollte mit Ihnen … Oh … Frau Operationsleiterin … Geht es Ihnen gut? Sie sehen so betrübt aus.«

»Komm erst mal herein und schließe die Tür hinter dir zu.«

Rahmelo tat wie ihn geheißen wurde.

Sorge war in seinen Gesicht zu erkennen, er hatte Mitleid mit der Chefin. Und er spürte auch, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Er war schon ein guter Junge.

»Mach es dir gemütlich.«

Er setzte sich auf ihr Bett. Ein bisschen Unwohl schien ihn schon zu sein. Er wusste nicht wirklich, wie er mit der Situation umgehen sollte.

»Es … Es war nur … ich musste an meinen Vater denken. Das macht … Das macht mich immer ein wenig traurig.«

»Ihren Vater?«

Sie reichte ihn ein Bild von ihm, was sie immer und überall mithin nahm. Es zeigte einen jungen Mann in Uniform und Schirmmütze. Er lächelte.

»Ist etwas mit ihm passiert?«, fragte Rahmelo.

»Ja, aber es ist schon sehr lange her. Du musst wissen, heute ist der Todestag meines Vaters«, das war gelogen, »Er wurde vor vielen Jahren hingerichtet, da war ich noch ein kleines Mädchen«, das war nicht gelogen.

»Oh, das tut mir wirklich leid. Möchten Sie mit mir darüber reden?«

»Ach, das ist … Hm, warum nicht. Es tut gut, mal darüber zu reden.«

»Das ist die richtige Einstellung, Frau Operationsleiterin. Viele Studien stimmen da zu«, Rahmelo wusste wirklich nicht mit dieser Situation umzugehen.

»Mein Vater … war ein junger Redmalleoist. Ein Offizier im Dienste des Generalvorsitzenden Grubers. Er hatte das Pech auf der falschen Seite zu stehen, als der Rote Parteikrieg ausbrach. Deswegen nahm er meine Mutter und floh aus der zerfallenden Gonzzolischen Union, er floh nach Südgregorien. Sie nahmen ihn auch freudig auf, schließlich war er ein Genosse. Er bekam eine gut bezahlte Stelle in der Regierung. Alles war gut, doch wie es oftmals ist, bleibt es nie lange so. Irgendwann … ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, brachen nachts schwerbewaffnete Einheiten in unser Haus ein. Sie wurden angeführt von einem Ork namens Rongdog Schwarzhund, er gehörte zur Geheimpolizei. Sie verprügelten meinen Vater und nahmen ihn dann mit«, ihr Blick schweifte in die Ferne, »Wir hörten wochenlang nichts von ihm. Dann … kam eine Nachricht. Die Hammer-and-Sickle-Partei klagte ihn wegen Verrat an. Ob das stimmte, kann ich dir nicht sagen. Vielleicht taten sie es auch einfach nur so. Die Gremien und Kommissionen und Behörden dieser Regierung waren noch verworrener als bei der AOO. Wie dem auch sei, das Parteigericht schloss ihn aus der Partei aus und ein anderes Gericht verurteile ihn zu Tode. Er hatte nicht einmal die Chance sich zu verteidigen oder seine Unschuld zu beweisen. Am nächsten Tag wurde er vor ein Erschießungskommando gestellt. Wahrscheinlich war er wirklich nur das Opfer von irgendwelchen Säuberungen. Meine Mutter und mich schob man nach Nordgregorien ab.«

»Das … Das muss ziemlich schwer für sie gewesen sein.«

»Das war es, mein Lieber. Es war eine sehr schwere Zeit und es gibt keinen Tag, wo ich ihn nicht vermisse«, Trauer klang in ihrer Stimme.

»Das tut mir wirklich leid.«

»Schon okay. Worüber wolltest du mit mir sprechen?«

Seth saß in seiner Kabine, die Zigarette glimmte in seiner rechten Hand. Der ganze Raum roch nach Qualm, ihn machte das nichts aus. Der Geruch war beruhigend, er genoss ihn. Er war nicht so wie Fisch, alles war besser als Fisch. Seth saß einfach da, in seinen Sessel und dachte nach. Er hatte schon viele Frauen geliebt. Unzählige. Doch keine war so wie Augustina. Keine entfachte so viel Feuer in seinen Herzen wie sie. Er erinnerte sich zurück an die Zeit, als die beiden noch zusammen waren. War das wirklich schon zehn Jahre her? Es war eine Beziehung, die sich über mehrere Jahre zog. Von Heiraten war die Rede. Von einem Haus. Von Kindern. Davon die Organisation zu verlassen und endlich ein normales Leben zu führen. Frei von Monstern und Göttern und Anomalien. Frei von ständiger Geheimniskrämerei. Doch … daraus wurde nichts. Seth gab sich nicht der Illusion eines normalen Lebens hin. Er war dazu verdammt alleine in dieser erbarmungslosen Welt zu wandern. Er konnte kein normales Leben führen, nicht mit den Wissen, was er hatte. Er wusste, was dort draußen lauerte. Die Schrecken. Die Monster. Das Übernatürliche. Ignoranz ist ein Segen, Wissen ist ein Fluch. Wahrscheinlich wusste Augustina das auch, obwohl sie es nicht wahrhaben wollte. Sein Herz schmerzte bei den Gedanken, sie alleine zu lassen. Doch es musste geschehen. Er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen, dafür war er zu feige.

Er nahm den leichten Weg. Er ging einfach, verschwand aus ihren Leben. Bei der Arbeit begegneten sie sich nie, sie arbeiteten ja in völlig verschiedenen Bereichen. Es war leicht. Seth stürzte sich in Arbeit und begann das Bild von Augustina zu verdrängen, er sperrte es tief in seinen Herzen ein. Es war nur eine Affäre, eine bedeutungslose Affäre, sagte er sich. Du hast das doch schon öfters gemacht, unzählige Male. Was ist jetzt anders? Sie ist nur eine Frau unter viele, redete er sich ein. War Seth ein Bastard? Ja.

Er holte sein silbernes Sturmfeuerzeug heraus und betrachtete das Symbol. Der Kopf eines Kraken mit einer Fackel auf der Stirn. Solange das Mistarkonic-Institut nicht zerschlagen war, solange diese … Präsenz immer noch da draußen war, solange konnte niemand ein normales Leben führen. Solange das Irreale in das Reale sickerte, war niemand sicher. Seth sah schon oft Visionen von der Zukunft, erhaschte Blicke hinter den Vorhang, hinter den Barrieren. Nichts davon war erbauend. Die Realität war nur eine kleine Insel in einem Meer aus Chaos. Und von Tag zu Tag wurde die Insel kleiner …

Sonne und Mond wechselten ihre Positionen, wie sie es schon seit Jahrmilliarden taten und das Schiff näherte sich langsam seinen Ziel. Doch je näher es kam, desto mehr spürte man den Einfluss der Insel. Es war Nacht, der Sichelmond warf sein Spiegelbild auf das schwarze Wasser. Rookie schlief in ihren Bett, wälzte sich hin und her. Die Alpträume begannen in ihr zu wüten. Der Lord griff mit seinen kalten Fingern nach den Gedanken der Agenten, verdrehte sie, korrumpierte sie. Sie alle befanden sich nun in seiner mentalen Gewalt. Er wollte die Schutzmauern ihrer Bewusstseine einreißen, er wollte in sie eindringen. Vernunft war ein Fluch, Wahnsinn bot die einzige Freiheit.

Rookie befand sich in einen nebligen Wald. Kein einziges Blatt hing an den Bäumen. Alles war kahl und tot. Krähen schrien in der Ferne, sie waren Boten des Todes. Rookie rannte vor etwas weg, aber sie wusste nicht vor was. Alles wirkte so unecht. Alles wirkte so gleich. Der Nebel fühlte sich kalt an, wie der Atem eines Toten. Sie schaute nach links, sie schaute nach rechts. Alles dasselbe. Es näherte sich. Es rannte zwischen den dürren Bäumen. Ein dunkler Schatten. Er hatte etwas Animalisches an sich. Rookie hatte Angst. Sie rannte weiter. Es knurrte, jaulte und bellte. Rookie fiel hin, ihr Fuß hatte sich in einer Wurzel verfangen. Oder hatte die Wurzel sich um ihn geschlungen? Sie versuchte sich zu befreien, doch es half nichts. Der Schatten stand vor ihr. Sie starrte ihn an und er starrte mit hunderten roten Augen zurück. So viele Beine, die sich manifestierten und wieder verschwanden. Mäuler, die aus dem Nichts entstanden. Die weißen, spitzen Zähne. Unzählige Nadeln, die sich rhythmisch bewegten. Es war der Alptraum aus Rookies Kindheit. Er war wieder da. Sie dachte, sie sei ihn entkommen. Doch er hatte die Jagd wieder aufgenommen. Der Schatten sprang auf sie zu und sie wachte mit einem Schrei auf.

Doch sie war nicht die einzige mit Schlafstörungen. Viele schrien in dieser unendlichen Nacht. Sie hörte unzählige Rufe der Angst. Rookie verließ ihre Kabine und ging nach draußen. Die Schreie waren hier nur lauter. Es glich einen Irrenhaus. Sie sah einen Agenten, der seinen Kopf immer und immer wieder gegen die Schiffswand hämmerte.

»Raus aus meinen Kopf! Raus aus meinen Kopf! Raus! Raus! RAUS!«, jammerte er bei jeden Aufschlag. Auf der Wand war ein blutiger Fleck zu sehen.

Ein anderer Agent fuchtelte mit seiner Pistole durch die Gegend. Anscheinend kämpfte er gegen unsichtbare Feinde. Er schrie: »Na, komm! Komm schon! Ich hab keine Angst! Ich hab keine Angst! Ich schieß dir ne Kugel in den Schädel! Na, los! Komm schon!«, sein Gesicht war eine Maske des Wahnsinns.

Auch Augustina träumte etwas. Sie war allein in ihren Haus, das Haus ihrer Kindheit. Draußen stürmte es. Blitze zuckten am pechschwarzen Nachthimmel. Es hämmerte an der Tür, sie erschrak. Hunderte von Fäusten schlugen gegen die Holztür. Augustina rannte die Treppe hoch, sie wollte nicht wirklich wissen, wer hinein möchte. Sie versteckte sich in ihren Kinderzimmer. Die Wände waren voller Zeichnungen, so bunt. Alles war so, wie sie es damals verlassen hatte. Die Kuscheltiere, das Bett, die Spielsachen. Selbst ihre Puppen waren die gleichen. Unten zerbarst die Tür. Sie waren drinnen. Augustina kroch in eine der Ecken und hielt sich die Hände vor dem Mund. Die Horde suchte nach ihr, sie grunzten und knurrten. Ihre schweren Stiefel stampften auf den Boden. Teller und Lampen wurden zerbrochen, Fenster zerschlugen. Jedes Zimmer wurde auseinandergenommen. Das Kinderzimmer … nahm man sich zum Schluss vor.

Wieder hämmerten die Fäuste. Augustina machte sich ganz klein, sie hielt sich die Ohren zu. Sie zerbrachen die Tür. Benutzen sie Äxte? Oder ihre Hände? Sie hörte ihr Grunzen. Die Operationsleiterin schaute aus ihren Versteck hervor. Sie sah eine wilde Horde aus schweinsgesichtigen Barbaren. Sie sahen aus wie dümmliche Bestien. Speichel floss aus ihren primitiven Mäulern. Die kleinen Augen leuchteten gelb. Augustina konnte sich das Schreien kaum verdrücken. Eines der Monster fand sie und packte sie am Arm. Die Meute jaulte vor Freude. Augustina schrie. Die Horde zerrte an ihren Armen und Beinen, bis ein nasses Reißen zu hören war. Sie griffen in ihre Innereien und begannen sie sich ins Maul zu stopfen. Sie schmatzten und stopften sich noch mehr hinein.

Augustina wachte in ihren Bett schweißgebadet auf. Währenddessen schien das gesamte Schiff den Wahnsinn zu verfallen. Schreie drangen in ihre Kabine. Gepolter, Prügeleien, Schüsse. Hoffentlich bringt sich niemand um, betete sie. Diese Mission durfte nicht schon scheitern, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Hatte sie die Lage unterschätzt? War der Einfluss der Insel doch stärker? Möge die Dreieinigkeit ihnen beistehen, damit sie diese furchtbare Situation überlebten.

Seth gehörte wohl zu den wenigen, die in dieser Nacht nicht schliefen. Er wusste ganz genau, was passierte, wenn man in den Einflussbereich des Lords kam. Schlaf machte da nicht viel Sinn. Er rauchte stattdessen eine Zigarette nach der nächsten, ab und zu trank er einen Schluck Rum. Er hörte das schreckliche Chaos draußen. Seth erhob sich von seinem Sessel und begab sich nach draußen. Er schaute sich im Gang um. Im ersten Moment schien alles normal, doch im nächsten … Die chaotischen Geräusche verstummten. Stattdessen waren ein leises Wimmern und Schluchzen zu vernehmen. Die Schiffswände veränderten sich, sie wirkten organischer. Schwarze Flechten wuchsen auf ihnen, pulsierten. Die Wände dehnten sich aus und wieder zusammen. Es war, als würden sie atmen. Ein ekelhafter Geruch lag in der Luft, es roch nach alten, vermoderten Holz und verschimmelten Fleisch. Am Ende des Ganges sah Seth eine dunkle Gestalt, gekleidet in einen dreckigen braunen Mantel mit einer Kapuze, die das Gesicht verdeckte. Der Lord selbst stattete den Schiff einen Besuch ab.

»Glaubst du etwa, dass deine Illusionen mir Angst machen?«, entgegnete Seth.

Der Lord lachte nur trocken: »Es ist so schön, dass du wieder nach Hause kommst. Das Schaf kommt zurück um Hirten. Ich habe schon so lange auf dich gewartet.«

Die Stimme hallte und bei jeden Wort vibrierte der Boden und die Wände. Seths Nackenhaare stellten sich auf. Es war eine raue, ranzige Stimme, in der Fäulnis mitschwang. Die Flechten begannen stärker zu pulsieren, der Klang der Worte schien ihnen Kraft zu geben. Der Lord bewegte sich mit langsamen Schritt auf Seth zu.

»Alle Kinder kehren irgendwann nach Hause zurück. Sie können es nicht ertragen, alleine zu sein. Sie wollen in den Schoß ihres allmächtigen Vaters.«

Der Lord stand nun direkt vor Seth, er überragte den Agenten um mehrere Köpfe. Seth konnte die vielen Stimmen hören, die verzweifelt und wahnsinnig flüsterten. All die unzähligen Opfer des Lords schrien leise in ewiger Agonie.

»Ich habe keine Angst vor einem Gespenst!«, knurrte Seth.

»Oh, mein Kind. Du wirst Angst haben. Auf dieser Insel wartet deine eigene, kleine, persönliche Hölle auf dich. Wir werden deine Ankunft erwarten«, der Lord hauchte seinen fauligen Atem. Es roch wie das Innere einer uralten Gruft.

»Ich werde dem ein Ende setzen. Ein für alle Mal!«

»Dann wirst du mutiger zugrunde gehen als andere«, hauchte der Lord und mit einem Blinzeln war alles wieder normal. Keine Flechten, keine Stimmen, kein falscher Gott. Seth schaute auf seine Uhr. Es war nach Sieben … hatte er wirklich für mehrere Stunden einfach in diesen Gang gestanden? Er rieb sich die Augen, er fühlte sich plötzlich sehr müde. Der alte Agent entschied sich einfach nochmal ins Bett zu legen und zu schlafen.

Am frühen Morgen wurde sofort eine Sitzung einberufen. Augustina schaute in ein Meer aus müden Gesichtern. Sie zählte die Köpfe. Niemand fehlte, außer Seth, wenigstens etwas. Rahmelo positionierte sich neben ihr, auch er sah ziemlich fertig aus. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Sie hatte auch eine schwere Zeit hinter sich.

»Ich weiß, die letzte Nacht war … anstrengend«, begann sie.

»Anstrengend ist ein schöner Euphemismus«, rief jemand von der Seite.

»Aber wir haben unser Ziel endlich erreicht. Die Insel befindet sich in unmittelbarer Nähe. Die Mission kann bald beginnen. Darauf sollten sie sich alle einstellen. Jetzt beginnt erst der harte Teil.«

Die Menge seufzte.

»Die Mission verlangt all ihre Aufmerksamkeit und all ihre Konzentration! Sie wissen, was auf den Spiel steht! Die Teams werden in drei Stunden aufbrechen. Die Boote werden dann bereitstehen. Jedes Team werden zwei MEKs zugewiesen. Überprüfen sie ihre Ausrüstung, nehmen sie die Typ-O-Munition mit, sie wird ihnen sehr behilflich sein. Alles andere brauche ich ihnen ja nicht zu erklären. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.«

Augustina sah die Unsicherheit in ihren Gesichtern. Es waren zwar alles erfahrene Agenten, die schon mit vielen Gefahren auskommen mussten, doch die Insel war eine andere Hausnummer. Der bisher größte anomale Brandherd auf Terra. Einundzwanzig Agenten und zweiundvierzig MEKs sollen sich darum kümmern. Wird es ausreichen? Wer weiß … Augustina las einmal die Akten über die AOO-Expedition zur Verfluchten Insel. Hässliche Sache. Die Führungsebene würde sie als eine misslungene Operation bezeichnen. Die meisten Informationen waren geschwärzt, viele Seiten fehlten, doch die Operationsleiterin konnte sich recht gut ein Bild zusammen puzzeln. Sie hoffte, dass diese Mission nicht in eine Katastrophe enden wird. Sie könnte sich das nicht verzeihen.

Rookie ging aufs Deck. Sie wollte wissen, ob man die Insel bereits sehen konnte. Das Schiff war umgeben von einem dichten, grünen Nebel. Er fühlte sich … schleimig an. So als hätte er Substanz, als würde man durch Gelee laufen. Er drang in Rookies empfindliche Nase, es war ein widerwärtiger Geruch. Verwesung, Leichen, Tod, Fäulnis – das waren so die Gedanken, die der Agentin in den Kopf schossen. Einfach nur ekelhaft und abstoßend. Sie achtete darauf, nur noch durch den Mund zu atmen. Der Nebel schien auch alle Geräusche zu verschlucken. Rookie hörte nichts, kein Wellenrauschen, keine Möwen. Da war einfach nur Stille. Ihr fröstelte es. Sie ging an die Reling um eine bessere Sicht zu bekommen. Doch der Nebel erwies sich als zu dick. Sie konnte nur ein paar schemenhafte Schatten in der Ferne erkennen. Riesige Schatten… was war das? Felsen? Geisterschiffe? Die Schemen schienen sich zu bewegen, vielleicht sollte man nicht allzu sehr darüber nachdenken. Sie befanden sich wirklich im Anomalien-Territorium.

Das Schiff schwamm langsam durch den Nebel. Bald waren sie an ihr Ziel angekommen. In weniger als drei Stunden wird sie ihre ersten Schritte auf der Verfluchten Insel machen. Dem Ort, wo schon so viele unglückliche Seelen ihr Ende gefunden haben.

»Ein faszinierender Ort, oder Agentin Morle?«, erklang eine blecherne Stimme neben ihr.

Sie drehte sich um, es war Xyr. Er hatte sich zu ihr gesellt.

»Ahh, Xyr. Schön dich zu sehen. Wie geht es dir?«, fragte sie.

»Ach, es ist alles so aufregend. Es ist schon Ewigkeiten her, seit ich diese Insel gesehen habe. Damals war sie noch unbebaut. Damals war sie … normal. Lange vor den Menschen, den Orks, den Nekos.«

»Was war da eigentlich vorher?«, fragte Rookie neugierig.

Xyr starrte auf das neblige Meer. Sein Blick schweifte in die Ferne. Die Bilder der Vergangenheit spielten sich vor seinem geistigen Auge ab.

»Ursprünglich sollte dort ein Untergrundlabor entstehen, wahrscheinlich zur Erforschung von chemischen Strukturen. Tja, der Krieg hatte diesem Projekt einen Riegel vorgeschoben. Die Prioritäten änderten sich. Aus dem Labor wurde ein Bunker. Hoffentlich hat er jemanden was genützt.«

»Vermisst du manchmal die alten Tage?«

»Ja. Ich hatte Kollegen. Freunde. Ich hatte eine Zukunft«, er schwieg, starrte nur noch in den grünen Nebel hinein. Doch dann schaute er Rookie an. Als er sprach, klang seine Stimme wieder heiter.

»Doch das alles liegt in der Vergangenheit. Ich habe nun eine neue Zukunft. Einen neuen Zweck. Eine neue Aufgabe und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu bewältigen. Das alte Terra ist nicht mehr, das neue ist nun meine Heimat. Und seine Heimat sollte man beschützen. Immer vorwärts, niemals rückwärts!«, er streckte seine Faust nach oben.

»Das ist die richtige Einstellung!«, freute sich Rookie.

»Nun gut, ich muss mich vorbereiten. Wie ich gehört habe, startet Team Zwei als Erstes! Wir sollen nämlich die Gegend auskundschaften. Das wird bestimmt aufregend!«, er verabschiedete sich von Rookie und stakste davon.

Die Katzendame riss die Tür auf und stürmte in das Zimmer ihres Partners. Der schlief völlig seelenruhig. Rookie seufzte, sie hatte sich schon gewundert, wo er während der Sitzung war. Er hatte sie verschlafen, hätte sie sich auch denken können. Sie riss ihm die Decke weg, er schlief in seinen Klamotten.

»Seth? Seth? SETH!«, rief sie.

Ein kurzer Schnarcher und schon öffneten sich erschrocken seine Augen. Er schaute verwirrt durch die Gegend. Dann auf die Uhr. Er stöhnte und richtete sich auf. Seth fasste sich durch das Gesicht und wischte sich den Sabber weg. Er schmatzte noch ein paar Mal und fokussierte letztendlich seinen Blick auf Rookie.

»Oh. Du bist es. Gibt‘s was?«, murmelte er verschlafen.

»Es gibt sehr wohl was. Warum pennst du? Wir hatten eine Sitzung!«

»Ja, die Sitzung. Kennst du eine, kennst du alle. Ich hatte halt keine wirkliche Lust auf die Sitzung. Sitzungen sind was für Spießer. Sitzungen sind langweilig. Außerdem …«

»Außerdem?«

»Außerdem hab auch ich sehr seltsame Dinge heute Nacht gesehen. Echt seltsamen Scheiß.«

»Was war es denn?«, fragte Rookie besorgt.

»Erklär ich dir später. Muss das erst mal verarbeiten. Sind wir eigentlich schon da?«

»Wir sind ganz in der Nähe. Die Teams sollen in einer Stunde aufbrechen.«

»Scheiße. Dann geht es ja bald los. Ich sollte mich fertig machen.«

»Das solltest du tun.«

Seth erhob sich, er schwankte. Die Begegnung in der letzten Nacht war ziemlich heftig für den alten Mann. Er hätte nie gedacht, dass der Lord ihn persönlich einen Besuch abstattete. Der Typ hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Und er freute sich schon auf Seth. Es gab noch eine offene Rechnung zu begleichen.

Nigrum, Xyr und Illyuzia begaben sich in das Motorboot. Zwei MEKs der Einheit Fuchsauge hatten es sich bereits bequem gemacht. Jeder bekam ein Funkgerät. Hoffentlich werden die auch funktionieren, dachte sich Illyuzia. Xyr hatte einige Schwierigkeiten seinen langen, dünnen Körper in das Boot zu bewegen. Nigrum saß einfach still da, keine Regung war auf seinem Gesicht zu sehen. Er war schon ein unheimlicher Zeitgenosse. Niemand wusste viel über ihn. Er sprach selten über sich, überhaupt sprach er nicht viel. Nigrum und wahrscheinlich auch sein Zwillingsbruder waren eines Tages einfach im Versteckten Haus aufgetaucht. Ohne jegliche Erklärung. Ohne Begründung. Es war, als wären die beiden einfach aus dem Nichts entstanden. Wahrscheinlich wusste nur der Direktor und die Dreieinigkeit über die Ursprünge dieses seltsamen Duos Bescheid. Wenn überhaupt …

Das Boot fuhr los, es steuerte auf die verborgene Insel zu. Der Nebel machte es unmöglich weiter als ein paar Meter zu sehen. Illyuzia fand den Geruch des Nebels unerträglich. Es erinnerte sie an eine ihrer Missionen. Es ging um das Auskundschaften einer Villa, wo angeblich rituelle Kindermorde stattfanden. Sie bildete die Vorhut und sollte herausfinden, was dort vor sich ging. Der Anblick war schon schwer zu ertragen, doch der Geruch … der Geruch verließ sie nicht. Der Nebel erinnerte Illyuzia daran. Es war beinahe der selbe Gestank. Es schauerte ihr, kalt lief es ihr Rücken hinunter. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie es endlich vergessen konnte, doch der grüne Nebel machte ihr da einen Strich durch die Rechnung. Sie musste sich ablenken. Weg von diesen dunklen Gedanken.

»Sag mal, Xyr«, begann Illyuzia, »was bedeutet eigentlich dein Name?«

Der Agent schaute sie an, ob er verblüfft war, konnte man aufgrund der Maske schlecht sagen.

»Wie kommst du auf diese Frage?«

»Nur so. Hat mich mal interessiert. Ging mir gerade so durch den Kopf.«

»Oh, verstehe«, für Xyr sah Illyuzia aus wie ein rot schuppiger Dragonier, »Nun, du musst verstehen … wie erkläre ich das? In unserer Gesellschaft hatten Namen keine Bedeutung. Es gab keine Geschlechter, keine Rassen, keine Klassen, keine Nationen und keine Familien. Wozu braucht man dann noch Namen? Xyr hat keine Bedeutung, weder für mich noch für alle anderen meiner Art. Es ist eine zufällige Aneinanderreihung von Buchstaben. Jeder unserer Namen wurde zufällig generiert und uns bei unserer … Ähm … Wie nennt ihr das? Ach ja! Geburt! … zugewiesen. Niemand machte sich sonderlich Gedanken darüber. Namen dienten einfach nur der Identifikation.«

»Warum dann nicht einfach Nummern?«, fragte Illyuzia.

»Zahlenreihen sind schwer zu merken und gehen nicht so leicht über die Zunge, keine Ahnung. Darüber habe ich nie nachgedacht. Wahrscheinlich wären Zahlenreihen der nächste Schritt gewesen, wer weiß. Das werden wir nun nie mehr erfahren«, erklärte Xyr.

»Oh. Verstehe.«

»Ich kannte mal jemanden, der hieß Xyrka. Ein netter … Bursche. Ich hatte öfters mit ihm zusammengearbeitet. Ich frag mich, was mit ihm passiert ist … Wie dem auch sei, was ich eigentlich damit sagen wollte, war das Namen wirklich keinerlei Bedeutung hatten. Sie waren einfach bloß Buchstaben, Symbole, Identifikatoren. Manchmal erfüllt es mich mit Trauer, dass unsere Nachfolger zu solch rückständigen, barbarischen Methoden wieder zurückkehrten. Nun gut, dass mit den Rassen, Geschlechtern und Ethnien … daran sind wir ja Schuld. Aber sonst? Nationalismus, Klassen, Geld, Regierungen, Profitsuche, Rassismus und Speziesismus. All das hatten wir doch schon längst überwunden, doch es kam wieder zurück. Wir dachten, ihr würdet das auch überwinden. Wir dachten, ihr werdet den selben Pfad wie wir einschlagen. Da lagen wir wohl falsch … Aber nun gut, ich kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Machen wir das Beste daraus, nicht wahr Freunde?«

Illyuzia versuchte zu lächeln. Es gelang nicht wirklich.

»Seht!«, sprach Nigrum auf einmal, »Die Insel!«

Ich hatte ganz vergessen, dass er auch mit von der Partie ist, dachte Xyr.

Illyuzia konnte die gewaltigen Umrisse der Insel erkennen, doch er/sie bemerkte noch ganz andere Sachen. In der Nähe des Landes vergammelten die rostigen Leichen von Schiffen, große wie kleine. In der Ferne konnte Illyuzia sogar ein Kriegsschiff des DMT-Imperiums erkennen. Wie viele Schiffe fanden am Abgrund des eisigen Meeres ihr Ende? Wie viele waren hier auf dieser verfluchten Insel gestrandet?

Das Boot landete an einen von Moos bewachsenen Steg. Illyuzia, Xyr, Nigrum und die zwei MEKs stiegen aus. Der Nebel schien hier einfach aufzuhören. Sie konnten nun eine Art Hafen erkennen und mehrere alte Ziegelsteinhäuser, wahrscheinlich ehemalige Behausungen für die Arbeiter von DMT. An Land wurden sie von einem Bewohner der Insel begrüßt.

»Verlorene Seelen, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnungen fahren!«

Der Anblick des unerwarteten Besuchers schockierte die Agenten. Es war ein Humanoider, gekleidet in einen schmutzigen, zerrissenen Mantel. Er hatte kein Gesicht, zumindest kein traditionelles. Stattdessen hatte er eine, wie es schien, Filmkamera auf dem Kopf. Doch es war keine gewöhnliche, sie bestand nicht aus Metall, Glas und Plastik. Sie war aus Fleisch und Blut, organisch. Statt des gewöhnlichen Grau hatte sie die Farbe von heller Haut. Blaue und grüne Venen und Adern überzogen die Hülle, sie schienen zu pulsieren. Alle anderen Bestandteile einer Kamera waren auch vorhanden, sie bestanden aus Knorpel, Knochen und Muskeln. Die Linse war ein menschliches Auge, dass die Agenten wissend anschaute. Xyr hatte das Gefühl, als würde dieses Wesen sie durchleuchten und analysieren. Es war, als könnte dieses Auge mehr als nur das Gewöhnliche sehen.

»Ich habe euch bereits erwartet«, sagte das Wesen. Seine Stimme erinnerte Illyuzia an eine Tonbandaufnahme.

»Wer bist du?«, fragte sie.

»Ich? Ich führe die verlorenen Seelen zur Erleuchtung«, seine Stimme knackte.

»Sollen wir diese Anomalie eliminieren?«, fragte einer der MEKs. Er zielte mit seinem Gewehr auf das Ding.

Bevor Illyuzia etwas sagen konnte, schaltete Xyr sich ein.

»Nein. Wartet noch. Er könnte noch nützlich sein.«

»Bist du des Wahnsinns, Xyr? Wir sollten zumindest der Einsatzbasis Bescheid sagen!«, erwiderte Illyuzia fassungslos.

»Natürlich, du hast recht«, antwortete Xyr.

Die Agenten holten ihre Funkgeräte hervor.

»Einsatzbasis, bitte kommen«, begann Xyr, »Hier spricht Agent Xyr. Einsatzbasis, bitte kommen.«

»Einsatzbasis hier, was gibt es?«

»Unser Trupp ist auf eine biologische Anomalie gestoßen. Sie sagt, sie führe verlorene Seelen zur Erleuchtung. Ich vermute, dass es sich dabei um die Entität namens der Lord handelt. Wie sollen wir fortfahren?«

Kurze Zeit Stille.

»Hmm, eigentlich sollen alle Anomalien neutralisiert werden. Stellt die Anomalie eine unmittelbare Gefahr dar? Zeigt sie Anzeichen von Aggressivität?«

»Nein, weder noch«, erwiderte Xyr, »Sie scheint relativ friedlich zu sein. Es kann sich zwar jeden Moment ändern, aber ich vermute, dass sie niemanden angreifen wird. Das scheint nicht ihr Zweck zu sein.«

»Verstehe. Einsatzbasis gibt Team Zwei die Erlaubnis der Anomalie zu folgen. Bei Gefahr sofort eliminieren. Bitte um regelmäßige Statusmeldungen.«

»Alles klar«

»Nun gut«, Xyr schaute den Kameramann an, »führ uns verlorene Seelen zu unserer Erleuchtung

Die biologische Anomalie verneigte sich.

»Folgt mir«, und der Trupp folgte ihn.

»Ich habe ein ungutes Gefühl dabei«, flüsterte Illyuzia.

Der Agententrupp ging an scheinbar unendlichen Reihen von Häusern vorbei, die allesamt gleich aussahen. Keines der Gebäude schien verfallen zu sein, im Gegenteil. Sie waren in einem akzeptablen Zustand, dafür das sie fast zweihundert Jahre alt waren. Auf der Insel wehte kein Lüftchen, alles war still.

»Sag mir, mein Wegführer, wie heißt du?«, fragte Xyr neugierig.

»Xyr … Das kann nicht dein Ernst sein.«

Der Kameramann blieb stehen und starrte Xyr mit seinem einzigen Auge an.

»Ich habe kein Namen mehr. Ich bin keine verlorene Seele mehr. Ich habe mein altes Leben sterben lassen und diene nur noch dem Lord. Der Lord ist alles, ohne ihn bin ich nichts. Er gab mir Sinn. Er half mir meine Angst vor dem endlosen Abgrund zu überwinden«, die Tonbänder der Kamera schienen sich beim Sprechen zu drehen.

Der Kameramann drehte sich wieder um und ging weiter.

Es war nun an der Zeit, dass sich Team Eins auf dem Weg machte. Seth stand vor dem Boot, in dem die zwei MEKs bereits saßen und sagte mit mürrischem Unterton: »Konnte die Organisation sich keine besseren Boote leisten? Was ist das denn für eine Nussschale? Die hält doch keinen Windhauch stand!«

»Nun wein nicht gleich, alter Mann. Oder hast du Angst nass zu werden?«, kommentierte Prig.

»Pass auf, dass ich dich auf dem Weg zur Insel nicht aus versehen ertränke!«, knurrte Oldtimer zurück.

»Jungs! Könnt ihr bitte in das Boot steigen und aufhören zu zicken?«, mischte sich Rookie mit ein.

Seth murmelte irgendwelche Flüche vor sich hin, setzte sich aber schließlich in die Nussschale. Prig tat dies ebenfalls, sein Gesicht war eine Maske der Arroganz. Ob er sich fürchtete? Zum Schluss saß sich Rookie hin und das Boot fuhr los.

Seth bemerkte die erdrückende Stille. Er brauchte sich gar keine Sorge um den Wind zu machen, denn es wehte gar keiner. Er hatte ganz vergessen, wie still es hier eigentlich war. Als wären Geräusche aus diesem Quadranten der Realität einfach verbannt wurden, als hätten sie einfach aufgehört zu existieren. Seth hatte nie so wirklich verstanden, wie die Mechanismen des Barrierebrechens genau funktionierten. Wahrscheinlich wusste das niemand. Wahrscheinlich gab es nicht mal irgendwelche Mechanismen oder Regeln, sondern es war alles nur Zufall … oder Chaos.

Prig starrte ihn an, seine Augen waren von kalten Hass erfüllt. Sein langgezogenes Gesicht zeigte keinerlei Regungen. Wie lange herrschte zwischen den beiden schon böses Blut? Drei Jahre? Vier? Fünf? Seth konnte sich nicht mehr so genau an das Datum erinnern, doch den Grund wusste er. Prig, oder besser Markus Clover, war damals nur ein einfacher Agent ohne irgendwelche Zauberkräfte gewesen. Ein Hitzkopf mit einer leicht narzisstischen Seite, doch eigentlich ein guter Kerl. Und das wäre auch so geblieben, hätte er an jenen Tag nicht seine Kompetenzen überschritten. Der Vorfall veränderte Prig und er gab Seth die Schuld dafür. Doch was konnte er dafür? Er hatte ihn schließlich gewarnt! Er … seine Gedanken wurden durch das plötzliche Schwanken des Bootes und ein lautes Aufprallgeräusch unterbrochen. Irgendetwas griff das Boot an!

Rookie, Prig, die MEKs und Seth schauten ins Wasser, hielten Ausschau nach dem unsichtbaren Angreifer.

»Bereitmachen!«, sagte einer der Soldaten.

Eine mit Algen und Seepocken überwucherte Hand klammerte sich an den Rand des Bootes. Kurze Zeit später war auch der Besitzer der Klaue zu sehen, er versuchte in das Gefährt reinzukommen. Es schien ein Verwandelter, ein Ertrunkener zu sein. Er trug ein zerfetztes Matrosenhemd, was wahrscheinlich irgendwann mal weiß war. Seine Augen waren leere, schwarze Höhlen. Nase und Unterkiefer fehlten vollständig. Muscheln wuchsen auf seiner Stirn, seine Haare hatten die Farbe von dunkelgrünen Seegras. Der linke Arm glich mehr dem Tentakel eines Tintenfisches, er zuckte wild umher, versuchte Halt zu finden. Der Ertrunkene gab keine Worte von sich, nur gurgelnde Geräusche.

Seth schlug ihn eine brennende Faust ins Gesicht, das Ding keuchte und fiel zurück ins Wasser. Die beiden MEKs feuerten hinterher, hofften das ihre Kugeln das Monster treffen.

Eine Zeitlang schien Ruhe zu sein.

»Was für eine Scheiße«, fluchte Seth.

»Was war das denn?«, fragte Rookie.

»Irgend so ein verdammtes Voidviech. Das muss einer der vielen Matrosen und Seemänner gewesen sein, die hier ihr nasses Grab gefunden haben«, entgegnete ihr Partner.

»Wir sollten uns lieber beeilen«, flüsterte Prig.

»Warum denn?«

Er zeigte auf das neblige Meer. Hunderte, wenn nicht gar tausende von Schattenköpfen stiegen aus dem Wasser und blickten gierig nach den Insassen des Bootes.

»Wir befinden uns auf einem verfluchten Friedhof!«, rief Seth.

Einer der MEKs schaltete beim Motor ein paar Gänge höher und das Boot schoss davon. Seth und Rookie wurden zu Boden geschleudert, Prig suchte ebenfalls nach Halt. Die Nussschale flog quasi über das Wasser. Die Verwandelten schwammen hinterher. Rookie hielt es nicht für möglich, dass sie in der Lage waren mit dem Boot Schritt zu halten. Der Kahn rammte fast in den Steg hinein, nur dank der schnellen Reaktion des MEKs konnte ein harter Aufprall vermieden werden. Die Crew stieg sofort an Land. Rookie drehte sich noch einmal um und sah die lebenden Leichen im Wasser schwimmen. Ihre leeren, beinahe seelenlosen Augen starrten ihr hinterher. Sie folgten den Agenten nicht weiter, sondern blieben in ihrem feuchten Element. Rookie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Dinger irgendwann mal normale Humanoide gewesen waren. Sie hoffte auch, dass die anderen Teams es sicher zur Insel schafften. Wenn sie es richtig verstanden hatte, starteten die Teams nacheinander und griffen verschiedene Punkte der Insel an. Team Zwei konnte schon erhebliche Fortschritte machen und belieferte die anderen Gruppen mit Informationen.

»Warum verfolgen die uns nicht weiter?«, fragte Prig.

»Wer weiß das schon. Vielleicht wollten die uns nur ein wenig Angst einjagen. Kleiner Willkommensgruß«, vermutete Seth.

Die Ertrunkenen blieben noch eine Zeit lang und verschwanden danach wieder in die endlosen Tiefen.

»Hat jeder sein Funkgerät?«, fragte der graue Agent.

Alle nickten und holten sie hervor. Es waren klassische, völlig normale Funkgeräte, die auch beim Militär zum Einsatz kamen. Nichts anomales oder sonstiges. Nicht alles von der AOO stammte aus anderen Welten. Manchmal verließ man sich auch auf das Alltägliche.

»Wie ist der Plan, Oldtimer?«

»Wir werden …«

»Wer hat dich eigentlich zum Anführer gemacht, alter Mann?«

»Prig, würdest du bitte einfach die Fresse halten? Danke. Der Plan ist eigentlich voll simpel. Wir begeben uns zum Zentrum der Insel. Dort sollte sich der Lord aufhalten.«

»Woher weißt du das?«, fragte Rookie.

»Ich hab‘s in meinen Morgenurin geschmeckt.«

Rookie streckte angewidert die Zunge raus und verzog das Gesicht. Das sorgte nicht nur bei Seth für Lachen, sondern auch bei den beiden MEKs. Auch Prig ließ sich hinreißen.

Seth knackte mit den Knöcheln: »Und alles was uns in dem Weg kommt, wird niedergeschossen. Richtig, Jungs?«, die Soldaten nickten.

»Jawohl!«

Seth schaute sich um. Die alten Ziegelsteinhäuser standen Reihe um Reihe, er konnte gar nicht erkennen, wie viele es eigentlich waren und wie weit sie reichten. Seine Augen spielten in Streiche, unmöglich dass die Häuser bis zum Horizont reichten. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, wie viele Häuser es damals eigentlich waren. Sahen sie schon früher alle identisch aus? Sie hatten sich auch kaum verändert. Es waren immer noch die gleichen Häuser, die gleichen billigen Unterkünfte für Arbeiter und deren Familien. Sie waren die gleichen, unverändert und ewig.

Kein Wunder, Zeit floss hier nicht normal. Wenn sie den überhaupt floss. Alles schien sich irgendwie im Stillstand zu befinden, als hätte jemand eine Käseglocke über die Insel gestülpt, um sie so für immer zu konservieren. Andererseits floss hier Zeit. Nur nicht immer in die selbe Richtung oder mit der selben Geschwindigkeit. Stunden können sich anfühlen wie Jahre und vice versa. Seth hat nie verstanden, wie das funktionierte, welche Regeln hier herrschten. Aber wie schon gesagt, vielleicht gab es hier einfach keine Regeln.

Der Trupp machte sich auf dem Weg. Rookie beschlich ein ungutes Gefühl, so als würde man sie ohne Unterbrechung beobachten. Sie schaute in den Himmel, es war ein Kaleidoskop von Farben. Wäre die Insel nicht für ihre Grausamkeit bekannt, hätte es ein schöner Anblick sein können. Sie sah auch ein graues, felsartiges Objekt, das am Himmel schwebte und es war definitiv nicht der Mond. Rookie fragte sich auch, wie viele Häuser sich auf der Insel befanden, sie sah gar kein Ende darin. Vielleicht wusste Seth es ja. Er schien mehr zu wissen, als er freiwillig preisgeben wollte. Er hatte Geheimnisse vor ihr und nicht wenige. Sie kannte ihn seit ungefähr drei Jahren, wobei kennen es nicht richtig ausdrückte. Kannte sie Seth wirklich? Oder kannte sie nur das Bild, was er ihr präsentierte? Sie wusste, wenn sie ehrlich mit sich war, eigentlich nicht viel über ihren Partner, über Oldtimer. Sie hatte keine Ahnung, wie alt er wirklich war. Man soll sie nicht falsch verstehen. Sie wusste, dass Seth ziemlich alt war, doch sie könnte niemanden eine genaue Zahl nennen. Er sah aus wie Mitte Fünfzig, doch war er es wirklich? Wann hatte er Geburtstag? Hatte er Familie? Er hatte nie etwas davon erwähnt. Sie sprachen sehr selten über etwas Privates, obwohl sie doch eigentlich Freunde waren. Aber hatte Seth auch andere Freunde außerhalb von ihr? Schwer zu sagen.

Sie wusste, dass er sehr gerne rauchte und zwar in unglaublichen Mengen. Doch das war jedem bekannt. Sie begutachtete ihren Partner. Seine abgetragene Kleidung, der unordentliche Bart, die zerzausten Haare. Er holte sich gerade eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie mit seiner Hand an. Er hätte auch der Onkel von jemanden sein können. Die Art von Onkel, die einem heimlich Süßigkeiten essen lässt, auf Motorrädern fuhr und gerne vor sich hin grummelte. Seth verkörperte genau dieses Bild. Doch steckte eigentlich noch mehr dahinter? Welche dunklen Geheimnisse verbargen sich in diesen tiefen See? Rookie ahnte nicht, dass eine junge Dame namens Augustina sich einst die selben Fragen stellte. Und zu keiner befriedigenden Lösung kam …

Prig war auf der Hut, seine Nackenhaare hatten sich aufgestellt. Er spürte, dass etwas in der Luft lag. Und zwar nicht nur der Geruch von Tod und Fäulnis. Seine Muskeln spannten sich an. Seine Finger verkrampften sich zu Fäusten, seine Augen huschten von Ecke zu Ecke. Adrenalin rauschte durch seine Adern.

Mach dich bereit. Wir bekommen Gesellschaft, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.

Keine zwei Sekunden später krachte ein Schatten auf einem der MEKs. Prig hörte ein übles Geräusch, das Zerbersten der Wirbelsäule. Der Soldat schrie nicht mal, er gab nur ein dumpfes Geräusch von sich. Als hätte man ihn die Luft aus der Lunge gequetscht. Blut spritze aus dem Körper, Tropfen davon landeten auf Prigs Anzug und Gesicht. Auch die anderen bekamen etwas ab. Erst langsam realisierten sie überhaupt, was im Moment eigentlich vor sich ging. Der Schatten kniete in der zerplatzten Leiche des MEKs, er erhob sich. Bevor Prig ihn genauer analysieren konnte, stürmte er mit unmenschlicher Geschwindigkeit auf ihn zu und schlug mit irgendetwas Scharfen nach ihm. Der Agent konnte gerade so noch ausweichen.

Die anderen Drei erwachten langsam aus ihrer Starre. Der übriggebliebene MEK zielte mit seinem Sturmgewehr auf den umher flitzenden Schatten und schoss. Doch der Angreifer war flink, blitzschnell war er den Kugeln ausgewichen und hatte im Bruchteil eines Wimpernschlages die Entfernung zwischen ihn und den MEK überbrückt. Mit der gleichen Geschwindigkeit zerschnitt er das Gewehr des überrumpelten Soldaten. Das Ding hätte ihn ebenfalls in kleine Stücke zerhackt, wäre Seth nicht rechtzeitig eingesprungen. Der Alte machte einen Radschlag und sprang mit beiden Beinen in den Rücken der Kreatur, wodurch sie einige Meter weggeschleudert wurde.

»Wer spielt, muss zahlen, du Bastard«, grummelte er zornig.

Nun konnte Prig endlich einen genauen Blick auf den mysteriösen und pfeilschnellen Angreifer werfen. Er war eine abscheuliche Chimäre. Das Ding hatte den Körper eines erwachsenen Mannes und das Gesicht einer blutrünstigen Fledermaus. Riesige schwarze Augen und lange Ohren zierten das Gesicht. Spitze Reißzähne ragten aus dem sabbernden Maul heraus. Das Monster trug einen völlig veralteten braunen Waffenrock und dreckige lederne Stiefel. Die rechte Hand fehlte, stattdessen steckte im Stumpf eine gewaltige Sichel. Der Angreifer rappelte sich wieder auf, Zorn und Hass brannten in seinen Augen. Noch nie hatte jemand gewagt ihn so anzugreifen.

»Advocatus, ich brauche deine Unterstützung«, flüsterte Prig und schlug die Handflächen zusammen.

Auf dem Boden öffnete sich ein schwarzes Loch und raus gekrochen kam der ewige Partner des jungen Agenten. Er trug einen eleganten schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine ebenfalls schwarze Krawatte. Sein Gesicht ähnelte dem eines Totenschädels, ein Unterkiefer fehlte. Auf seinem Kopf trug er zwei Ziegenhörner. Seine Arme waren lang, Beine hatte er keine. Er schwebte einfach lautlos in der Luft.

Ihr habt mich gerufen, Master?

Seth, Rookie und der MEK machten sich ebenfalls bereit.

»Advocatus, wir haben haarige Gesellschaft. Ich denke, unser Besucher benötigt eine ordentliche Abreibung«, Prig glühte förmlich.

Wie ihr wünscht, Master.

Das Fledermausmonster schaute gierig in die Menge, eine schleimige Zunge hing aus dem zähnestarrenden Maul. Seine schwarzen Augen fixierten sich auf eine besondere Person. Es lächelte.

»Lang, lang ist es her«, schmatzte es, »doch du bist wieder zurückgekehrt.«

Es leckte seine Zähne ab, Speichel floss aus seinem Maul.

»Seth …«, raunte das Monster, »oh … wie lange habe ich auf diesem Moment gewartet.«

»Seth, wovon spricht er?«, fragte Rookie besorgt.

»Erklär ich dir später!«

»Es wird mir eine Freude sein deine Eingeweide rauszureißen und sie dem Lord zu präsentieren!«

Das Monster sprang mit einem gewaltigen Satz auf Seth zu, doch bevor es einen vernichtenden Schlag ausführen konnte, mischte sich Advocatus ein und parierte den Hieb mit seinem Arm.

Die Bestie knurrte und fauchte.

Erbärmliche Kreatur, entgegnete Advocatus in einem zivilisierten Ton. Prig kontrollierte seinen Begleiter wie ein Puppenspieler. Es war, als würde er an unsichtbaren Fäden ziehen.

Solange die Fledermaus abgelenkt war, nutzte Rookie die Chance und schlug mit ihren Krallen zu. Sie zerfetzte die Kleidung und hinterließ tiefe Kratzwunden auf dem Rücken des Monsters. Es schrie auf.

»Nimm das, du Flugratte!«, rief Rookie.

Jetzt war es erst recht wütend. Es ließ von Advocatus ab und fokussierte sich auf die Katzendame. Diese trat mit ihrem Absatz gegen die Kinnlade des Monsters. Der Helfer von Prig schnappte sich die Arme der Kreatur und hielt sie fest. Seth entflammte seine Fäuste und schlug gegen ihren Bauch. Grimmig starrte sie auf ihren Peiniger herab.

»Seth!«, knurrte sie.

Sie versuchte sich zu befreien, schlug mit ihrer Sichelhand gegen den Arm von Advocatus, durchtrennte ihn. Sofort griff sie wieder den alten Agenten an, diesmal noch furioser als bevor. Seth konnte mit Mühe und Not den schnellen Hieben ausweichen, doch langsam kam er ins Schwitzen. Rookie eilte ihn zur Hilfe, doch das Monster packte sie am Hals und warf sie mit voller Wucht gegen den anderen MEK, wodurch beide mit einem Stöhnen zu Boden fielen. Währenddessen hackte der Schlitzer weiter auf Seth ein. Jetzt kam Advocatus zur Hilfe und schlug auf den Kopf der Kreatur. Für einen kurzen Moment verlegte sie seine Aufmerksamkeit auf den neuen Angreifer und begann ihn mit der Sichel anzugreifen.

Die Hiebe fügten Advocatus schwere Wunden zu, Prig musste sich immer mehr konzentrieren, Schweiß floss seiner Stirn hinunter. Seine Hände und Knie zitterten stark. Er konnte die Verbindung kaum noch aufrechterhalten. Der Angreifer begriff das und stürmte nun auf Prig zu. Seth und Advocatus sahen das, beide beeilten sich um den jungen Agenten zu schützen. Der Knochenmann warf sich vor seinen Schützling, wehrte so den tödlichen Angriff der Chimäre ab. Der Hieb zerschnitt Advocatus in zwei Hälften. Sein Körper zerfiel, kurz bevor er auf den Boden auftraf, zu Asche. Prig erwachte wie aus einer Trance. Er sah, wie die Kreatur die temporären Überreste seines Begleiters betrachtete. Bevor sie auch ihn töten konnte, wurde die Gruppe von einem lauten Geräusch abgelenkt. Etwas Großes hatte sich aus dem Wasser erhoben und begab sich Richtung Land. Rookie, Seth, Prig, der MEK und der Jäger schauten in die Richtung der Quelle.

Rookie weitete ihre grünen Katzenaugen vor Entsetzen. Es war gigantisch, vielleicht die Größe eines mehrstöckigen Hauses. Es stampfte mit lauten Geräuschen auf sie zu. Eines seiner Beine landete mit einem Krachen zwischen den beiden Gruppen. Es hatte die Dicke eines alten Baumes, schwarze Adern zeichneten sich auf der weißen Haut ab.

Rookie schaute nach oben. Das Wesen hatte Ähnlichkeit mit einem gigantischen Tumor. Die gesamte Oberfläche des Körpers war von Augen jeglicher Art bedeckt. Große wie kleine. In allen möglichen Farben erstrahlten die Iriden. An einigen Stellen befand sich statt ein Auge, ein Mund auf dem Körper, der auf- und zuklappte, so als würde er versuchen zu atmen. An der Vorderseite sah Rookie ein einzelnes, riesiges Auge, wahrscheinlich das Hauptsehorgan. Getragen wurde der massige Körper von unzähligen, stämmigen tentakelartigen Beinen. Direkt unter dem Bauch befanden sich kleinere Greiftentakel, wahrscheinlich um die Kreatur zu füttern … das heißt, wenn Immaterielle überhaupt Nahrung zu sich nahmen.

Das Monster erblickte mit seinem Zyklopenauge die Gruppe und schlug mit einem seiner Tentakelbeine auf die Gruppe ein. Seth, Prig und die Fledermaus sprangen zur Seite, für einen Moment hatten sie ihren Kampf auf Leben und Tod vergessen. Das nächste Bein versuchte auf Rookie einzustampfen, sie wich ihn geschickt aus, woraufhin ein weiterer Schwinger ein Haus zertrümmerte. Der Angreifer schätzte die Situation ab und entschied sich, sich vorerst aus dem Staub zu machen. Er war sich sicher, dass seine Beute ihn nicht entwischen wird.

Die riesige Kreatur stampfte weiter, zerstörte Häuser links und rechts. Die Agenten hatten Schwierigkeiten den immer stärker werdenden Angriffen auszuweichen. Seth musste nachdenken und handeln, wenn er nicht zerquetscht und wahrscheinlich gefressen werden will. Er sah zu seiner Partnerin.

»Rookie! Lauf! Wir teilen uns auf!«

»Bist du des Wahnsinns? Wie sollen …«

»Vertrau mir einfach!«

Ihre Augen trafen sich, sie sah den Ernst in seinen Blick und nickte.

»Ich hoffe, du weißt, was du da tust, Oldtimer«, flüsterte sie zu sich selbst. Sie schnappte sich den MEK und begann zu rennen. Das Monster sah und machte Anstalten ihr zu folgen. Doch genau in diesem Moment packte Seth den völlig erschöpften Prig und flitzte in die entgegengesetzte Richtung. Der Riese schien zu überlegen und entschied sich der Männergruppe zu folgen. Die beiden liefen zwischen den Häusern entlang. Das Monster zertrümmerte beim Gehen einfach ein Haus nach dem anderen mit seinen unzähligen Beinen.

»Prig«, keuchte Seth, »wir können nicht ewig weiterlaufen. Dieses Voidviech kommt nicht so leicht ins Schwitzen. Wir müssen uns in eines der Häuser verstecken!«

»Spinnst du? Das Teil wird es einfach zertrümmern! Und dann liegen wir begraben unter Schutt auf einer verkackten Insel mit Ungeheuern!«

»Markus! Du musst mir für einen kurzen Moment einfach vertrauen!«

Er schnappte sich Prig und rannte mit ihm in eines der Häuser. Natürlich wusste Seth, dass nahezu jedes Haus eine Luke hatte, die zu einem Vorratskeller führte. Er schaute sich schnell um, riss einen staubigen Teppich weg und öffnete die Bodentür.

»Rein, rein, rein!«, brüllte er Prig an.

Der sprang hinein, Seth folgte ihn. Es war dunkel im Keller, alles fühlte sich ein wenig feucht an. Sie hörten das Stampfen der Bestie, erst näher und näher, doch dann … entfernte es sich langsam wieder. Es war vorbeimarschiert. Seth atmete erleichtert aus und zündete sich erst mal eine Zigarette an. Das Glimmen erhellte den Raum ein wenig. Auch Prig beruhigte sich und schien auch wieder zu Kräften zu kommen. Nach einiger Zeit der Stille, Seth war schon bei der dritten Zigarette, sagte er: »Sag mal, alter M… Seth«, das Wort kam ihn nur schwer über die Lippen, »dieser Fledermausmann … er schien dich zu kennen. Er sagte deinen Namen. Ziemlich hasserfüllt sogar. Woher …«

»Heyden«, der alte Agent blies den Rauch aus seinen Mund.

»Wie?«

»Heyden. Sein Name lautet Heyden. Er ist … Er war ein Kopfgeldjäger. Ein sehr talentierter sogar. Sie nannten ihn die Sichel

»Wegen der Sichel?«

»Wegen der Sichel«, nickte Seth.

»Woher kennst du ihn? Woher kennt er dich?«

»Markus, ich wandere schon lange auf dieser gottverfluchten Staubkugel umher. Früher oder später macht man sich den einen oder anderen zum Feind.«

»Verstehe … Seth?«

»Ja?«

»Da…«, Prig kämpfte mit sich selbst, er hatte Schwierigkeiten, »Danke«, presste er hinaus.

»Danke, dass … dass du meinen Arsch gerettet hast. Danke, ich mein das Ernst.«

»Huh, wäre es nicht so dunkel, würdest du erkennen, dass ich vor Scham gleich ganz rot werde. Keine Ursache, Markus. Du bist zwar ein arroganter Arsch, aber du hast Mumm, das muss ich dir lassen.«

»Und du hast trotz deines Rheumas ziemlich was auf den Kasten, alter Mann.«

Seth lachte.

»Dafür kriegst du nachher eins auf die Rübe, klar?«

»Klar«, Prig lächelte.

Wir verlassen nun die beiden und widmen unsere Aufmerksamkeit wieder dem Erkundungsteam. Was die wohl in der Zwischenzeit getrieben haben? Die Fünf folgten noch immer ihren mysteriösen Begleiter, ab und zu gaben sie Statusmeldungen durch. Im Gegensatz zu Rookie, Seth und Prig wurden sie nicht von unvorstellbaren Schrecken aus anderen Dimensionen angegriffen. Nach einiger Zeit, für Illyuzia waren es gefühlte Jahre, schienen sie endlich an ihren Ziel angekommen zu sein. Ihr Begleiter stoppte vor einem Gebäude, was man nur als Villa beschreiben konnte. Er drehte sich zu ihnen um und fixierte sie mit seinem Kameraauge.

»Wir sind da«, knisterte seine Stimme.

»Was werden wir dort vorfinden?«, fragte Xyr.

»Dagon … und dann eventuell den Lord.«

Sie schauten sich gegenseitig an und nickten.

»Folgst du uns nicht hinein?«, fragte Illyuzia.

»Ich führe andere nur zu ihrem Glück. Ein zweites Mal bleibt mir verwehrt«, und mit diesen Worten drehte er sich wieder um und verschwand Richtung Ufer.

Die Gruppe schaute wieder Richtung der Villa. Es war ein imposantes Herrenhaus, wahrlich imperial. Solche Behausungen wurden in der modernen Zeit einfach nicht mehr so häufig gebaut. Es hatte einfach Stil, es erinnerte an die Häuser der alten Aristokraten und des Großbürgertums, das sich gerne adlig gab. Die großen Eingangstüren schienen aus exotischen Kiefernholz zu sein, wahrscheinlich stammte es aus den fernen Seboria. Auf beiden Türen war die Abkürzung DMT schwungvoll eingraviert. Xyr schwang sie auf und die Gruppe ging hinein. Sie betraten einen altmodischen Eingangssaal, der von einem goldenen Kronleuchter erhellt wurde. Als die Fünf hineingingen, schwangen die Türen von Geisteshand wieder zu.

»Ob das so eine gute Idee war?«, fragte Illyuzia.

Xyr betrachtete den Raum, er war fasziniert von der menschlichen Architektur. Sie unterschied sich ganz von dem, was er aus seiner alten Heimat kannte. Die Bauweise seines Volkes war weitaus sauberer, geradezu klinisch rein und geometrischer. Kein Vergleich zu den Menschen, den Orks oder den Skeletten. Deren Architektur war gespeist mit Details, mit Fehlern, mit Emotionen. Kurz gesagt, sie hatte eine Seele. Sie war nicht ausschließlich auf Pragmatismus und Schlichtheit beschränkt, sondern konnte auch einfach nur schön sein. Und dieser Raum war einfach schön, wenn man mal von der bedrohlichen Atmosphäre absah. Der Kronleuchter, der Teppich, die beiden Treppen, die geschwungen zur nächsten Etage führten. An den Wänden links und rechts hingen atemberaubende Gemälde.

Eine weitere Sache, die in seinem Volk fehlte: ein Sinn für Kunst. Diese hatte nämlich keinen Platz in der alten Gesellschaft. Alles wurde nur durch die Linse der Rationalität betrachtet. Alles war der Wissenschaft untergeordnet. Kunst war dazu da analysiert zu werden. Nichts durfte einfach nur ästhetisch sein.

Xyr betrachtete eines der Gemälde genauer, es zeigte einen Mann in seinen Dreißigern. Er trug eine runde Brille und einen blauen Anzug. Die Haare waren glatt und lang, sie hatten eine kastanienbraune Farbe. Die Nase des Mannes war schmal, genauso wie sein Gesicht. Der Mund war klein und kaum zu erkennen. Seine Hände waren ähnlich, sie sahen geschmeidig aus. Es waren definitiv nicht die Hände eines Handwerkers. An einen der Finger trug er einen silbernen Ring, der ein Siegel mit der Inschrift DMT trug. Xyr blickte in die Augen des Mannes und könnte schwören, dass in ihnen etwas Wildes war. Eine Spur von Wahnsinn.

Illyuzia stieß Xyr in die Seite, riss ihn so aus seinem Gedankenfluss. Er drehte sich um und fragte: »Ja? Hast du was entdeckt?«

Sie deutete auf die Wand zwischen den beiden Treppen. Irgendetwas schien über der Tür zu hängen, doch Xyr konnte nicht wirklich erkennen, was es war.

»Schaltet bitte eure Taschenlampen ein, Jungs. Irgendwas ist da und ich würde mich wesentlich besser fühlen, wenn ich wüsste, was es ist«, sagte er.

Die MEKs machten ihre Lampen an, sofort war der Raum heller. Xyr bereute es sofort, seinen Befehl laut ausgesprochen zu haben. Er hörte, wie Illyuzia Würgegeräusche von sich gab. Er konnte es ihr nicht verübeln. Wäre er dazu in der Lage gewesen, hätte er sich auch übergeben. Selbst die MEKs waren angewidert, nur Nigrums Gesicht behielt einen neutralen Ausdruck.

Über der Tür hing der Kadaver eines AOO-Agenten. Seine Hände hatte jemand mit großen Nägeln an die Wand gehämmert. Es sah fast so aus, als wäre er gekreuzigt worden. Blut floss langsam aus beiden Wunden gen Boden. Das Team ging näher heran. Das Licht der Taschenlampen gaben der hängenden Gestalt schattenhafte Züge.

»Was … Was hat er da … am Hals?«, fragte Illyuzia sichtlich geekelt.

Xyr schaute sich die Leiche genauer an. Irgendjemand oder auch irgendetwas hatte das Funkgerät des Agenten in seinen Kehlkopf gerammt und zwar so das es feststeckte. Das ehemals weiße Hemd war in roten Blut getränkt. Der Mund hing schlaff, die Augen waren in Entsetzen erstarrt. Es deutet alles daraufhin, dass der Agent noch am Leben war, als man ihn das antat.

»Wisst ihr, wer das war?«, fragte einer der MEKs vorsichtig.

»Ich … bin mir nicht sicher«, antwortete Illyuzia, »Das Gesicht kommt mir bekannt vor … aber ich kann es nirgendwo einordnen.«

»Alex«, sagte Nigrum überraschend.

»Wie?«, Xyr war ganz verwirrt.

»Es ist der Agent Alex. Keine Zweifel«, antwortete der glatzköpfige Agent im monotonen Ton.

»Dann müsste ja … dein Bruder Alba in der Nähe sein. Beziehungsweise sein Team«, bemerkte Illyuzia.

Nigrum nickte.

»Ganz sicher. Aber ich habe Schwierigkeiten meinen Bruder zu spüren. Irgendetwas stört unsere Verbindung. Wenn er angegriffen wurde, hätte ich das spüren müssen«, fuhr er fort.

»Jetzt mal langsam …«

Doch bevor Illyuzia seinen Partner weiter befragen konnte, wurde sie von einem Geräusch unterbrochen. Es hörte sich wie Rauschen an, wie das Rauschen eines … Funkgerätes. Die Gruppe schaute auf die Kehle des massakrierten Agenten. Sie schien leicht zu vibrieren.

»Was bei allen …«, begann Xyr.

Das Funkgerät knisterte und rauschte. Eine Stimme, sie klang wie die von Alex … nur verzerrter, drang aus dem Kommunikationsgerät.

»Sollen wir wirklich da reingehen? Meinst du, dass ist so eine gute Idee? Nicht, dass wir da auch noch überfallen werden! Gott … Hast du das Ding gesehen? Es … Oh Gott … es hat Christoph einfach in zwei Hälften gerissen! Was war das überhaupt? Es sah aus wie eine … wie eine weiße Kakerlake. Was wohl mit Aiko geschehen ist? Glaubst du, er konnte sich in Sicherheit bringen? Ich hätte nie bei dieser Mission zusagen sollen! Warum bin ich bloß hier? Was? Nein, Frieda … das ist einfach nur Wahnsinn! Wir müssen zurück! Das ist eine Nummer zu groß für uns! Frieda! Wir müssen …«

Die falsche Stimme knackte.

»Es hat alles keinen Sinn. Oh Gott. Ich … Ich kann nicht mehr … Es hat keinen Sinn mehr zu kämpfen. Es ist bereits da, es ist in meinem Kopf. Warum? Warum gerade ich? Hoffentlich ist das Ding weg, es hat Frieda …«

Es knisterte und rauschte.

»Diese Insel … Die Insel … Sie, sie weiß alles. Sie erforscht mich. Sie dringt in meine innersten Welten ein. Nein, nicht die Insel. Er. Er ist die Insel. Alles fließt zu ihm, er ist das Zentrum. Es ist seine Welt, sein Paradies, seine Hölle. Paradies und Parasit. Wir sind nur Schachfiguren in seinem Spiel. Wir sind nur Puppen für diese kosmische Gestalt. Was war das? Oh scheiße, scheiße, scheiße …«

Statik. Rauschen.

»Der Wind rauscht mit ihren Stimmen, und die Erde grollt durch ihren Geist. Diese rauschende Leere, fühlt sich so der Tod an? Bleibt am Ende nichts als Statik übrig? Nichts als Hintergrundrauschen? Verfallen wir alle am Ende zu Partikeln? Zu kleinsten Teilchen? Oder werden wir auch zu diesen … Abscheulichkeiten? Werden wir Teil der unendlichen Fleischtürme? Wird unsere Seele zerrissen? Wird unsere Identität ausgelöscht? Was geschieht mit dem Rest. Ich möchte nicht sterben. Der Tod bedeutet hier nichts. Er ist inhaltslos, er hat hier keine Macht. Wir leben ewig hier. Wir sind Teil des großen Ganzen. Wir sind teil von etwas Neuem.«

Auf einmal fixierten die Augen des ehemals toten Agenten die Gruppe, diese wichen erschrocken zurück.

»Grundgütiger! Er lebt noch!«, schrie Xyr.

»Seine Hand ist an eurer Kehle, doch seht ihr sie nicht. Wir halten die Schlüssel, doch wir sehen das Schloss nicht. Der Lord war, ist und wird die Antwort sein. Ergebt euch euren Schicksal und werdet Diener in seiner Gefolgschaft«, die verzerrte Stimme des Agenten wurde mit jedem Wort langsamer.

Alex, oder das Ding was den Körper von Alex trug, riss sich von den Nägeln und knallte auf den Boden.

»Sollten wir …«, begann Illyuzia, doch ihre Frage wurde von Störgeräuschen unterbrochen. Sie klangen wie verzerrte Schreie aus einem Radio. Der Körper von Alex begann zu vibrieren. Auf einmal kamen Drähte und Kabel aus seiner Haut geschossen, die wild in der Luft zuckten. Der ehemals tote Agent erhob sich. Es sah fast so aus, als wäre er eine Puppe, die von unsichtbaren Fäden kontrolliert wurde. Die Drähte und Kabel wickelten sich um seine Beine, Arme, um seinen Bauch und Hals. Sein Körper wurde auseinandergerissen, Gedärme quollen aus den offenen Wunden hervor. Metallartige Knochen wuchsen aus seinen beiden Armstümpfen, formten sich zu scharfen Schwertern. Die Kabel zuckten weiter, wedelten in der Luft. Sein gesamter Körper war von diesen Metallschnüren durchdrungen.

Er starrte seine ehemaligen Kollegen an. Mit stark verzerrter Stimme, die noch immer aus dem Funkgerät kam, fragte er: »Habt ihr eigentlich eine Ahnung davon, wie lange die Ewigkeit dauert?«

Ein paar seiner Drahttentakel zischten vor und wickelten sich um die Hälse der beiden MEKs. Alex strangulierte sie, Illyuzia hörte ihr Todesröcheln.

Kabel fuhren in das Fleisch der Soldaten hinein, Alex zog sie zu sich und kontrollierte sie nun wie Marionetten.

»Wir alle hängen an Fäden. Die Schlinge hat sich zugezogen und nun hängen wir«, sagte er.

Xyr, Illyuzia und Nigrum zogen ihre Pistolen. Alex ließ vorerst seine Puppen kämpfen. Sie zielten mit ihren Sturmgewehren auf die Agenten und schossen. Schnelle, laute Knallgeräusche ertönten. Da wo die Kugeln einschlugen, zersplitterte das Holz. Xyr konnte gerade so noch ausweichen, Nigrum hingegen wurde am Bein getroffen. Er verzog nicht einmal eine Miene. Der Glatzkopf schoss mit seiner Pistole und traf den Kopf von einem der kontrollierten MEKs. Die Typ-O-Munition sprengte Teile seines Schädels einfach weg, doch er schien ziemlich unbeeindruckt davon zu sein.

»Nicht die Soldaten! Alex! Wir müssen auf Alex schießen!«, rief Xyr. Nigrum nickte.

Er versuchte es erneut, er schoss und traf die linke Schulter des Verwandelten. Die Kugeln fraßen sich regelrecht hinein, Alex gab einen verzerrten Schmerzensschrei von sich, sofort zogen sich die Kabel aus dem einen MEK, der daraufhin leblos zu Boden sackte. Während das Ding auf Nigrum fixiert war, schlich sich Xyr von der Seite an und entwaffnete den anderen Soldaten. Alex bekam das mit und schleuderte wutentbrannt die für ihn nun nutzlose Leiche gegen Xyr. Dieser knallte zusammen mit dem Toten gegen eine Wand. Der Ex-Agent konzentrierte sich nun wieder auf Nigrum. Er rannte zu ihn hin und versuchte ihn mit seinem Metallschwertern in kleine Stücke zu hacken. Der anscheinend gut trainierte Agent wich mit ein paar akrobatischen Rückwärtssprüngen aus und schoss mit seiner Pistole. Alex nutzte seine Kabel als Peitsche und wehrte die Kugeln ab. Das … sorgte tatsächlich für einen überraschten Gesichtsausdruck bei Nigrum.

Alex leichenhaftes Gesicht zwang sich ein diabolisches Lächeln ab, aus dem Funkgerät drang Gelächter. Mit langsamen Schritt marschierte er auf sein verblüfftes Opfer zu. Er war sich sicher, dass er nun gewonnen hatte. Wer sollte ihn jetzt noch aufhalten? Er hob seinen Arm, um den finalen Schlag auszuführen., als plötzlich Alba aus dem Nichts erschien und Alex‘ Kopf einen Fußtritt aus der Luft verpasste. Der Verwandelter fiel zu Boden, damit hatte er nun nicht gerechnet.

Xyr betrachtete das Geschehen und kam damit nicht wirklich zurecht. Er sah die beiden Zwillinge, doch es war als würde man zwei Personen und eine einzelne Person gleichzeitig sehen. Sehr verwirrend, das sorgte bei ihn für Kopfschmerzen.

Er befreite sich von der Leiche und schaute zu Illyuzia hinüber, ihre Blicke trafen sich. Xyr deutete mit dem Finger nach oben, zum Kronleuchter. Sein Partner verstand. Währenddessen richtete sich Alex wieder auf und schleuderte mit seinen wirbelnden Drähten die Zwillinge gegen die Wand. Illyuzia rannte zu einer der MEK-Leichen und schnappte sich das Sturmgewehr. Alex drehte sich um und marschierte auf Illyuzia zu. Dieser/Diese zielte mit der Waffe nach oben und schoss. Mit einem Mal knallte es laut, der Kronleuchter war auf dem Verwandelten gekracht.

»Ist es vorbei?«, fragte Xyr.

Nigrum und Alba rappelten sich wieder auf und humpelten zum zersplitterten Kronleuchter hin. Alex bewegte sich nicht mehr, aus dem Funkgerät drangen keine Geräusche, alles war totenstill. Der Raum selbst schien die Luft anzuhalten. Die Zwillinge gingen um das Desaster herum und schlossen sich den beiden anderen Agenten an, die das Paar mit verwirrten Blick betrachteten. Die Gruppe wollte sich gerade auf den Weg machen, als sie plötzlich ein Knistern hinter sich vernahmen. Erschrocken drehten sie sich um, doch sie konnten nicht mehr schnell genug reagieren. Alex erhob sich wieder, schleuderte die Überreste des Kronleuchters davon und packte Nigrum am Hals. Er schlitzte ihn mit seinem Schwertarm die Kehle auf, machte kurzen Prozess mit ihm. Blut sprudelte aus der offenen Wunde, besudelte Alex und den Boden.

Alba stieß einen entsetzlichen Schrei der Trauer aus und sprang den Angreifer entgegen. In diesem Zustand war es für dem Verwandelten ein leichtes Spiel den Agenten abzuwehren. Kabel und Drähte wickelten sich um Albas Brust und Bauch. Alex zog ihn zu sich heran und rammte seinen scharfen Arm in sein Herz hinein. Der Agent stöhnte einmal auf, dann erschlafften seine Gesichtszüge. Mit Entsetzen schauten Xyr und Illyuzia zu, sie konnten gar nicht fassen, was da vor ihnen geschah. Das Ungeheuer schmiss beide Leichen unachtsam weg und konzentrierte sich nun auf die beiden noch übriggebliebenen Agenten. Illyuzia kam eine Idee.

»Xyr, du musst ihn irgendwie ablenken«, flüsterte sie ihren Partner zu. Dieser nickte.

Er zog seine Pistole und schoss auf die drohende Gefahr. Alex grinste und wehrte die Schüsse ab. Währenddessen begab sich Illyuzia zu einer der MEK-Leichen. Sie fummelte an der Militärjacke herum, bis sie fand wonach sie suchte. Xyr schoss weiter auf Alex, bis sein Magazin leer war. Voller Frustration schmiss er seine Waffe gegen den Kopf des Verwandelten, dieser packte mit seinen Kabeltentakel am rechten Arm und zog ihn zu sich.

»Ich hoffe, du weißt, was du da tust, Illyuzia!«, rief er.

Alex wollte Xyr auch mit seiner Klinge töten, doch der Agent wehrte den Hieb mit seiner behandschuhten Hand ab. Das Monster übte starken Druck aus, doch Xyr schaffte es den Schlag abzulenken. Statt der Brust traf er den rechten Arm. Die Klinge durchschnitt das Körperteil mühelos, mit einem metallischen Scheppern landete es auf dem Boden. Alex schaute Xyr verwirrt an.

»Ganz richtig«, sagte er und schlug den Verwandelten mit der Faust ins Gesicht, wodurch er nach hinten taumelte.

»Jetzt, Illyuzia! Was auch immer du vorhast …«, rief er.

Sein Partner rannte zum Monster hin und rammte ihn ein rundliches Metallobjekt in sein weit aufgerissenes Maul, danach packte sie Xyr am Arm und drückte ihn zu Boden. Kurze Zeit später gab es einen lauten Knall. Eingeweide, Drähte, Kabel, Knochen und Blut flogen durch die Luft und wurden überall im Raum verteilt.

Die beiden Agenten erhoben sich vom Boden. Xyr hob seinen heruntergefallen Hut auf und versuchte ein paar Darmfetzen abzuschütteln. Er stöhnte und setzte ihn sich wieder auf.

Von Alex war nur noch der Unterleib übrig. Teile der Wirbelsäule und einige Kabel ragten aus dem unteren Bereich heraus. Die restlichen Bestandteile des Körpers waren pulverisiert worden.

»Was für eine Schweinerei«, staunte Xyr nicht schlecht.

»Gott sei Dank müssen wir die diesmal nicht beseitigen«, entgegnete Illyuzia.

»Das mit der Granate war ein ziemlich cleverer Einfall. Hat Alex … der Bestie nicht geschmeckt.«

Illyuzia nickte.

»Schade, dass es für Nigrum und Alba zu spät kam. Mann, sie haben besseres verdient, als ein solch grausames Schicksal. Sie waren zwar seltsam, aber immer noch unsere Partner, unsere Kollegen«, Illyuzia schaute Xyr an, »Was sollen wir mit ihren Leichen machen?«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, ist der Tod hier nicht endgültig. Entweder wir verschwinden von hier schleunigst oder …«

»Oder was?«

»Hast du noch Munition in deiner Pistole?«

Illyuzia sah nach.

»Ja, ein paar Schuss hab ich noch. Wieso?«

»Du musst den beiden in den Kopf und in die Brust schießen.«

»Ich verstehe. Die Typ-O-Munition würde sie endgültig neutralisieren. Wie die beiden MEKs. Also gut, wenn es sein muss.«

Illyuzia ging zu den beiden Leichen, ihre Pistole hielt sie fest umklammert in der Hand. Sie zielte auf den Kopf, dann auf die Brust von Nigrum. Zwei Schüsse. In diesem stillen Zimmer war das Geräusch besonders laut.

»Tut mir leid«, flüsterte Illyuzia.

Die gleiche Prozedur führte er bei Alba durch. Zwei saubere Schüsse, einen in den Kopf und einen in die Brust. Damit sollten die beiden keinerlei potentielle Gefahr mehr darstellen, auch konnten sie jetzt in Frieden ruhen. Illyuzia steckte die Waffe weg.

»Lass uns weitergehen«, sagte Xyr.

»Was ist mit deinem Arm?«

»Ach, mach dir darum gar keine Gedanken.«

Xyr und Illyuzia gingen die Treppe hinauf, beide schauten nochmal auf die Verwüstung zurück. Der Kampf war geschafft, doch zu welchen Preis? Zwei MEKs waren gestorben, sowie zwei Agenten. Ganz zu schweigen von Alex sein Team, weitere vier Tote. Hat sich die Einsatzleitung die Mission so vorgestellt? Hat die Dreieinigkeit gewusst, auf welches Himmelfahrtskommando man die Agenten schickt? Haben sie es in Kauf genommen? Den Tod so vieler Leute? So vieler guter Soldaten und Agenten und Kollegen und Freunden? Xyr konnte es nicht fassen, aber vielleicht wusste die Führungsebene es einfach nicht besser. Vielleicht haben sie die ganze Sache einfach unterschätzt.

Die großen Türen schwangen auf, den beiden Agenten wurde ein langer Flur präsentiert. Auf dem Boden war ein feiner, roter Teppich ausgebreitet worden, der schon weitaus bessere Tage gesehen hatte. Wahrscheinlich war es mal ein strahlendes, kräftiges Rot gewesen, doch über die … wahrscheinlich Jahrzehnte oder Jahrhunderte verblasste es und wurde mehr und mehr grau. Die Wände zeigten ebenfalls Anzeichen von Verfall. Tiefe Risse, abblätternde Farbe, ein Geruch von Schimmel lag in der Luft. Der Gang war dunkel, Xyr und Illyuzia schalteten ihre Taschenlampen an.

»Sollten wir vielleicht der Einsatzbasis Bescheid geben?«, fragte Illyuzia.

»Mal schauen, ob ich durchkomme.«

Xyr legte die Taschenlampe auf dem Boden, holte sein Funkgerät hervor und betätigte ein paar Tasten.

»Einsatzbasis, bitte kommen. Hier spricht Agent Xyr. Bitte kommen.«

Leeres Rauschen.

»Kein Signal?«

»Sieht nicht so aus … Einsatzbasis, bitte kommen. Bitte kommen …«, Xyr wartete einen Moment, »Nichts … Niemand meldet sich. Ich komm nicht durch.«

»Heißt das, wir sind auf uns alleine gestellt?«

»Sieht wohl so aus.«

»Scheiße«, fluchte die Agentin, »was sollen wir jetzt tun?«

»Was wohl? Den Job zu Ende bringen, natürlich! Wir sind so weit gekommen, wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Sonst wäre der Tod unserer Kollegen völlig umsonst gewesen.«

»Gut. Der Kameramann sprach von einem … Dagon? Und das er sich hier befinden würde?«

Xyr nickte: »Und durch ihn finden wir den Lord. Sollte nicht allzu schwer sein.«

»Na, dann los!«

Die Beiden begannen die Villa zu durchsuchen. Was leichter gesagt, als getan war. Es stellte sich heraus, dass das ganze Haus ein Labyrinth war. Flure, die sich endlos ins Nichts streckten. Türen, hinter denen sich Wände versteckten. Bodenlose Abgründe taten sich an einigen Stellen des Bodens auf. Es gab Räume, die größer waren, als es physikalisch möglich sein sollte. Die Innenarchitektur des Hauses war völlig auf dem Kopf gestellt. Die Kräfte der Insel wirkten bis hier.

Xyr und Illyuzia waren froh, dass ihnen keine Verwandelten oder Schlimmeres begegneten. Das Letzte was sie hätten gebrauchen können, war ein weiterer Kampf. Xyr hatte keine Waffe mehr und ihn fehlte ein Arm. Illyuzia hatte nicht mehr genügend Munition. Ein offener Kampf würde in einer Katastrophe enden.

Irgendwann landeten die Beiden in einen einsamen Gang, der in eine einzelne, große Tür endete.

»Alle Wege scheinen hierher zuführen«, sagte Xyr.

Die Tür war ähnlich kunstvoll gefertigt wie die Eingangstür. Wundervolles exotisches Holz, meisterhaft angefertigte Eingravierungen. Wieder die Buchstaben DMT. Xyr und Illyuzia betraten den Raum, sie waren auf alles gefasst. Das Zimmer war schummrig, seidene Vorhänge verdeckte die imposanten Fenster. Der Raum schien eine Art luxuriöses Büro gewesen zu sein, vor so unglaublich langer Zeit. In der ungefähren Mitte zwischen den beiden großen Fenstern war ein massiver Schreibtisch aus dunklen Holz, heutzutage würde man dafür ein kleines Vermögen hinlegen. Hinter dem Tisch hing ein Gemälde an der Wand. Xyr konnte nicht ganz genau erkennen, was sich darauf befand. Doch er mutmaßte, dass es sich um vier Personen handelte. Auf der linken Seite des Raumes stand ein altes Sofa in Purpur. Auf der rechten Seite befanden sich zwei Holzschränke, die größer waren als Xyr.

»Was ist das hier?«, fragte Illyuzia.

»Das muss eine Art Büro für den Vorsitzenden von DMT gewesen sein. So luxuriös, wie das hier ausgestattet ist. Wird wohl kaum das Zimmer von einem einfachen Bediensteten gewesen sein. Aber warum landeten wir gerade hier? Hält sich hier etwa …?«, bevor Xyr zu Ende sprechen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit auf die plötzlich entflammten Kerzen, die sich auf dem Tisch befanden, gelenkt. Nun konnte er auch das Gemälde deutlich erkennen. Es zeigte vier Menschen. Den einen kannte Xyr schon von dem Gemälde aus der Eingangshalle. Der Mann im blauen Anzug und mit den glatten Haaren. Man hatte ihn die Augen weggekratzt. Neben ihn stand eine Frau, wahrscheinlich seine Ehefrau. Xyr empfand sie als eine sehr ansehnliche, sehr wunderschöne Dame. Sie hatte langes, silbernes Haar. Ihre Augen erstrahlten in hellem Violett. Sie trug ein weißes Kleid, das mit ihrer hellen und reinen Haut harmonierte.

Vor ihnen standen zwei Kinder, ein kleines und ein etwas größeres. Der Mann hatte seine Hand auf die Schulter des größeren Jungen gelegt, die Frau tat dasselbe beim kleineren. Der größere und wahrscheinlich auch ältere Junge kam mehr nach seinem Vater, auch er hatte kastanienbraunes, glattes Haar und trug einen kindgerechten, blauen Anzug. Der Jüngere ähnelte mehr der Mutter, sein Haar war silbern und die Augen leuchteten im selben Violett. Er trug einen pechschwarzen Anzug und hatte einen leicht grimmigen, doch trotzdem festen und entschlossenen Blick.

Auf einmal begann sich der Drehstuhl, der sich hinter dem Schreibtisch befand, zu drehen. Sein Rücken war die ganze Zeit den beiden Agenten zugewandt. Illyuzia zog ihre Waffe und zielte auf den Stuhl. Ein leises Kichern ertönte. Ihnen wurde bald offenbart, zu wem das Lachen gehörte. Auf dem Stuhl saß eine fast leichenhafte Gestalt. Der Körper war, fast schon ausgehungert. Die Rippen stachen hervor. Die ganze Haut war mit Brandnarben übersät. Der Kopf ähnelte einen Totenschädel, der mit Haut überspannt wurde. Lippen waren kaum noch vorhanden, wodurch der Mund wie ein entstelltes Grinsen wirkte. Die Nase fehlte vollständig. Da wo eigentlich Augen sein sollten, waren nur tiefe, schwarze Höhlen. Und aus irgendeinen unbekannten Grund war der Kopf in einem rostigen Eisenkäfig eingesperrt. War es eine Bestrafung? War es Folter? War es Absicht? Das wusste wahrscheinlich nur derjenige selbst.

Das Licht der Kerzen verlieh ihm ein schattenhaftes, diabolisches Aussehen und betonte noch seine Unmenschlichkeit. Vor Illyuzia und Xyr stand niemand geringeres als Dagon selbst. Seines Zeichens selbsternannter Kultistenführer und Hohepriester, der direkte Untergebene und das Sprachrohr des Lords.

»Wie schön, wie schön, dass ihr endlich eingetroffen seid. Ich habe schon lange auf euch gewartet, hatte mich schon gewundert, was euch aufgehalten hat. Kommt, wir haben so viel miteinander zu besprechen«, sprach Dagon mit hoher, beinahe singender Stimme.

Seth und Prig marschierten weiter durch die Häuserlandschaft. Es gab nichts anderes zu sehen als Häuser über Häuser und ab und zu mal ein paar Lager. Fast so als hätte irgendjemand einfach die Gebäude immer und immer wieder kopiert und eingefügt. Es war keine natürliche Landschaft, es war keine die irgendeinen Sinn machte. Es glich mehr einem Fiebertraum als der Realität. Ob der Lord wohl seine Finger bei der Gestaltung der Umgebung mit im Spiel hatte? War er überhaupt in Kontrolle der Situation? Oder stehen noch mächtigere Schatten hinter ihm? War er auch nur ein Opfer des Barrierebrechens? War auch er nur eine Puppe, eine Marionette, ein Sklave? Wie viel und was kontrollierte er wirklich?

»Wo marschieren wir eigentlich genau hin, Seth?«, fragte Prig. Seine Beine begannen langsam zu Schmerzen.

»Wir laufen zum Zentrum.«

»Ist das nicht ziemlich klischeehaft? Es ist immer irgendwie das Zentrum. Warum nicht mal am Rand oder links der Mitte …«, scherzte der junge Agent.

»Wahrscheinlich wegen Auge des Sturms oder so, keine Ahnung. Ich such mir das nicht aus, ich hab die Regeln nicht gemacht. Ich weiß nur: wir müssen zur Mitte der Insel.«

»Was bedeutet hier überhaupt Mitte? Hat diese verfluchte Insel überhaupt eine Mitte? Gibt es hier ein Zentrum? Für mich fühlt sich das an, als wäre dieser Ort eine unendliche Platte. Häuser über Häuser … nie enden wollende Gebäudelandschaften. Ich weiß nicht einmal, wo wir uns hier genau befinden.«

»Es gibt auf dieser Insel nicht viele Konstanten, aber die Mitte ist definitiv eine davon. Von dort aus nahm das Unglück seinen Lauf«, erklärte Seth, »Es ist das Epizentrum. Dort sammelt sich die Macht des Lords. Dort werden wir ihn finden und dort werden wir ihn erledigen. Ein für alle mal.«

»Woher weißt du das alles eigentlich? Das frage ich mich schon die ganze Zeit. Du kanntest diesen … diesen Fledermausmann. Du scheinst dich hier ziemlich gut auszukennen. Du scheinst auch viel über diesen Lord zu wissen. Sag, was verheimlichst du? Was weißt du noch?«

Seth blieb stehen. Er seufzte.

»Ist das von Belang?«, grummelte er.

»Ja. Ist es. Ich möchte keine unangenehmen Überraschungen erleben«, Prigs Blick war entschlossen.

Seth drehte sich zu ihm und schaute ihn direkt in die Augen.

»Nun gut«, er atmete tief ein und aus, »Ich war schon öfters hier.«

»Was?«

»Ich war schon öfters hier«, wiederholte er, »Ich war bereits zweimal zuvor hier.«

Prig blinzelte erstaunt.

»Warst … Warst du bei der gescheiterten Expedition mit dabei?«

»Nein. Bei keiner der beiden.«

»Beide? Es gab zwei?«, Prig war völlig überrascht. Er hatte in den Akten immer nur von der einen Expedition gehört. Diese war mehr als nur eine Katastrophe. Hohe Verluste, extrem hohe Verluste. Man könnte meinen, es war der größte Fehlschlag in der Geschichte der AOO. Doch es gab noch eine zweite? Und zwar eine, die nicht vermerkt wurde?

»Das ist unmöglich! Davon steht nichts in den Akten!«

»Du weißt selber, dass die Akten einer starken Zensur unterzogen werden. Da ist das Verschwinden lassen von Akten noch viel einfacher. Es gibt Dinge, die wurden niemals abgedruckt. Es gibt Vorfälle, Phänomene, Geheimnisse, die man in keinen einzigen Dokument finden kann. Sie existieren nur im Wortlaut, nur im mündlichen Bereich. Es gibt Dinge über die nur die Dreieinigkeit, der Direktor, vielleicht noch sein Sekretär und ein paar handvoll ausgewählter Agenten Bescheid wissen. Die erste Expedition zur Verfluchten Insel ist solch ein Geheimnis. Sie fand kurz nach der Gründung der AOO statt. Die erste große Expedition. Die erste große Reise ins Unbekannte. Noch katastrophaler als die zweite.«

»Wie?«, stammelte Prig.

»Der damalige Direktor kam mit. Und er war der einzige, der wieder zurückkam. Es hätte der AOO damals fast die Existenz gekostet. Die Dreieinigkeit schreitet selten aktiv ein, aber hätte sie es damals nicht gemacht, hätte es noch viel mehr Tote an diesem Tag gegeben«, Seths Gesicht war leer, als die Erinnerungen sich vor seinen Augen abspielten.

»Du … sprichst in Rätsel. Was ist vorgefallen? Was ist passiert?«

»Ich bin nicht befugt darüber zu reden. Ich habe dir eigentlich schon zu viel gesagt. Und es war auch nicht deine Ursprungsfrage, oder?«

»Ähm … Ja. Nun … Du warst also schon öfters hier?«

»Zum dritten Mal: ja. Es war lange vor der AOO. Bevor ich Agent wurde.«

»Kannst du genauer werden?«

Seth überlegte kurz.

»Das erste Mal war ich hier, als das Portal konstruiert wurde … das zweite Mal als ich es wieder zerstörte.«

Prig klappte die Kinnlade herunter.

»Das … das bedeutet ja … das«, stotterte er vor sich hin.

»Jepp. Ich bin steinalt. Jetzt lass uns weiterlaufen und nicht noch mehr über längst vergangene Tage reden. Dafür ist nach der Mission noch genügend Zeit.«

»Aber … ich habe noch so viele Fragen. Ich … bin gerade so verwirrt.«

»Wäre nicht das erste Mal. Merk sie dir für später. Wir haben noch einen Auftrag zu erfüllen.«

Und so setzten die beiden Agenten ihren Gang fort. Prig versuchte die letzten Minuten zu rekapitulieren und irgendeinen Sinn daraus zu ziehen, während Seth einfach stumpf gerade aus ging. Er hatte sein Ziel vor Augen und er wusste ganz genau, wo er hin musste. Das Zentrum war nicht mehr weit. Der Ort, an dem alles begann. Der Dominostein, der dafür sorgte, dass Terra und die gesamte Existenz sich immer schneller dem Abgrund nähern. Hier nahm alles seinen Lauf. Damals konnte das noch niemand ahnen, damals war man naiv genug zu glauben, man hätte die Sache unter Kontrolle. Wie falsch sie doch lagen.

Nach gefühlten Tagen kamen sie endlich an ihren Ziel an. Die Mitte der Insel. Das Auge des Sturms. Es sah relativ unspektakulär aus. Ein Loch im Boden. Ringsherum ausnahmsweise mal keine Häuser. Doch das Loch selbst war nicht das Interessante, sondern das was sich tief im Inneren verbarg. Die beiden Agenten standen am Rand.

»Bereit?«, fragte Seth mit einem Grinsen.

»Nicht wirklich«, entgegnete Prig.

»Zu schade«, Seth schubst den Jungen hinunter.

»Du Arschlo… !«, schrie er, während er fiel und hart auf dem Boden aufkam.

»Nun hab dich nicht so!«, rief der Ältere hinterher und sprang ebenfalls hinunter.

Hier unten war es dunkel, man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Seth half Prig auf, während er unaufhörlich jammerte und den alten Mann mit Flüchen bombardierte. Doch der hörte gar nicht richtig zu. Er entzündete seine Hand, um etwas Licht zu spenden. Prig schaltete seine Taschenlampe ein. Ihnen wurde ein zerstörtes Portal präsentiert. Davor standen sechs Konstrukte, die als Käfige dienten. Sie waren kreuzförmig und so konstruiert, dass die Gitterstäbe eng an der Haut des Eingesperrten waren. Einige von ihnen waren stark beschädigt. In zwei von ihnen konnte man noch Skelette erkennen, zumindest Überreste.

Seth konnte sich ganz genau an diesen Ort erinnern. Vor seinem geistigen Auge reiste er zu dem Tag, an dem die Katastrophe geschah. Er konnte die Schreie der gefangenen Magier hören, als der Blitz die Käfige traf. Er roch das verbrannte Fleisch. Seth stand neben dem damaligen DMT-Vorsitzenden, Florian J. J. Darks, diesen Wahnsinnigen. Hätte er gewusst, was danach passieren würde, hätte er Darks vorher umgebracht. Damals war Seth nichts weiter als ein einfacher Schläger, ein Söldner, ein Krieger oder besser gesagt ein Magier für Geld. Er wurde von DMT dafür angeheuert, für die Sicherheit von Darks und seinen Untergebenen zu sorgen. Er stellte keine Fragen, sondern nannte nur seinen Preis, der auch zügig bezahlt wurde. Hätte er es doch nur damals besser gewusst …

Seth hörte die Schreie und das elektrische Knistern. Allen anwesenden Personen standen die Haare zu Berge. Die Luft war aufgeladen. Die durch die höllischen Schmerzen entstandene Energie wurde zum Portal weitergeleitet. Funken und Blitzschläge zuckten im Inneren des Rings. Nicht nur Darks war anwesend, sondern auch eine Reihe von Wissenschaftlern, die verrückt genug waren, bei diesem aberwitzigen Projekt mitzumachen. Scharlatane, Möchtegernalchemisten, Quacksalber, Esoteriker, Seelenforscher, Laienphysiker, Daemonologen und noch viel weiteres pseudowissenschaftliches Gesocks. Sie waren wahrscheinlich alle nur darauf scharf, Geld von diesem verwirrten Unternehmer abzuzweigen. Es grenzt wirklich an ein Wunder, dass überhaupt irgendetwas funktionierte.

Vor der versammelten Gaffermenge stand der Magier Reynold, ebenfalls ein angeheuerter Söldner. Seine Aufgabe war es das Portal zu stabilisieren, quasi eine Art Geburtshilfe zu leisten. Angeblich half er auch dabei die Magier zu fangen. Er trug einen braunen Kapuzenmantel und dreckige Stiefel. Seth fragte sich schon damals, in welcher dunklen und schmierigen Gasse Darks diesen zwielichtigen Schurken aufgegabelt hatte.

Reynold hatte ein Allerweltsgesicht. Kurze blonde Haare, leicht kantiges Gesicht, eine große Nase und dunkelblaue Augen. Nichts an ihn erregte Aufmerksamkeit. Seth hatte damals kaum mit ihm interagiert, vielleicht nur ein, zwei Sätze ausgetauscht. Ein Nicken hier, ein Gruß da. Sonst nichts. Ihre Tätigkeiten überschnitten sich nicht und beide waren von der maulfaulen Sorte. Seth hielt sich die meiste Zeit in der Nähe von Darks auf, er sollte ihn ja beschützen. Während Reynold alleine auf der Insel umher wanderte.

Am großen Tag stand der Magier mit dem Kapuzenmantel bereit. Im Inneren des Portals knisterte es. Blitze zuckten, Funken sprühten. Die sieben Kugeln begannen wie wild zu leuchten. Begleitet wurde das Lichtspektakel vom Orchester aus der Hölle. Die Spannung war kaum noch zu ertragen. Wird es gelingen oder hat man ein riesiges Verlustgeschäft gemacht? Dann – für einen kurzen Augenblick – schien sich ein blauer Riss in der Realität zu öffnen. Reynold reagierte sofort. Er griff mit seiner Magie nach dem Riss und stabilisierte und vergrößerte ihn. Die Zeit schien sich zu verlangsamen, Wellen aus purer Energie strömten aus dem Portal, stießen einige der Umstehenden zu Boden. Darks stöhnte auf, als ihn eine der Wellen traf. Seth taumelte ein paar Schritte zurück. Reynolds Finger verkrampften sich, er starrte angestrengt in Richtung Portal, sein Blick war fokussiert. Er durfte jetzt nicht versagen.

Der Riss wurde größer und größer. Der Magier fiel auf sein rechtes Knie, die Zähne waren so fest zusammengedrückt, dass sie drohten zu zerbrechen. Schweiß floss sein Gesicht hinunter. Seine Kapuze war zurückgeworfen, wodurch sein blondes Haar entblößt wurde. Weitere Sekunden verstrichen, alle hielten gespannt den Atem an.

Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde der Riss wieder in sich zusammenfallen. Nur die Götter selbst wissen, was dann passiert wäre. Doch Reynold kriegte die Kurve und schaffte es schlussendlich, das Portal zu stabilisieren. Ein kühles, blaues Licht erhellte den dunklen Raum. Die Schreie der gefangenen Magier waren verstummt. Lebten sie noch? Wer weiß, das interessierte zu diesem Zeitpunkt niemanden. Alle waren auf das Wunder fokussiert. Es wurde aufgeregt getuschelt. Man flüsterte von Weltrevolution, von einem neuen, goldenen Zeitalter, von Kontakt zu Göttern und dem Seelenreich.

Auch Reynold starrte fasziniert auf sein Werk. Wie in Trance taumelte er zum Portal hin und streckte seine Hand aus. Er wollte unbedingt dieses blaue Licht berühren, er tauchte seinen Finger in die Oberfläche. Das war ein Fehler. Danach geschah alles blitzschnell. Blaue Flammen breiteten sich auf Reynolds Arm aus, augenblicklich zog er seine Hand vom Portal weg. Er versuchte das unnatürliche Feuer auszumachen, er schlug mit seiner Faust gegen die brennenden Stellen, doch nichts half. In wenigen Sekunden hatten die Flammen seinen gesamten Körper umschlossen. Er schrie vor Schmerzen und wedelte wild mit den Armen. Die Menge schaute nur zu, keiner bewegte sich. Alle waren zutiefst erschrocken und erschüttert.

Reynold versuchte zu ihnen hin zu rennen, er streckte seinen Arm hilfesuchend aus, doch es war zu spät. Das Feuer konsumierte ihn vollständig und ließ nichts als ein abgebranntes Skelett zurück.

Seth schüttelte seinen Kopf, schob die alten Erinnerungen beiseite. Es gab Wichtigeres zu tun. Die Vergangenheit musste vorerst ruhen. Prig schaute sich um, er war fasziniert von all den Gerätschaften und Konstrukten.

»Eine ungewöhnliche Art ein Portal zu öffnen. Wofür waren die Käfige?«, fragte Prig.

»Dort waren Magier gefangen. Man wartete darauf, dass ein Blitz einschlug, der die Gefangenen traf. So wurden unvorstellbare Mengen an Energie freigesetzt, die dann das Portal öffneten«, erklärte Seth.

»Klingt ziemlich barbarisch. Warum nicht einfach das Immatericon nutzen? Dann spart man sich eine Menge Arbeit. Und … menschliche Ressourcen

»Damals hatte man kein Immatericon zur Hand. Ich weiß nicht einmal, ob Darks überhaupt von der Existenz dieses Buches wusste. Die Konstruktionspläne für dieses Projekt fand man in irgendwelchen staubigen Ruinen. Ich hab keine Ahnung, was auf diesen uralten Pergamenten drauf stand, aber ich bezweifle ernsthaft, dass Steck Magier in Käfige und brate sie lebend ein Teil davon war. Ich frag mich, welches Genie sich die Papiere angeschaut hat und dachte, das sei eine gute Idee? Wie kommt man überhaupt auf so eine Schlussfolgerung? Mir ist das einfach unbegreiflich, dampfende Pisse noch eins«, fluchte Seth vor sich hin.

Prig schaute sich um.

»Und du meinst, dass wir hier richtig sind? Dass wir hier den Lord finden?«

»Ja. Das ist das Zentrum. Hier begann alles. Hier wurde er … geboren. Da er einen Sinn für das Theatralische hat, wird er erst erscheinen, wenn in seinen Augen alles perfekt ist«, Seth sah nach oben zum Rand des Loches. Er musste an Rookie denken. Ich hoffe, dir geht es gut. Pass auf dich auf, Mädel, dachte er. Er machte sich Sorgen um sie. Sie war zwar tough, doch auch jung und unerfahren. Die Insel hat schon so manchen erfahrenen Agenten das Leben gekostet, was wird sie wohl mit einem Anfänger anrichten? Dieser Ort ist kein Spielplatz, er ist die Hölle auf Terra.

Prig sah sich die zerstörten Überreste des Portals an. Seine Schritte knirschten auf zerbrochenen Glas. Von der Maschine war nicht mehr viel übrig, einzelne Brocken lagen verstreut auf dem Boden. Das Konstrukt wieder zu reparieren, war ohne die Fähigkeiten eines Meisteringenieurs unmöglich.

»Und das hier ist dein Werk?«, unterschwelliger Respekt schwang in Prigs Stimme mit. Er schien den alten Mann für seine Tat zu bewundern.

Seth nickte: »Yeah. Hab ich ganz alleine gemacht. Hat mich nur fast meinen Verstand gekostet.«

Prig pfiff erstaunt.

»Wie hast du das denn geschafft?«

Seth zündete sich eine Zigarette an und zog erst mal daran.

»Magie«, antwortete er trocken.

»Oh. Ja, klar. Natürlich. Macht Sinn.«

Der junge Agent drehte sich auf einmal erschrocken um. Seine Augen zuckten wild von einer Seite zur anderen. Er nahm eine Kampfposition ein.

»Was ist los? Hast du einen Geist gesehen?«, fragte Seth.

»Wir sind nicht allein. Jemand ist in der Nähe.«

»Der Lord?«

»Nein. Ich mein, nicht unbedingt. Ich weiß es nicht. Er scheint sich schnell zu bewegen.«

Seth hörte etwas. Luftbewegungen, Stiefelschritte auf dem Boden, Metall auf Metall. Der Junge hatte recht, sie bekamen Besuch. Irgendetwas huschte hinter ihnen von Schatten zu Schatten. Das Licht ihrer Taschenlampen war nicht schnell genug, um den Eindringling zu erfassen.

»Wer ist das?«

»Ich kann mir schon denken, wer das ist«, raunte Seth.

Der mysteriöse Angreifer stürmte aus dem Schatten und enthüllte all seine bestialische Natur. Spitze Reißzähne blitzten, schwarze Augen funkelten im Licht der Lampen. Die Sichel war zum Zuschlagen bereit.

»Heyden!«, fauchte Seth.

Die beiden Agenten sprangen zur Seite. Der Jäger rammte seine Waffen in den Boden.

»Du lässt aber auch nicht locker, du Fehlgeburt!«, spottete Seth.

Die Fledermaus drehte den Kopf nach hinten. Aus ihrer Kehle drang eine tiefe und raue Stimme: »Seth!Seth! Für dich werde ich mir sehr viel Zeit nehmen. Stück für Stück nehm ich dich auseinander. Ich werde dein Blut trinken. Deine Eingeweide fressen. Dir jeden einzelnen Knochen brechen. Deinen …«

»Ja, ja. Ich hab es ja verstanden. Eingeweide, Blut, Hass, Wut … bla, bla, bla. Wird langsam langweilig, lass dir was besseres einfallen«, Seth hatte genug.

Heyden knurrte und fauchte.

»Ich werde dir deinen beschissenen Kopf von den Schultern trennen!«, schrie er.

»Genug jetzt, Jäger!«, rief eine hohe Stimme auf einmal.

Alle schauten nach oben. Am Rand stand der Kultführer Dagon. In seiner Gefolgschaft befanden sich Illyuzia und Xyr. Der Mann mit dem Eisenkäfig hatte tadelnd seinen dünnen Finger erhoben, die andere Hand verbarg er hinter seinem Rücken. Er wirkte wie ein Lehrer aus einem grotesken Gemälde.

»Hohepriester!«, rief Heyden zurück, »Ich habe solange darauf gewartet! Diese Chance lass ich mir nicht nehmen. Ich will ihn ausweiden! Ich will seine schwächlichen Gliedmaßen abtrennen! Ich …«

»Genug, du dümmliche Bestie!«, Heyden zuckte zusammen, »Der Lord wird über unsere Ehrengäste richten! Nur ER allein möchte das! Nur ER allein hat das Recht dazu! Jäger! Diese Gäste sind etwas Besonderes! Eine einmalige Chance! Und die möchte der Lord nicht vergehen lassen! Der Lord ist unser Herr und er möchte sich um seine Gäste kümmern! Wir sind seine Diener und wir haben seinen Befehl zu befolgen! Wir …«

»Bullshit. Ich hab genug davon«, fluchte Seth und formte in seiner rechten Hand einen Feuerball, den er mit voller Wucht in das überraschte Gesicht von Dagon warf. Dieser fiel relativ unzeremoniell in die Tiefe und schlug hart auf den Boden auf, dabei gab er einen kleinen, spitzen Schrei von sich. Seth stürmte auf Heyden zu, schlug ihn seinen Ellbogen ins Gesicht, umklammerte sein Arm mit der Sichel, drückte ihn zu Boden und stampfte mit dem Fuß drauf. Dann drückte er ihn nach oben, man hörte das üble Geräusch von brechenden Knochen und zog die Sichel aus dem Stumpf heraus. Der Prozess lief so schnell ab, dass selbst Heyden nicht realisierte, was vor seinen Augen ablief.

Seth nahm die blutige Sichel in die Hand, schlug erst damit gegen den Kopf der Fledermaus, wodurch er beide Augen traf und rannte dann auf den sich gerade wieder errichtenden Dagon zu. Dieser sah, was ihn erblühte und fiel vor Angst wieder auf seinen Hintern.

»Oh … Oh … Oh! Nein, nein! Geh weg! Das kannst du nicht machen!«, flehte er.

Seth packte ihn an seinen dünnen Hals und hob ihn in die Luft.

»Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Das kannst du nicht machen! Das wirst du bereuen! Der Lord … der Lord wird über dich richten! Über dich! Ich bin sein Untergebener! Sein Hohepriester! Ich kann nicht sterben! Ich werde nicht sterben!«, röchelte Dagon.

»Ich hab ehrlich gesagt die Schnauze voll von deiner pseudoreligiösen Scheiße. Du bist nichts weiter als ein winselndes Wiesel. Ein Arschkriecher und Stiefellecker«, spuckte Seth. Sein Blick war kalt und unnachgiebig.

Dagon strampelte und versuchte sich zu wehren, doch sein schwacher Körper war keine Herausforderung für den gestählten Agenten. Seth schlug mit der geliehenen Sichel zu und enthauptete den Möchtegernfanatiker mit einem Hieb. Der Kopf landete mit einen Scheppern wenige Meter entfernt auf dem Boden. Doch Dagon war noch nicht tot, er gab immer noch röchelnde Laute von sich. Seth schritt langsam zu ihm hin und zog seine Pistole.

»Mann, das wird mir beinahe leid tun … beinahe«, er schoss und der Totenschädel hatte ein fettes Loch in der Stirn. Knochensplitter und Gehirnfetzen wurden in einem kleinen Umkreis verteilt. Seth schritt zu Heyden hin, die blutige Sichel in der Hand. Dieser starrte ihn hasserfüllt an, Blut lief aus seinen verwundeten Augen sein Gesicht herunter.

Heyden knurrte erbost. Noch nie in seinem gesamten Leben hatte es jemand gewagt, die Faust gegen ihn zu erheben. Und das diese Schandtat ausgerechnet durch Seth ausgeführt wurde, setzte dem ganzen noch die Krone auf. Er wollte Rache und er wollte sie jetzt.

»Glaubst du wirklich … Glaubst du wirklich, dass das mich aufhält? Ich werde dich auseinandernehmen. Ich werde dein Herz raus reißen und es genüsslich verspeisen!«, drohte Heyden.

»Na dann, komm doch her! Worauf wartest du noch? Ich kann es kaum noch erwarten.«

Der Verwandelte stürmte auf Seth zu, er rannte auf allen Vieren. Er glich nun mehr einen wilden Tier als einen Menschen. Weder schien ihn seine verletzten Augen noch seinen gebrochenen Arm zu kümmern. Die kochende Wut schien den Schmerz zu unterdrücken. Seth machte sich auf alles gefasst.

»Glaubst du wirklich, nur weil du meine schöne Sichel hast, dass ich dich nicht auseinanderreißen kann? Wie naiv und dumm von dir«, fauchte Heyden.

Der Jäger sprang auf Seth und brachte ihn zu Boden. Er riss sein mit spitzen Zähnen bestücktes Maul weit auf und versuchte den alten Agenten in die Kehle zu beißen. Seth trat ihn mehrmals in den Schritt, wodurch die Bestie für einen kurzen Moment ihren eisernen Griff lockerte und der Agent sie wegstoßen konnte. Beide richteten sich wieder auf. Heyden zeigte seine unversehrte Hand, eine Klaue mit scharfen Krallen. Er grinste erwartungsvoll. Seth entflammte seine Faust und schlug zuerst zu, Heyden war davon nicht sehr beeindruckt und wich den Angriff mühelos aus.

»Wie kannst du überhaupt sehen? Du müsstest doch blind sein!«, rief Seth.

»Ich bin eine Fledermaus, ein Jäger der Nacht und der Dunkelheit. Schon vergessen?«

Das Monster trat Oldtimer gegen das Schienbein. Der plötzliche und heftige Schmerz ließ Seth aufschreien und die Sichel fallenlassen. Nun hatte Heyden die Oberhand und schlug gnadenlos mit seiner Klaue zu. Er traf die Brust seines Opfers, zerriss Hemd und Anzug und hinterließ fünf tiefe Wunden.

»Hey! Das sind meine guten Klamotten!«, stöhnte Seth.

Der Jäger packte ihn am Hals und zog ihn nah an seine animalische Fratze. Der Agent konnte den feuchten und stinkenden Atem riechen, der Geruch erinnerte ihn an verfaultes Fleisch. Heyden grinste und öffnete sein Maul. Seth spürte schon die raue Zunge an seiner Wange, als plötzlich ein lauter Knall ertönte. Das Monster stöhnte auf und ließ den alten Mann unsanft auf den Boden fallen. Eine Kugel hatte sich durch sein Knie gebohrt. In einiger Entfernung stand Prig, der mit seiner Pistole auf das Ungeheuer zielte. Die beiden anderen Agenten waren nach unten gesprungen, Illyuzia hatte ebenfalls ihre Waffe gezogen.

»Das Spiel ist vorbei, Verwandelter! Du bist deutlich unterlegen!«, proklamierte Xyr.

Heyden schaute sich um. Eine Flucht kam für ihn nicht in Frage. Diesmal nicht, diesmal wird er bleiben. Nie wieder würde er eine solche Chance bekommen. Doch was sollte er tun? Er war in der Unterzahl, verletzt und geschwächt.

»Gib auf, Heyden«, flüsterte Seth.

»Das hättest du wohl gerne. Niemals!«, knurrte Heyden erbost zurück.

Er sprang zur Seite, sofort eröffneten Illyuzia und Prig das Feuer. Kugeln trafen seine Brust, seine Arme und Beine. Er fiel zu Boden, kauerte auf allen Vieren. Die Wunden brannten höllisch, sie brannten sich regelrecht in sein Fleisch hinein. Er spuckte Blut. Noch nie in seinem gesamten Leben hatte er solche Schmerzen erlitten. War das, das Ende? Sollte er wirklich sterben? Er hatte den Tod doch besiegt, der Lord gab ihn Unsterblichkeit. Er gab ihn Kraft und zeigte ihn seine wahre Natur. Doch wofür? Jetzt lag Heyden blutend am Boden, versuchte davon zu kriechen.

»Lord … Wo bist du? Ich brauche dich …«, wimmerte Heyden. Hatte sein Gott ihn verlassen? Er empfand etwas völlig Neues, er empfand Angst.

Seth schritt zu ihm hin und rammte die Sichel wie einen Haken unter dem Kinn von Heyden, der daraufhin röchelte. Seth zog ihn zu Boden und stampfte mehrmals mit seinem Fuß auf den Kopf der Fledermaus. Erst war nur eine oberflächliche Wunde zu sehen, dann brach der Schädel, letztlich wurde das Gehirn zermatscht. Splitter von Knochen, Zähne, Blut und Hautfetzen flogen durch die Gegend. Am Ende konnte man nicht mehr erkennen, wie Heyden ursprünglich aussah. Sein Kopf war nur noch eine blutige, undefinierbare Masse. Seth nahm wieder seine Pistole und schoss ihn in die Brust des ehemaligen Jägers. Als er fertig war, betrachtete er sein Werk.

»Ende im Gelände«, hustete Seth. Er war erschöpft. Er betrachtete seine blutenden Wunden, Heyden hatte ihn ziemlich zugesetzt.

Illyuzia, Prig und Xyr gingen zu ihn hin.

»Alles in Ordnung? Das sieht übel aus …«, fragte die Gestaltwandlerin.

»Alles okay. Nur `ne Fleischwunde. Nichts der Rede wert«, keuchte Seth. Er wandte sich zu Prig.

»Danke. Ohne dich … hätte ich ziemlich alt ausgesehen«, er zeigte ein freudiges Lächeln.

Der junge Agent winkte ab.

»Nichts zu danken. Ich denke, jetzt sind wir quitt.«

Seth holte eine weitere Zigarette hervor, sein Vorrat ging langsam zu Neige. Seine Brust schmerzte beim Atmen, beim Einsaugen des Rauches. Es brannte und blutete. Wenn sie wieder auf dem Schiff sind, muss Seth unbedingt zum Sanitäter, die Wunden desinfizieren, reinigen und verbinden lassen. Es wird definitiv Narben hinterlassen. Scheiße, dachte Seth. Eigentlich hatte er gehofft, dass er sich nach der Mission endlich erholen kann. Jetzt darf er wahrscheinlich die nächsten Tage auf der Krankenstation verbringen. Hoffentlich entzünden sich die Wunden nicht, das könnte sonst böse enden. Nämlich mehrere Wochen Aufenthalt auf der Krankenstation. Die AOO mag vieles haben, aber ordentliche Krankenhausbetten oder eine dortige vernünftige Verpflegung? Fehlanzeige.

Währenddessen kamen auch Rookie und der MEK zum Loch. Die Katzendame sah etwas fertig aus. Ihre Haare waren ganz durcheinander und ihre schwarze Jacke hatte graue Flecken. Der MEK sah auch aus, als wäre er in eine Schlammpfütze gefallen. Rookie sah hinunter.

»Hey, wir haben es auch endlich geschafft«, sie drehte sich zum Soldaten hin, »Ich wusste doch, dass wir sie hier finden. Hat mich mein siebter Sinn doch nicht getäuscht. Na dann, wollen wir runter?«

Die beiden sprangen hinunter, Rookie rannte sofort zu Seth hin. Doch ihr freudiges Lächeln erstarb, als sie den Zustand des alten Agenten sah.

»Oldtimer!«, quietschte sie, »Geht es dir gut? Was ist denn mit dir passiert? Oh Gott, das sieht schlimm aus. Schmerzt es? Tut es weh?«

Seth entgegnete: »Du solltest mal die anderen beiden sehen«, sie schaute sich um und sah die zerschmetterte Leiche von Heyden und den Körper von Dagon, »Ach du dicke … Was ist hier passiert?«

»Lange Geschichte. Um deine erste Frage zu beantworten: Mir geht es gut. Nur ein paar Kratzer. Nichts Ernstes. Das verheilt wieder.«

»Nach Nichts sieht mir das aber nicht aus!«, Rookie war ganz aufgebracht.

»Keine Sorge. Beruhige dich. Das hört auch wieder auf zu bluten, also mach dir keinen Kopf. Bezüglich deiner zweiten Frage: Nun …«, Seth schnippte erst mal seine aufgerauchte Zigarette weg, »Ähm … Wir hatten ziemlich hohen Besuch und … Der musste weg. Wäre ja sonst ziemlich unhöflich. Besuch soll man ja nicht im Regen stehenlassen«, Seth gackerte und verzog dann leicht das Gesicht wegen den schmerzenden Wunden.

»Wer waren die beiden eigentlich?«, fragte Rookie.

»Nun«, Seth zeigte auf die Leiche mit dem zermatschten Kopf, »Das war Heyden, auch bekannt als Jäger. Ziemlich ungemütlicher Zeitgenosse. Hoch aggressiv. Sollte vielleicht mal etwas Kräutertee trinken und meditieren. Das entspannt die Nerven. Hab ich … Hab ich zumindest gehört«, er zeigte auf die andere Leiche, »Darf ich vorstellen? Dagon. Stiefellecker und Hohepriester des Lords. Bekannt dafür viele, viel zu lange Reden zu schwingen und dabei hochtrabend und pseudointellektuell zu klingen. Hat einen Hang zum Dramatischen und zum Religiösen. Er gab die Befehle des Lords an seine Anhänger weiter. Auch ein unmöglicher Kamerad. Nervige, quietschige Stimme, kann man kaum aushalten. Ziemlich aufdringlich. Momentan ist er ein Kopf kürzer und wird deshalb nie wieder einen hohen Ton von sich geben.«

»Verstehe …«, Rookie verstand gar nichts.

»Wie soll es denn jetzt eigentlich weitergehen?«, fragte Xyr. Alle anderen schauten auch auf Seth.

»Wir warten auf den Lord«, antwortete der grauhaarige Agent.

»Und präsentieren uns hier wie auf dem Silbertablett?«, fragte Prig entsetzt.

»Hast du einen besseren Vorschlag? Nein? Dann sei ruhig. Wir haben die ganze Insel durchgekämmt und hohe Verluste erlitten. Wir sollten keine allzu großen Risiken mehr eingehen. Lassen wir den Lord zu uns kommen.«

»Was meinst du, wann er kommt?«, fragte Illyuzia.

»Schneller als ihr denkt«, echote auf einmal eine tiefe Stimme von oben herab. Sofort verbreitete sich in der Gruppe ein fauliger Geruch, es stank nach Tod, Krankheit und Verwesung. Es war der Gestank von alten, verrotteten Friedhöfen, von Schimmel und verfaulten Leichen. Von Maden und Fliegen. Rookie war die Erste, die wegen ihrer feinen und sensiblen Nase den Geruch mitbekam. Sofort schlug sie den Arm vor ihr Riechorgan. Alle anderen, außer Xyr, taten es ihr kurzerhand gleich. Seth sah in Richtung des Geräusches. Er erblickte eine dunkle Gestalt in Kapuzenmantel, die schwerelos in der Luft hing. Sie sank herab und ruhte auf einen der Käfige. Sie schaute sich um, sah die beiden toten Anhänger und seufzte bitterlich.

»Da habt ihr einfach meine Schafe zur Schlachtbank geführt. Meine Kinder …«, der Lord schien mit den beiden Leichen zu sprechen, »Ich bin nicht einmal wütend, nur enttäuscht. Ich dachte wirklich, eure Fähigkeiten seien dieser Aufgabe gewachsen. Da habe ich mich wohl geirrt. VERSAGER!«, für einen Moment brach aus dem Lord ein Schwall von wütenden Emotionen, der sogleich wieder versiegte, »Dann muss ich wohl das Schicksal selbst in die Hand nehmen und diese verirrten Seelen zur Erleuchtung bringen.«

»Markus«, flüsterte Seth zu Prig, »ist dein Knochenmann bereit?«

»Er brauch noch etwas Zeit, der letzte Kampf hat ihn ziemlich zu schaffen gemacht. Er muss sich erst wieder regenerieren.«

»Dann soll er das gefälligst schneller machen! Es wird hier gleich heiß zugehen.«

Der Lord sank weiter herab, bis er sich ungefähr einen halben Meter über den Boden befand. Der faule Geruch wurde stärker. Man konnte nicht das Gesicht dieses selbsternannten Gottes erkennen, die Kapuze verbarg es in pechschwarzer Dunkelheit. Der Lord schien nicht zu atmen, noch sonst irgendwelche körperlichen Regungen zu zeigen. Er schwebte einfach still in der Luft.

»Seth«, seine Stimme klang traurig, »Du hast meinen Priester getötet. Wer soll nun meine Kinder führen? Wer soll ihnen den Weg zur Erleuchtung zeigen?«, er schnipste ein Mal mit den Fingern und innerhalb eines Augenblicks hatte er auf einmal den abgetrennten Kopf seines Anhängers in der Hand, »Armer Dagon. Solch ein Schicksal hat er nicht verdient. Er hatte immer so viel Angst vor dem Tod. Er fühlte sich verloren. Alleingelassen. Niemand war da, der ihn trösten konnte. Niemand war da, um seine ewigen Schmerzen zu stillen. Äußere Wunden heilen im Laufe der Zeit, innere hingegen heilen nie. Ich gab ihn Trost. Einen Zweck. Und eine Richtung. Seth. Ich hoffe, du bist stolz auf dich«, da war unterschwelliger Zorn in der ruhigen Stimme. Plötzlich brannten blaue Flammen auf und der Kopf mitsamt den Eisenkäfig zerfielen zu Asche.

Er teleportierte sich zu seinem anderen Anhänger, seinen persönlichen Jäger, hin. Er betrachtete den zerschmetterten Schädel und die vielen Einschusslöcher im Körper der Bestie. Der Lord sank auf den Boden und kniete sich vor der Leiche hin. Mit seiner rechten Hand streichelte er sanft den Rücken der toten Fledermaus. Waren das etwa Anzeichen von Mitgefühl und Zuneigung? Hatte dieser grausame Gott eine weiche Seite?

»Heyden. Seth. Sie nur, wie du meinen Jungen massakriert hast. Ich erkenne ihn kaum noch wieder. Heyden. Er kam voller Zorn, voller reinen und ungebändigten Zorn, auf diese Insel. Sein Körper flammte mit Vernichtungswahn. Er kannte kein Mitleid. Keine Schwäche. Ich zeigte ihn seine wahre Natur. Ich zeigte ihn die Bestie, die in seinem Körper schlief. Ich erweckte sie. Und er gab sich ihr vollständig hin. Er wurde mein Vollstrecker. Mein Jäger der endlosen Nacht. Er war ein hingebungsvoller Anhänger. Und jetzt ist er tot. TOT!«, auch diese Leiche verbrannte der Lord mit seinen blauen Flammen.

»Der Tod sollte hier keine Bedeutung mehr haben«, er richtete sich wieder auf, »Doch ihr habt ihn wieder auf diese Insel gebracht. Ihr habt einen weiteren Kreuzzug gegen meine Macht gestartet. Ein drittes Mal. Man sollte doch meinen, dass eure kleine Organisation in der Lage sei aus Fehlern zu lernen. Doch dies scheint ganz und gar nicht der Fall zu sein. Ihr rammt eure Köpfe immer und immer wieder gegen eine Ziegelmauer, in der Hoffnung, dass sie irgendwann bricht. Ihr glaubt, ihr könnt meine Macht brechen. Ihr glaubt, ihr könnt einen GOTT von seinen Thron stoßen. Doch ihr irrt. Alles was ihr tut, ist vergebens. Ihr könnt mich nicht stürzen. Ich bin. Ich bin die Insel. Ich bin der LORD!«

Er baute sich vor der Agententruppe auf.

»Ich gab diesen verlorenen Seelen ein Zuhause, eine Richtung, Hoffnung. Ich nahm ihre Angst und befreite sie von der Last des Todes. Und ihr habt den Nerv, hier aufzukreuzen und mein Werk zunichte zu machen? Ihr werdet scheitern wie schon davor«, erklärte der Lord.

»Reynold …«, begann Seth.

»Reynold existiert nicht mehr. Vor Urzeiten wurde er von den reinigenden Flammen des Immateriums verzehrt und war als Gott wiedergeboren worden. Er war gefangen zwischen dem Materium und dem Immaterium, zwischen den Lebenden und dem Seelenreich. Und da sah und verstand er alles. Er sah das Spiel der Götter und das Ende der materiellen Existenz. Er sah den Anfang und die Zukunft. Reynold war nicht mehr, der Lord war geboren.«

»Das ist doch einfach nur Wahnsinn! Das grenzt doch alles an Größenwahn!«, raunte Illyuzia.

»Hm. Wahnsinn. Größenwahn. Mag vielleicht sein. Aber ihr habt keinerlei Ahnung, was ich bereits alles gesehen habe. Ihr habt keine Ahnung, KEINE AHNUNG, zu was ich imstande bin. Ich bin weitaus mächtiger, als ihr euch in euren kleinen, begrenzten Gehirnen ausmalen könnt. Ich habe das dunkle, grausame Universum gähnen gesehen. Ich habe in seinen Schlund gestarrt. Ich habe Götter gesehen, die ihr euch gar nicht vorstellen könnt. Diese Insel … diese kleine Welt … ich habe sie erschaffen. Ich habe sie geformt wie nassen Ton und ihr meinen Willen aufgezwungen. Und trotzdem … TROTZDEM wagt ihr es euch mir zu widersetzen. Ich habe die Kräfte eines Gottes! Kräfte, die sich kein Sterblicher vorstellen kann! Ich bin unsterblich! Ich kann nicht sterben!«

»Das wollen wir doch mal sehen!«, rief der MEK, zielte mit seinem Gewehr auf den Lord und drückte ab. Die Kugeln gingen einfach durch ihn durch. Er nahm keinen Schaden, sie störten ihn nicht. Es war , als würde er sich auf einer anderen Ebene befinden oder überhaupt nicht aus fester Materie bestehen. Er zuckte nicht einmal. Stattdessen teleportierte er sich zum Aggressor hin und sagte mit kalter Stimme: »Erbärmlich. Diese verlorene Seele muss lernen, wo ihr Platz ist«, und berührte den Lauf des Sturmgewehrs. Der MEK schrie auf, seine Hände verschmolzen mit dem Gehäuse des Gewehrs. Auch seine Gasmaske und sein Helm begannen zu schmelzen, wodurch die Schreie langsam zu erstickten Lauten wurden. Der Soldat fiel zu Boden, zuckte wild vor sich hin, versuchte krampfhaft seine Finger von dem Gewehr zu lösen, doch es funktionierte nicht. Sie waren unzertrennbar miteinander verbunden.

»Und nun zu euch … Ihr wart mir lange genug ein Dorn im Auge«, der Lord teleportierte sich vor die Agententruppe, er schwebte einige Meter über den Boden. Er hob seine beiden Hände in die Luft.

»Ihr werdet mir dienen. Ich werde euch dazu zwingen, ihr werdet auf dem Boden vor mir kriechen. Im Staub werdet ihr euch wühlen. Ich werde eure Seelen auseinanderreißen. Nie wieder werdet ihr es euch wagen gegen mich zu erheben! Es wird für euch nur einen einzigen Gott geben und der werde ICH sein. Verlorene Seelen, ihr werdet zur Erleuchtung finden. Ob ihr wollt … oder nicht«, und mit diesen Worten öffnete sich unter der Gruppe ein riesiges, schwarzes Loch. Bodenlos. Endlos. Xyr, Illyuzia, Prig, Rookie und Seth fielen dem Abgrund entgegen. Sie alle schrien zusammen wie ein angsterfüllter Chor. Sie wussten nicht, was nun passieren wird. War das das Ende? Hatten sie versagt? Wie schon davor? Sie fielen und fielen immer weiter, denn der Abgrund war endlos. Der Abgrund war dunkel und leer.

»Ihr werdet zerbrechen. ZERBRECHEN!«, rief ihn der Lord hinterher.

Zuerst öffnete Xyr sein Auge. Alles war verschwommen, sein Kopf dröhnte. Er fühlte sich irgendwie merkwürdig, ungewohnt. Es war, als wäre er in einem anderen Körper. Er hielt sich die Hand vors Gesicht und wunderte sich. Sechs Finger. Glatte, grüne Haut. Alles aus Fleisch und Blut. Er fasste sich ins Gesicht, an den Körper. Alles war wieder da. Er schaute an sich hinunter und sah die typische Kleidung eines Großen Erbauers. Ein graues, jackenartiges Oberteil mit hohen Kragen, eine graue Hose und graue Stiefel. Er war wieder … Fleisch. Nicht mehr gefangen in einem stählernen Gefängnis. Wo war er? Was war das für ein Ort? Er schaute sich um, es war eine weiße, klinisch reine Welt. Von draußen drangen ferne Geräusche nach innen. Xyrs Auge weitete sich vor Entsetzen. Er wusste wieder, wo und wann er war. Er befand sich in einen der vielen Bunker, die gebaut wurden, um die Bevölkerung vor den Massenvernichtungswaffen der Invasoren zu schützen. Xyr kletterte die Leiter hoch und öffnete die schwere Metallluke.

Sofort kam ihn eine Aschewolke entgegen. Er hustete und schloss sein Auge. Auf allen Vieren sich befindend, krabbelte er an die Oberfläche. Der Himmel stand in Flammen. Schwertähnliche Fluggeräte schwebten in der Luft und schossen mit roten Lichtstrahlen auf Städte und Siedlungen. Pulverisierten sie, schmolzen sie zu Schlacke. Xyr sah sich um, die Erde war verbrannt. Nirgendwo wuchs mehr Gras, Wälder waren nur noch Ascheberge. Wenige Meter von ihm entfernt lagen ein paar seiner Genossen. Ihre Körper waren völlig verstümmelt. Gliedmaßen waren raus gerissen, Augen ausgestochen worden. Gedärme waren über den Boden verteilt. Xyr ging zu ihnen hin, kniete sich auf den Boden. Er umfasste die Hand von einen seiner gefallenen Kameraden. Sie war kalt und starr. Er schaute nach vorn und entdeckte einen riesigen Leichenberg, war der schon vorher da? Hunderte, nein Tausende von Großen Erbauern waren massakriert worden. Der Haufen erhob sich mehrere Meter in die Luft.

Auf der Spitze des Hügels stand die Kreatur, die sinnbildlich für das Elend verantwortlich war. Spätere Generationen werden diese Wesen als Dämonen bezeichnen. Für Xyr waren sie einfach nur Aggressoren, Invasoren, Bestien. Sie sahen aus wie Chimären. Die Köpfe glichen räuberischen Reptilien mit Widderhörnern. Ihre Haut war schuppig und rot wie Lava. Die muskulösen Arme endeten in scharfen, grauenerregenden Klauen. Auf ihren Rücken befanden sich ein Paar schwarzer lederartiger Schwingen. Ein langer, metallartiger Schwanz ragte aus ihren Rumpf, er endete in einen skorpionartigen Stachel. Sie hatten eine silberne Mähne, die wild im Wind wehte. Das Haar wirkte ungewaschen, ungekämmt, ungepflegt. Ihre Beine und ihre Hüfte waren mit Fell bedeckt, schwärzer als die dunkelste Kohle. Statt Klauen hatten sie Hufe als Füße. Ihre Stimme klang wie ohrenbetäubendes statisches Rauschen.

Der Invasor war gerade damit beschäftigt die Leichen Stück für Stück auseinanderzunehmen. Er riss ihnen ihr Herz raus und verspeiste es genüsslich. Eins nach dem anderen. Er hatte wahrscheinlich schon hunderte Herzen konsumiert, doch sein Hunger war noch immer nicht gestillt. Der Dämon erblickte Xyr und grinste. Er sprach mit einer Stimme, die ganz und gar nicht zu ihm passte. Es war die Stimme eines Erbauers: »Du bist zu spät. Alle sind tot und du bist der Nächste. Auch deine Seele werde ich mir einverleiben. Ich werde dein noch schlagendes Herz aus deiner schmalen Brust reißen und es langsam essen.«

Xyr war schockiert. Er begann zu zittern.

»Das … Das ist nicht möglich.«

Der Dämon lachte mit der Stimme des gefallenen Kameraden.

»Der Krieg ist vorbei. Ihr werdet Sklaven unseres Sternenreiches sein. Daran kannst du nichts mehr ändern. Denn … Du bist zu spät«, er krabbelte von seinem Leichenberg hinunter und marschierte auf Xyr zu. Dieser versuchte davon zu kriechen.

»Das ist nicht möglich … nicht möglich … nicht möglich … nicht schon wieder«, stammelte er angsterfüllt. Der Dämon packte ihn am Bein und zog ihn zu sich. Seine Hände krallten in die Brust des Erbauers, zerfetzten seine Kleidung und hinterließen tiefe Wunden. Er schrie vor Schmerzen. Der Dämon hielt ihn vor sich und begutachtete seine gefangene Beute. Das reptilienhafte Grinsen verschwand gar nicht mehr aus seinem hässlichen Gesicht. Zuerst brach er Xyr zwei seiner Finger, dann noch zwei weitere und dann den Rest. Dann brach er ihn das Handgelenk und den Unterarm. Einmal, zweimal, dreimal. Bei jedem Mal kam das gleiche, ekelhafte Geräusch von gebrochenen Knochen und bei jedem Mal schrie Xyr wimmernd auf. Er winselte und heulte. Langsam wurde es schwarz vor seinem Auge, sein Bewusstsein glitt davon. Er hörte nur noch die Stimmen seiner toten Genossen.

»Du bist zu spät.«

»Du bist schuld.«

»Du hast versagt.«

»Feigling.«

»Du kannst uns nicht mehr retten.«

»Versager.«

»Das Ende ist gekommen, daran kannst du nichts mehr ändern.«

»Elender Feigling.«

»Du bist zu spät.«

Illyuzia öffnete ihre Augen. Sie befand sich gerade auf einer morschen Kellertreppe, den Körper hatte sie gegen die kalte und feuchte Wand gelehnt. Ihr war schwindelig. Sie schwankte, sie musste aufpassen, dass sie nicht die Treppe herunterfiel und sich das feine Genick brach. Sie musste erst mal ihre Gedanken sammeln. Wo war sie? Sie war doch gerade noch auf der Insel. Oder war das nur ein Traum gewesen? Alles war so seltsam. Sie hatte ihre schwarze, schwere Taschenlampe in der Hand, die nach unten schien. Doch das Licht reichte nicht aus, um diesen dunklen Gang zu erhellen. Sie stieg hinab in den Abgrund.

Die Wände waren so kalt wie Grabsteine auf einem Friedhof bei Nacht. Sie fühlten sich auch ekelhaft feucht an, so als würde sich auf der Betonfläche ein wässriger Film befinden. Illyuzia spürte auch einen modrigen Windzug, der in regelmäßigen Abständen vor und zurück ging. Fast so als würde der Gang atmen. Als würde sie sich im Schlund einer architektonischen, urzeitlichen Bestie befinden.

Bei jedem Schritt knarzte die Holztreppe fürchterlich. Sie hatte Angst, dass die Stufen einbrechen würden, dass sie in das scharfkantige Loch fiel und sich den Knöchel brach. Dann wäre sie gefangen, dann könnte sie nicht mehr fliehen. Sie schob diese düsteren Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf den Abstieg. Illyuzia überlegte, wie tief sie sich eigentlich schon befand. Ein paar dutzend Meter? Hunderte? Es war schwer zu sagen, sie hatte keinerlei Zeitgefühl. Alles fühlte sich gleich an. Es gab keine Orientierungspunkte, nichts an dem sie sich festhalten konnte. Nur das Knarzen der Stufen und der endlose Abstieg.

Nach einiger Zeit, sie wusste nicht wirklich, wie viel vergangen war, begann sich die Umgebung langsam zu ändern. Der Windzug wurde häufiger, stärker und der modrige Geruch nahm zu. Die Luft war beinahe tropisch, unerträglich warm. Illyuzias Kleidung klebte nass an ihren Körper, sie hechelte. Die Wände schwitzten förmlich, schwarzer Schimmel breitete sich an mehreren Stellen aus. Die Agentin hatte schon lange den Überblick verloren, wie viele Treppenstufen sie schon hinunter gestiegen war. Sie wusste nur, sie durfte nicht stoppen.

Nach weiteren hundert Stufen veränderte sich der Gang noch dramatischer. Die Temperaturen glichen nun der eines Ofen. In der Ferne konnte Illyuzia tiefen, fanatischen Gesang hören. Sie kam ihren Ziel immer näher. Sie schwitzte. Ihre Kleidung war nicht nur feucht, sie war nass, durchtränkt von salzigen Schweiß. Die Wände nahmen die Farbe von dunklen Rot an. Sie schaltete ihre Taschenlampe aus, der Gang glich nun einer Dunkelkammer. Eine Welt bestehend aus roten und schwarzen Tönen. Der Schimmel an den Wänden glich mehr parasitären Fleischhaufen, die sich in den Beton eingenistet hatten. Der Gesang wurde lauter und rhythmischer. Illyuzia konnte die Worte nicht ausmachen.

»Das ist alles nicht echt«, flüsterte sie zu sich selbst.

Ein widerwärtiger Geruch stieg ihr in die Nase. Verfaultes Fleisch, Rost, Wachs, Schweiß. Eine scheußliche Kombination, die ihr den Magen umdrehte. Ihr wurde schlecht, ihr Kopf schwankte, doch sie konnte das Ende bereits erkennen! Sie hatte es fast geschafft, die Stufen hörten bald auf. Die letzten paar Meter stolperte sie und fiel. Sie versuchte sich mit ihren Händen abzustützen, doch vergebens. Sie klatschte förmlich auf dem Boden auf. Sie stieß sich ihr Knie und schrammte sich die Ellbogen auf. Ihre Finger berührten etwas Widerwärtiges, es war feucht und klebrig.

Sie blickte auf und sah sechs Gestalten in Kutten, die um einen Altar versammelt standen. Auf dem steinernen Podest war ein kleiner Junge festgebunden, er schien nicht mehr bei Bewusstsein zu sein. Eine der verhüllten Personen hatte einen Dolch in seine Brust gerammt und hatte angefangen den Körper langsam aufzuschlitzen. Doch er sah Illyuzia und stoppte in seinem Tun. Die anderen fünf Gestalten richteten auch ihren Blick auf den Neuankömmling. Es verging ein Moment der Stille, dann stürmten zwei von ihnen voran und griffen sich Illyuzia. Sie protestierte und versuchte sich zu wehren, doch der Griff der Kultisten war zu fest. Sie hoben sie vom Boden auf und zogen sie zum Altar.

Die Leiche des Jungen wurde unachtsam weggefegt. Stattdessen packte man Illyuzia rauf und fesselte ihre Arme und Beine. Panik stieg in ihr hoch. Vor ihren Augen verschwamm alles, ihr war schwindlig und schlecht. Sie hatte das Gefühl sich gleich übergeben zu müssen. Die Kultisten kicherten einfach nur vor sich hin.

»Nein, nein, nein, nein«, flüsterte sie aufgebracht vor sich hin. Sie versuchte sich loszureißen, sie strampelte und zog und zehrte. Doch alles war vergebens. Und niemand konnte sie retten. Sie war allein, völlig allein. Kein MEK oder Feldagent war in der Nähe. Es gab nur sie. Und sie konnte niemanden erreichen.

Der Kultist mit dem Dolch zog seine Kapuze zurück und entblößte einen bleichen Totenschädel. Er war kein Skelettoid, er war irgendwann mal ein Mensch gewesen. Vor Illyuzia stand ein waschechtes, lebendes menschliches Skelett. Es starrte sie mit leeren Augenhöhlen an. Es deutete mit dem Finger seiner linken Hand, dass die Agentin still sein sollte. Dann lachte es. Illyuzia kam die Stimme bekannt vor.

Prig öffnete die Augen, ihn war ein wenig unwohl. Fast so als hätte er letzte Nacht zu sehr gefeiert. Es fühlte sich an wie ein Kater. Er musste sich erst einmal sammeln. Wo war er? Was machte er? Was war sein Ziel? Er schaute sich um, sah nach alter, verlassener Fabrik aus. Rostige Treppen und Gänge, überall Rohre und Tanks. Gelbe Leuchtstoffröhren gaben den Ort ein unheimliches Aussehen. Wind rauschte durch das leere Gebäude, in der Ferne klapperte Metall.

Prig erinnerte sich auch wieder, warum er hier war. Anhänger des Mistarkonic-Institutes hatten sich hier verschanzt, laut Informationen von Überwachungsagenten planten sie irgendein Ritual durchzuführen. Prig sollte sie aufhalten. War er dabei alleine? Ja … Nein … Er wusste es nicht so genau. Er war eigentlich noch ein Anfänger, ein grünschnäbliger Welpe. Sicherlich würde die Führungsebene ihn nicht ohne Unterstützung losschicken, oder? Er blickte in der gesamten Organisation noch nicht so durch. So viele verschiedene Abteilungen und Ebenen. So viel Neues. Er hatte in einem halben Jahr mehr gelernt, als in seiner gesamten Studienzeit auf der König-Edward-George-Universität in Kingsoath. Es war eine der renommiertesten Unis in ganz Georgezop, nur die Kinder der reichen Elite durften dort studieren. Eigentlich war für Prig eine Karriere als Jurist vorgesehen, doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm. Und um ehrlich zu sein, das Leben als Agent einer Geheimorganisation war weitaus spannender als in einer Kanzlei zu verstauben.

Er drehte sich um. Wo blieb bloß sein Partner? Oder war er doch allein? Egal, nicht so wichtig. Die Mission hatte Vorrang, schließlich wollte er seinen Arbeitgebern beeindruckende Ergebnisse präsentieren. Er schlich weiter, die Pistole im Anschlag. Er achtete auf jeden Schritt und jedes noch so kleine Geräusch. Eine Gefangennahme durch feindliche Kräfte könnte für ihn den Tod bedeuten, das gab der Sache eine gesunde Portion Druck.

Das Gitter unter ihn wackelte mit jeden Schritt, Rost rieselte dem Boden entgegen. In der Ferne konnte er schon einige Stimmen hören, die aufgeregt miteinander redeten. Er folgte dem Stimmwirrwarr und kam in einer Art Lagerhalle an. Von oben aus konnte er die Truppe sehen. Es waren fünf an der Zahl, einer von ihnen trug einen gelben Mantel, während die anderen Jeans und einfache Hemden an sich hatten.

Der Gelbmantel schien der Anführer der Gruppe zu sein. Er hielt ein braunes Buch, wahrscheinlich das Immatericon, in der linken Hand. Prig konnte nicht verstehen, was er da von sich gab, doch es schien sich um Anweisungen zu handeln. Die anderen Vier machten sich bereit und stellten sich auf ihre Positionen. Der Gelbmantel schlug das Buch auf und begann kryptische Formeln zu singen. Die Anderen fassten sich an ihre Köpfe und schwangen sie hin und her. Auch sie begannen mit tiefer Kehle zu singen. Prig hatte noch nie so eine seltsame Zusammenkunft gesehen. Was hatten diese Irren bloß vor? Er musste weiter beobachten, er musste genau hinsehen.

Nach einiger Zeit begann sich die Luft in der Mitte der Gruppe zu verändern. Sie waberte, dehnte sich aus und zog sich wieder zusammen. Irgendetwas schien dort Gestalt anzunehmen, beziehungsweise irgendetwas wollte in die Realität eindringen. Schwarzer Rauch stieg aus der wabernden Luft, begleitet vom Chor aus dem Irrenhaus. Prig ging geduckt näher heran, er lehnte sich vor. Er wollte einen besseren Blick auf das seltsame Schauspiel erhaschen.

In der Blase befand sich etwas. Es sah fast menschenähnlich aus, es hatte lange dünne Arme und Ziegenhörner. Es bewegte sich sich, streckte sich. Es wollte raus. Es wollte Gestalt annehmen. Prig war fasziniert, eigentlich sollte er jetzt einschreiten, doch sein Blick war auf die bevorstehende Geburt gebannt.

»Was wollen die bloß in unsere Welt bringen?«, fragte er sich leise selbst.

Er hörte Schritte hinter sich. Hatte einer der Kultisten sich etwas von hinten an ihn angeschlichen. Erschrocken drehte Prig sich um, den Finger am Abzug, bereit zu schießen. Doch statt in die irre Fratze eines Mistarkonic-Anhängers zu blicken, sah er nur das alte Gesicht von Seth. Erleichtert atmete er aus.

»Du hast mich aber erschreckt. Ich hab die Typen gefunden. Wenn du soweit bist, können wir den Spuk ein Ende bereiten«, sagte er zu seinem Partner.

Doch der entgegnete nichts, sondern stand einfach nur da. Der Blick war leer, die Schultern hingen schlaff hinunter. Er schien völlig weggetreten zu sein.

»Seth?«, fragte Prig besorgt, »Alles okay? Du siehst nicht gut aus, bisschen blass um die Nase. Geht es dir gut? Hast du was …«, den Satz konnte der junge Anfängeragent nicht beenden. Seth stürmte auf einmal auf ihn zu und schubste ihn mit voller Kraft gegen das Gelände. Prig taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel hinunter.

»Was zum …«, flüsterte er völlig entgeistert.

Währenddessen lachte Seth, doch dieses Lachen klang hohl, so als würde es nicht aus dem Inneren seines Körpers kommen. Prig fiel genau in das Ritual hinein. Ein brennender Schmerz durchfuhr ihn, es fühlte sich an, als würde sein Körper einfach verbrennen. Blitze und helles Licht zuckten vor seinen Augen. Er hörte nicht die verwirrten Rufe der Kultisten, er hörte nicht einmal seine eigenen Schreie. Seine gesamte Welt bestand nur noch aus grellen Licht und Schmerz. Sein Körper verformte sich, zerfiel und begann sich mit dem beschworenen Wesen zu verschmelzen. Prig hörte eine Stimme in seinem Kopf, eine innere. Auch sie schrie vor Schmerzen. Sie war mit dem Prozess alles andere als einverstanden. Prig spürte, wie jedes Teilchen in seinem Körper auseinandergerissen wurde. Er wurde neu gebaut, neu geformt. Der Eindringling verschmolz mit ihm.

Neue, fremde Gedanken machten sich in seinem Kopf breit. Ein neues, fremdes Bewusstsein nistete sich wie ein Parasit in ihn ein. Seine Seele verband sich mit der Seele des Wesens. Aus Zwei wurden Einer. Beide schrien synchron mit einer gemeinsamen Stimme.

Rookie wachte mit einem dröhnenden Schädel auf. Es schmerzte. Es fühlte sich an, als hätte sie sich irgendwo den Kopf angeschlagen. Sie massierte sich die Schläfen. Wo war sie nur? Sie schaute sich ihre Umgebung an. Ein Wald, umhüllt von dichtem Nebel. Nichts davon kam ihr bekannt vor. Wie war sie bloß hierher gelangt? Hatte sie sich verlaufen? Sie richtete sich langsam auf, ihr Knöchel schmerzte. Sie strich sich das dreckige, feuchte Laub von ihrem blauen Kleid, was ihre Mutter Sara für sie genäht hatte. Hoffentlich hatte es kein Riss.

Rookie versuchte abzuschätzen, wie spät es eigentlich war. Doch sie konnte aufgrund des Nebels die Sonne nicht wirklich erkennen. Es war noch hell draußen, so viel war sicher. Sie sollte sich beeilen nach Hause zu kommen, bevor es dunkel wurde. Mutter Sara sagte immer, dass sich nachts die Kinderfänger mit ihren schwarzen Bluthunden herumtreiben. Sie waren böse, abscheuliche Menschen, die junge, wehrlose Nekos entführten, um sie für viel Geld zu verkaufen. Mutter Aisha behauptete manchmal, dass die Kinderfänger gar keine richtigen Menschen seien, sondern nur Halbmenschen. Sie kannten keine Moral, kein Mitgefühl und keine Liebe. Für sie gab es nur Gier, Hass und Zorn. Sie lebten am Rande der Gesellschaft und wurden von den richtigen Menschen meistens nur geduldet. Die Kinderfänger waren Aussätzige, oftmals geplagt von Krankheiten und Deformierungen. Sie waren einsam, hassten sich selbst und andere. Ihre einzigen Freunde waren die inzestuösen Hunde, die sie sich hielten. Wie der Herr, so das Gescherr.

Rookie wollte nicht in die Hände dieser Kreaturen fallen. Sie wollte einfach nur noch nach Hause. Langsam fröstelte es ihr auch, sie hatte schließlich nur ihr Kleid und die dünnen Lederstiefel an. Der Nebel entzog ihr auch jegliche Wärme. Aber vielleicht fröstelte sie auch aus Angst. Der dichte, weiße Dunst dämpfte jedes Geräusch und machte es völlig unmöglich mehr als ein paar Meter weit zu sehen. Die Bäume machten ihr auch Angst, mit ihren dünnen, leeren Ästen. Sie sahen tot aus und im Nebel nahmen sie die Gestalt von Monstern an.

Sie wanderte eine Zeitlang ziellos umher, die Arme aus Angst eng an ihre Brust geschmiegt. Ihr Magen knurrte langsam bekam sie Hunger. Sie wollte nur noch Hause, in die Arme ihrer liebenden Eltern. Doch wo war der Ausweg? In der Ferne konnte sie etwas erkennen. Es sah nach einer kleinen Behausung aus, vielleicht der Sitz eines Försters oder Holzfällers. Sicherlich konnte der Bewohner ihr weiterhelfen. Sie rannte dort hin, sprang über Wurzeln und wich Ästen aus. Als sie ankam, schlug ihre Hoffnung in Enttäuschung um. Das Haus, das sie von Weitem gesehen hatte, entpuppte sich als eine verlassene, heruntergekommene Bruchbude. Es waren mehrere kleine Gebäude. Ein Hütte mit Wellblechdach, ein leerer, verfallender Hühnerstall und rostige Käfige.

Wohnte hier überhaupt noch jemand? Sie entschied sich, erst mal hinein zu gehen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Das Innere des Hauses bestand nur aus einem einzigen Zimmer. Einem ziemlich dreckigen. In der Mitte stand ein größer Tisch, vollgepackt mit Geschirr. In der rechten Ecke befand sich ein ungemachtes Bett. Links war eine kleine Küche, die auch bessere Tage gesehen hatte. Von der Decke hingen tote Eichhörnchen und Hasen. Der Geruch von faulen Fleisch drang in Rookies feine Nase. An der hinteren Wand waren Hirschschädel aufgehangen worden. War das, das Zuhause eines einsamen Jägers? Die Unordentlichkeit und der Verfall deuteten daraufhin, dass der Ort eigentlich verlassen war. Doch die erjagten Nager wiesen auf das Gegenteil hin. Sie hingen noch nicht allzu lange da.

Rookie hörte plötzlich Fußspuren draußen. Schwere Schritte. Hecheln. Jemand schien nach Hause zu kommen. Das kleine Mädchen suchte panisch nach einem Versteck. In ihrer Not zwängte sie sich unter das Bett und zwar gerade noch rechtzeitig. Die Tür sprang auf und eine massive Gestalt betrat den Raum. Rookie stockte der Atem. Die Person war in dreckigen Laken und Umhängen gehüllt. Ein breitkrempiger Hut und ein rauer Wollschal verdeckten das Gesicht, nur orange leuchtende Augen lugten hervor. Er hielt in der rechten Hand eine Leine, daran war ein … Hund … befestigt. Rookie glaubte, dass es ein Hund war, aber es sah nicht so aus.

Es war eine schwarze, unförmige Masse mit tausend roten Augen. Gliedmaßen bildeten sich immer wieder aus dem Körper. Mal hatte es fünf Beine, mal sechs und dann zehn. Mäuler mit spitzen, nadelartigen Zähnen kamen und verschwanden wieder. Das Ding gab hechelnde Geräusche von sich. Es war eine Abscheulichkeit, eine Ausgeburt der Hölle.

Rookie begann zu wimmern. Sie war in das Haus eines Kinderfängers geraten. Und die wahre Natur dieser Kreaturen war noch viel schlimmer als die unzähligen Geschichten über sie.

Der Mann kam näher, er schien etwas zu wittern. Er marschierte zum Bett, Rookie drückte sich regelrecht an die Wand. Sie konnte seine dreckigen, mit Schlamm bedeckten Stiefel sehen. Der Hund lief aufgeregt durch das Zimmer, auch er witterte etwas. Seine Nase schnupperte in der Luft. Rookie hielt sich die Hand vor dem Mund. Sie hatte Angst, dass selbst ihr Atem sie verraten könnte. Sie flehte, dass die beiden Abscheulichkeiten sie ignorieren und dass sie einfach verschwinden würden. Doch nichts davon geschah. Der Mann stand weiterhin vor dem Bett.

Plötzlich kniete er sich hin und schaute unter das Möbelstück. Rookie fuhr das Herz mit Schallgeschwindigkeit in den Unterleib. Der Kinderfänger packte das Bett und schmiss es zur Seite. Rookie schrie vor Angst. Der Mann umschloss mit seiner kalten Hand ihren dünnen Hals, sie schluchzte und weinte bitterlich. Ihre Beine strampelten in der Luft. Der Hund sprang aufgeregt hin und her, er leckte sich hungrig die Zähne.

Der Fänger schmiss Rookie auf dem Boden, sie versuchte davonzulaufen, doch die Kreatur war schneller und stürzte sich sofort auf sie. Die junge Neko riss ihren Arm hoch und schloss die Augen. Sie wollte ihr blutiges Ende nicht mitansehen.

Seth schlug die Augen auf. Er war wieder auf der Insel, er war wieder ein Söldner für DMT. Neben ihn stand der ehrenwerte Vorsitzende dieses Unternehmens, Florian J. J. Darks. Der starrte gebannt auf etwas Leuchtendes. Seth folgte seinen Blick. Das Portal. Das Portal war geöffnet. Hinter den beiden war die Menge aus Wissenschaftlern, Quacksalbern und einfachen Mitarbeitern versammelt. Auch sie starrten verblüfft auf das Wunder. Doch eine Sache fiel Seth deutlich auf: Wo war Reynold? Sollte er nicht auch hier sein? Wo war er?

Darks legte seine Hand auf die Schulter von Seth. Der Söldner spürte den eisernen Griff seines Bosses. Wer hätte gedacht, dass solch ein Bleistiftschubser so stark ist.

»Hast du mich vermisst, Seth?«, fragte der Unternehmer.

»Wie meinen, mein Herr?«

Darks drehte seinen Kopf langsam zu Seth. Die Brillengläser verbargen seine Augen, seine Miene war völlig ausdruckslos.

»Du hast mich schon richtig verstanden. Hast du mich vermisst?«

»Ich … Ich verstehe nicht …«, Seth begann zu schwitzen. Irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas stimmte ganz gewaltig nicht.

»Seth, Seth, Seth. Armer, verwirrter Seth. Du hast absolut keinen Plan, was hier gerade vor sich geht, oder? Wahrscheinlich glaubst du, du befindest dich gerade in der Vergangenheit, nicht wahr?«

»Ich … ähm …«

Alles wurde still, die umstehenden Personen verschwanden plötzlich. Es waren nur noch Seth und Darks anwesend. Das Portal waberte und leuchtete ominös vor sich hin. Der Vorsitzende starrte weiterhin unnachgiebig seinen Gesprächspartner an, er wandte den Blick für keine einzige Sekunde ab.

»Das ist bereits das zweite Mal, dass du mir ein Stock in meine wundervolle Maschine schmeißt. Ich habe so lange darauf gewartet, dass du wieder zu mir findest. Wie lange habe ich nur gewartet? Endlose Jahre … Hast du überhaupt eine Ahnung, was du eigentlich angerichtet hast?«, die Stimme donnerte durch die Halle.

Plötzlich veränderte sich die Umgebung, alles sah verfallen aus. Das Portal war zertrümmert, die Teile lagen über den Boden verstreut.

»Verstehst du, Seth? Du bist jetzt mein Gefangener, für immer. Deine kleinen Freunde … die werde ich brechen, sie werden mir gehorchen. Sie werden meine Diener sein. Deine Freunde werden vor mir niederknien und mich als ihren einzig wahren Gott akzeptieren. Sie werden glücklich in meinem Paradies leben, welches nun ungestört sein kann. Sie werden dienen und unterwürfig sein und sie werden es mögen. Aber für dich, Seth … Für dich hab ich ein anderes Schicksal parat. Du bist mir nun oft genug in die Quere gekommen. Oft genug hast du es gewagt deine verrottete Visage hier zu zeigen. Du hast oft genug meine Pläne RUINIERT! Seth … Ich werde keine weiteren Einmischungen mehr von dir dulden. DU warst mir lange genug ein Dorn im Auge. Für dich habe ich ein Schicksal geplant, das schlimmer als die Hölle ist. Ich werde dich unvorstellbare Qualen erleben lassen. Für immer und ewig. Jede Minuten in der echten Welt können für dich tausend Jahre sein. Seth … was wird mir das für eine Freude sein dich leiden zu sehen. Ich kann jede deiner Ängste beschwören, ich kann dich jedes vergangene Trauma erleben lassen. Die Möglichkeiten sind quasi … endlos

Seth blinzelte. Langsam verstand er, was hier vor sich ging. Langsam begann die vom Lord aufgebaute Illusion zu brechen. Er war manipuliert, ausgetrickst worden. Er erinnerte sich wieder daran, was vor wenigen Augenblicken passiert war. Er erinnerte sich wieder an die Konfrontation zwischen der Truppe und den Lord. Der Agent ballte seine Faust, holte aus und schlug den schmächtigen Unternehmer mit voller Wucht in das gepflegte Gesicht.

Darks taumelte zurück, sein Kopf hing wie ein nasser Sack nach unten. Er griff mit der rechten Hand an den oberen Teil seines Gesichts und begann daran zu ziehen, die Brille fiel auf dem Boden und zersplitterte in kleine Teile. Seth hörte ein widerliches Geräusch von reißenden Fleisch, er schaute angewidert weg. Wenige Augenblicke später stand Darks aufrecht vor ihm, die menschliche Maske hing schlaff und leblos in der rechten Hand. Hinter dem Kostüm offenbarte sich der Totenschädel des Lords, der Seth hämisch angrinste.

»Ich wusste doch, dass hier irgendetwas faul ist!«, rief er erbost. Er machte sich bereit und nahm eine Kampfposition ein.

»Was soll das, Seth? Glaubst du«, der Lord kicherte, »Glaubst du, wirklich dass du mich HIER besiegen kannst? Auch noch durch einen einfachen Faustkampf? Seth … das meinst du doch nicht Ernst, oder? Ich mein«, er lachte, »Ich mein, du bist hier gefangen. Ich habe die Kontrolle hier! Das ist meine Welt! Meine Gesetze, meine Regeln! Du scheinst, das immer noch nicht verstanden zu haben, oder? Soll ich es dir noch einmal demonstrieren?«

Der Lord schnippte und sofort sprangen Eisenketten aus dem Boden, die sich an Seths Hände fesselten und ihn mit einem üblen Ruck zu Boden zogen, so dass der Agent auf die Knie gehen musste. Er schrie vor Schmerzen auf.

»Seth … Ich kann hier alles tun, was ich will und es gibt nichts, was du dagegen unternehmen kannst. Du bist mein Sklave und ICH dein Meister. Dein GOTT!«

»Kannst du dieses pseudoreligiöse Geschwafel endlich mal abstellen? Das geht mir ziemlich auf den Sack, um ehrlich zu sein. Leg mal eine andere Platte auf. Ja, ja, ich habe es ja verstanden. Du bist Gott. Bla bla bla. Das wird langsam ziemlich langweilig. Jedes Mal erzählst du die selbe Scheiße. Ich kann es nicht mehr hören«, beschwerte sich Seth lautstark.

»Du spuckst hier ziemlich viel Gift für jemanden, der in Ketten liegt. Anscheinend muss ich dir noch mehr Lektionen erteilen. Anscheinend war ich noch viel zu sanft …«

»Und tu mir noch einen Gefallen, wenn wir schon mal dabei sind. Hör auf dich ständig zu wiederholen. Immer die gleichen Drohungen und Versprechen von Folter, lass dir mal etwas Besseres einfallen. Besuch mal einen Rhetorikkurs, vielleicht kannst du dann überzeugendere Reden schwingen.«

»Du wagst es …!«

»Verschone mich bitte mit deinen kindischen Wutausbrüchen. Ich habe Dreijährige gesehen, die furchteinflößender waren. Du dämliche Lachnummer.«

Der Lord schnappte nach Luft. Die Wut stieg in ihn hoch, die Frustration wuchs. Der Gefangene wollte nicht so, wie er es sich vorstellte. Eigentlich sollte er vor Angst beben und um Gnade winseln, stattdessen … stattdessen hatte er den Nerv, sich über den Lord lustig zu machen und ihn Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

»Ich werde … Ich werde dich Höllenqualen leiden lassen! Du wirst brennen! Brennen, sag ich!«, rief der Lord mit donnernder Stimme.

»Kumpel, ich lebe seit fast zwei Jahrhunderten auf diesen Planeten. Ich hab schon so einiges gesehen und erlebt. Ich habe in unzähligen Kriegen gekämpft. Ich habe mehr Leute umgebracht, als ich Haare auf dem Rücken habe. Ich habe treue Freunde und geliebte Menschen verloren. Meine gesamte Familie existiert nicht mehr. Glaub mir, ich weiß, was Leid ist. Du hast die letzten Jahre auf deiner kleinen Insel gehockt und darüber geweint, dass niemand dein Freund sein möchte. Du bist nichts weiter als ein kleiner, einsamer Wicht mit einem Gottkomplex und einen viel zu großen Ego!«, spuckte Seth dem Lord entgegen.

»Du … Du wagst … Du wagst es …«

»Eilmeldung: Stottern wird zusammen geschrieben.«

»Ich … Ich … Ich werde dir deine schlimmsten Alpträume präsentieren!«

»Na und? Passiert gerade schon. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als deinem endlosen Gerede noch eine Sekunde länger zuhören zu müssen. Du langweilst mich hier zu Tode.«

»Du …«

»Mach es bitte kurz. Ich hab schon Ohrenschmerzen von dem ganzen Gerede.«

»Das …«

»Gehen dir langsam die Ideen aus, was du mir noch an den Kopf schmeißen kannst? Ist dein Repertoire schon aufgebracht? Munition schon verschossen? Hast du kein Ass mehr im Ärmel?«

»Das wirst du …«

»Ich langweile mich hier wirklich. Ich könnte gleich einschlafen. Ich …«

»Genug … Genug! Genug, genug, genug!«, der Lord stampfte mit seinem Fuß auf dem Boden, »Ich habe genug gehört! Halt dein Maul! Halt einfach dein Maul! Schweig. SCHWEIG! Du hältst dich für den Größten, aber das bist du nicht! Ich habe hier das Sagen! Ich bin GOTT! GOTT sage ich! ICH! ICH! ICH BIN GOTT! Für dich ist das alles nur ein Scherz, oder? Halt einfach dein dreckiges Maul!«, in der Stimme vom Lord schwang etwas Weinerliches mit.

»Fängst du gleich an zu heulen?«

»Du wirst jetzt sterben! Da wird jetzt nicht mehr diskutiert. Du wirst JETZT draufgehen!«, schrie der Lord voller Verzweiflung.

»Wurde aber auch Zeit«, Seth rollte mit den Augen.

Die Ketten zogen ihn noch mehr zu Boden. In der Hand des Lords erschien eine schwere Axt.

»Du hast dich das letzte Mal über mich lustig gemacht. Ich werde dem jetzt ein Ende bereiten«, kündigte er an.

Seth drehte den Kopf zu ihn hoch. War das jetzt wirklich das Ende? Hatte er es zu weit getrieben? Nun, wenigstens hatte er Spaß dabei gehabt. Manche Dinge musste er einfach loswerden. Dafür kann man auch schon mal draufgehen. Der Lord stellte sich in Position und hob die Axt in die Luft.

»Irgendwelche letzten Worte?«, er spie jedes Wort einzeln aus.

Seth schwieg. Tut mir leid, Rookie und Augustina. Ich hab es vermasselt, dachte Seth. Der Lord zuckte mit den Schultern und ließ das Beil herabsausen. Doch kurz bevor es den Kopf des Agenten von seinem Hals trennen konnte, stoppte es. Seth schaute hoch und sah, dass ein alter Bekannter ihn gerade gerettet hat. Der Lord sah verwirrt zu dem Eindringling und wollte etwas sagen, doch Advocatus riss ihm die Axt aus der Hand und schmiss sie mühelos zur Seite, dann packte er den schmächtigen Kerl am Hals und schleuderte ihn gegen die nächste Wand.

Komme ich zu spät?, hallte die unwirkliche Stimme Advocatus.

Seth massierte sich erst mal die Handgelenke und den Nacken. Die Position war doch ziemlich unbequem gewesen.

»Keine Sekunde«, antwortete er mit einem Lächeln.

»Narren, Narren, NARREN!«, kam es aus der Ecke.

»Knochenmann, ich glaube, da ist jemand richtig angepisst.«

»Was denkt ihr, wer ihr seid? Ihr wollt einen Gott stürzen? Nicht mit mir!«

Keine Sorge, Seth. Ich habe das unter Kontrolle, versicherte ihn Advocatus.

Der Lord grummelte wütend vor sich her, während er Schutt und Gestein von seinem Anzug strich. Seine Geduld war am Ende. Noch nie hatte jemand gewagt, den Lord so schlecht, so respektlos zu behandeln. Er war wütend, er war extremst wütend. Am liebsten hätte er die beiden Molekül für Molekül auseinandergenommen. Er wollte sie schreien hören, er wollte sie leiden sehen. Er …

Advocatus raste auf ihn zu, packte ihn an den Schultern und drückte ihn gegen die Wand. Der Gesichtsausdruck des Lords zeigte Verwirrung und Ungläubigkeit.

»Was soll das? Das … Das ist doch … Lass los!«

Überrascht? Du glaubst, du bist so mächtig. Dabei bist du ein Nichts. Nichts weiter als Zaubertricks. Illusionen. Schall und Rauch.

»Ich … Ich bin ein GOTT! GOTT!«

Du bist ein Hochstapler, der sich für ein Gott hält. Deine Kräfte sind nichts Besonderes. Ich habe schon Besseres gesehen. Du? Du bist bloß eine Lachnummer. Du bist nicht besser als ein Hobbyzauberer. Deine Illusionen mögen für das ungeschulte Auge ganz beeindruckend sein, doch mich lässt das kalt. Du willst den Leuten ihre Ängste und Alpträume zeigen? Wie wäre es, wenn ich dir zeige, wie man das richtig macht?

Advocatus packte mit seinen Händen den Schädel des Lords und zog ihn nah an sich heran.

Schau in meine Augen.

»Nein … Nein, bitte«, wimmerte der Lord. Doch es nützte nichts, sein Blick fiel in die leeren Höhlen. Plötzlich befand er sich in einem dunklen Raum. Alleine. Ein Scheinwerferlicht fiel auf ihn.

»Wo bin ich hier?«

Du bist nun in meiner Gewalt, hallte eine Stimme aus allen Richtungen.

Armer, armer Reynold. Dein ganzes Leben bist du nun schon auf der Flucht. Vor dem Gesetz, vor deinen Ängsten und … vor deiner Familie.

»Hör auf … Hör auf!«

Eine Stimme flüsterte leise neben seinen Kopf: Du konntest es nie ertragen, dass dein Vater dich verstoßen hat, nicht wahr? Nachdem er erfuhr, was du wirklich bist, wollte er nichts mehr von dir wissen. Stimmts oder habe ich recht? Er hielt dich für eine Missgeburt. Für eine Hexe. Am liebsten hätte er dich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der Lord befand sich wieder in seinem Heimatdorf, damals als er gerade einmal zwölf Jahre alt war. Sein Vater war ein strenger, erzkonservativer Bauer. Ein Hüne, im Gegensatz zu seinem kleinen, schwächlichen Sohn. Und er musste ihn das immer wieder vor Augen führen. Er wurde wegen jeder Kleinigkeit bestraft. Er vergaß die Kühe zu füttern, es gab Prügel. Er vergaß seine Stiefel zu putzen, es gab Prügel. An manchen Tagen konnte er kaum aufrecht stehen, so sehr schmerzte es. Seine Mutter half ihn nicht, sie hatte viel zu viel Angst vor ihrem Ehegatten. Er war dominant, sie war eingeschüchtert und dazwischen befand sich ihr Sohn und vier weitere Geschwister. Aber aus irgendeinen Grund hatte der Herr des Hauses einen Narren an Reynold gefressen. Wahrscheinlich wusste er, dass sein zwölfjähriger Sohn anders war. Und eines Tages fand er auch heraus, was mit ihm nicht stimmte.

»Was soll das? Warum zeigst du mir Schatten der Vergangenheit?«, fragte der Lord.

Ich spüre, dass dich diese Bilder innerlich aufwühlen. Du hast dieses Trauma nie verarbeitet, nie einen Schlussstrich gezogen. Du bist geflohen, weil Daddy keinen Magier als Sohn haben wollte. Was hätte er noch getan? Hätte er dich erschlagen? Oder hatte er zu viel Angst vor dir? Fürchtete er sich vor dem Unnatürlichen? Was wohl deine Mutter und deine Geschwister dachten …

»Sei ruhig!«, zischte er.

Der Lord hörte etwas. Schläge, Schreie, Weinen. Er erinnerte sich wieder an diesen Tag. Sein Vater fand heraus, dass er magisch begabt war. Dabei hatte er doch nichts Schlimmes getan! Er hatte nur einen Topf kraft seiner Gedanken hochgehoben. Er wollte doch nur etwas experimentieren! Niemand war dabei zu Schaden gekommen! Niemand wurde verletzt! Warum war er dafür bestraft worden? Er war doch nur ein unschuldiges, kleines Kind gewesen …

Du flohst in die Wälder, schlugst dich als gemeiner Dieb durch, schliefst unter einer Brücke. Du lebtest wirklich von der Hand in den Mund. Später übernahmst du Aufträge von kriminellen Banden. Morde, Diebstähle, Einbrüche, Einschüchterungen. Für nichts warst du dir zu schade. Für die Gesellschaft warst du ein Ausgestoßener, also benahmst du dich auch so.

»Klagst du mich etwa an, Biest?«

Das Dorf verschwand und dem Lord wurde eine Erinnerung aus seinem Gedächtnis präsentiert, die er eigentlich unter Verschluss halten wollte. Er sah sich selbst und eine Mutter mit ihrem Kind. Beide hatten sich ängstlich an eine Wand gepresst, die Frau hielt ihren Sohn krampfhaft umschlossen. Sie war eine wohlhabende Dame und Reynold war gerade knapp bei Kasse. Die Frau hatte eine weiße Perlenkette und Ringe mit Edelsteinen, solch eine Gelegenheit konnte er sich doch nicht entgehen lassen. Seine Hand war von Flammen umhüllt. Für einen kurzen Moment hatte er noch Gewissensbisse, doch diese verschwanden schnell. Er schlug zu. Bis die Schreie verstummten. Um das weinende Kind kümmerte er sich auch. Er sammelte die kostbaren Schmuckstücke auf und verschwand in der dunklen Gasse.

War das wirklich notwendig? Die Mutter UND das Kind?

»Ich brauchte das Geld. Und die Alte hatte doch genug davon. Sie konnte jeden Tag fressen. Ihr war warm, sie musste niemals frieren. Sie kannte keinen Hunger, keine Sorgen, keine Ängste. Warum ist es so verwerflich, dass ich mir davon etwas nehme? Außerdem habe ich längst solche sterblichen Belange abgelegt. Die Person, die du mir zeigst, existiert nicht mehr!«

Lüg dich ruhig weiter an. Tief in deinem Inneren steckt noch dein altes Ich. Du hast es zwar tief begraben, aber es nie auslöschen können. All die Verbrechen, all die Schandtaten, die du begangen hast, kleben an dir wie schwarzer Teer. Solche Sachen verschwinden niemals. Sie bleiben haften. Du kannst dich im Gewand eines Gottes kleiden, aber du bleibst immer Reynold.

Reynold der Verstoßene.

Reynold der Dieb.

Reynold der Mörder.

»Sei ruhig! Schweig still!«

Du solltest erkennen, dass du hier keine Macht hast. Du kannst mich nicht kontrollieren, ich habe hier das Sagen. Deine Befehle können mich mal.

»Weißt du überhaupt mit wem du es zu tun hast?«, der Lord stampfte mit dem Fuß auf dem Boden.

Ja. Mit einem gebrochenen Scharlatan, der sich für einen Gott hält.

»Nein … NEIN!«

Du magst es nicht, wenn man dir deine Wurzeln zeigt, nicht wahr? Du magst nicht daran erinnert werden, wer du warst und woher du kamst. Du willst deinen Gottkomplex ausleben. Du willst den Leuten beweisen, dass du mehr bist als die traurige Gestalt namens Reynold.

»Hör auf!«

Die Wahrheit ist aber … du warst nie jemand anderes. Selbst als der Lord warst du immer noch die selbe Person. Nur in neuen Kleidern. Doch selbst dieses Gewand konnte nie ganz die Wahrheit verdecken. Du musstest andere tyrannisieren, um dich stark zu fühlen. Du musstest andere leiden lassen, um dein eigenes Leid zu vergessen. So wie du behandelt wurdest, hast du dann andere behandelt. Aus dem unschuldigen Magierkind wurde ein ruchloser Tyrann, der sich für ein allmächtiges Wesen hielt.

»Nein, das stimmt nicht! Ich gab den Leuten ein Zuhause! Ein Paradies!«

Red dir das weiter ein. Sag mal, erinnerst du dich noch an den Tag, an dem du verbranntest?

»Wage es nicht …«, knurrte der Lord.

Eine unsichtbare Hand packte ihm am Unterleib und zog ihn hoch. Schnell verschwand die Gasse und alles wurde wieder dunkel.

Kannst du dich noch daran erinnern?

»Nein!«

Weißt du noch, was du gesehen hast?

»Nein, nein …«

Kein Problem, ich zeige es dir.

Der Lord schwebte nach oben, vorbei an Sternen, Planeten und Galaxien. Er schwebte höher und höher, bis er die Grenzen des Universums durchbrach. Es fühlte sich an, als würde man ihn auseinanderreißen. Er kannte dieses Gefühl nur allzu gut, schließlich hatte er es schon vor unzähligen Jahren erlebt. Er verließ sein Universum. Alles war nun in unendliche Ferne gerückt. Er befand sich nun zwischen den Räumen, er war gefangen zwischen dem Materium und dem Immaterium. Er gehörte weder zum einen noch zum anderen.

Reynold, du nennst dich einen Gott, doch du hast keine Ahnung, was das überhaupt bedeutet. Ich bin fest davon überzeugt, dass du diesen Begriff nicht ganz verstanden hast. Du bist ein Gott, wie sich nur ein Narr ihn vorstellen würde. Du bist eine imperfekte Version, ein Abklatsch, eine Parodie. Nur weil du ein wenig mächtiger bist als der gemeine Sterbliche, macht das dich noch lange nicht zu einem Gott. Dafür bedarf es schon mehr.

»Nein …«, winselte der Lord schwach.

Advocatus packte ihm am Kopf und zwang ihn nach oben zu schauen. Er sagte mit flüsternder Stimme: Sieh, Reynold. Das sind wahre Götter!

Und der Lord sah, er sah die abscheulichen Gestalten, die das Immaterium ihr Zuhause nannten. Er sah diese wahrlich titanischen Wesen, unbeeindruckt von Zeit und Naturgesetzen. Und der Lord sah noch etwas weiteres, etwas kam auf ihn zu. Es war ein schwarzes Schiff in Gestalt einer gewaltigen Kathedrale, größer als ganz Terra. Der Lord begann zu zittern und zu beben.

Kennst du ihn etwa?

»Bitte … Bitte nicht … Ich flehe dich an, bitte nicht.«

Das Schiff kam näher und näher.

Wer ist es?

»Ich kann … nicht …«

Das Schiff hatte die beiden fast erreicht.

Sag es mir.

»Er … Er ist der König. Der, der seinen Schatten auf die Existenz wirft …«, der Lord verspürte große Angst. Er wollte weg von hier.

Fürchtest du ihn?

»Ja … JA! Es gibt nichts, was ich mehr fürchte!«

Der Lord hörte Posaunen und Fanfaren. Er hörte das Raunen und Pulsieren des Schiffes.

»Bring mich hier weg! BRING MICH HIER WEG! ICH WILL WEG! WEG!«, schrie er angsterfüllt.

Dein Wunsch ist mir Befehl, antwortete Advocatus befriedigt.

Er packte den Lord am Rücken und schleuderte ihn zurück ins Materium.

Der Aufprall war heftig.

Seth fasste sich am Kopf. Er grummelte: »Gott, Alter. Schmerzt das. Fühlt sich nach vier Flaschen verdorbenen Whiskey an. Au, mein Schädel. Ich saufe nie wieder …«

Er schaute sich um, er befand sich wieder im Loch. Xyr, Illyuzia und Prig wachten auch mit grummelnden Lauten aus ihren Träumen auf. Sie alle lagen am Boden.

»Leute, ihr werdet mir nie glauben,was mir gerade passiert ist …«, stöhnte Xyr.

»Brüll hier nicht so herum! Mein Kopf explodiert gleich … Was war das für eine Scheiße?«, entgegnete Prig.

»Gott, ist mir gerade schlecht … Ich glaub, ich muss … «, Illyuzia übergab sich.

»Es war alles nur ein Traum … Moment mal, wo ist Rookie? Rookie? Geht es dir gut?«, rief Seth.

»Ja … Ja, keine Sorge. Ich bin hier … Hab nur Kopfschmerzen …«, antwortete sie. Auch sie lag am Boden, streckte sich gerade und massierte ihre Schläfen. Seth atmete erleichtert aus.

»Kann mir irgendeiner freundlicherweise erklären, was hier eigentlich gerade passiert ist?«, fragte Prig genervt.

»Ich glaube, man hat uns gewaltig hinters Licht geführt. Verdammte Scheiße«, vermutete Seth.

»Wie konnte das nur passieren, wir sind doch besser als so was?«, sagte Xyr.

Alle erhoben sich stöhnend von der Erde. Die Gelenke schmerzten, die Glieder brannten. Es fühlte sich an, als hätten sie tagelang bewegungslos auf dem Boden gelegen. Und es war ein ziemlich unbequemer und harter Boden. Seth half Rookie auf, sie strich sich dem Schmutz von ihrem Outfit.

»Das war ‘ne wilde Fahrt, oder?«, fragte er sie mit väterlichem Ton.

»Das kannst du laut sagen, Oldtimer. Sag mal, wo ist der Kapuzenmann?«

Der Lord lag einige Meter kauernd auf dem Boden von ihnen entfernt. Er winselte und schluchzte. Seine Kapuze war zurückgeworfen. Die Truppe näherte sich ihn mit Vorsicht.

»Na, sieh mal einer an. Der allmächtige Lord liegt heulend wie ein benutztes Handtuch herum. Welch ein ergötzender Anblick«, spottete Seth.

Reynold richtete sich auf und zeigte mit dem Finger auf die Gruppe.

»Geht weg! Geht weg! Ich warne euch! Kommt keinen Schritt näher, sonst …!«

»Sonst was? Schickst du uns wieder in deine kleine Alptraumwelt? Ich glaube, Advocatus hat dir dort ‘ne ordentliche Abreibung verpasst. Ich hätte das nur allzu gerne gesehen«, sprach Seth.

»Der Typ«, fuhr Prig fort, »war für diese Halluzinationen verantwortlich? Ehrlich? Der ist ja bloß ein klapperndes Skelett! Das soll dieser allmächtige Gott sein?«

»Hört auf! Ich befehle es euch!«

»Ich hab ehrlich gesagt, auch etwas Furchteinflößenderes erwartet«, gab Xyr zu.

»Nicht gerade ein beeindruckender Anblick«, fügte Illyuzia zu.

»Da gebe ich euch recht. Ich habe unter meiner Couch schon gruseligere Sachen gesehen«, schloss Rookie ab.

Die Gruppe hatte den Lord nun endgültig umzingelt.

»Kommt nicht näher! Wagt es nicht!«

»Wie wäre es, Freunde … wenn wir dem Lord eine Lektion erteilen?«, fragte Seth.

»Ich fang an«, er schlug dem Lord mit seiner Feuerfaust mit voller Wucht ins Gesicht. Teile des Schädels brachen, Zähne flogen durch die Luft. Rookie verpasste ihn eine Tritt gegen den Kopf. Prig nahm seine Arm und brach ihn. Auch Illyuzia und Xyr schlugen heftig zu. Der Lord lag am Boden, nichts weiter als eine zertrümmerte Existenz.

»Wie … Wie könnt ihr … es wagen? Ich bin … Ich bin der LORD! Ein … Ein … Gott. Ihr werdet dafür … büßen. Das schwöre … ich! Büßen!«, keuchte er.

»Ihre Regentschaft ist hiermit beendet, mein Lord«, Seth verpasste dem Möchtegerngott einen Kopfschuss, der Schädel des Lords zerbrach in viele kleine Teile. Sein Körper sank leblos zur Seite. Auf einmal begann die Erde zu beben. Ein kollektiver Schrei ertönte auf der gesamten Insel.

»Was passiert denn jetzt?«, fragte Prig.

»Ich glaube, die Macht des Lords wurde gerade gebrochen!«, antwortete Seth, während er versuchte auf beiden Beinen stehen zu bleiben.

Der farbige Himmel über ihnen verschwand, er wurde wieder in den Kosmos hineingesaugt. Zum ersten Mal in fast zweihundert Jahren schien wieder die Sonne auf der Verfluchten Insel. Das Erdbeben hörte auf, die Schreie verstummten. Es war wieder Frieden eingekehrt.

»Ist es vorbei, haben wir gewonnen?«, wunderte sich Xyr.

»Ich denke mal ja? Wir … Wir haben es geschafft«, Rookie konnte es nicht glauben.

»Na denn«, Seth zündete sich eine Zigarette an, »Lasst uns von diesen gottverlassenen Ort verschwinden.«

Die Agenten kehrten wieder zurück auf ihr Schiff, selbst der Nebel war verschwunden und es herrschte wieder klare Sicht auf das Meer.

Truppen von MEKs kümmerten sich um die letzten verbliebenen anomalen Rückstände auf der Insel. Die Protokolle der AOO kannten da keine Gnade. Widerstand wurde mit Feuer begegnet. Der Ort war zwar immer noch eine anomale Gefahrenquelle, aber durch die Vernichtung des Lords konnte sie zumindest eingedämmt werden. Hoffentlich strandeten nun nicht mehr unzählige Unschuldige auf die Insel.

Seth stand alleine an der Reling und starrte auf das blaue, offene Meer hinaus. Ohne den Nebel war der Anblick so viel schöner. Möwen kreischten, der Wind wehte und die Wellen rauschten. Alles war wieder normal. In der Ferne lagen die Ruinen der Insel. Ab und zu hörte man noch Gewehrfeuer und Explosionen, aber die Säuberungsaktionen sollten bald abgeschlossen sein. Ohne die mentale Unterstützung des Lords waren die Anomalien verwirrt und unfähig koordiniert zu kämpfen. Ihre Führer waren tot und sie werden es auch bald sein. Seth lächelte zufrieden. Endlich konnte auch diese Akte geschwärzt und geschlossen werden. Und er war sich sicher, dass er nie wieder in seinem Leben diese Insel betreten muss. Es war vorbei, endgültig. Seth hörte hinter sich das Klackern von Rookies Absätzen.

»Na, Oldtimer? Entspannst dich ein wenig?«

»Hab ich mir auch verdient nach der ganzen Scheiße. Wird bestimmt Wochen dauern, bis ich diesen verdammten Salzgeruch aus meiner Kleidung raus gewaschen habe«, beschwerte sich Seth.

»Ist doch ein schönes Andenken. Hey, meinst du der Direktor gibt uns Urlaub, nachdem wir diesen ultraschweren Auftrag gemeistert haben?«

»Wir haben die Hälfte unserer Agenten verloren und uns von Kultisten verarschen lassen. Der Chef wird uns Präsentkörbe zur frühen Entlassung überreichen, wenn das so weiter geht.«

»Ach, iwo«, Rookie lachte, »Er beschwert sich doch immer über Personalmangel, da wird er doch nicht seine beiden besten Agenten rausschmeißen. Wo soll er denn bloß den Ersatz herholen? Außerdem, er mag dich doch so sehr

»Ja, das stimmt. Seine Briefbeschwerer verfehlen mich immer öfters. Vielleicht kann ich ihn überzeugen, uns eine kleine Auszeit zu gönnen«, Seth holte eine Zigarette hervor.

»Das ist ‘ne richtig gute Idee«, sagte Rookie freudestrahlend und schlug ihren Partner auf die Schulter. Doch der Schlag war wohl etwas zu heftig, Seth wackelte und ließ seine Zigarette los, die daraufhin in das blaue Meer fiel.

»Och, menno. Das war meine letzte …«

»Ups … Keine Sorge, wenn wir wieder festen Boden unter unseren Füßen haben, spendier ich dir eine Packung …«

Zu später Stunde klopfte es an Augustina ihrer Tür. Wer könnte um diese Uhrzeit noch etwas von ihr wollen?

»Herein.«

Die schwere Tür wurde geöffnet. Ein älterer Herr mit ungepflegten Bart und wuscheligen Haaren trat verstohlen hinein. Augustina saß gerade an ihrem Schreibtisch, vor ihr ein Berg von Akten und Dokumenten. Sie war gerade dabei einen Abschlussbericht für den Direktor anzufertigen. Am Ende des Tages lief es immer auf Papierkram hinaus. Meistens war sie bis zum frühen Morgen damit beschäftigt. Ordentlichkeit und Regeln müssen sein.

»Ah, Agent Seth. Bringen Sie mir etwa ihren Bericht vorbei, den Sie hätten schon vor drei Tagen abgeben müssen?«

»Ähm … Nein, den bring ich morgen vorbei. Versprochen. Eigentlich wollte ich mit dir reden …«

»Agent Seth, wie Sie sehen können, bin ich gerade ziemlich beschäftigt. Diese Berichte und Protokolle werten sich nicht von alleine aus.«

»Augustina, bitte …«

Sie nahm ihre Lesebrille ab, irgendwie sah sie erschöpft aus. Die Mission muss ziemlich auf ihren Schultern gelastet haben. Ein Scheitern hätte sie sich nicht erlauben können. Sie war froh, dass es endlich vorbei war. Aber sie war auch unglaublich müde. Augustina atmete tief ein und wieder aus.

»Na gut, Seth. Mach es kurz.«

»Darf ich reinkommen?«

Sie winkte. Seth schloss die Tür hinter sich zu und setzte sich auf ihr Bett. Sie fand, er sah aus wie ein kleiner Schuljunge, der ein schlechtes Zeugnis seinen Eltern präsentieren musste. Irgendwie hatte sie ja fast Mitleid mit ihm.

»Ich wollte dir sagen … Nun … Es, ähm … Tut mir … Es tut mir leid.«

Sie konnte ihren Ohren kaum trauen, was sie da gerade hörte.

»Was?«

»Es tut mir leid. Ich möchte mich für mein Fehlverhalten entschuldigen. Ich war scheiße zu dir. Ich war ein Arschloch. Du hast jedes recht wütend auf mich zu sein. Ich hab es damals einfach verkackt. Ich hätte … Ich hätte offener sein sollen. Ich hätte weniger egoistisch sein sollen. Ich … Ich habe so viel Falsches in meinem Leben getan. Ich wünschte, ich könnte einiges wieder rückgängig machen, aber ich weiß auch, dass das nicht möglich ist. Augustina, ich habe dir weh getan und dafür schäme ich mich«, Seth knetete seine Hände, ihm war sichtlich unbehaglich.

»Kein Scherz?«

»Kein Scherz. Ich meine es wirklich ernst. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.«

»Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?«, Augustinas harte Schale begann sich langsam aufzulösen.

»Auf der Insel, da … da gab es ein paar Momente, wo ich dachte: Scheiße, jetzt ist es mit mir vorbei. Und da musste ich an dich denken. Und wie viel ich dir angetan habe. Es gibt Nächte, da muss ich an uns denken, damals. Ich muss an dich denken. Manchmal, manchmal glaube ich, dass ich noch Gefühle für dich habe. Aber ich habe auch Angst dir wieder wehzutun. Ich habe furchtbare, wirklich furchtbare Angst dich zu verletzen. Und dich zu verlieren. So wie ich schon andere verloren habe …«

Sie schwieg. Der Raum war still.

»Augustina?«

» Ähm, ja … Das … Das ist, das ist jetzt … etwas … Das kommt plötzlich. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich … Du überraschst mich gerade. Ich hätte nie gedacht, dass du … dass du zu so etwas fähig bist. In all den Jahren hielt dich für einen emotionslosen Bastard. Und jetzt sitzt du hier und … entschuldigst dich. Das muss ich erst mal verarbeiten.«

»Verständlich. Passiert ja nicht alle Tage.«

»Seth, ich muss … Ich muss erst mal arbeiten. Es gibt noch so viel zu tun. Die Schadensberichte. Die Todesfälle. Die Analysen der Anomalien. Rahmelo war richtig scharf darauf. Der konnte seine Freude kaum fassen, als er diese ganzen Abscheulichkeiten sezieren durfte. Ich kann es nicht nachvollziehen. Aber ich muss mich um den Kram hier kümmern, sonst werde ich nie fertig. Und wenn ich nicht rechtzeitig fertig werde, macht mir der Chef Feuer unterm Stuhl.«

»Natürlich. Ich werde dich nicht weiter stören«, Seth erhob sich. Augustina sprang auf und ergriff seine Hand. Er schaute sie an.

»Seth … Gute Arbeit. Das meine ich ernst. Ihr habt einen tollen Job geleistet. Der Direktor wird stolz auf euch sein. Die Welt ist nun dank euch ein sicherer Ort. Ihr könnt stolz auf euch sein … Ich bin stolz auf euch.«

»Nichts zu danken, war nur unser Job. Psycho-Island war nur ein weiteres Beispiel auf der langen Liste dafür, warum die AOO mehr als nur das Zollamt für illegal importiere Kreaturen ist.«

Sie lächelte. Augustina bemerkte, dass sie noch immer Seths Hand hielt und ließ langsam los. Der alte Agent zog von dannen. Kurz bevor er ihr Zimmer verließ, sagte Augustina noch: »Ich finde es auch gut, dass du dich mit Prig wieder versöhnt hast.«

»Obwohl ich es ungern zugeben möchte, aber Prig ist ein aristokratisches Arschloch mit Stil und dazu auch noch jemand, der sich nicht zu Schade ist, sich die Hände schmutzig zu machen. Der Junge ist in Ordnung.«

Sie rollte mit den Augen, aber mit einem Lächeln im Gesicht.

»Gute Nacht, Seth.«

»Dir auch eine gute Nacht. Arbeite nicht mehr so viel«, Seth schloss die Tür hinter sich zu.

Am Ende des Ganges sah er, wie Rookie und Salih kichernd den Flur entlang liefen. Irgendwie fand er die beiden schon ziemlich süß zusammen.

Seth lächelte zufrieden.

Vielleicht gab es doch noch so etwas wie Hoffnung.

»Herr Vorsitzender, Ihr Anruf klang ernst.«

»Ja. Ist der Direktor gerade im Haus?«

»Zur Zeit nicht. Aber ich kann ihn gerne vertreten und ihn später darüber berichten, wenn es okay für Sie ist.«

»Das sollte gehen. Hören Sie, Plume … Wir haben ein Problem, ein ziemlich großes sogar.«

»Was gibt es?«

»Einer unserer Agenten … ist abtrünnig geworden.«

»Was ist passiert?«

»Er drang gewaltsam in eine unserer Einrichtungen ein. Tötete mehrere Agenten und stahl ein paar anomale Gegenstände. Einige davon sind überaus gefährlich. Keine Ahnung, was er damit vorhat. Wahrscheinlich will er sie verkaufen oder für seine eigenen Zwecke nutzen. Nicht auszumalen, was er damit anstellen wird. Er hat auch seinen Partner umgebracht. Wir fanden seine Leiche im Kofferraum seines Dienstwagens. Ich erspare Ihnen die blutigen Details. Nun ist er auf freien Fuß und wir wissen seinen Standort nicht. Er scheint untergetaucht zu sein.«

»Ein abtrünniger Agent stellt eine Bedrohung für die Sicherheit unserer Organisationen und der Welt dar. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert, wenn er zu unseren Feinden überläuft.«

»Es könnte alles zerstören, was wir aufgebaut haben. Deswegen brauche ich unbedingt die Hilfe der AOO.«

»Warum kann sich die EAZ oder die Weltregierung nicht selbst darum kümmern?«

»Ich kann mir im Moment keinen Skandal leisten. Die Aufsichtshunde sitzen mir im Nacken, ich kann schon ihren Atem spüren. Seit dem Vorfall von ‘86 lassen sie mich jeden Fehltritt spüren. Sie suchen regelrecht mit Lupen nach jeden noch so kleinen Fehler, um Budgetkürzungen und vielleicht sogar die Auflösung der EAZ zu rechtfertigen. Darauf warten sie nur. Und ich möchte auch ehrlich mit Ihnen sein, Plume … Ich traue den Bürokraten der Weltregierung nicht. Es gibt seltsame, beunruhigende Entwicklungen. Ich höre Flüstern hinter verschlossenen Türen und sehe geheime Handzeichen. Wer weiß, vielleicht werde ich auch einfach nur paranoid …«

»Sie meinen, die Weltregierung ist unterwandert? Das würde unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigen.«

»Ich hoffe es nicht. Ich hoffe, dass ich nur Gespenster sehe. Aber ich muss auf Nummer Sicher gehen. Deswegen kann ich mich momentan nicht an die Weltregierung wenden.«

»Verständlich. Was schlagen Sie vor? Wie sollen wir vorgehen?«

»Der Agent muss terminiert werden. Bevor er noch mehr Schäden anrichten kann.«

»Sie autorisieren also die AOO einen EAZ-Agenten zu töten?«

»Ja. Ich werde Sie mit den nötigen Vollmachten ausstatten. Um den Papierkram müssen Sie sich keine Gedanken machen, darum werde ich mich kümmern. Die nötigen Dokumente sollten Sie in nächster Zeit erhalten.«

»Gut. Ich werde dem Direktor Ihr Anliegen mitteilen. Ich bin mir sicher, er wird seine Einwilligung geben.«

»Danke. Sie sind mir eine große Hilfe. Je eher wir handeln, desto besser. Die Zeit drängt.«