Gespräche mit einer Krähe

29. Juni 2019 0 Von Joseph James

Gespräche mit einer Krähe

Träume sind schon etwas Erstaunliches, nicht wahr? Sie wirken echt, doch gleichzeitig auch nicht. Sie zeigen uns bekannte Orte, die doch zur selben Zeit auch vollkommen unbekannt sind. Die Geschehnisse ergeben keinen Sinn, doch sie tun es. Gesichter wandeln sich in einem Augenblick in andere. Orte verändern sich ständig. Da wo vorher eine Treppe war, klaffte nun ein gigantischer Abgrund. Zuerst war da eine Wand, doch nach einem Wimpernschlag sieht man einen Durchgang, der zu einem wunderschönen Garten führt, wo die Bäume mit den Wurzeln nach oben wachsen und die Blumen wie kleine Badewannen geformt sind. Man läuft einen endlosen Gang entlang und eh man sich versieht, geht es mit dem Weg bergauf. Dir bekannte Menschen zerfallen zu Staub, der Himmel dreht sich, wird rot. Von rot zu blau und von blau zu lila. Die Wolken können aus Zuckerwatte oder aus Wolle sein. Oder einfach aus Stein. Was spielt das denn schon für eine Rolle? Nur im Traum kann ein Stein so leicht sein wie Luft. Steine schweben, die Sonne geht im Westen auf und im Süden unter, Vulkane sind kalt, Eis ist kochend heiß, Vögel fliegen rückwärts. Wir verstehen uns schon, oder?

Träume folgen keiner Logik.

Nein.

Besser gesagt, sie folgen einer bestimmten Logik. Sie folgen einer Unlogik. Alles was Sinn macht, ist sinnlos. Jeglicher Unsinn macht Sinn. Hell ist dunkel. Weiß ist schwarz. Oben ist unten. Verkehrte Sachen sind richtig herum, richtige Sachen sind verkehrt. Träume sind verzerrende Spiegel der Realität. Träume sind Unrealität, irreal. Doch sie machen im Kontext ihrer Umgebung Sinn. Sie sind wahr gewordene erlebte Paradoxe, die gelöst werden können. Oder auch nicht. Wir können diese Paradoxe lösen, wir können den Träumen Sinn verleihen. Dazu müssen wir den Traum nur kontrollieren. In der Fachsprache spricht man von luziden Träumen oder auch vom Klartraum. Die Fähigkeit das Traumparadoxon zu lösen, bedeutet, Herr seiner eigenen wild gewordenen Fantasie zu werden. Die Umgebung nach seinen Wünschen zu gestalten. Die Unrealität wird zur formbaren Tonmasse. Stell dir vor, was ein begabter Künstler damit anstellen könnte. Die Möglichkeit Welten zu erschaffen und sie auch wieder verschwinden zu lassen.

Ungeahnte Möglichkeiten.

Doch nur wenige beherrschen diese Fähigkeit, nur eine winzig kleine Minderheit von Personen. Unser Träumer gehört zur bedauerlichen Mehrheit. Er hat keine Kontrolle über seinen Traum, er muss dem ungeschriebenen Skript folgen. Er ist ein Sklave seines Verstandes, nur ein Protagonist in einer Geschichte. Er hat keinerlei Einfluss, genauso wie der Hauptcharakter eines Romans keinen Einfluss auf die Story hat. Er muss dem roten Faden folgen, seine Entscheidungen beeinflussen die Handlung nicht. Warum auch? Es sind nicht mal seine eigenen Entscheidungen, die er trifft. Jemand anderes fällt sie für ihn. Er hat keinen eigenen Willen, er besitzt die Illusion eines freien Willens. Er glaubt nur, dass er einen freien Willen hat, doch das ist eine Lüge. Es ist völlig unerheblich, welche Entscheidung er trifft, denn jede seiner Entscheidungen wurde bereits für ihn entschieden. Jede Bewegung, jeder gesprochene Satz, jeder einzelne Gedanke. Nichts gehört ihm. Es ist alles das Werk eines Anderen.

Aber zurück zu unserem Protagonisten dieses Traums.

Wie lautet sein Name?

Rhetorische Frage.

Es ist egal, was du jetzt antwortest, denn es spielt keine Rolle. Der Name wurde bereits niedergeschrieben.

Nennen wir ihn Eric. Sein Aussehen soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. Sagen wir, er sieht ziemlich durchschnittlich aus.

Momentan befindet er sich auf einer wunderschönen gelben Wiese, der Himmel strahlt in einem herrlichen Blauorange. Vögel mit Händen als Flügel fliegen durch die Luft, trillern und zwitschern. Beruhigende Geigenmusik spielt im Hintergrund. Für Eric ist das alles völlig normal, er hinterfragt die Szenerie nicht. Ihm ist nicht bewusst, dass er sich gerade in einem Traum aufhält.

Er dreht seinen Kopf herum und sieht, dass er nicht allein auf der blauen Wiese ist. In einer gewissen Entfernung steht eine weitere Figur, ein äußerst famos gekleideter Herr, wenn ich das so sagen darf. Schwarzer Zylinder, brauner Mantel, braune Weste, weißes Hemd, rote Krawatte. Solch eine Person würde man eher auf einem Ball vermuten, statt auf einer rosa Wiese. Doch etwas stimmt mit dem Herr nicht.

Sind es seine Schuhe?

Nein, die sind piekfein.

Sind es seine Hände?

Nein, die sind in teure schwarze Handschuhen gekleidet.

Aber was ist es dann?

Vielleicht liegt es an seinem Gesicht. Denn statt ein normales Gesicht, wie jeder andere normale Bürger es trägt, hat er ein anderes. Sein Gesicht hat das Aussehen einer Krähenmaske. In einer anderen Welt würde man von einem Pestdoktor sprechen, doch diese Welt kennt keine Pestdoktoren. Sie kennt noch nicht einmal die Pest. Beziehungsweise doch schon, aber sie nennen diese Krankheit nicht Pest, sie nennen sie Pestiria. Andere Welten, andere Begriffe. Aber wir schweifen ab, es ist weder der richtige Ort noch die richtige Zeit, um über alternative Welten und ihre unterschiedlichen Ausdrucksweisen für Wörter, die doch das selbe sind und auch das selbe meinen, zu sprechen.

Der gute Herr hat das Gesicht einer Krähe, doch man sollte ihn nicht darauf ansprechen, das wäre nämlich sehr unhöflich.

Eric sieht den Mann und bewegt sich auf ihn zu. Das braune Gras streichelt ihm die Beine. Obwohl er so weit weg zu sein scheint, dauert die Überbrückung der Entfernung nur einen Augenblick. Erst jetzt sieht Eric auch, dass der mysteriöse Mann in ein Buch schreibt. Oder war das Buch vorher gar nicht da und ist gerade eben erschienen? Egal.

»Was schreiben Sie denn da?«, fragt er einfach.

»Sie«, antwortet der Mann.

Eric ist verwirrt: »Wie meinen?«

»Sie haben mich schon richtig verstanden. Ich schreibe Sie.«

»Ich versteh nicht ganz, was Sie meinen.«

»Hier, ich zeige es Ihnen.«

Der Mann nimmt das Buch und hält es vor Erics Nase, er liest:

»Was schreiben Sie denn da?«, fragt er einfach.

»Sie«, antwortet der Mann.

Eric ist verwirrt: »Wie meinen?«

»Sie haben mich schon richtig verstanden. Ich schreibe Sie.«

»Ich versteh nicht ganz, was Sie meinen.«

»Hier, ich zeige es Ihnen.«

Der Mann nimmt das Buch und hält es vor Erics Nase, er liest:

Seine Augen weiten sich vor Erstaunen.

»Das ist ja unglaublich.«

»Ja, oder. Ziemlich unglaubliches Zeug.«

»Sind Sie so eine Art Autor?«

Leises Trommeln in der Ferne, Libellen mit langen Zöpfen summen vorbei.

»Nein.«

»Und … Was sind Sie dann?«

»Vom Beruf her bin ich … Wie formuliere ich es, so das Sie es verstehen? Ich bin … Chronist.«

»Ein Chronist?«

»Ja. Ein Chronist.«

»… Okay.«

»Ich dokumentiere Geschichten.«

»Aber … woher wissen Sie was wann passiert?«

»Ich weiß es einfach.«

»Sie erfinden die Geschichten aber nicht oder etwa doch?«

»Das steht nicht in meiner Macht. Ich lausche nur den Klängen.«

»Welchen Klängen?«

»Den Klängen der Buchstaben. Der Melodie der Sätze. Ich kenne sie alle, von A bis Z. Wissen Sie, die Welten bestehen alle nur aus endlosen Folgen von Symbolen. Buchstaben, Zahlen und andere. Ein bewandertes Individuum mag unter bestimmten Umständen in der Lage sein diesen Text zu hören.«

»Liest man Texte nicht für gewöhnlich?«

»Nein.«

» … Okay. Und wer hat diese Texte verfasst?«

»Das weiß ich nicht. Ich schreibe nur nieder, was bereits niedergeschrieben wurde. Alles was nicht niedergeschrieben wurde, existiert nur als ungeschriebener Gedanke. Genauso gut könnte es gar nicht existieren.«

»Ich verstehe nicht so recht.«

»Das ist nicht so schlimm, am Anfang sorgt es immer für Kopfzerbrechen.«

»Aber wie kann ich hier stehen und gleichzeitig niedergeschrieben sein?«

»Ganz einfach. Sie existieren bereits als Text. Sie, die graue Wiese und der weiße Himmel. Alles ist Text, all das hier existiert auf einer weißen Fläche als schwarze Symbole. Man muss nur richtig hinhören, dann versteht man es. Man hört die Buchstaben, wie sie erscheinen und wieder verschwinden. Es wird korrigiert, es wird neu angeordnet, es wird gelöscht, es wird neu niedergeschrieben. Ein endloser Prozess, der sich endlos bis in alle Ewigkeiten wiederholt. Unendlich viele Symbole, endlos aneinander gereiht, auf ewig und für immer. Sie existieren und sie existieren nicht. Man muss nur hinhören und dann kann man die Geschichten niederschreiben. Niemand, nicht einmal ich, hat Einfluss auf den Text. Ich entscheide nicht was niedergeschrieben wird, ich schreibe es einfach nur auf. Ich höre nur den Klang.«

»Dahinter muss eine mächtige Gottheit stecken!«

»Was sind denn schon Götter, wenn nicht nur weitere fiktionale Schöpfungen. Die Götter existieren nur, weil sie niedergeschrieben worden sind. Kein Gott ist mächtiger als das geschriebene Wort selbst. Durch das Wort werden Welten geboren und durch das Wort werden Welten sterben.«

»Also … Ist das alles hier nicht echt? Die türkise Wiese? Der schwarze Himmel? Nichts davon ist echt?«

»Was ist schon echt? Für sie ist diese Welt erst recht nicht echt. Sie befinden sich nämlich in einem Traum.«

»Ich träume? Aber … Nein … Das ist doch … das kann nicht …«

»Nicht stottern. Ich spreche die Wahrheit. Sie träumen. Für Sie ist das Erlebte nicht echt. Alles nur eine Erfindung ihrer Fantasie. Die Wissenschaft vermutet, dass Träume nur Verarbeitungsprozesse des Gehirns sind. Obwohl Ihre Welt glaubt, dass Träume Verbindungen zu anderen Dimensionen sind. Alles davon ist wahr und alles ist gelogen.«

»Mein Kopf schmerzt. Das ergibt alles kein Sinn.«

»Sinn ist Unsinn, Unsinn ist Sinn. Das ewige Paradoxon der Träume.«

»Ich verstehe nichts …«

»Das brauchen Sie auch nicht. In Ihrer Geschichte ist das Verstehen auch nicht vorgesehen. Die Buchstaben flüstern mir das zu.«

Der gute Mann holt aus seinem Mantel eine alte, leicht angerostete Taschenuhr heraus. Auf dem Ziffernblatt befinden sich aber keine Ziffern, Eric kann gar nicht erkennen, was eigentlich darauf zu sehen ist.

»Wie ich sehe, wird es bald Zeit.«

»Zeit wofür?«

»Für Sie zu gehen. Ihr Traum ist bald zu Ende.«

»Aber geht meine Geschichte weiter oder ist es nun vorbei? Ich hab doch noch eine Geschichte, oder?«

Der Mann schweigt, leise Flötentöne waren zu hören, sonst nichts. Kein Wind. Kein Vogelgezwitscher.

»Sagen Sie doch was!«

»Ich habe keinen Einfluss.«

Eric sinkt auf die Knie, um ihn herum wird alles grau. Der Boden und der Himmel zersplittern. Die Erde bebt, Bruchstücke fallen herunter. Unter Eric öffnet sich der Boden, beinahe ist er hinuntergestürzt, doch er kann sich noch an einem rotblauen Grasbüschel festhalten.

»Nein. Nein. Nein! Ich will nicht gehen! Ich möchte weiterexistieren. Es soll noch nicht vorbei sein!«, fleht er.

Der Mann sah auf ihn herab, sein Mantel flatterte anmutig im nicht vorhandenen Wind.

»Es liegt nicht in meinen Händen, ich bin nur ein Chronist. Aber keine Sorge, es wird alles gut werden. Doch letztendlich geht jeder Satz mal zu Ende.«

Eric fiel und die Geschichte war vorbei.