Der zerbrochene Leuchtturm

16. März 2020 0 Von Roland R. Maxwell

Unter ihnen lag die ruhige See, die Oberfläche funkelte im Sonnenlicht. Sanft wogen die Wellen, die See war ein einzelnes, riesiges blaues Auge. Hier könnte man sich entspannen. Im warmen Sommer ein großes Boot mieten, hinausfahren und entweder sich die Haut bräunen oder angeln. Vielleicht ein Glas Sekt oder gar Champagner trinken. In einem seichten Groschenroman blättern. Sich mit Freunden unterhalten. Eventuell wagt man sich sogar in das kühle Nass und schwimmt mit den Fischen. Wäre das nicht herrlich?

Doch für Urlaubsgedanken war jetzt keine Zeit, die Arbeit rief. Der alte Mann wandte seinen Blick vom Wasser ab und kramte in seiner Hemdtasche, hervor kamen Zigarettenpackung und Feuerzeug. Sollte er im Hubschrauber rauchen, überlegte er. Ach, scheiß drauf.

Er steckte sich den Sargnagel in den Mund. Das Feuerzeug lag schwer in seiner Hand. Es war eines dieser altmodischen aufklappbaren Sturmfeuerzeuge. Es bestand aus reinen Silber und hatte auf der Vorderseite ein Logo aufgedruckt, ein Krake mit einer Fackel auf der Stirn. Das Symbol des Mistarkonic-Institutes. Die schattenhafte Organisation, die ihre Fangarme über Terra ausbreitete. Er konnte sich noch gut erinnern, wie er dieses schöne Accessoire erhielt. Der arme Teufel konnte gar nicht so schnell aufheulen, so flink wie ihm das Handgelenk gebrochen wurde. Und schwupps! Wechselte das Feuerzeug den Besitzer. Keine Ahnung, was der Irre mit dem Teil vorhatte. Wahrscheinlich wollte er ein paar Zaubertricks damit aufführen, doch da spielte der alte Mann nicht mit. Er klappte das Feuerzeug auf und zündete sich die Zigarette an. Er zog den giftigen Qualm tief in seine Lungen.

»Das ist doch sicherlich schon die fünfte oder sechste Zigarette heute, oder? Und wer hat dir überhaupt erlaubt im Helikopter zu rauchen? Du kennst doch die Vorschriften!«, maunzte es ihm gegenüber.

»Stimmt nicht«, grunzte er, »das ist die Erste … aus der fünften oder sechsten Packung. Vielleicht auch schon die siebte. Ich zähl nicht mehr mit, sorgt nur für graue Haare.«

»Irgendwann bringt dich das Zeug noch um!«

»Beruhige dich, Rookie. Es haben schon ganz andere Sachen versucht mich umzubringen. Wenn die das nicht schaffen, schafft es das Schalentier auch nicht«, er blies den Dampf aus.

Rookie zuckte mit ihren Katzenohren, ihre grünen Augen beobachteten den alten Mann.

»Wie du meinst, Oldtimer«, sagte sie nur dazu.

Sie schaute sich ihn genauer an. Der graue Bart war wieder ungekämmt, die kurzen Haare wirr. Er trug noch immer sein altes schwarzes Sakko, das wahrscheinlich auch schon über dreißig Jahre auf dem Buckel hatte. Wenn nicht sogar noch mehr. Die Anzugschuhe hatten auch schon bessere Tage erlebt. Das weiße Hemd war oben aufgeknüpft. Und … wiedereinmal trug er keine Krawatte! Wozu gab es Vorschriften, wenn sie eh konsequent ignoriert wurden, dachte sie sich. Der Alte konnte so ein Sturkopf sein, was das an belang. Wenn sie ihn darauf ansprechen würde, würde er nur wieder vor sich hin grummeln. Vielleicht später.

Oldtimer sah sich seine Partnerin an. Sie war schon ein liebenswürdiges Geschöpf, wenn auch noch heftig grün hinter den Ohren. Na gut, so schlimm war es dann doch nicht. Hellgrün vielleicht.

Sie hatte kurzes schwarzes Fell mit braunen Tupfern darin. Ihre Haare waren ebenfalls kurz und kastanienbraun. Sie trug einen schwarzen Mantel, der bis zur Hüfte ging. Ordentlich wie sie war, hatte sie sich selbstverständlich eine dunkle Krawatte gebunden. Wahrscheinlich würde sie später mit ihm wieder meckern, weil er keine trug. Aber was soll er machen? Krawatten waren nicht so sein Ding. Schnürten ihm immer den Hals zu, diese verdammten Dinger. Und da war auch noch dieses eine Mal, als eine versuchte ihn zu erdrosseln, aber das war eine andere Geschichte.

Da seine Partnerin eine Neko war, konnte sie nur Schuhe mit Absätzen tragen, also hatte sie sich ihre schwarzen Stiefel angezogen. Sie war eine attraktive, junge Frau. Doch sie war nicht nur eine schöne Larve, sondern hatte auch ordentlich Biss. Das mochte er an ihr so sehr.

»Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass …«, fing sie an.

»… ich keine Krawatte trage? Mal wieder?«, beendete er.

»Ja!«

»Rookie, du weißt doch …«

»Vorschriften sind Vorschriften!«, entgegnete sie erbittert.

»Vorschriften, Moordriften. Wem kümmert‘s?«

»Dem Direktor vielleicht? Er hat schließlich die Regel aufgestellt!«

»Ach, der! Wir sind doch so miteinander«, er kreuzte den Mittel- und Zeigefinger übereinander und lächelte.

Sie drehte nur mit den Augen.

Kurze Stille im Hubschrauber.

»Worum geht es eigentlich bei der heutigen Mission, Rookie?«, fragte er unverhohlen.

Sie schaute ihn schockiert an.

»Hast du etwa das Dossier nicht gelesen?«

Natürlich hatte er es gelesen, aber diesen Spaß wollte er sich nicht entgehen lassen.

»Nö. Keine Lust gehabt.«

Sie schnaubte und schüttelte den Kopf.

»Immer wieder das Gleiche mit dir. Aber nun gut. Ich hab es ja dabei.«

Sie kramte in ihrer Tasche und holte eine braune Mappe hervor. Sie warf sie ihn an die Brust. Er schlug sie auf. Das Erste was er sah, war ein schwarz-weiß Foto von einem Leuchtturm auf einer entlegenen Insel. Er las:

Objekt befindet sich vor der Küste von [ZENSIERT], Gonzzoles. Anwohner hatten vor einem (1) Monat ein helles Aufblitzen auf der Insel [ZENSIERT] bemerkt und die örtlichen Behörden informiert. Diese haben es als Wetterleuchten oder anderes natürliches Phänomen abgetan. Laut Archivinformationen befindet sich auf der Insel [ZENSIERT] ein Leuchtturm (das besagte Objekt). Inhaber des Objekts war bis vor fünf (5) Monaten noch [ZENSIERT], bevor es verkauft wurde. Informationen über den neuen Besitzer sind nicht vorhanden, wurden wahrscheinlich gelöscht. Der Leuchtturm wird von einem Leuchtturmwärter namens [ZENSIERT] in Stand gehalten. Informationen über seinen momentanen Aufenthalt sind nicht vorhanden. Agenten haben zwei (2) Tage nach der Meldung an die örtlichen Behörden begonnen das Gebiet weitflächig abzusperren. Als Tarnung wird eine Umweltkatastrophe genutzt. Die Organisation tritt hier als Umweltschutzbehörde auf (nötige Informationen, Papiere, Genehmigungen und Ausweise sind beigelegt). Den Anwohner wurde geraten das Sperrgebiet in einem Radius von zwanzig (20) Kilometer zu meiden. Agenten konnten bereits das Gebiet oberflächlich sondieren. Der Leuchtturm wird als [ZENSIERT] beschrieben und gibt [ZENSIERT] ab. Umfangreiche Erkundungen des Leuchtturms und der angrenzenden Gebäude (Anzahl: 2) waren bisher nicht möglich und wurden vom Direktor auch nicht gestattet. Gründe waren [ZENSIERT], [ZENSIERT] und [ZENSIERT].

Doch nun gab der Direktor grünes Licht für Expeditionen in das Sperrgebiet. Die Agenten Agent [ZENSIERT] und Agentin [ZENSIERT] werden hiermit beauftragt, die Insel und ihre drei (3) Gebäude zu sondieren. Alle möglichen Bedrohungen sollen eliminiert werden. Für diese Aufgabe wurden vier (4) MEKs zur Verfügung gestellt. Alle möglichen Informationen sollen erforscht und katalogisiert werden. Dafür steht ein (1) Mitarbeiter der Wissenschaftsabteilung zur Verfügung. Die vier (4) MEKs und der eine (1) Mitarbeiter wurden bereits im Voraus zur Insel geflogen, um ein Basiscamp zu errichten. Die beiden Agenten sollen schnellstmöglich per Helikopter folgen. Der Bedrohungslevel des Gebietes und des Objekts ist nicht bekannt. Äußerste Vorsicht ist daher geboten. Diskretion hat oberste Priorität. Die Organisation, der Direktor und die Dreieinigkeit verlassen sich auf die Agenten [ZENSIERT] und [ZENSIERT].

Oldtimer schloss die Mappe und legte sie zur Seite.

»Ich liebe klassifizierte Dokumente so sehr, sind immer wieder aufschlussreich«, grummelte er.

»Warum hat es überhaupt so lange gedauert, bis grünes Licht für eine vollständige Expedition gegeben wurde? Ich mein, einen ganzen Monat?! Wer weiß, was da alles hätte passieren können …«

»Die Mahlen der Bürokratie mahlen langsam, Rookie. Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Die Wege des Direktors und der Dreieinigkeit sind unergründlich. Wahrscheinlich haben sie das Personal an anderen Stellen gebraucht. Ist ja auch irgendwie egal. Wir sind ja nun da.«

Der Helikopter sank langsam und landete auf der Insel. Oldtimer stieg aus. Es war windiger als gedacht, seine grauen Haare wehten im Wind. Möwen kreischten. Wellenrauschen. Er schmiss die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Rookie folgte ihm. Sie beide sahen den Leuchtturm. Definitiv eine Anomalie. Der ganze Turm war zersplittert, die Teile schwebten im Himmel, als hätten die Gesetze der Schwerkraft aufgehört zu existieren. Ab und zu zuckte ein blauer Blitz zwischen den Teilen. Der Leuchtturm schien eine Art leises Brummen von sich zu geben, so wie bei einem Generator.

»Ziemlich dickes Ding«, staunte Oldtimer.

»Das kannst du aber laut sagen«, entgegnete seine Partnerin.

In einiger Entfernung zum Turm standen unübersehbar die Mobilen Einsatzkräfte. Gekleidet in Gasmaske, Stahlhelm, kugelsicherer Weste und schweren Stiefeln, ausgestattet mit Maschinengewehren. Auf ihrer linken Brust trugen sie alle das Symbol der AOO. Neben ihnen befand sich der Mitarbeiter der Wissenschaftsabteilung. Der raue Wind schien ihn zu schaffen zu machen. Er hatte seinen weißen Laborkittel fest umklammert. Mit festen Schritt stampfte er auf die beiden Agenten zu, die MEKs hielten sich im Hintergrund.

Er marschierte gleich auf den alten Mann zu und reichte ihm hastig die Hand. Seine Stimme war durchdrängt von Unsicherheit: »Der legendäre Seth, ich kann es kaum glauben! Das ich Ihnen mal begegnen darf. Das ist ja unfassbar! Mein Name ist China Rahmelo, freut mich Sie endlich kennenzulernen. Ich bin Mitarbeiter der Wissenschaftsabteilung, aber das wissen Sie sicher bereits, oder? Ich werde Sie bei ihrer Arbeit assistieren. Also, natürlich nur wenn es für Sie okay ist.«

Seth schaute sich die schmale Hand des Wissenschaftlers an, rümpfte die Nase, grummelte irgendetwas in seinen Bart und ging einfach weiter ohne ein Wort zu verlieren.

Rahmelo stand einige Zeit lang verblüfft da, bevor er langsam und beschämt die Hand senkte. Rookie ging auf ihn zu und schüttelte sie stattdessen.

»Tut mir wirklich leid«, sagte sie, »aber mein Partner kann es gar nicht ausstehen, wenn man so auf ihn zustürmt, ihn voll quatscht und auch noch mit seinem Vornamen anspricht.«

»Oh, das ist verständlich. Sehr verständlich. Aber wann hat man denn schon mal die Gelegenheit den Behemoth hautnah mitzuerleben. Ich habe bereits so viele Legenden über ihn gehört.«

»Die Hälfte davon ist sicherlich gelogen.«

»Und Sie müssen dann Fräulein Morle sein, nicht wahr?«

Ihr Lächeln erstarrte sofort.

»Fräulein? An Ihnen ist die Emanzipation wohl auch vorbeigerauscht! Sehe ich so aus wie ein Fräulein? Ich bin eine Agentin! Kein Fräulein! Was denken Sie sich eigentlich? Agentin Morle, nichts da Fräulein

Wütend stampfte sie davon und ließ den Wissenschaftler irritiert stehen. Heißes Blut stieg in den Kopf, er war so rot wie eine Tomate.

»Tut … Tut mir … Tut mir leid«, stammelte er leise vor sich hin. Von einem Fettnäpfchen gleich ins nächste.

Seth redete gerade mit den MEKs als Rookie dazustieß. Er schaute sie kurz an und lächelte.

»So, Oldtimer. Was ist dein Plan?«, fragte sie.

Er rümpfte die Nase: »Ganz einfach. Du schaust dir angrenzenden Gebäude an. Den Geräteschuppen und das Wärterhaus. Schnapp dir zwei der schwerbewaffneten Jungs und guck, ob du irgendetwas Brauchbares findest.«

»Und was wirst du in der Zwischenzeit machen?«

»Ich schau mir den Keller des Leuchtturms an. Man hat mir gerade erklärt, dass die Insel ein Untergeschoss hat. Wer weiß, was sich da finden lässt.«

»Warum darfst du in den Keller?«

»Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, Rookie«, er grinste sie an.

»Das ist nicht fair!«, sie plusterte ihre Wangen auf.

»Das Leben ist nicht fair, Rookie.«

»Nimm wenigstens die zwei restlichen MEKs mit. Dann stehen die hier nicht so sinnlos herum.«

»Von mir aus«, entgegnete Seth genervt. Er wollte gleich los stampfen, doch Rookie hielt ihm am Ärmel fest. Er drehte sich um.

»Noch was?«

»Was ist mit ihm?«, sie zuckte mit ihrem Kopf in Richtung Rahmelo, der verloren in der Gegend herumstand.

»Den Chinamann? Was soll mit dem sein?«, fragte Seth verwirrt.

»Na ja … er soll ja seinen Job machen. Mit wem soll er mitgehen?«

»Na, mit dir. Ich nehm das Weichei nicht mit. Der hat doch noch nicht mal Haare an den Eiern. Der kann schön dir auf den Sack gehen.«

»Er scheint dich sehr zu mögen«, Rookie lachte.

»Deswegen soll er Abstand von mir halten, bevor ich ihn den Kiefer breche.«

»Sei nicht so hart zu ihm. Er scheint zwar ein Trottel zu sein, aber ein harmloser.«

»Das ist ja das Problem«, er schaute zu Rahmelo rüber, »nimm ihn einfach mit und pass auf, dass er nicht stirbt! Sonst hagelt es wieder Beschwerden von der Wissenschaftsabteilung und darauf hab ich echt keinen Bock.«

»Wer hatte denn die Aufgabe die Umgebung auszukundschaften und hat dann fälschlicherweise behauptet, die Luft sei rein? Was dazu geführt hat, dass zwei Wissenschaftler zerfleischt wurden«, sie schaute ihn an, eine Augenbraue war nach oben gehoben.

»Woher hätte ich denn wissen sollen, dass sich dieses Voidviech im Schlafzimmer unterm Bett versteckt?«, verteidigte Seth sich.

»Indem man vielleicht gründlich nachguckt?!«

»Ja, ist ja gut«, er rollte genervt mit den Augen, deutete den zwei MEKs, dass sie ihn folgen sollten und verschwand Richtung Leuchtturm.

»Alter Sturkopf«, fauchte Rookie.

Die zwei anderen MEKs warteten geduldig auf ihre Befehle.

»Na, dann los, Jungs. Schauen wir uns mal den Geräteschuppen an. Wird bestimmt aufregend.«

»Roger«, antwortete einer der Einsatzkräfte.

Rookie drehte sich um und rief: »China! Komm, wir schauen uns den Schuppen an!«

Er schaute sich erschrocken um, so als hätte sie ihn aus irgendeinem Tagtraum geweckt und lief dann hastig zu ihr rüber. Kurz bevor er bei ihr ankam, stolperte er, wodurch ihn seine runde Brille von der Nase fiel. Rookie seufzte, hob die Brille auf und übergab sie ihn.

»Du hast da was verloren.«

Er errötete, ihm war die Situation mehr als nur peinlich.

»Oh … Danke, Fräu… Ich mein, Agentin Morle. Ich bin … Ich bin so ungeschickt manchmal. Ich bin so aufregt. Da … Da … Da passieren mir schon mal dumme Sachen. Hihi«, kicherte er wie ein kleiner Schuljunge.

»Tu mir bitte einen Gefallen …«

»Natürlich, natürlich! Jeden!«

»Konzentriere dich! Du bist hier nicht in deinen sicheren Labor, sondern beim Feldeinsatz! Wenn du nicht aufpasst, kannst du sehr schnell draufgehen. Und darauf haben wir, also Seth und ich, gar keine Lust. Das bedeutet nämlich unnötig viel Papierkram und viel zu lange Gespräche. Verstanden?«

Er schluckte ängstlich und nickte.

»Gut«, sie schaute wieder zu den MEKs, »gehen wir, die Arbeit ruft.«

Zuerst ging es zum Geräteschuppen. Es war kein großes Gebäude, eher ein kleines Häuschen. Es sah fast so aus, als hätte man es notdürftig aus Treibholz zusammen gezimmert. Der Erbauer schien auch nicht sehr bewandert in seiner Kunst gewesen zu sein. Die Nägel waren alle schief eingehämmert worden, manche der Bretter waren nicht richtig gesägt. Die Farbe blätterte überall ab. Das Dach war einfach bloß eine Platte. Das Haus hatte keinerlei Fenster und die Tür keinen Türknauf, sondern nur ein Loch. Alles sehr amateurhaft.

Rookie öffnete die Tür und musste aufpassen, dass sie ihr nicht entgegen fiel. Die Tür war auch nicht richtig befestigt. Ihr wurde ein kleines, dunkles Kämmerlein offenbart. An der einen Wand stand eine Werkbank mit allerhand Werkzeugen und einer Öllampe zur Beleuchtung. Im Schuppen befand sich auch ein uralter, verrosteter Rasenmäher, eine Harke, zwei Angeln, ein roter Werkzeugkasten, ein paar ranzige Eimer und eine verbeulte Schubkarre. Die Luft roch nach nassen und vermoderten Holz. Rookie hörte, wie Rahmelo seinen Notizblock aufklappte und fleißig jeden noch so unwichtigen Fleck notierte.

»Hmm, wie aufregend. Ein alter Schuppen«, gähnte Rookie.

»Jungs, lasst uns zum Haus gehen. Hier in diesem Gebäude werden wir keine Anomalien finden.«

Das Haus des Leuchtturmwärters war in einem weitaus besseren Zustand als die kleine Hüte. Es war sogar professionell gebaut, mit Fenstern und einer Tür. Bestehend aus roten Ziegelsteinen und in der Größe relativ klein, es hatte auch nur ein Erdgeschoss. Diesmal ließ Rookie die Vordertür von einem der MEKs öffnen, nur zur Sicherheit. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie von einem Monster oder Kultisten überrascht wurde, weil sie unvorsichtig die Tür geöffnet hatte.

Die MEKs gingen mit gezogenen Waffen in das Haus und sicherten die Umgebung. Erst als die Luft rein zu sein schien, folgten Rookie und Rahmelo. Die Wohnung war mehr als nur überschaubar. Es gab nur drei Räume: eine kleine Küche mit Vorratskammer, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer mit Nachttopf. Überall lag Staub, hier schien schon lange niemand mehr gewesen zu sein. Der Leuchtturmwärter hatte es hier sehr heimelig. Die Vorratskammer war gut gefüllt, mit allerhand Fisch, Konserven, Trockenfleisch, eingelegten Obst und Marmelade. Das Wohnzimmer hatte eine gemütliche Couch, einen kleinen Esstisch und zwei Stühle, zusätzlich noch einen Schreibtisch und ein gefülltes Bücherregal. Das meiste waren Bücher über Seefahrt, Meerestiere, Leuchttürme und Schiffe. Den einen oder anderen Abenteuerroman konnte man auch finden. Aber ebenso auch zwei Bücher mit den Titeln Einfache Konstruktionen und Architektur für Anfänger. Doch abgesehen davon, gab es im Wohnzimmer nicht viel zu sehen, also ging Rookie zum Schlafzimmer über.

Ein ordentlich gemachtes Bett, ein leerer Nachttopf, eine Garderobe, der Raum war sehr bescheiden eingerichtet. Auf dem Nachtschrank lag ein Buch mit dem Namen Die zwölf heiligen Schriften. Der Leuchtturmwärter war ein Gläubiger, ein Cathlicist. Dem Zustand des Buches nach zu urteilen ein sehr strenger sogar. Rookie nahm es in die Hand und blätterte ein wenig darin. Das Papier war leicht braun, die Seiten hatten Einrisse und Eselsohren. Es war sehr häufig gelesen worden. Gut möglich, dass der Wärter jede Nacht gebetet hatte.

Über dem Bett hing ein Rahmen mit einem schwarz-weiß Foto. Ein Mann in einer Matrosenuniform und eine Frau in einem Sommerkleid waren zu sehen. Sie standen vor dem Leuchtturm. Das muss der Wärter gewesen sein, dachte Rookie. Und vielleicht … seine Frau? Wo der Wärter sich wohl befand? Hoffentlich ging es ihm gut und er konnte die Insel verlassen, bevor … was auch immer hier passiert war. Rookie hörte, wie jemand das Zimmer betrat. Sie drehte sich um. Es war Rahmelo, er hielt ein Stück Papier in der Hand.

»Frau Agentin Morle … Ich habe hier etwas gefunden, auf dem Schreibtisch. Vielleicht … Nun, es könnte sie interessieren … Deshalb, hier«, er überreichte ihr das vergilbte Papier.

»Danke. Gibt es sonst noch etwas?«

»Nein, keinerlei Anzeichen von Anomalien. Es ist ein … stinknormales Haus. Die MEKs beschweren sich bereits über Langeweile«, antwortete Rahmelo.

»Die sollen sich nicht so haben!«

Sie nahm sich das Papier vor und begann zu lesen. Es schien sich um einen Brief zu handeln, der nie abgeschickt wurde.

An meine geliebte Nadia,

wie geht es Dir? Wie geht es dem Kind? Ich hoffe, es geht euch gut.

Seit unserem letzten Brief sind ja schon ein paar Wochen vergangen. Tut mir leid, dass ich Dir nicht schon eher geschrieben habe, aber Du weißt ja … Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit. Der Leuchtturm macht mich noch fertig. Erst letzte Woche hatte die Linse einen Riss bekommen und gestern hatte der Generator seine Macken. Wahrscheinlich haben diese drei komischen Typen damit zu tun. Spielen ihre seltsamen Spiele hinter meinem Rücken, wollen mich zum Narren halten. Den werd ich es noch zeigen! Wenn ich die erwische, wie sie an der Linse herumspielen, dann … dann werde ich die kielholen lassen, das schwöre ich Dir! Gott sei mein Zeuge!

Nadia, ich werde aus ihnen nicht schlau. Sie wollen mir nicht verraten, was sie da unten im Keller anstellen. Behaupten es sei »Streng geheim« und »diene nur der Wissenschaft«, dass ich nicht lache! Scharlatane! Nichts als verdammte Heiden! Ich weiß, es klingt paranoid mein Schatz, aber … ich traue diesen jungen Herren einfach nicht über den Weg. Sie strahlen so eine … finstere Aura aus. Als wären sie … Agenten des Großen Bösen.

Aber ich kann nichts gegen sie machen, ihnen gehört das Grundstück. Ich bin ja hier nur geduldet. Bin auch froh, dass sie mich nicht gefeuert haben. Obwohl es mir besser gingen würde, wenn ich nicht in ihrer Nähe wäre.

Hoffentlich bin ich bald von diesem Felsen runter. Ich möchte wieder in deinen Armen liegen und deinen Duft einatmen. Ich vermisse dich. Ich vermisse unseren Sohn. Ich vermisse unser Haus und unseren Garten.

Die See ist rau und hart. Der Wind pfeift durch alle Löcher. Da müssen wohl wieder ein paar Reparaturen erledigt werden. Ich habe keine Lust auf eine Erkältung.

Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, mein Engel.

Ich liebe dich.

Ich liebe auch Benjamin. Sag ihn das, bitte. Sag ihm, dass sein Papa ihn vermisst und ihn liebt.

Ich schicke euch tausend Küsse.

Dein Leo

Welch herzallerliebster Brief! Der raue Seemann schien einen weichen Kern zu haben. Rookie hoffte, dass er mit seiner Familie vereint war und ein glückliches Leben führte.

Doch eine Frage blieb noch offen: wer waren die drei mysteriösen Herren?

Kultisten? Esoteriker? Oder Agenten des Mistarkonic-Institutes? Sie hoffte, dass es sich einfach nur um esoterische Spinner handelte, die zu viel mit Magie herumgespielt hatten. Alles andere würde die Lage verkomplizieren.

Rahmelo stand noch immer neben ihr. Sie wollte ihn gerade den Brief zurückgeben, als sie etwas hörte. Ihre sensiblen Ohren vernahmen etwas Seltsames. Bewegungen … unter der Erde. Es klang, als würde sich etwas unter dem Haus entlangschlängeln. Sie folgte dem Geräusch ins Wohnzimmer. Rookie gab den MEKs ein Zeichen, sofort waren sie in höchster Alarmbereitschaft. Die kratzenden Geräusche wurden lauter und dann … hörten sie einfach auf. Was zur Hölle war hier los, fragte Rookie sich. Doch bevor sie irgendetwas aussprechen konnte, brach der Boden unter einem der MEKs auf. Holz und Erde flogen durch die Luft, genauso wie der Soldat. Ein Wurm, ein riesiger Wurm, war durch den Boden gebrochen. Er hatte eine pinke Haut, auf der an einigen Stellen schwarze Adern hervortraten. Statt einer augenlosen, weichen Spitze hatte er einen gepanzerten Kopf mit gelben insektenartigen Augen, die einmal rund um den Chitinpanzer gingen. Der Kopf öffnete sich wie eine Blume und entblößte Reihen von spitzen, messerscharfen Zähnen. Das Wurmmonster schnappte sich, den in der Luft befindenden MEK mit seinem Maul und verschlang ihn ganz. Er hatte nicht einmal Zeit zum Schreien.

»Ein Verwandelter? Hier?«, rief Rookie entsetzt, »Das ist doch völlig unmöglich!«

Spulen wir die Zeit doch für einen kurzen Moment zurück und wechseln die Perspektive. Seth begab sich gerade die Wendeltreppe hinunter, hinter ihm befanden sich die beiden anderen MEKs, die Waffen einsatzbereit. Nach einiger Zeit kamen sie unten in eine Art Vorraum an. Da wo eine Tür sein sollte, war keine. Die war gegen die gegenüberliegende Wand geschleudert worden, irgendetwas oder irgendjemand hatte sie aus den Angeln gesprengt. Seth sah sich die schwere Eisentür genauer an. Die hintere Seite war voller Ruß, doch er konnte das Symbol noch genau erkennen.

»Aha. Hab ich es mir doch gedacht«, sagte er.

»Was ist, Sir?«, fragte einer der MEKs neugierig.

Seth deutete auf die Tür. Das Symbol war ein Kopffüßler mit einer Fackel auf der Stirn. Das Zeichen Mistarkonics.

»Wachsam bleiben, Jungs. Erhöhte Aufmerksamkeit. Wir sind auf Feindterritorium.«

»Zu Befehl!«, antworteten die beiden.

Seth stand vor dem schwarzen Loch, das zum nächsten Raum führte und zündete sich erst mal eine weitere Zigarette an. Das Glimmen konnte nicht viel gegen die Dunkelheit ausrichten.

»Licht an, Jungs«, befahl er.

Die MEKs schalteten ihre kraftvollen Taschenlampen ein und sofort erhellte der Raum. So wie es aussah, handelte es sich wohl um ein geheimes Laboratorium. Unzählige Reagenzgläser und Chemikalien, Berge von verbrannten Notizen und Notizbüchern. Werkzeuge und Gerätschaften, deren Zweck niemand außer den Erschaffern kennt. Und in der Mitte des Raumes befand sich das Herz … ein Portal. Zumindest was davon übriggeblieben war.

Es war zerstört worden, seine Teile schwebten in einem abgegrenzten Bereich in der Luft. Die Glaskugeln waren zersplittert, doch die Splitter flogen durch die Gegend. Seth bemerkte, dass auch einige andere Sachen herum schwebten. Bleistifte, Reagenzgläser, Kaffeetassen. Nicht viel, aber genug, dass es einem auffiel. Das Portal hatte wohl die Schwerkraft ausgeschaltet.

»Da haben wir wohl den Übeltäter«, raunte Seth.

Doch warum war das Portal zerstört? Wer oder was war dafür verantwortlich? Diese Fragen musste nun auf dem Grund gegangen werden.

»Meine Herren? Sichert den Raum!«, befahl er.

Die MEKs gingen hinein, schauten nach allen möglichen Gefahren. Einer blieb vor einer Wand stehen.

»Sir? Schauen Sie sich das mal an!«

Seth ging zu ihm hin. In der Wand war ein riesiges Loch, mindestens zwei Meter im Durchmesser. Etwas hatte sich durch gebohrt. Kam es von außerhalb oder kam es von Innen? Wollte es rein oder wollte es fliehen?

»Hmm. Seltsam. Das wird ja immer komischer. Und ich hatte gehofft, der Job sei schnell vorbei«, beschwerte sich Seth.

»Soll ich mal nachgucken, Sir?«, fragte der MEK.

»Tu, was du nicht lassen kannst.«

Der Soldat ging hinein, nach einiger Zeit war das Licht seiner Lampe nicht mehr zu sehen. Stille, die Sekunden verstrichen langsam.

»Tiefer als ich dachte«, grummelte Seth und zog an seiner Zigarette.

Weitere Sekunden vergingen, dann …

»Oh, scheiße!«, echote es schwach, gefolgt von einigen Schussgeräuschen, einem nassen Reißen und einem kurzen Aufschrei, bevor sämtliche Geräusche abrupt verstummten. Seth erschrak, seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Da war etwas am anderen Ende des Tunnels und es war nicht freundlich.

»Riecht nach Hurensöhne«, fluchte er.

Er schaute zum anderem MEK und befahl: »Mach dich bereit, da kommt was!«

Seth hörte, wie irgendetwas den Steinboden kratzte. Etwas Massives.

Der alte Mann ging ein paar Schritte vom Tunnel zurück, er machte sich auf alles gefasst. Aus dem Schatten des Lochs trat eine Bestie, sie hatte Ähnlichkeiten mit einem Maulwurf. Nur war das Monster hier weitaus größer, es füllte fast das gesamte Loch aus. Es hatte braunes, struppiges Fell. Seine Beine waren kurz, die Arme lang und kräftig, die Hände endeten in großen, schwarzen Krallen. Der Kopf verlief spitz, die Augen waren gelb leuchtende Facettenaugen. An einigen Stellen des Körpers traten dicke, dunkle Adern hervor. War es vorher ein Humanoid oder ein Tier gewesen?

»Verfickte Scheiße! Ein Voidviech!«, knurrte Seth.

Der MEK hob sein Maschinengewehr und eröffnete sofort das Feuer. Die Kugeln drangen tief in das Fleisch der Bestie hinein und sie brüllte auf. Das Gewehr feuerte eine spezielle Art von Munition ab, perfekt für Situationen wie diese. Die Schüsse schmerzten, sie brannten sich quasi in die Kreatur hinein. Seth sammelte Kraft, sprang auf und verpasste dem verwirrtem Monster einen rechten Haken mitten ins Gesicht. Zähne und Schädelknochen brachen. Er schlug noch einmal zu und zerquetschte eines der Augen. Das Monster taumelte und hielt sich die Klauen vor dem Gesicht. Seth sprang in Deckung und der MEK feuerte ein weiteres Magazin in das Ding. Ohrenbetäubender Krach in diesem kleinen Raum. Es schwankte ein paar Schritte zurück und brach letztlich zusammen. Erledigt.

Seth schwitzte, er wischte sich die nassen Haare von der Stirn.

»Gute Arbeit«, keuchte er. Der Angriff hatte ihn mehr zu schaffen gemacht, als er zugeben würde. Er war schließlich auch nicht mehr der jüngste.

»Vielen Dank, Sir«, der MEK lud seine Waffe neu nach.

Schauen wir uns doch mal an, was Rookie in der Zwischenzeit macht.

Der Wurm kreischte und kroch aus seinem Loch. Er verhielt sich eher wie eine riesige Schlange als wie ein Regenwurm. Rahmelo kauerte im Schlafzimmer. Er zitterte vor Angst, die Hände hielt er vor den Augen. Das Monster peitschte mit seinem Schwanz und zertrümmerte die Couch, den Tisch und die Stühle. Es versuchte Rookie zu erwischen, doch sie war flink. Geschickt wich sie den schleimigen Peitschenhieben aus. Der MEK zielte und schoss. Die Kugeln schlugen in das Ungeheuer ein und hinterließen blutige Löcher.

Das gefiel dem Wurm überhaupt nicht, voller Zorn raste er auf den Soldaten zu. Nun musste Rookie schnell reagieren. Sie sprang auf den Rücken der Bestie und kletterte bis zum Chitinkopf. Sie fuhr ihre Krallen aus und rammte sie in die Augen des Monsters. Es jaulte vor Schmerzen und der MEK konnte sich in Sicherheit bringen. Doch Rookie fing erst an. Sie begann die Haut des Wurms aufzuschlitzen, riss tiefe Wunden. Grünes Blut sprudelte heraus. Das Ding kreischte.

Der MEK schoss weitere Kugeln in das Ungetüm. Organteile und Hautfetzen verteilten sich im gesamten Wohnzimmer, währenddessen bearbeitete Rookie den Wurm weiter mit ihren Krallen. Sie schlug wie eine wild gewordene Furie zu. Irgendwann brach das Vieh tot zusammen. Überall war grünes Blut. Die Katzendame fiel erschöpft gegen die Wand, sie seufzte. Der MEK setzte sich neben ihr, seine Gasmaske war ebenfalls vollgespritzt.

»Das war … unerwartet«, sagte er.

»Das kannst du aber laut sagen«, Rookie war völlig außer Atem.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Ich?«, der MEK war erstaunt, »Das hat mich ja bis jetzt noch niemand gefragt. Ich heiße Salih.«

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug ein.

»Schön dich kennenzulernen, Salih. Schade, dass dein Kollege es nicht geschafft hat.«

»Berufsrisiko. Ich trauer nicht um ihn. Wir alle wissen, worauf wir uns einlassen. Niemand hat gesagt, dass es leicht wird Terra zu beschützen. Da kann es schon mal vorkommen, dass man gegen so etwas kämpfen muss«, er zeigte auf den zerfetzten Wurm.

»Hast du Familie, Salih?«

»Hatte.«

»Oh. Tut mir leid«, entschuldigte sie sich.

»Schon okay.«

Rahmelo kroch auf allen Vieren aus dem Schlafzimmer. Er zitterte noch immer.

»Ist … Ist die Luft … Ist die Luft wieder rein?«

Rookie und Salih seufzten. Gemeinsam sagten sie: »Ja …«

»Oh … Oh … Oh, okay. Ich … Ähm, Entschuldigung. Ich … Ähm … Ich untersuche mal den Verwandelten. Das ist … Das ist ganz interessant.«

»Gute Idee«, Rookie richtete sich wieder auf. Erstmal ordentlich strecken.

»China, gibt es einen Grund warum hier ein Verwandelter herumläuft?«, fragte sie dem jungen Wissenschaftler.

»Es … Es wundert mich auch«, er kniete sich neben die Kreatur, »Es sollte eigentlich nicht sein. Meine Geräte haben keine ungewöhnlichen Energiefelder aufgenommen. Auf der Insel scheint kein Portal in Betrieb zu sein. Und abgesehen von der Gravitationsanomalie ist die Realität hier auch intakt. Keine Risse in den Barrieren. Es ist … ein Rätsel. Es sollte hier keine Verwandelten geben.«

»Könnte es sein, dass ein Portal hier in Betrieb war, es aber jetzt nicht mehr ist?«

»Möglich. Aber selbst wenn, würde das nicht den Verwandelten hier erklären. Denn wenn ein Portal hier aktiv gewesen wäre, wären die mentalen, biologischen, temporalen und räumlichen Anomalien hier weitaus stärker. Aber das ist nicht der Fall. Die Realität hat hier keine wirklichen Schäden erlitten.«

»Was ist hier nur passiert?«, fragte Salih sich.

»Sehr gute Frage«, entgegnete Rookie, »Ich frage mich, wie es Seth gerade ergeht.«

Seth war gerade dabei sich eine weitere Zigarette anzuzünden, die alte hatte er im Kampf verloren.

»Scheiße. Verdammter Hurensohn. Verkacktes Voidviech. Tausend Höllenhunde an den Pforten meines Arsches«, fluchte er lautstark.

Er rauchte seinen Qualmstängel rasend schnell auf und zündete sich den nächsten an. Der MEK schaute besorgt zu.

»Ist das nicht …«, begann er.

»Ja, ja. Ich weiß! Ungesund! Ist mir gerade scheißegal. Wichsdreck. Voidviecher … Was machen Voidviecher hier? Hier sollten gar keine sein! Völlig ausgeschlossen! Leck mich doch.«

Er schaute sich um.

»Wars das? Oder kommen noch mehr ungebetene Gäste?«

Der MEK wollte gerade den Raum verlassen, als sein Stiefel in eine seltsame Flüssigkeit hineintrat. Er kniete sich hin und tunkte zwei seiner Finger hinein.

»Was zur … ? Das war doch vorhin noch nicht da. Sir, schauen Sie sich das hier mal an!«

»Was gibt‘s denn?«, entgegnete Seth genervt.

Der Soldat hielt ihn den Zeigefinger hin. Blauer Schleim hing daran. Er leuchtete in der Dunkelheit und schien zu … pulsieren.

»Bei der Dreieinigkeit! Was ist das für eine Scheiße?«, fragte Seth sich.

Er beobachtete den dunklen Raum. Woher kam dieser Schleim? War er von der Decke getropft?

»Vielleicht handelt sich um irgendeinen Pilz oder eine Algensammlung«, vermutete der Soldat.

»Nein. Das ist es nicht«, Seth sah wie die blaue Flüssigkeit aus den Schränken quoll. Wie sie sich durch jeden Riss, durch jede Ritze hindurch zwang. Sie begann sich einige Meter von ihnen entfernt zu sammeln. Mehrere Stimmen begannen zu flüstern, sie schienen von überall zu kommen.

»Die Frucht, die der Sünder hält, ist das Feuer was ihn verzerrt. Wir haben das Licht gesehen, es blendet, es blendet. So hell! Ich habe einen Ohrwurm. Hörst du ihn auch? Hörst du dieses Lied? Yeah, Baby. Die Zeit soll niemals enden. Hölle. Das ist meine Existenz. Das geschieht uns allen.“

Während die Stimmen wild flüsterten, sammelte sich der Schleim, wurde größer und größer. Auch der kleine Klumpen, der sich auf den Finger des Soldaten befand, begab sich zum Rest.

Das Ding nahm immer mehr an Form an, es strahlte ein kühles, blaues Licht aus. Der MEK nahm seine Waffe und zielte, auch Seth machte sich kampfbereit.

Nach wenigen Minuten hatte es seine vollständige Gestalt angenommen. Ein riesiger Schleimhaufen. Im Inneren konnte Seth etwas erkennen. Es sah so aus, als würden sich mehrere Skelette in der Kreatur befinden. Sie schienen keinen festen Aggregatzustand zu haben, sondern waren so flüssig wie der Schleim. Die Knochen vermischten sich miteinander, lösten sich wieder, gingen ineinander über. Seth war sich nicht sicher, aber er schätzte, dass es sich um mindestens vier Skelette handelte. Sie sahen menschlich aus.

»Zerbrich die erste, zweite, dritte, vierte und fünfte Wand. Keine Wand. Hoffentlich geht es euch gut. Das blaue Licht. Es ist so hell. So wunderschön. Ich habe Angst. Ich habe so schreckliche Angst. Hast du das gehört? Hoffentlich kriegen wir das Teil bald zum Laufen. Ich hoffe, es funktioniert.«

Ohne Vorwarnung sprang das Monster nach vorne und stürzte sich auf den MEK, der nicht mal genügend Zeit hatte einen einzigen Schuss abzufeuern. Seth rollte instinktiv weg von der Gefahr, der Soldat hatte nicht so viel Glück. Das Ding brachte ihn zu Boden und begann ihn zu umschließen.

»Nein! Geh weg! Lass das. Lass das!«

»Sünder fallen in einen tiefen Abgrund, endlos lange, gepeinigt von den Schreien der Verbannten. Es gibt kein Ende, kein Anfang. Es wird ewig so weitergehen. Immer und immer wieder. Es brennt so sehr. Hilf uns … Rette uns … Erlöse uns!«, sprach der kollektive Schleim.

Seth wollte dem armen Kerl helfen, doch die Kreatur war schneller. Sie assimilierte ihn vollständig, nur noch dumpfe Schreie waren zu hören. Das Licht der Taschenlampe verschwand und übrig blieb nur das blaue Licht. Das Ding begann nun den alten Agenten ins Visier zu nehmen. Seth hatte noch nie einen solchen Verwandelten gesehen.

»Fürchte dich Sünder und zwar gewaltig, denn der Tag der Abrechnung steht bevor!«

»Komm doch her!«, knurrte er zurück.

Das Monster stürzte sich auf ihn und rang ihn zu Boden. Seth starrte nun in die leeren Augenhöhlen der Totenköpfe. Das helle, blaue Licht blendete ihn.

»Welchen Gott dienst du?«

»Tut mir leid, ich hab‘s nicht so mit Göttern, du Bastard!«

»Verdammte Heiden! Scharlatane! Die Götter starren auf unsere Träume. Gierig, hungrig, hasserfüllt. Wenn die Barrieren brechen, wird er über alles herrschen und die Sünder in den hasserfüllten Stern schicken! Fehlfunktion.«

»Ich hab jetzt wirklich keine Zeit für eine Predigt!«

Das Ding bildete einen Arm aus und begann Seths Gesicht zu umschließen. Er sah plötzlich ein helles Licht vor seinen Augen. Die Gedanken des Schleims verschmolzen mit seinen eigenen. Er befand sich im gleichen Raum, doch diesmal war alles in Ordnung. Das Portal, das Equipment und die Notizen. Seth sah wohl eine Vision der Vergangenheit. Drei Personen standen vor der Maschine und unterhielten sich, das Portal war einsatzbereit. Eine vierte Person öffnete die Tür und die drei anderen drehten sich erschrocken um. Dann geschah die Tragödie. Die Maschine schien eine Fehlfunktion zu haben. Irgendetwas war schief gelaufen. Ein heller Blitz, eine blaue Explosion. Alles wurde hell, dann befand sich Seth an einen völlig anderen Ort. Ein seltsamer Himmel, der in noch seltsameren Farben erstrahlte. Weiße, bleiche Kreaturen krochen über fleischartige Konstruktionen.

Einen Augenblick später befand sich Seth wieder in der Realität, er drohte vom Monster ebenfalls assimiliert zu werden.

»Zur Information, ich brauch keine Knarre, du Schleimbastard!«, murmelte er.

Er stieß mit der Hand senkrecht in das Monster hinein, konzentrierte sich und schoss einen Strahl Flammen durch die Kreatur. Sofort zog sie sich von seinem Gesicht zurück, wodurch Seth Abstand gewinnen konnte. Das Ding schaute verwirrt auf das brennende Loch in seiner Brust.

»Benjamin?«, stammelte es.

»Falsch geraten. Hey, hey, Leute. Seth hier!«

Er ballte die Hände zu Fäuste zusammen und schlagartig entflammten sie sich.

»Nadia, Nadia wo bist du? Ich vermisse euch. Ich liebe dich, Nadia.«

»Was redest du da, du Voidviech?«

Seth nutzte die Gelegenheit aus, solange das Ding noch verwirrt war. Seine brennenden Fäuste trafen ihr Ziel. Teile des schleimigen Körpers verbrannten einfach.

»Nein! Lass das! Nadia? Benjamin?«

Der Agent hörte nicht auf, auf das Monster einzuprügeln. Keine Gnade, man durfte gegen das Übernatürliche keine Gnade zeigen. Die Lektion musste Seth in seinem langen Leben mehrmals lernen. Der Schleim erwiderte die Gewalt nicht, er leistete keinen Widerstand, sein Leuchten wurde schwächer.

»Ich liebe dich, Nadia. Ich liebe auch Benjamin. Sag ihn das, bitte. Sag ihm, dass sein Papa ihn vermisst und ihn liebt. Ich habe Angst. Ich habe so schreckliche Angst. Ich will das alles nicht. Ich wollte es nie. Ich wollte niemanden verletzten. Nadia? Nadia, hörst du mich?«

»Für Entschuldigungen ist es jetzt leider zu spät!«

Seth griff mit seinen brennenden Fingern in den Körper hinein, der Schleim begann zu dampfen und umfasste den Schädel.

»Sag Gute Nacht, du widerlicher Haufen Schleim.«

Er drückte zu und der Schädel zersprang. Die blaue Flüssigkeit fiel zu Boden und verlor augenblicklich ihr Leuchten. Die Kreatur gab keinerlei Lebenszeichen mehr von sich. Alles was von ihr übrig blieb, waren ein paar Knochen und ein wenig Wasser.

Seth holte eine Zigarette vor und zündete sie sich mit seiner Hand an.

»Die hab ich mir jetzt verdient.«

Er hörte, wie plötzlich einige Gegenstände zu Boden fielen. Er drehte sich um. Die Gravitationsanomalie schien ihren Effekt zu verlieren, die Schwerkraft kam zurück. Nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens sagte er: »Scheiße, nichts wie weg von hier.«

Die Zigarette fiel aus seinem Mund und er raste die Wendeltreppe hoch. Gerade rechtzeitig, denn die Teile des Leuchtturms stürzten zu Boden und begruben den Eingang des Kellers.

Rookie, Salih und Rahmelo kamen sofort aus dem Haus gestürmt. Sie sahen einen völlig erschöpften Seth, der mit weißen Staub bedeckt war.

»Was ist passiert?«, fragte Rookie erschrocken.

Seth hustete ein wenig, schaute sich um und antwortete: »Anscheinend … Ähm … Hab ich das Problem gelöst.«

»Wie?«

»Lange Geschichte.«

Alle sahen sich an. Die einen waren mit grünen Blut bespritzt, der andere mit Staub bedeckt. Nur Rahmelo war sauber. Alle waren auch sehr erschöpft. Die Sonne ging langsam unter.

»So«, sagte Seth, während er sich eine neue Zigarette anzündete, »Wir sind hier wohl fertig. Anomalie ist neutralisiert. Gefahr gebändigt. Job ist erledigt. Können wir dann nach Hause?«

»Sieht wohl so aus«, entgegnete Rookie. Sie war recht froh darüber, sie brauchte dringend ein heißes Bad.

»Sollte ich nicht …«, mischte sich Rahmelo ein, »Sollte ich nicht, den Keller … ähm … untersuchen? Das wäre … das wäre wichtig.«

»Hör zu, Chinamann. Du kannst dir von mir aus eine Schippe und einen Eimer nehmen und versuchen den Eingang freizubuddeln, ist mir egal, ist ja deine Zeit. Ich werd jetzt von diesem verkackten Felsen verschwinden und ein Bier nachher schlürfen. Ein kühles. Und ich brauch dringend eine neue Zigarettenpackung«, grummelte Seth und ging zum Helikopter.

Rahmelo sagte dazu nichts, er schaute nur auf seine Schuhe.

»Mach dir nichts draus, Kleiner«, versuchte Salih ihn aufzumuntern und klopfte ihn auf die Schulter.

Sie alle folgten dann Seth, es gab schließlich nichts mehr zu tun.

Der alte Agent unterhielt sich gerade mit dem Piloten.

»Bring mir das Schwarze Telefon. Ich muss ein dringendes Gespräch führen.«

Der Pilot verschwand im Hubschrauber und kam kurze Zeit später wieder raus. Er hielt ein Telefon mit Wählscheibe, es schien mit nichts verbunden zu sein. Seth nahm den Hörer in die Hand und wählte die Nummer. Kurzes Warten.

»Seth hier. Geben Sie mir mal den Chef.“

»Hey, na wie geht‘s? Alles fit im Schritt?«

Seth hielt den Hörer ein wenig von seinem Ohr weg, anscheinend wurde er gerade angeschrien.

»Da ist heute aber jemand schlecht gelaunt. Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«

»Entschuldigung, Herr Direktor

»Wollte eigentlich nur Bescheid sagen, dass die Sache mit dem Leuchtturm erledigt ist. Gefahr ist neutralisiert. Es sollten keine anomalen Effekte mehr auftreten.«

»Ja, aber es sollten sich trotzdem nochmal Leute von der Wissenschaftsabteilung den Keller des Leuchtturms anschauen. Das könnte ganz interessant sein. Sie sollen dann auch diesen China Rahmelo mitnehmen. Der ist ganz heiß darauf nach unten zu steigen.«

»China Rahmelo. Junger Typ von der Wissenschaftsabteilung. Ziemlich nervig, ungeschickt, aufdringlich, aber scheint seine Arbeit zu verstehen.«

»Ja. Die sollten Schaufeln mitbringen. Der Eingang ist versperrt.«

»Dürfen wir dann gehen? Gibt ja nichts mehr zu tun.«

»Ähm«, Seth schaute sich kurz die Gruppe an, »drei.«

»Alles klar, Chef. Wir hören voneinander.«

»Du mich auch.«

Seth legte den Hörer wieder auf die Gabel und drehte sich zu seinen Kollegen um.

»Worauf wartet ihr? Ab nach Hause.«

Alle stiegen in den Helikopter ein und suchten sich einen Platz.

Salih wandte sich an Rookie und fragte sie: »Agentin Morle, möchten Sie vielleicht nachher einen Kaffee mit mir in der Kantine trinken?«

»Oh. Liebend gerne! Aber vorher würde ich doch ganz gerne mich waschen. Ich merke gerade, dass Wurmblut ziemlich stinkt.«

»Dito.«

Seth hob eine Augenbraue, schüttelte den Kopf und begann zu dösen. Der Helikopter hob ab und flog davon.