Mein Nachbar, die Krähe

23. August 2019 0 Von Joseph James

Umziehen ist nie leicht. Es ist ein stressiger, anstrengender Prozess, der mehr als nur ein paar Nerven kostet. Er kostet alle Nerven, er frisst sie quasi auf und spuckt sie wieder aus, hinterlässt nichts weiter als graublaue Kaugummimasse. Diesen Prozess musste auch Oliver Voss durchlaufen. Er war fertig mit den Nerven. Er hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Morgens früh aufstehen, abends spät ins Bett gehen. Da blieben maximal fünf bis sechs Stunden Schlaf und das schon seit zwei Wochen. Jeden Tag fuhr er von seinem alten Zuhause zu seinem neuen und wieder zurück.

Sachen sammeln, Sachen sortieren, Sachen aussortieren, Sachen wieder einsortieren, da man sich wieder umentschieden hatte. Sachen in Kartons packen, Karton ins Auto packen, vier Stunden oder länger Auto fahren. Ankommen, Auto entladen, Kartons in neues Haus packen. Wieder zurück nach Hause fahren, Möbel versuchen einzuladen. Merken, dass Möbel nicht in das kleine Auto passen. Kurzer Wutanfall. Durchatmen, Onkel nach größeren Transporter fragen, auf Onkel warten. Onkel kommt erst am nächsten Tag. Zusammen mit Onkel den Transporter mit Möbel beladen, einige Möbel werden beschädigt. Zurück zum neuen Haus, Transporter entladen. Möbel passen nicht, sind beschädigt, sind zu wenig. Kurzer Wutanfall, kurz verzweifeln. Durchatmen, zum nächsten Möbelgeschäft fahren. Eine Unmenge an Geld dort ausgeben, Transporter mit neuen Möbeln beladen, zurück zum neuen Haus. Alles aufbauen, dabei fluchen und schreien, weil wieder eine Schraube fehlt. Nochmal durchatmen, nach Hause fahren, schlafen gehen, kurz ausruhen. Am nächsten Morgen wieder aufstehen und der endlose Zyklus aus Ärger und Frustration beginnt von neuen.

Man fragt sich jetzt bestimmt, warum nimmt Oliver so viel Stress auf sich?

Warum zieht er um?

Ganz einfach: Er hat einen neuen Job.

Er war jetzt Administrator in den Eisenminen der Eisenheimer Bergbaugesellschaft. Den Job bekam er nicht durch eigene Anstrengung, Fleiß oder weil er ihn so unbedingt haben wollte. Ganz im Gegenteil! Sein Vater, ein Beamter im Dienste des Ministeriums für Wirtschaft und Handel mit Verbindungen zu den verschiedensten Bergbauunternehmen Lorgons, hatte sich darum gekümmert. Er sagte zu seinem Sprössling: »Sohn. Es wird Zeit, dass du endlich mal etwas Vernünftiges in deinem Leben machst. Musik ist schön und gut, aber Musik bezahlt nicht deine Rechnungen. Ich habe nicht dein Betriebswirtschafts- und Verwaltungsstudium an der renommiertesten Universität Lorgons finanziert, damit du am Ende auf der Straße sitzt und in dein Horn bläst.«

Es half kein Wehen und auch kein Klagen. Der Vater bekam so oder so seinen Willen durchgesetzt. Und da die Eisenheimer Bergbaugesellschaft sich nicht in Wintershagen befand, sondern, wer hätte es ahnen können, in Eisenheim, musste Oliver wohl oder übel umziehen.

Eisenheim war eine mittelgroße Stadt, die sich in der westlichen Einöde von Lorgon befand. Alles in der Stadt drehte sich direkt oder indirekt um die Minen im Eisenberg und zwar wirklich alles. Es gab die Bergbaugesellschaft, die das Eisen dort abbauen ließ.

Es gab drei Verarbeitungsunternehmen, nämlich Truppstahl, Konrads Stahl&mehr und Seiffert Gutstahl, die das Eisen in Stahl verarbeiteten. Es gab mehrere Unternehmen, die das Stahl kauften und daraus Produkte herstellten, unter anderem Whytaker Motors.

Und da wäre noch die Handelsgesellschaft, die das Eisen und Stahl zu anderen großen Unternehmen hin transportiert, wie Carolia Guns und die ArksCompany. Selbst die Gastronomie in dieser Stadt drehte sich um die Eisenminen, Restaurants und Lieferdienste kochten deftige Mahlzeiten für die zahlreichen Kumpels, Fabrikarbeiter und Angestellten. Hotels trugen Namen wie Hotel an den Eisenminen, Hotel Eisenberg, Eiserne Lagune, Hotel Eisenhart und so weiter.

Sollten jemals die Eisenminen versiegen, wäre das das Ende für die kleine Stadt. Unmengen an Arbeitern würden arbeitslos werden, Unternehmen würden bankrott gehen, Heerscharen von Bewohnern würden aus der Stadt fliehen. Die Stadt würde verarmen, verwaisen, verschwinden. Ganz zu schweigen von den politischen Auswirkungen. Tausende von Arbeitslose wären frustriert und wütend. Wut gegen die Unternehmen, die sie ohne Skrupel feuerten. Wut gegen den Staat, der tatenlos zuguckte und nichts gegen das Leid unternahm. Wut gegen den Commerciaquismus, dafür das er alle abhängig gemacht hatte. Die Rattenfänger der radikalen Bewegungen werden ausschwärmen und sich neue Mitglieder für ihre Reihen suchen. Greberisten, Neo-Imperialisten, Nationalisten, religiöse Fundamentalisten, sie alle werden kommen und sich freuen über ihre neuen Mitglieder. Das könnte eine Spirale auslösen, die ganz Lorgon wiedereinmal in Chaos versinken lassen würde. Hoffen wir einfach mal, dass die Minen noch viele weitere Jahrhunderte alle mit Eisen versorgen.

Zurück zu Oliver.

Oliver war nicht zufrieden mit seiner Situation, er mochte sein altes Zuhause, er mochte Wintershagen. Er liebte diese große und lebendige Stadt mit all ihrer faszinierenden Geschichte. Er liebte den Verkehr, die multikulturelle Vielfalt, die Vielzahl an Restaurants, Bars und Kneipen. Er liebte das Geräusch der Züge und vorbeifahrenden Autos. Kurzgefasst: Er war ein Großstadtkind. Eisenheim war keine Großstadt, es war keine Stadt für Oliver. Eisenheim war eine Stadt für Kumpel und ihre Familien.

Aber egal wie sehr es Oliver störte, er konnte nichts an seinem Schicksal ändern. Er hatte den Umzug hinter sich gebracht, alle seine Sachen waren nun im neuen Haus und es gab keinen Weg mehr zurück. Erschöpft fiel er in sein weiches Bett und schlief augenblicklich ein. Er begann zu träumen.

Oliver stand vor einem Haus, das ihm mehr als nur bekannt vorkam. Er hatte es schon einmal gesehen, aber er wusste nicht wo. Denk nach, Oliver, denk nach. Jetzt fiel es ihm wieder ein! Das Haus befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite von seinem neuen Zuhause. Es war weiß angestrichen, hatte ein rotes Ziegelsteindach, der Rasen war gemäht und gepflegt. Standard. Da war nichts ungewöhnliches an diesem Haus, warum träumte er dann davon? Seine Beine bewegten sich zur Haustür hin. Es war, als würde man durch Sirup laufen. Seine Hand formte sich zur Faust, er klopfte an die Tür. Einmal, zweimal, dreimal. Ein Blitz vor seinen Augen. Wieder stand er vor dem Haus, doch diesmal war alles neblig, verfallen. Die Straße hatte Risse und Asphaltlöcher, das Gras war braun. Überall saßen schwarze Krähen. Tausende. Millionen. Sie bedeckten das gesamte Haus, jede Stromleitung, jeden Baum. Sie waren überall.

Und sie sahen Oliver direkt an. In ihren kleinen schwarzen, seelenlosen Augen brannte ein unvorstellbarer Hunger. Mit einem Kreischen erhoben sie sich alle gleichzeitig in die Lüfte. Sie stürzten auf Oliver herab, ein Schwarm aus unzähligen Vögeln. Oliver starrte in das Maul dieses Ungetüms. Er konnte sich nicht bewegen, er konnte nicht fliehen, wohin denn auch? Er hatte nicht mal mehr die Möglichkeit zu schreien.

Schweißgebadet wachte er auf. Das war ein echt seltsamer Traum. Oliver schaute auf die Uhr, zwei Uhr morgens. Er stöhnte und legte sich wieder hin. Bald schlief er ein, diesmal ohne Alpträume. Einige Stunden später wachte er auf, Sonnenstrahlen blendeten seine verschlafenen Augen. Er knurrte, eigentlich wollte er noch länger schlafen, doch das war leider nicht möglich. Heute war nämlich sein erster Tag als Administrator. Die Freude war selbstverständlich riesig. Oliver hob sich aus dem Bett und begab sich zum Fenster um es zu öffnen. Dabei fiel sein Blick auf das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das Haus aus seinem Traum. Es sah identisch aus. Weiße Fassade, rotes Ziegelsteindach, gepflegter Rasen. Es war ein stinknormales Haus, warum träumte er davon?

Die Haustür wurde geöffnet, der vermeintliche Besitzer des Hauses trat heraus. Oliver musste sich die Augen reiben, denn er war sich nicht sicher, ob er das gerade richtig sah. Die sehr altmodisch wirkende Kleidung, bestehend aus braunen Mantel und schwarzen Zylinder, war noch am wenigsten seltsam. Nein, nein, der werte Herr trug auch eine schwarze krähenartige Maske. Ein langer Schnabel und leblose Augen zierten sein Gesicht. Er ging zu seinem Briefkasten und holte die morgendliche Zeitung heraus, die er unter dem Arm klemmte. Er war schon dabei umzudrehen und sich wieder zurück in sein Haus zu begeben, als er plötzlich in seiner Bewegung einfror und sich in Olivers Richtung drehte. Er hob seine behandschuhte Hand und winkte freundlich. Oliver sprang erschrocken zurück, er hatte damit nicht gerechnet. Hatte der seltsame Mann ihn gesehen, wie konnte er Oliver bemerkt haben?

Noch viel wichtiger war die Frage, warum dieser Herr eine solch außergewöhnliche Aufmachung hatte. Warum die altmodische Kleidung?

Warum die komische Maske?

Warum rannte er damit bei helllichten Tage durch die Gegend?

Olivers Kopf schwirrte vor lauter Fragen. Er rappelte sich wieder auf und schaute aus dem Fenster. Der Krähenmann war weg, wahrscheinlich wieder im Inneren seines Hauses verschwunden. Vielleicht hatte er sich das alles auch nur eingebildet, seine müden Augen müssen ihn einen Streich gespielt haben. Ja, das muss es gewesen sein. Sein Verstand hatte ihn irgendetwas zusammengekleistert. Ja, das war es. Oliver versuchte sich keine Sorgen mehr zu machen, langsam drängte auch die Zeit. Er sprang ins Bad und machte sich in Lichtgeschwindigkeit fertig. Er rannte mit ähnlicher Geschwindigkeit zum Auto und fuhr zur Arbeit.

Viele Stunden später kam er wieder, es war bereits dunkel draußen. Seine Augen waren schwer, er war mehr als nur müde. Der erste Arbeitstag war eine Katastrophe, Oliver war völlig überfordert gewesen. So viele Dinge zu beachten, so viele Forderungen, so viele Richtlinien und Regeln. Jeder hatte große Erwartungen an ihm, immenser Druck lastete auf seinen Schultern. Eigentlich freute er sich nur noch auf das Bett. Er wäre auch so sofort in seine Einfahrt abgebogen, hätte nicht eine Kuriosität seine Aufmerksamkeit gefesselt.

Das Haus seines Nachbars gab eine beeindruckende Lichtershow von sich. Aus den Fenstern strömten die verschiedensten Farben. Blau, Lila, Rot, Gelb, Grün. Die gesamte Nachbarschaft wurde erhellt. Oliver schaute gebannt zu. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Sollte er vielleicht die Polizei rufen? Das wäre vielleicht eine gute Idee, andererseits war er hundemüde und er musste morgen früh wieder aufstehen. Er entschied sich, das mysteriöse Farbenspiel in Ruhe zu lassen, vielleicht klopft er einfach später beim Nachbar und fragt ihn, was in der Nacht passiert ist. Das ist doch mal eine gute Idee, dachte er sich. Er parkte sein Auto in die Garage und machte sich dann bettfertig.

Dann begannen die Träume wieder.

Erneut stand Oliver vor dem Nachbarhaus. Doch diesmal war es gleich in einen verfallenen und verlassenen Zustand. Dicker Nebel umgab die gesamte Umgebung. Oliver konnte keine drei Meter weit gucken, er konnte auch keine anderen Häuser sehen. Waren da überhaupt andere Häuser? Oder war er und das Traumhaus ganz alleine? Seine Nackenhaare stellten sich auf, es lief ihm kalt den Rücken herunter. Da war etwas, etwas was ihn beobachte. Es befand sich nicht im Haus, nein. Es war draußen, im Nebel.

Es schlich umher.

Es lauerte.

Oliver sah einen Schatten im Nebel umher kriechen. Er konnte die Form nicht ausmachen, konnte sich nicht vorstellen, was da im Verborgenen war. Er wollte wegrennen, er wollte schleunigst hier weg. Doch seine Beine gehorchten ihn nicht, er blieb wie angewurzelt stehen. Panik machte sich in ihm breit. Seine Beine zitterten, er fiel hin. Hilflos lag er am Boden, unfähig sich zu bewegen.

Das Ding im Nebel wurde wilder, ging auf und ab. Kratzgeräusche waren zu hören. Rote Augen blitzen auf. Es stürmte auf Oliver zu. Er konnte noch das Gesicht der Kreatur ausmachen. Es war eine Krähe.

Oliver wachte mit einem Schrei auf.

Genug war genug, er konnte es nicht mehr ertragen. Er musste jetzt wissen, was es mit dem Haus auf sich hat. Er sprang aus dem Bett, zog sich Kleidung an und rannte aus dem Haus. Das seltsame Lichterspiel war erloschen, alles war dunkel. Er schaute sich noch einmal um und ging dann rüber. Er klopfte an die Tür. Einmal, zweimal, dreimal. Niemand reagierte. Warum auch? Es war mitten in der Nacht. Er öffnete die Tür, sie war nicht abgeschlossen.

Was ihn offenbart wurde, überraschte ihn doch. Statt einen normalen Hausflur, begrüßte ihn eine Treppe nach unten. Entgegen des gesunden Menschenverstandes stieg er hinunter. Die Tür schloss sich hinter ihm. Dunkelheit umgab ihn, jetzt kamen ihm Zweifel an seinem Vorhaben. Doch seine Neugier war zu stark, er wollte wissen, was es mit seinem Nachbar auf sich hatte. Also ging er weiter, gefühlt stundenlang. Er war soweit hinuntergestiegen, dass er sich schon scherzend fragte, ob er auf der anderen Seite von Terra wieder raus käme.

Schließlich kam er am Ende der Treppe an, eine weitere Holztür begrüßte ihn, er öffnete sie. Er gelangte in einen luxuriösen Saal, goldene Kronleuchter hingen von der Decke, feinste Teppiche bedeckten den Boden. Es erinnerte an die Festsäle des wohlhabenden Hochadels aus der Alten Zeit. An den Wänden waren kunstvolle Gemälde ausgestellt, alle zeigten den Krähenmann. Oliver ging an eines näher heran, um es genauer zu betrachten. Der Detailreichtum war beeindruckend! Es wirkte beinahe wie eine Fotokopie. Das Bild zeigte den Krähenmann in seinen altmodischen Outfit. Er stützte sich mit der rechten Hand auf einen Gehstock mit silbernen Knauf ab. Im Hintergrund war ein wunderschöner Waldpfad zu sehen, die Bäumen sahen so lebendig aus. Das dunkle Grün stach wirklich hervor.

Oliver schaute sich das Bild daneben an, wieder zeigte es den Krähenmann mit Gehstock. Doch diesmal kehrte er dem Betrachter den Rücken zu. Er stand auf einer hohen Felsklippe, unter ihm befand sich ein dichtes Nebelmeer. Einzelne mit Bäumen bewachsene Felsbrocken ragen aus dem Dunst, in der Ferne erhoben sich gewaltige Gebirge. Unten am Bildrahmen stand in goldener Schrift geschrieben: von C.D.F., für C.

Oliver kam aus den Staunen gar nicht mehr heraus, noch nie hatte er solche Meisterwerke gesehen. Kein Künstler in Lorgon, geschweige denn auf ganz Terra, war in der Lage solche Bilder zu kreieren. Und das war noch nicht alles, es gab noch mehr Wunder. Die Säulen, die den Saal trugen, waren aus massiven Gold. Die Fliesen aus Marmor und an den Kronleuchtern hingen hochkarätige Diamanten. Wer auch immer dieser Krähenmann war, an Geld mangelte es ihm nicht. Oliver ging weiter, er wollte noch mehr von diesem Palast sehen. Am Ausgang standen noch zwei Büsten des Krähenmannes an jeder Türseite, beide kunstvoll gefertigt aus Onyx.

Er öffnete die große Tür und kam in eine Bibliothek. Aber so eine Bibliothek hatte Oliver noch nie in seinen gesamten Leben gesehen. Der Eingangssaal war schon groß, doch diese Bibliothek war gigantisch. Die Regale ragten hunderte von Meter in die Lüfte, sie alle waren bis nach oben gefüllt mit Büchern. Es mussten Millionen und Abermillionen sein. Mehr Bücher als ein sterbliches Wesen je besitzen, geschweige denn lesen konnte. Er schaute sich einige der Bücher genauer an, las ihre Titel. »Die Reise ins Unbekannte«, »Die Expedition«, »Eine verhängnisvolle Verschwörung«, »Alte Legenden«, »Im Auge des Betrachters«, »Die Orgel«, »Red Tyranny«, von solchen Büchern hatte er noch nie gehört. Er ging weiter, die Regale hörten gar nicht mehr auf. Die Bibliothek musste die Größe einer Kleinstadt haben. Nach gefühlten vier Stunden kam er an den Rand des Raumes an. Über dem Ausgang hing ein weiteres Porträt des Krähenmannes, nur diesmal in gewaltigen Ausmaßen. Er saß auf einem Stapel Bücher wie auf einen Thron. Der Blick war nach vorne gerichtet, in der linken Hand hielt er ein geöffnetes Buch, in der rechten eine Schreibfeder. Es erinnerte Oliver an die Kaiser des Carolianischen Reiches aus längst vergangener Zeit.

Er durchschritt die Tür, als nächstes kam er in einen Theatersaal. Nicht so gigantisch wie die Bibliothek, aber immer noch groß. Was ihn erschreckte, war die Tatsache, dass der Saal mit Leuten gefüllt war. Alle in feiner Abendkleidung, alle mit … Krähenmaske. War er in irgendeiner Vorführung hineingeplatzt? Kann nicht sein, der Vorhang war noch unten.

»Entschuldigen Sie, mein werter Herr?«

Oliver erschrak. Er hatte nicht damit gerechnet, dass jemand sprechen würde. Er schaute nach links, dort stand ein Theaterpage in roter Uniform, ebenfalls mit Krähenmaske.

»Entschuldigen Sie, ich wollte niemanden erschrecken. Aber wir haben bereits auf Sie gewartet, Ihr Platz ist bereits reserviert. Folgen Sie mir einfach.«

Oliver war zu perplex, um in irgendeiner Form zu reagieren. Er folgte dem Page einfach. Und tatsächlich! Er führte ihn zu einem Platz in der ersten Reihe, auf dem Sitz befand sich ein kleines Schildchen, wo in schöner Schrift drauf stand: Reserviert für Oliver Voss. Der Page nahm das Schild weg, verbeugte sich und sagte: »Ihr Platz, verehrter Herr. Genießen Sie die Vorführung.«

Oliver nahm dankend den Platz an, er fühlte sich jedoch etwas unwohl. Was sollte das ganze Schauspiel? Befand er sich noch in der Realität? War das alles ein Traum? Er war sich nicht wirklich sicher, vielleicht schlief er doch noch in seinem Bett. Vielleicht war er gar nicht aufgestanden. Das musste es sein, anders kann man die ganze Show hier nicht erklären. Neben ihn saß eine feine Dame in roten Abendkleid, natürlich mit Krähenmaske. Sie schaute ihn keine Sekunde lang an.

Oliver entschied sich zu entspannen und einfach die Theatervorführung zu genießen.

Der Vorhang hob sich, zu sehen waren Bühnenkulisse, die wahrscheinlich einen Garten darstellen sollten. Sogleich kamen auch zwei Schauspieler auf die Bühne, ein Mann und eine Frau, ihre Gesichter wurden durch die bereits bekannten schwarzen Krähenmasken verdeckt. Der Herr trug einen gelben Anzug und einen gelben Zylinder, während die Dame ein grünes Kleid trug und einen grünen Regenschirm in der Hand hielt. Der Mann kniete vor ihr, dabei sagte er: »Mein Fräulein, mein Fräulein. Erweisen Sie mir die Ehre? Darf ich mit Ihnen tanzen? Es würde mir eine unbeschreibliche Freude bereiten.«

Er hielt ihr die Hand hin, doch sie zögerte.

»Aber mein werter Herr«, erwiderte sie, »der Herr Papa wäre nicht erfreut darüber. Er würde sehr wütend werden. Sie wissen doch, wie er ist!«

Der Mann erhob sich, er schüttelte mit dem Kopf.

»Natürlich, natürlich. Ich weiß doch Bescheid. Ich weiß, wie ihr Herr Papa ist. Ich weiß, wie unsere beiden Familien zueinander stehen. Doch …«, er schmiegte sich an ihr, »… ich möchte mit Ihnen tanzen, mein Fräulein. Der Herr Papa wird es auch nie erfahren! Ich verspreche es! Und selbst wenn, ich würde dafür sorgen, dass Ihnen nichts zustößt!«

Sie dachte darüber nach und willigte ein. Die beiden tanzten, liebenswürdige Musik spielte. Beide waren in einem Zustand höchster Glückseligkeit. Doch das Glück währte nicht lange. Scheppern! Jemand polterte herum! Die beiden Verliebten schauten sich erschrocken um. Trotz ihrer Masken konnte Oliver die Furcht in ihren Gesichtern erkennen. Ein großer Schatten näherte sich, polterte und lärmte dabei.

Ein dritter Schauspieler betrat die Bühne, ein regelrechter Fettwanst. Ein alter Mann in Offiziersuniform, die Knöpfe konnten die Jacke gerade so zusammenhalten. Auch er trug die Krähenmaske, doch sie war verformt, fettiges Fleisch quoll an den Seiten hervor. Bei jedem Schritt stöhnte und schnaufte der Mann. Die Frau war in Angst. Sofort fiel sie in eine unterwürfige Haltung.

»Herr Papa, ich … ich wollte … das ist nicht …«, begann sie zu murmeln.

»HALT DIE SCHNAUZE, Weibsstück!«, brüllte er. Seine Stimme donnerte über die gesamte Bühne.

Die Frau sank auf die Knie den Tränen nahe. Sie schluchzte. Ihr Gefährte schien nervös zu sein, er schien sich nicht entscheiden zu können, was er als nächstes tun sollte. Sein Blick ging von seiner Geliebten hin zu ihren Vater und wieder zurück. Er entschied einzuschreiten.

Er stellte sich vor der schluchzenden Dame, schützend beide Arme ausgebreitet.

Mit fester und selbstbewusster Stimme sagte er: »Mein Herr! Sie werden der jungen Dame kein einziges Haar krümmen! Ich habe keine Angst vor Ihnen, ich …«, ein ohrenbetäubender Knall. Er schaute nach unten, Blut strömte aus seiner Brust, er brach zusammen.

Der Vater hatte eine Steinschlosspistole gezogen und abgefeuert, Rauch quoll noch aus dem Lauf heraus. Die Frau weinte bitterlich, der fette Mann stampfte zu ihr rüber und packte sie an den Haaren. Sie schrie, während er sie von der Bühne zog. Der Mann rührte sich nicht, er lag einfach tot da. Der Vorhang senkte sich und das Publikum applaudierte. Ende des ersten Aktes. Oliver war noch nicht ganz überzeugt.

Kurze Zeit später hob sich der Vorhang wieder. Das Bühnenset stellte diesmal eine Art Büro dar. In der Mitte stand ein massiver Eichentisch, um ihn herum standen zwei Männer. Beide in militärischen Uniformen, der eine trug eine rote und der andere eine schwarze. Oliver musste zugeben, dass er bisher keine einzige Uniform erkannte. Sie ähnelten keine von denen, die er bisher gesehen hatte. Die beiden Männer schienen sehr aufgebracht zu sein. Der Rote marschierte auf und ab, er schüttelte energisch den Kopf.

»Dieser fette Sack! Dieser mörderische Sohn einer billigen Straßenhure! Er ist zu weit gegangen, er ist jetzt wirklich zu weit gegangen! Wie kann er es nur wagen? Ich werde ihn höchstpersönlich strangulieren! Mit meinen eigenen Händen!«, schimpfte er.

Der Schwarze lehnte sich an den Tisch und schaute dem Schauspiel zu, er wirkte bedrückt.

»Welch ein schwarzer Tag für unsere Familie. Frau Mutter wird am Boden zerstört sein, am liebsten will ich es ihr gar nicht sagen.«

»Bruder, wir müssen jetzt etwas unternehmen! Wir müssen unser Blut rächen!«

Der Schwarze winkte ab.

»Und dann? Was soll das bringen? Es wird ihn nicht wieder lebendig machen …«

Der Rote war aufgebracht, er schlug auf den Tisch.

»Er hat unseren geliebten Bruder kaltblütig erschossen! Ich werde nicht tatenlos herumsitzen! Ich werde etwas unternehmen!«

»Ich habe immer gewusst, dass diese Affäre sein Unheil werden wird. Aber der verliebte Sturkopf wollte ja nicht hören. Armes Mädchen, wie kann eine solch zarte Blume, nur solch einen Stier als Vater haben?«

Der Rote schaute den Schwarzen erbost an.

»Komm mir nicht mit dieser Hurentochter! Sie hat unseren Bruder doch erst da hineingezogen! Sie ist mit Schuld an seinen Tod! Diese gesamte inzestuöse Familie ist schuldig! Ohne die hätten wir doch nicht solche Probleme! Sie bringen nur Unheil über uns! Nichts als Ärger! Von mir aus können die allesamt zur Hölle fahren!«, schrie er.

Er verließ wütend die Bühne. Nur noch der Schwarze war da. Er schaute das Publikum direkt an und sagte: »Es bahnt sich ein großes Unheil heran. Die ganze Sache gefällt mir nicht. Ich wünschte, es gäbe einen Weg die Sache friedlich zu lösen. Doch dafür sehe ich keine Hoffnung.«

Der Vorhang senkte sich wieder und das Publikum applaudierte noch viel lauter als zuvor. Ende des zweiten Aktes.

Der Vorhang öffnete sich wieder, diesmal soll die Bühne ein Wohnzimmer darstellen. Der Herr Papa und seine Tochter waren zu sehen. Die junge Dame wimmerte, das linke Auge ihrer Maske war zersplittert, der Vater hatte sich von ihr abgewandt.

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst dich nicht mit diesem Halunken treffen? WIE OFT? Wie oft habe ich es dir schon gesagt?«, er drehte sich um.

Die Dame sagte nichts, sie wimmerte nur. Ihr Vater ging zwei Schritte näher an sie heran und schlug sie.

»ANTWORTE!«

Er schlug nochmal zu, diesmal härter.

Sie sagte unter Tränen: »Sehr oft, Herr Papa. Sehr oft.«

Er schlug nochmal zu, sie stürzte zu Boden.

»Ganz genau. Und weißt du auch, warum du ihn nicht treffen darfst? WEIßT DU ES?«, brüllte er sie an.

»Ja, Herr Papa. Ich weiß es, Herr Papa. Seine Familie besteht … nur aus Verbrechern und Halsabschneidern. Und es ziemt sich nicht für eine Dame aus guten Hause, wenn sie sich mit solchen Halunken einlässt. Denn dann fangen die Leute an zu reden und das ist schlecht für das Ansehen der Familie.«

»Richtig, mein Kind. Und warum noch?«

»Weil … weil der Herr Papa bereits einen guten Ehepartner für seine geliebte Tochter herausgesucht hat. Einen wohlhabenden Staatsbeamten. Perfekt für seine geliebte Tochter.«

Er kniete sich hin und streichelte ihr den Kopf.

»Richtig, richtig. Siehst du, du bist doch nicht so dumm, wie du aussiehst. Nun steh auf und mach dich fertig! Dein zukünftiger Ehemann wird jeden Moment hier erscheinen, also wisch dir die Tränen ab!«

Sie stand auf und verschwand blitzschnell von der Bühne.

»Weiber …«

Es klingelte.

Der Vater drehte sich um und rief: »Kommen Sie ruhig herein, die Tür steht bereits offen.«

Ein Mann in einem gut geschneiderten, schwarzen Anzug betrat die Bühne. Er verbeugte sich vor dem Vater.

»Es ist mir eine Ehre, Sie zu sehen, mein Herr«

»Die Ehre ist ganz meinerseits«, entgegnete der Vater.

»Ist das werte Fräulein fertig? Ich möchte mit ihr durch den Park spazieren gehen. Es ist so ein wunderschöner, sonniger Tag. Den muss man einfach ausnutzen.«

Seine Körpersprache strotzte nur so von Energie und Tatendrang.

»Gewiss doch, gewiss. Das Fräulein ist bald soweit, sie muss sich noch etwas frisch machen. Sie kennen ja die Frauenzimmer.«

»Natürlich, natürlich, mein Herr.«

»Aber sagen Sie doch, Herr Voss …«, Oliver wurde hellhörig, hatte er das gerade richtig verstanden?

»Um was geht es, mein verehrter Herr?«

»Wie geht es denn im Ministerium für Wirtschaft und Handel voran? Gibt es etwas Neues aus der Welt der Politik zu berichten?«

»Ach, Sie wissen ja. Alles nur Regeln und Vorschriften. Nichts atemberaubendes.«

Oliver stand erschrocken auf. Soll dieser Schauspieler etwa sein Vater repräsentieren? Das konnte doch nicht sein! Er wollte weg von hier und zwar schleunigst. Der Schauspieler rief von oben herab: »Wo möchtest du denn hin? Das Schauspiel ist doch noch nicht vorbei! Es gibt noch so viel über deine Familie zu erfahren!«

Der Page stellte sich ihn in den Weg.

»Mein Herr, ich muss Sie bitten …«

Oliver schlug ihn mit aller Härte ins Gesicht. Der Page fiel zu Boden, sein Kopf löste sich vom Körper. Alle Lichter gingen an und Oliver erkannte die Illusion. Niemand hier war echt, das waren keine realen Personen. Alle waren nur … Puppen. Jeder einzelne von ihnen. Oliver schaute sich um, nichts bewegte sich, alle waren in ihrer letzten Pose eingefroren. Es war alles nur ein Schauspiel.

Der Vorhang schloss und öffnete sich wieder, zum Vorschein kam eine weitere Tür. Der Ausgang?

Er hörte ein leises Geräusch, das von der Tür kam.

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Oliver näherte sich der Tür, die seltsamen Geräusche wurden etwas lauter.

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Er öffnete die Tür und ging hindurch. Das Geräusch wurde lauter.

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Oliver befand sich in einen großen, achteckigen Raum. Die Decke wurde von vier Säulen getragen, beide so hoch, dass er nicht das Ende erkennen konnte. In der exakten Mitte des Raumes befand sich der Verursacher der Geräusche.

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Er saß an einen massiven Eichentisch, den Schnabel über eine Schreibmaschine gebeugt, den Zylinder hatte er beiseite gelegt.

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Er nahm das fertig geschriebene Blatt aus der Halterung und legte es auf einen daneben liegenden Stapel. Erst dann sah er nach vorn.

»Ahh, ich hab Sie bereits erwartet. Gefällt Ihnen mein Refugium? Ich habe lange daran gearbeitet.«

»Es … Es ist …«, stotterte Oliver.

»Beeindruckend, ich weiß. Ich muss aber auch ehrlich gestehen, dass es ziemlich unhöflich ist, in jemandes Haus einzubrechen und in seinen Sachen zu wühlen. Aber Sie können nichts dafür, es musste so passieren. Es war der Wille des Narratives. Die Erzählung muss schließlich passieren.«

»Was … Wie meinen Sie das?«

»Haben Sie es noch nicht verstanden? Es war nicht ihr eigener Wille, der Sie zu mir gebracht hat. Es waren nicht die seltsamen Träume oder das unstete Verlangen. Es war ganz allein der Wille der Buchstaben. Sie formten Ihren Weg, sie hatten keine andere Wahl. Keiner hat die.«

Oliver wurde schwindlig, er verstand nicht ganz.

»Sag… Sagen Sie mir die Wahrheit? Wer sind Sie? Was sind Sie? Was machen Sie hier?«

»Sie könnten die Wahrheit gar nicht ertragen!«, rief er.

Oliver ging zum Tisch hin, stützte sich mit beiden Armen ab und schaute den Krähenmann direkt in die schwarzen Augen.

»Sagen Sie es mir!«

Der Krähenmann nahm seinen Stapel Papier und las eine zufällige Seite vor: »Was haben Sie denn so in den letzten Wochen gemacht? Hatten Sie etwa einen stressigen Umzug? Wie wars den Wintershagen? Und diese Träume! Müssen ja furchtbar für Sie gewesen. Die Krähen, das Monster, der Nebel. Und auf einmal wollten Sie unbedingt in mein Haus. Warum waren Sie überhaupt so erschrocken, als Sie mich gesehen haben? Sehe ich so scheußlich? Das ist ziemlich unhöflich. Und wie geht es überhaupt ihren Vater? Wussten Sie das noch nicht mit der Familientragödie? Schreckliches Ereignis, wirklich schrecklich. Aber ihre Mutter hatte ja keine andere Wahl. Armes Ding.«

Oliver ging ein, zwei Schritte zurück.

»Kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr? Sie haben das Geschriebene schon erlebt.«

»Wie ist das … Wie?«

»Gute Frage. Schreibe ich Dinge auf, weil sie passiert sind oder passieren Dinge, weil ich sie aufgeschrieben habe? Welch eine philosophische Frage, darüber könnten wir tage-, nein wochenlang diskutieren und wir würden der Lösung nicht einen Zentimeter näher kommen. Ich selbst habe darüber nachgedacht und bin zu keinen Schluss gekommen, außer das ich ein Diener der Buchstaben bin, dass ich ihren Gesang hören kann. Die Wahrheit ist, mein Freund Oliver Voss«, er stand auf, »es gibt keinen freien Willen, es ist alles nur Illusion, wir sind bloß Sklaven der Mächte, die die Buchstaben zu Narrativen formen. Und ich bin ihr Vermittler. Das Bindeglied zwischen Realität und Fiktion. Das … ist die Wahrheit, die Wahrheit die Sie gesucht haben.«

Oliver wusste nicht, was er davon halten sollte. Er wollte es nicht glauben. Er konnte es nicht.

»Nehmen … Nehmen Sie ihre verdammte Maske ab! NEHMEN SIE SIE AB!«, befahl er.

Der Krähenmann schaute ihn verwundert an.

»Welche Maske? Ich trage keine Maske.«

»Keine Maske? Keine Maske!«, er begann zu lachen.

Der Krähenmann nahm eine goldene Taschenuhr aus seinen Mantel und klappte sie auf: »Ja, es wird jetzt Zeit für Sie zu gehen. Machen Sie es gut!«

Oliver drehte sich um und rannte zur Tür, er riss sie auf und eilte davon. Die Wendeltreppe hoch, immer weiter hoch. Er schnaufte und keuchte, doch er wollte schnell weg von hier. Weg von diesem Irrenhaus. Immer weiter, immer höher, immer schneller. Ihm wurde schwindlig, sein Kopf schwirrte, Übelkeit stieg in ihm auf. Hörte diese Treppe denn niemals auf? Er rannte weiter, stolperte, fiel hin, rappelte sich wieder auf, rannte weiter. Endlich! Die rettende Tür war in Sicht! Er brach quasi durch sie durch, sprang in die Freiheit.

Er landete mit dem Gesicht mitten auf den Gehweg. Er drehte sich um.

Das Haus war verlassen und alt. Die Fenster waren zugenagelt, der Rasen ungepflegt. Der Putz fiel von den graffitiverzierten Wänden. Eine Unmenge an Krähen hatte sich auf dem Dach und den Bäumen niedergelassen.