Die letzte Schlacht

1. August 2019 0 Von Joseph James

Es war vier Uhr morgens, als sie an meiner Tür hämmerten. Schlaftrunken öffnete ich sie, vor mir standen drei Personen. Zwei Männer in den silbernen Rüstungen der imperialen Fußsoldaten, ihre Gesichter hinter grauen Helmen versteckt und ein junger Mann mit blonden Haaren gekleidet in schwarzer Offiziersuniform. Er hielt mir einen Schrieb vor das Gesicht.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte er im aufgeregten Ton, »aber auf Befehl von General Neuendorff sollen alle Einwohner von Lorgon-City evakuiert werden.«

»Wieso, wenn ich fragen darf?«, meine Neugier war geweckt.

Der junge Offizier suchte nach nach Worten.

»Ähm … Na ja … Das ist … Die Hauptstreitkräfte der Rebellenarmee nähern sich unserer Hauptstadt.«

»Wirklich?«, ich war erstaunt, »Davon war im Radio noch gar nicht die Rede.«

»Man sah keinen Grund darin, es würde angeblich nur Panik verursachen.«

Ja, klar.

»Und warum wird die Bevölkerung dann evakuiert? Sollten jetzt nicht irgendwelche Notfallprotokolle eingeleitet werden? So was wie Protokoll Endkampf

Der Offizier trat näher an mich heran.

»Um ehrlich zu sein, General Neuendorff möchte nicht kämpfen. Er hat es satt. Er sieht darin keinen Sinn weiterzukämpfen. Er sagt, das Imperium ist verloren. Die Führung hat versagt, sie sieht ihr Versagen aber nicht ein. Ein Kampf würde, seinen Worten nach, nur unnötiges Blutvergießen verursachen. Deshalb möchte er so viele Zivilisten wie möglich aus der Stadt bringen und sich der Rebellenarmee anschließen.«

»Gewagte Worte.« Um ehrlich zu sein, ich war verblüfft.

»Ja, deswegen ist diese wortwörtliche Nacht-und-Nebel-Aktion auch geheim. Würde man uns erwischen, wir würden am nächsten Laternenpfahl baumeln. Also, kommen Sie jetzt mit?«

Ich überlegte kurz, dann sagte ich ihm: »Nein, ich möchte hier bleiben.«

Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen.

»Wieso?«

»Hier wird Geschichte geschrieben und als Journalist ist es meine Pflicht diese zu dokumentieren.«

Der Offizier schaute seine beiden Begleiter an und zuckte dann mit den Schultern.

»Wie Sie meinen, aber glauben Sie mir, das wird hier nachher ein höllisches Schlachtfeld.«

»Ich weiß, worauf ich mich einlasse«, erwiderte ich.

»Wie auch immer. Ich bin froh, wenn diese ganze Scheiße vorbei ist und ich wieder zuhause bei meiner Frau und meiner Tochter bin. Ich habe die Schnauze voll vom Krieg, wie jeder von uns.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich und verschwand gemeinsam mit seinen Kumpanen. Ich hingegen ging zurück in meine Wohnung und zog mir frische Klamotten an. Der Krieg näherte sich dem Ende und ich werde der Erste sein, der darüber schreibt. Als Journalist ist es meine Pflicht, dieses weltbewegende Ereignis festzuhalten. Ich schnappte mir meine Kamera und setzte mich ans Fenster, dann wartete ich.

Es dauerte noch ungefähr fünf Stunden, bis ich in der Ferne ein lautes Grollen hörte. Das Geräusch von hunderten anrollenden Panzern. Kurze Zeit später fielen die ersten Kanonenschüsse, der Artillerieregen begann. Wohnblöcke fielen aufgrund des Beschuss in sich zusammen, ich hatte Glück, dass meiner nicht getroffen wurde. Nur wenige Augenblicke danach erwachten die Alarmsirenen in der ganzen Stadt zum Leben. Weitere schwere Schüsse fielen, diesmal waren sie viel näher. Die Panzer rollten vorwärts. Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Dutzende von schwerbewaffneten Soldaten in silberner Rüstung marschierten Richtung Geräuschquelle.

Ich schnappte mir meine Sachen und sprintete nach unten, ich flog quasi die Treppe herunter. Unten angekommen schlug ein Geschoss in meinen Wohnblock ein, ich sprang sofort zur Seite, um nicht von herabfallenden Trümmern erschlagen zu werden. Das wäre ein unpassendes und zu frühes Ende für mich gewesen.

Das Kriegsgeschehen schien immer näher zu kommen, bald ertönten die ersten MG-Feuer. Entgegen aller Vernunft machte ich mich auf den Weg zum Kampfgebiet. Das ist doch Selbstmord!, flüsterte mir mein gesunder Menschenverstand zu, doch ich ignorierte ihn für den Moment. Ich wollte es sehen, ich wollte dabei sein und ich wollte Fotos machen.

Nach einen kurzen Fußmarsch war ich ganz in der Nähe. Die silbernen Fußsoldaten lieferten sich eine Schlacht mit den Rebellen. MG-Feuer regnete auf alle herab. Soldaten fielen, schrien auf, starben. Die Panzer schossen unermüdlich auf kleine Truppenverbände, um sie auseinanderzusprengen. Hin und wieder traf ein solches Geschoss einen Wohnblock. Ich hoffte, dass General Neuendorff alle raus gebracht hatte.

Nachdem die Verteidigung sich zurückzog, um sich neu zu sammeln, marschierte die Rebellenarmee weiter. Jetzt konnte ich einen guten Blick auf den Feind werfen. Der Anblick war … überraschend. Einfache Soldaten in dreckigen, braunen, spontan zusammengebastelten Uniformen. Fast jede Rasse war unter ihnen vertreten: Orks, Minotauren, Skelette, Menschen, Dragonier, sogar Nekos und Sardonier. Alle hatten den gleichen oder einen ähnlichen Gesichtsausdruck, müde und erschöpft. Keiner sprach, keiner lachte, niemand zeigte auch nur einen Funken Freude.

Ich kann es ihnen ehrlich gesagt nicht verübeln, nach fünfzehn langen Jahren Krieg hat niemand mehr Lust weiterzukämpfen. Doch sie stehen so kurz vor dem Sieg, jetzt oder nie!

Mich verwundete dann doch der geringe Widerstand der Regierung, waren doch schon so viele Soldaten geflohen? Hatten sie aufgegeben? Hatten sie sich versteckt? Kurz darauf gab es eine Durchsage: »AN ALLE BÜRGER DER IMPERIALEN HAUPTSTADT! FEINDLICH GESINNTE REVOLUTIONÄRE TERRORISTEN ATTACKIEREN UNSERE HAUPTSTADT! BEWAHREN SIE RUHE! DIE IMPERIALE DMT-ARMEE UND DIE ANTI-AUFSTANDSTRUPPEN DER POLIZEI HABEN ALLES UNTER KONTROLLE! BEWAHREN SIE RUHE! VERLASSEN SIE NICHT IHRE WOHNUNGEN! NEHMEN SIE KEINEN KONTAKT MIT DEN TERRORISTEN AUF! ZUWIDER HANDLUNGEN WERDEN BESTRAFT! BEWAHREN SIE RUHE! ALLES IST UNTER KONTROLLE!«

Die Regierung hielt an ihren Lügen und ihrer Propaganda fest. Es wurden keine offiziellen Evakuierungsmaßnahmen eingeläutet, die Menschen wurden nicht in Sicherheit gebracht. Glaubten die in der obersten Etage immer noch an den Endsieg? Oder hatten sie noch ein Ass im Ärmel? Ich glaubte es nicht. An anderen Stellen der Stadt brachen Explosionen die Stille, die Rebellenarmee schien von mehreren Seiten aus anzugreifen. Gebäude fielen in sich zusammen, Gewehre ratterten, noch mehr Explosionen. Überall laute Geräusche.

Mein Trupp machte sich weiter auf den Weg. Ich schaute mir ihre Panzer genauer an. Gestohlene Modelle des DMT-Heeres, zerkratzt und mit Dellen und Beulen. Der weiße Adler auf blauen Grund war auf jeden zu sehen. Manchmal waren auch die Worte »FREIHEIT«, »DEMOKRATIE«, »GERECHTIGKEIT« und »FRIEDEN« drauf gepinselt.

Meine Anwesenheit schien die Rebellen nicht zu stören, es war ihnen sogar egal. Nur einer der Soldaten kam auf mich zu, ein roter Dragonier in schmutziger Uniform.

Er rief: »Was machen Sie hier, Zivilist? Sind Sie selbstmordgefährdet? Wollen Sie eine Kugel mit ihrem Kopf fangen?«

»Ich bin hier, um Zeuge der Geschichte zu werden!«

Er lächelte nur, schüttelte den Kopf und ging weiter. Ich folgte ihm.

»Warten Sie! Ich möchte Sie etwas fragen.«

Er schaute mich fragend an.

»Schießen Sie los.«

»Wohin bewegt sich der Truppenverband? Was ist ihr Ziel?«

Er richtete seinen Helm und sagte dann: »Man gab uns den Befehl bis zum Regierungsbezirk zu marschieren. Dort sollen wir die Köpfe der Regierung, insbesondere den Imperator gefangen nehmen.«

»Werden Sie sie hinrichten?«

»Mal schauen«, sein Lächeln verriet alles. Er war blutdürstig.

Der Verband bewegte sich weiter, in der Zwischenzeit verschaffte ich mir einen Überblick über seine Stärke. Ungefähr einhundert Mann und vier Panzer konnte ich zählen, eine ziemlich kräftige Truppe.

Auf den Weg ins Herz der Stadt stießen wir immer wieder auf kleine Einheiten von Silberlingen. Sie waren allesamt kein Problem, die Rebellen durchlöcherten einfach ihre billigen Rüstungen. Manchmal bettelten sie sogar um Gnade, doch niemand hörte ihnen zu. Ein Kopfschuss, dann war Ruhe.

Es überraschte mich ehrlich gesagt nicht, dass keine Spur von den Offizieren zu sehen war. Die hatten sich bestimmt in ihre Bunker zurückgezogen und wimmerten nun vor Angst. Es hätte mich gewundert, wenn sie den Mut hätten selbst zu kämpfen. Feiglinge durch und durch.

Als ich gerade ein paar Fotos machte, schlug plötzlich neben uns etwas ein. In den oberen Etagen der Wohnblocks hatten sich Raketenschützen eingenistet. Einer der Aufklärer schrie Befehle, sogleich zielten die Panzer mit ihren Rohren nach oben und feuerten gemeinsam ab. Die Etage wurde vollkommen zerstört. Danach wurde sofort eine Bestandsaufnahme der Verletzten gemacht, der Sanitäter der Gruppe erklärte: »Alles halb so schlimm, nur Kratzer.«

Man war erleichtert und machte sich weiter auf den Weg. Es gab noch ein paar kleinere Scharmützel, doch der Widerstand wurde immer geringer. Die Silberlinge schienen vermehrt zu fliehen oder direkt aufzugeben. Nach gut zwei Stunden kamen wir am Regierungsviertel an. Der gewaltige Turm des Imperators ragte bedrohlich hunderte Meter in die Höhe. Auf den Großen Platz, eigentlich gedacht für Kundgebungen und Zusammenkünfte, hatten sich tausende von Anti-Aufstandstruppen versammelt. Sie alle standen da in Reih und Glied, gekleidet in silbernen Rüstungen mit gelben Lackierungen. Den Schutzschild in der einen Hand, den Elektroknüppel in der anderen. Sie waren bereit.

Die Rebellen stürmten mit Geschrei aus allen Ecken auf die regierungstreuen Soldaten zu. Sie zogen ihre Schwerter, Säbel, Stäbe und Knüppel hervor. Es entbrannte ein brutaler Nahkampf. Helme zerbrachen, Zähne flogen heraus, Blut bedeckte den Boden.

Ich versuchte auf eine Anhöhe zu gelangen, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich hörte das Aufprallen der Schläge, das Zersplittern von Glas, die Schmerzenschreie. Keine der beiden Fronten schien nennenswerte Fortschritte zu machen. Doch inmitten des Schlachtgetümmels hörte ich, wie jemand auf ein Mikrofon tippte, dann das schrille Störgeräusch.

Ich sah nach oben und tatsächlich! Auf den Sprecherbalkon standen mehrere Personen. Täuschten mich meine Sinne oder war es wirklich wahr? Es war keine Illusion, es war die Elite. Was machen die da?, fragte ich mich. Die Person in der Mitte, den roten Haaren nach zu urteilen war es Doc Flame, tippte nochmal gegen das Mikrofon.

Dann begann er seine legendäre Ansprache: »Brüder und Schwestern, leiht mir euer Ohr! Ich bitte euch, hört mir zu!«

Und wie durch ein Wunder hörten alle auf zu kämpfen und lauschten den Worten.

»Hört mir zu! Ihr kennt mich unter den Namen Doc Flame, ein Mitglied der Elite. Ich bin heute an dieses Podium getreten, um euch schockierende Neuigkeiten mitzuteilen! Unser Imperator, den wir ja alle so sehr lieben und vergöttern, ist ein Lügner, ein Betrüger und ein skrupelloser Mörder!«

Lautes Murmeln breitete sich in der Menge aus.

»Hört mir zu! Imperator Floreo Darks hat dieses Imperium auf Lügen und Leichen aufgebaut. Er ist ein Vater- und ein Brudermörder, er hatte die ersten Rebellen in eine Falle gelockt und dann kaltblütig hinrichten lassen, er organisierte Attentate auf Senatoren und Verbündete um mehr Macht zu erhalten, er ließ Oberkommandant Sippstein durch einen Attentäter umbringen. Auch unseren geliebten Oberkommandanten Dark Heart hat er umgebracht. Er! Mit seinen eigenen Händen! Er will auch nicht den Krieg beenden, obwohl dieser bereits so viel Leid über uns gebracht hat. Im Gegenteil! Er will uns kämpfen lassen, bis niemand mehr steht, bis die Straßen mit Blut überschwemmt werden!«

Kurze Pause.

»Die Elite kann aufgrund der Enthüllungen, den Imperator nicht mehr freien Gewissens dienen und so sollte es auch kein Soldat oder Regierungsangestellter tun. Kraft des mir verliehenen Amtes erkläre ich den Krieg hiermit für beendet und den Imperator für abgesetzt. Alle Waffen sollen niedergelegt und Friedensverhandlungen aufgenommen werden. Lasst uns eine neue Zukunft aufbauen und den imperialen Verbrechern das Handwerk legen. Fangen wir mit dem größten Verbrecher an, dem Imperator des DMT-Imperiums, Floreo Darks!«

Ich war ehrlich überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet.

Es folgte ein Moment der Stille, dann kamen alle der Aufforderung nach. Einige Polizeitruppen stürmten in den Turm hinein. Später stellte sich heraus, dass sie den Imperator erschossen hatten. Er hatte keinerlei Gegenwehr geleistet, hieß es.

Damit war der Krieg vorbei, endgültiger Frieden aber ließ noch einige Monate auf sich warten. Doch an diesen Tag starb nach fünfzig Jahren endlich das verhasste Imperium und die Zeit der Demokratie konnte endlich beginnen.

Der 08.06.1075 n.d.T wird für immer in die Geschichte eingehen.

Das Ende des Imperiums.

Das Ende der Unterdrückung.

Der Beginn des Friedens.

Geschrieben von Hermann Wolfgang Carter

Redakteur der »Freien Zeitung Lorgons«