Die alte Schule

29. Juni 2019 0 Von Joseph James

Es war einer dieser heißen Schultage, die in der der Klassenraum gefühlte hundert Grad erreicht. Tommy saß in der Mitte des Zimmers, Hefter und Stifte auf dem gesamten Tisch verteilt. Vorne an der Tafel stand seine Lehrerin Fräulein Mittnacht, das Fräulein soll nicht täuschen, sie war schon über sechzig Jahre alt. Ihre Haare waren grau wie Staub und streng zusammengeknotet, ihr Körper war spindeldürr und leicht gebeugt, ihre Kleidung war stets pechschwarz. Ihre Stimme war extrem krächzig, als hätte sie ihr Leben lang nur geschrien. Die Schüler nannten sie deshalb Fräulein Nebelkrähe, doch auch nur heimlich hinter ihren Rücken, denn sie konnte eine grausame Furie sein. Um ehrlich zu sein, sie hatte auch etwas Krähenartiges an sich. Sie war das perfekte Abziehbild einer gealterten, strengen Lehrerin.

Genau in diesem Moment krächzte sie über Addition und Multiplikation, dabei stolzierte sie vorne auf und ab, manchmal schlug sie mit ihrem Zeigestock auf die Tafel um auf etwas aufmerksam zu machen. Tommy hörte ihren Ausführungen nicht wirklich zu und wer kann es ihm verübeln? Zwölfjährige Jungen haben andere Interessen als Algebra, besonders an solch sonnig-heißen Tagen. Er starrte einfach aus dem Fenster und malte sich aus, welche tollen Abenteuer er nachher erleben möchte. Vielleicht fischen gehen oder Radfahren. Oder er unternimmt etwas mit seinen Freunden. Die saßen übrigens beide neben ihn.

Auf der linken Seite befand sich Greta, ein elfjähriges Orkmädchen. Tommy fand sie zickig und sie war auch ziemlich hässlich, selbst für einen Ork. Sie hatte kleine, gelbe Eckzähne, grüne Warzenhaut und eine große Schweinenase. Aber er unternahm trotzdem gerne etwas mit ihr, sie wusste einfach die besten Plätze zum Spielen. Außerdem beschützte sie ihm vor Rabauken, aber Tommy würde niemals zugeben, dass ein Mädchen ihn beschützt. Das wäre gegen seine Jungsehre.

Zu seiner Rechten saß Xar, ein Dragonier im selben Alter wie Tommy. Er war auch sein allerbester Freund, mit ihm konnte man eine Menge Spaß haben. Das heißt, solange Xar nicht wieder die Hose voll hatte. Man sollte wissen, dass Xar gar nichts, aber auch überhaupt gar nichts, mit den Dragonierkriegern aus den alten Legenden zu tun hatte. Seine Zähne und Krallen waren stumpf, seine Schuppen weich und er musste eine passende Hornbrille tragen. Außerdem war er gegen gefühlt alles allergisch. Trotzdem mochte Tommy Xar, er war witzig und durch seine Klugheit fielen ihm immer neue und bessere Streiche ein.

Die drei waren ein gutes Team und alle drei wurden von Fräulein Mittnacht abgrundtief gehasst. Sie blödelten herum, passten nicht auf, waren frech. Und wenn es eine Sache gab, die Fräulein Mittnacht hasste, dann waren es freche Kinder. Sie verlangte von ihren Schützlingen Gehorsamkeit und Respekt, sie war schließlich eine Person der Autorität und nicht irgendeine Witzfigur über die man sich lustig machen konnte. Doch trotzdem taten es die drei. Sie malten sie als Krähe, versteckten ihre Unterlagen, schmierten die Tafel voll und spielten ihr allerhand Streiche. Allein würde sich niemand von ihnen etwas wagen, doch gemeinsam waren sie unaufhaltsam. Trotz, oder gerade wegen, ihrer Differenzen.

Die Unterrichtsstunde verging im langsamen Schritt, Tommy wäre sogar fast eingeschlafen, doch dann klingelte die Schuluhr. Er schreckte sofort hoch und begann die verstreuten Sachen in seinen Rucksack zu packen. Fräulein Mittnacht krächzte noch über Hausaufgaben und einen Test, den sie nächste Woche noch schreiben, doch Tommy hörte schon gar nicht mehr hin. Sein Kopf war bereits im „Schule-ist-zu-Ende“-Zustand. Sobald die Lehrerin das letzte Wort ausgespuckt hatte, nahm Tommy seinen Rucksack und rannte aus dem Klassenzimmer, Xar und Greta folgten ihm auf den Flur.

»Gott. Ich dachte, die Stunde würde niemals enden. Ich bin fast mit dem Kopf auf den Tisch geknallt«, grunzte das Orkmädchen.

»Oh-h-h-h-h, dann wäre aber die … die Scheiße am Dampfen gewesen. Die …«, Xar schaute sich nervös um und flüsterte dann weiter, »die alte Nebelkrähe hätte dir Feuer unterm Stuhl gemacht. Die hätte dich nach Hause geschickt, deine Eltern angerufen, dich …«

»Wir haben dich schon verstanden, Xar«, unterbrach ihn Tommy.

Xar hustete und rückte seine Brille zurecht.

»Und Jungs, was wollen wir heute Nachmittag machen? Wieder an den See gehen? Ich hab da letztens ein Fuchsbau gesehen, vielleicht führt der ja zu einem geheimen verlassenen Bunker!«, Greta war kaum noch zu bremsen.

»Erzähl … erzähl nicht so einen Scheiß, Greta. Du hast schon beim letzten Mal behauptet, das irgendein Loch zu irgendein Bunker führt. Und davor auch schon. Und davor. Und das andere Mal auch. Jedes einzelne war … eine Enttäuschung«, warf Xar ihr entgegen.

»Aber vielleicht! Vielleicht ist es diesmal wirklich ein Bunker!«, antwortete sie zickig.

Xar knurrte, es klang wie ein kleines Kätzchen. Greta schnaufte und funkelte böse mit den Augen.

»Leute, Leute«, schritt Tommy ein, »jetzt beruhigen wir uns mal wieder. Wir können ja nachsehen und je nachdem wer recht hat, kriegt fünf Goldscheine vom jeweils anderem. Abgemacht?«

Beide nickten.

»Wollen wir uns dann gleich auf dem Weg machen?«, Greta war schon ganz zappelig.

»Können wir gleich machen, aber vorher muss ich … na ja … ich muss mal so richtig hart … ihr versteht schon«, sagte Tommy andeutungsvoll und machte dabei obszöne Gesten.

Xar kicherte.

»Ihr seid echt widerwärtig!«

Tommy lachte und machte sich auf dem zur Toilette. Auf dem Weg dorthin begegnete er einen seiner schlimmsten Alpträume, den Schulrabauken Robert, gemeinhin unter dem Namen Gifthauch bekannt, weil sein Atem aufgrund des immensen Zigarettenkonsums unerträglich stank. Manche nannten ihn auch Raucherlunge, Krächser oder McSmoke, aber nur wenn er sich nicht gerade in der unmittelbaren Nähe befand. Er war ein großgewachsener, dünner Junge mit fettigen, ungekämmten Haaren. Sein Gesicht war eine Ruine, von Akne vollkommen zerfressen. Sein Körpergeruch war eine Mischung aus Traurigkeit, unterdrücktem Verlangen nach Sex, Zigarettenqualm und billigen Rasierwasser. Trotz alledem war er unter den jüngeren Schülern mehr als nur gefürchtet. Tommy hatte schon öfters das eine oder andere blaue Auge von ihm bekommen. Außerdem liebte er es Tommy in Spinde oder Mülleimer zu stecken oder auch kopfüber in die Toilette. Und das war nur der harmlose Kram. Er soll auch schon Leute mit Messer bedroht und verletzt haben, das waren aber, so glaubt und hoffte Tommy zumindest, nur Gerüchte und Schauerlegenden.

Tommy versuchte nicht aufzufallen und schlich sich an ihm vorbei. Doch das war gar nicht nötig. Robert war damit beschäftigt einer gleichaltrigen Neko die Ohren zu kraulen. Man sah ihr an, dass sie nicht wirklich zufrieden mit der Situation war. Kurz bevor Tommy die Toilettenräume betrat, hörte er noch ein lautes Fauchen, ein Kratzgeräusch, gefolgt von üblen Schmerzensschreien.

Tommy trat an das Urinal und erleichterte sich erst mal. Der Toilettenraum war in einem katastrophalen Zustand. Die Wände waren zugeschmiert mit Zeichnungen, obszönen Sprüchen, Aufklebern und Graffiti. Die Fliesen waren nicht mehr weiß, schon lange nicht mehr, sie waren gelb. Die Toiletten sahen ekelhaft aus, genauere Beschreibungen und Details sollen an dieser Stelle erspart bleiben. Tommy selbst störte das nicht, er hat schon schlimmeres gesehen und auch gemacht, unter anderem einen Regenwurm essen für Geld. Er hatte also einen ziemlich starken Magen.

Er begab sich ans Waschbecken und wusch sich die Hände. Auf einmal sah er im Spiegel etwas, wenn auch nur flüchtig. Ein fliehender Schatten, so schnell er erschienen, so schnell war er wieder weg. Tommy wusste nicht warum, aber er hatte etwas vogelartiges an sich. Erschrocken drehte er sich um, doch da war niemand. Die Toilettenkabinentür schwang nur ein wenig hin und her, doch sonst … keine Spur. Außer einer.

Auf dem Boden lag ein kleiner Notizzettel, auf dem stand:

Geh in das Nebengebäude der Schule, dort wo Chemie und Biologie unterrichtet werden. Erdgeschoss, dritter Gang. Dort wirst du eine Tür zwischen Raum 101 und Raum 102 finden. Öffne sie und du wirst das Abenteuer deines Lebens entdecken.

– C. –

Es lief Tommy kalt den Rücken herunter. Woher kam dieser Zettel? Wer hatte ihn geschrieben? Wer ist dieser »C«? Tommy hatte keine Antworten auf diese Fragen, Tommy wusste nichts, Tommy fand das einfach nur gruselig. Absolut niemand war zu sehen, vielleicht hatte er sich den Schatten doch nur eingebildet, vielleicht lag die Notiz schon vorher da und er hatte sie einfach nicht bemerkt. Gut möglich, vielleicht sogar äußerst wahrscheinlich. Er beruhigte sich wieder, seine kindliche Phantasie war wohl mit ihm durchgegangen. Nun übernahm seine kindliche Neugier die Kontrolle. Welche Tür war gemeint und wohin führte sie? Der Zettel sprach von Abenteuer, das klang aufregend. Auf Tommys Gesicht erschien ein breites Grinsen, er musste es sofort seinen Freunden sagen. Er rannte aus der Toilette und machte sich auf den Weg sie zu finden.

Er fand sie ganz leicht, sie standen noch vor dem Klassenraum und unterhielten sich.

Völlig außer Atem kam Tommy an: »Leute … Leute … Ich … Ich hab … Ich hab …«

»Hol erst mal Luft bevor du sprichst«, versuchte Xar seinen aufgeregten Freund zu beruhigen.

Tommy hielt kurz inne und sprach dann weiter: »Ihr werdet nicht glauben, was ich gefunden habe!«

»Deine Männlichkeit?«, spottete Greta und kicherte dabei, Xar tat es auch.

Tommy gab beiden einen genervten Blick: »Nein, ihr Arschnasen. Einen Zettel, jemand muss ihn dort vergessen oder sogar absichtlich hingelegt haben!«

Er zeigte seinen Freunden den Zettel.

Xar runzelte mit der Stirn: »Ich wusste gar nicht, dass es eine Tür zwischen Raum 101 und 102 gibt.«

»Ich kann mich auch nicht wirklich dran erinnern«, erwiderte Greta.

»Ich auch nicht. Aber klingt das nicht voll spannend?«

»Ich weiß nicht …«, Greta war sich nicht ganz sicher.

»Klingt auf jeden Fall interessanter als wieder irgendein Loch zu durchstöbern und enttäuscht zu werden.«

Greta schlug Xar gegen die Schulter und warf ihn einen wütenden Blick zu.

»Aua! Warum?«

»Blöde Schuppenfresse! Du weißt ganz genau warum.«

»Ich krieche halt nicht gerne in Löchern herum!«

»Ja, weil du eine kleine Memme bist!«

»Nein! … Ich reagiere allergisch auf die Wurzeln unter der Erde«, entgegnete Xar.

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder?«

»Frag doch meinen Arzt, Schweinegesicht!«

Tommy rollte mit den Augen. Manchmal war es echt schwer die beiden hier als Freunde zu haben, dachte er sich.

»Leute! Jetzt beruhigt euch doch mal wieder. Wollen wir nicht lieber erfahren, was sich hinter dieser Tür verbirgt? Ich meine, was haben wir denn zu verlieren?«

»Einen ganzen Nachmittag. Die Zeit krieg ich nie wieder.«

Tommy funkelte seinen schuppigen Freund böse an. Xar entschied ab sofort die Klappe zu halten.

»Ich bin dabei, das Loch rennt ja nicht weg«, meinte Greta.

»Na, dann los!«

Sie machten sich auf dem Weg zum Nebengebäude der Schule, es war nicht wirklich weit weg, vielleicht ein kleiner Marsch von fünf bis acht Minuten.

Als sie das Gebäude betraten, bemerkten sie unbewusst das etwas nicht stimmte. Im ganzen Haus war komplette Ruhe, niemand war zu sehen. Kein Schüler oder Lehrer. Nichts war zu hören, nichts als Stille. Das einzige Geräusch war das Summen der Lampen, doch auch das schien gedämpft zu sein. Die drei Kinder machten sich nichts daraus, sie waren voll und ganz auf das bevorstehende Abenteuer fixiert. Sie folgten der Anweisung, selbst das Geräusch ihrer Schritte war leiser als sonst, bis sie den gemeinten Gang erreichten.

Tommy war plötzlich unbehaglich zumute, er wusste nicht warum. Doch irgendetwas an diesem Gang ließ ihn erschaudern, dabei war es nur ein ganz normaler Gang wie in jeder anderen Schule auch. Zur einen Seite die Klassenzimmer, zur anderen die Spinde. Doch etwas machte ihn Angst. Der Gang wirkte dunkler und auch kälter, Lichter flackerten spastisch, das Summen nahm merkwürdige Rhythmen an. Auch seine Freunde spürten dieses Unbehagen, besonders Xar. Seine Haut fühlte sich kalt an, seine Augen zuckten panisch hin und her.

Trotz allem gingen sie den Gang hinunter bis sie zwischen Raum 101 und Raum 102 standen. Und da war sie auch, die besagte Tür. Sie wirkte etwas fehl am Platze, um es mal vorsichtig auszudrücken. Es war eine alte verrostete Metalltür, sie schien älter als die gesamte Schule zu sein, so als hätte man die Schule um die Tür herum gebaut, aber das war vollkommen unmöglich. Von ihr ging ein tiefes und langsames Summen aus.

»Ich habe diese Tür noch nie in meinem Leben gesehen und ich war schon öfters hier«, bemerkte Xar.

»Ja, seltsam. Wo kam sie bloß her?«, fragte Greta.

»Ist das nicht vollkommen egal? Sie schreit förmlich nach Abenteuer!«, Tommy war kaum noch zu bremsen.

»Ich weiß nicht. Jetzt wo ich das all hier sehe, fühle ich mich nicht ganz wohl dabei …«

»Sei keine Memme! Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen!«, er meinte es ernst.

Tommy ging einen Schritt näher an die Tür, seine Hand bewegte sich zum Türdrücker. Für einen kurzen Moment hatte er Zweifel, doch es war zu spät. Keine Zeit mehr für Rückzieher. Seine Hand lag bereits auf der Klinke, sie fühlte sich kalt an. Tommy drückte sie herunter und öffnete die Tür. Ein Geruch von Fäulnis kam ihnen entgegen. Alle drei starrten hinein und sahen eine Treppe, die nach unten führte.

»Also«, begann Tommy, »wollen wir dann?«

Xar schluckte, Greta schien nervös zu sein, doch Tommy machte den ersten Schritt, die anderen beiden folgten ihm kurz darauf. Der Gang wurde erhellt von alten elektrischen Lampen, sie alle gaben das selbe seltsame Summen von sich.

»Theoretisch … müsste diese Treppe ja … in den Keller der Schule führen. Also … ja … müsste ja logisch sein, wohin … sollte sie sonst führen?«, überlegte Xar.

»Ich bin mir da nicht so sicher …«, entgegnete Greta.

Sie stiegen weiter herab, der Eingang war schon nicht mehr zu sehen. Je tiefer sie gingen, desto intensiver wurde der Geruch von Moder und Fäulnis. Es wurde auch immer kälter und feuchter, es war unerträglich. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren sie immer noch nicht unten angekommen.

»Sollten wir …«, Xar begann zu husten, »Sollten wir nicht schon längst … am Ziel sein? Ich hab das Gefühl … wir laufen schon seit Stunden.«

»Ja, das ist echt seltsam. Wie tief soll es denn noch gehen?«, Greta war sich nicht sicher.

»Tommy, sollten wir nicht lieber umkehren? Vielleicht … vielleicht führt dieser Weg ja nirgendwohin …«

»Nein. Es wird nicht umgedreht. Wir sind fast da. Ich kann es spüren.«

»Aber Tommy … Die Luft … Meine Allergien …«

»Schnauze, hör auf zu flennen!«

Xar war wieder still und Tommy sollte recht behalten, sie waren nach kurzer Zeit am Ziel angelangt. Eine weitere Metalltür, Tommy öffnete sie und die Gruppe ging hindurch. Was sieh sahen, überraschte sie ein wenig. Der Ort sah aus wie eine Schule, nur … weitaus älter und verfallender. Die Luft war durchdrungen mit dem Geruch von Schimmel und Feuchtigkeit. Dieser Ort schien schon seit Jahrzehnten verlassen zu sein.

»Okay, das ist wirklich aufregender als jeder Fuchsbau. Wer hätte gedacht, dass sich unter unserer Schule eine weitere Schule befindet?«, sagte Greta.

»Wie alt diese Schule wohl ist?«

»Sehr alt … Älter als … Vielleicht älter als das Imperium? Vielleicht sogar noch älter …«

Die Kinder waren beeindruckt, dieser geheimnisvolle Ort übertraf all ihre Erwartungen.

»Erstaunlich, hier brennt sogar noch Licht!«, bemerkte das Orkmädchen.

Und in der Tat, die Gänge der alten Schule wurden von elektrischen Lampen erhellt. Und alle gaben dieses seltsame Geräusch von sich. Die Kinder machten sich daran die Gegend zu erkunden. Die meisten Türen, die zu den Klassenräumen führten, waren abgeschlossen und es gab auch keinerlei Möglichkeiten sie zu öffnen.

Auf einmal fragte Greta: »Hey … was sind das eigentlich für Rohre an den Wänden und an der Decke?«

»Heizungsrohre, vielleicht? Ich … Ich kann es mir … denken …«

»Die führen bestimmt irgendwohin!«, Tommy war in absoluter Abenteuerstimmung.

»Ich … Ich weiß nicht … Sollten … Sollten wir nicht lieber … wieder zurück gehen? Meine Mama macht sich … macht sich bestimmt schon … schon Sorgen.«

Tommy hatte plötzlich einen wütenden Gesichtsausdruck, mit energischer Stimme sagte er: »Wir gehen, wenn ich sage wir gehen! Wenn ich sage, wir gehen dort hin, dann gehen wir dort hin. Okay? Also, hör auf so eine verkackte Memme zu sein!«

Xar wich zurück, er hatte Tommy noch nie so aggressiv erlebt. Er mochte auch nicht den Gesichtsausdruck seines besten Freundes. Und Xar sah noch etwas ganz anderes, Tommys Schatten an der Wand schien … anders zu sein. Sein Schatten schien einen Schnabel und einen Hut zu haben, doch als Xar blinzelte, war der Schatten wieder normal.

»Greta«, flüsterte er, »Hast du das auch gerade eben gesehen?«

»Was hab ich denn gesehen?«

Greta schien nichts bemerkt zu haben, möglicherweise hatte Xar es sich doch nur eingebildet.

»Ach … nichts.«

Sie folgten also den Rohren. Xar bemerkte, dass der Ort immer seltsamer wurde, je mehr sie voranschritten. Keine Fenster, Treppen die nirgendwo hinführten, Rohre die ganze Wände wie ein Spinnennetz einhüllten. Er bekam es langsam wirklich mit der Angst zu tun, doch er wollte Tommy nicht wieder wütend machen, also sagte er nichts. Die anderen beiden, zumindest Tommy, bemerkten die Veränderung ihrer Umgebung kaum. Die Rohre führten sie kreuz und quer durch das Gebäude, was anscheinend nicht wie eine normale Schule aufgebaut war, eher wie ein Labyrinth. Das Summen der Lampen wurde immer lauter und nahm rhythmische Impulse an.

Die Rohre begannen langsam jeden Quadratzentimeter zu bedecken, manchmal mussten sie sogar über Rohrkonstruktionen steigen. Es wurde immer kälter, der Geruch von Tod und Fäule immer stärker. Sie schienen ganz nah am Ziel zu sein. Und siehe da, sie standen wieder vor einer alten verrosteten Tür. Diesmal stand sogar etwas drauf: »WARNUNG! BETRETEN VERBOTEN«

»Das muss … der Heizkeller sein«, schlussfolgerte Xar.

»Was für ein ekelhafter Gestank!«, Greta hielt sich die Nase zu.

Tommys Augen funkelten, er wollte unbedingt diese Tür öffnen. Seine Hand ging langsam auf die Türklinke zu.

»Bist … Bist du dir sicher, dass … dass du sie öffnen willst?«

»Natürlich! Es muss passieren.«

Er war sich absolut sicher.

Er öffnete die schwere Tür, heißer, ekelhaft riechender Dampf kam ihnen entgegen. Zuerst war nichts zu sehen als Dunkelheit, kein Licht schien im Raum.

»Er scheint … leer zu sein«, meinte Greta.

»Das ist aber enttäuschend, ich hab mir mehr erhofft.«

Die drei Freunde drehten sich und waren schon bereit zu gehen, als plötzlich ein Geräusch zu hören war. Ein Scharren. Ein Kratzen auf Stein. Etwas schien näher zu kommen. Etwas schien aus dem Raum rauskommen zu wollen. Langsam gesellten sich auch andere Geräusche hinzu. Ein Knurren. Ein Sabbern. Gefolgt von mehr knurren. Es schien nicht alleine zu sein.

»Hört … Hört ihr das?«, Xar begann zu zittern.

Die Drei drehten sich wieder um, sie wollten sehen, was da auf sie zu kommt. Doch nicht in ihren kühnsten Träumen konnten sie sich vorstellen, was sich vor ihren Gesichtern zu erkennen gibt. Es trat aus den Schatten, mit etwas Entfernung und Fantasie könnte man es als Mensch bezeichnen oder zumindest menschenähnlich. Es hatte unnatürlich lange Gliedmaßen, vierfingrige Hände mit langen Krallen. Langgezogene Gesichter, eingesunkene Augen, spitze Zähne. Ein wahres Biest aus einem Alptraum. Und es war nicht alleine, es hatte Freunde mitgebracht. Eine Gruppe von sechs Stück krochen aus dem Heizungsraum, eine Wolke des üblen Geruchs umgab sie. Und sie gierten, sie gierten nach Fleisch. Sie hatten Hunger, sehr großen sogar.

Keine der drei Kinder brachte einen Laut heraus, nur ein klägliches und ängstliches Wimmern war zu vernehmen. Dann schrie Greta, Xar und Tommy drehten sich um, setzten zum Sprint an. Alles fühlte sich plötzlich so traumartig an. Als würde man durch Sirup laufen, alles war langsam. Die Geräusche, die Bewegungen, die Reaktionen. Nichts fühlte sich mehr echt an.

Tommy schubste Greta, sie fiel hin. Keine Sekunde später stürzten sich die Monster auf das wehrlose Mädchen, sanken ihre grässlichen Zähne in das saftige Fleisch. Sie zerrissen ihr grünes Kleid, kratzten ihr die kleinen Augen raus. Sie schrie vor unsäglichen Schmerzen, ihre Schreie zerschnitten die düstere Stille.

Währenddessen rannten Xar und Tommy davon, sie drehten sich auch nicht mehr um. Sie versuchten die schrillen Schreie aus ihren Köpfen zu verbannen. Sie wollten es nicht hören, sie wollten es nicht sehen. Sie wollten nur eins, weg von hier. Raus aus diesen Alptraum. Irgendwann hörten die lauten Schreie dann endlich auf, das einzige Geräusch war wieder das unnatürliche Summen der Lampen.

Die beiden übriggebliebenen Kinder rannten weiter, Abzweigung um Abzweigung. Kurve um Kurve. Waren sie schon hier? War das eine Sackgasse? Gang um Gang. Alles sah so gleich aus. Wo war der Ausgang? Wohin müssen sie rennen? Alles sah so gleich aus. Der Ort schien sich zu verändern. War das die selbe Tür wie vorhin? Das selbe Rohr? Die gleiche Wand? Die Treppe runter oder die Treppe hoch.

Xar kollabierte, er lag auf dem Boden. Wimmernd, Tränen flossen sein Gesicht herunter. Er wollte nicht mehr, er konnte nicht mehr. Es gab keinen Ausweg.

Tommy versuchte seinen Freund wieder aufzuhelfen.

»Komm schon … Komm schon … Komm schon! Wir müssen weiter, wir müssen weiter rennen! Sonst schnappen uns die Viecher noch!«

Xar sah Tommy durch einen tränenreichen Schleier an. Er versuchte Worte zu formen, doch er hatte Schwierigkeiten dabei.

»Was? Was möchtest du mir sagen, Xar?«

»Warum …«

»Was? Was, warum

»Warum … Warum hast du sie … geschubst?«, schluchzte er.

Zuerst schien Tommy verwirrt zu sein, doch dann wurde sein Blick plötzlich leer.

»Es musste passieren, Xar. Die Narrative erfordert es.«

Der junge Dragonier war sich nicht sicher, was er da genau hörte.

»Was … Wie meinst du … das?«

»Die Buchstaben, Xar. Hörst du sie nicht? Hörst du sie nicht flüstern? Sie flüstern, Xar. Hörst du sie nicht flüstern? Ich höre sie flüstern. Sie flüstern mir zu. Die Buchstaben. Die Symbole. Sie formen das Narrativ. Das Narrativ fordert es. Die Erzählung muss stattfinden. Es ist bereits passiert. Alles, alles ist bereits passiert. Wir sind nichts weiter als Bauern. Sklaven der Erzählung. Wir haben kein Einfluss. Die Buchstaben flüstern mir das zu.«

Xar verstand es nicht, Xar verstand überhaupt nichts davon. Hatte sein Freund den Verstand verloren. Doch dann er kannte er es. Der Schatten an der Wand, der Schatten von Tommy. Er hatte wieder diese seltsame Form, Schnabel und Zylinder. Diesmal war Xar sich nun sicher, er hatte es sich nicht eingebildet.

Auf einmal bekam Tommy einen heftigen Anfall, er krümmte sich, hielt sich am Bauch. Er übergab sich, schwarzer Schleim kam aus seinem Mund geschossen. Ungeheure Mengen.

»Schluss mit der Maskerade. Die Erzählung muss schließlich weitergehen«, sprach Tommy, doch das war nicht seine Stimme. Diese klang älter und … reifer.

Tommy richtete sich auf, seine Hände begaben sich zu seinem Gesicht. Seine Finger gruben sich tief ins Fleisch und begannen es auseinanderzureißen. Xar musste mit Schrecken mitansehen wie sein Freund, sein eigenes Fleisch vom Körper streifte, als hätte er einfach nur ein Kostüm an. Zum Vorschein kam ein Mann, weitaus größer als Tommy, gekleidet in einem braunen Mantel, einer braunen Weste, einer roten Krawatte und einem weißen Hemd. Eigentlich ein ganz feiner Kerl, doch statt einem normalen Gesicht, trug er eine seltsame Krähenmaske.

Xar wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Die Situation war einfach zu absurd.

»Hallo, junger Mann. Wie geht es dir denn? Rhetorische Frage. Ich weiß es bereits«, der Mann holte ein Buch aus seinem Mantel heraus und begann darin zu schreiben.

»Was … Was … Was hat das zu … bedeuten? Wer … wer …«, stotterte Xar.

»Dir das zu erklären, würde mehr Zeit benötigen als du noch hast«, er schaute auf eine verrostete Taschenuhr, »nach meinen Schätzungen müssten das noch ungefähr fünf Minuten sein. Bis dahin sollten die Guuhle angekommen sein. Dann gebe ich dir nochmal drei Minuten bis dein Lebenslicht endgültig erlischt. Das werden drei sehr lange Minuten. Die längsten deines Lebens. Ach ja, falls du jetzt auf ein wunderschönes Jenseits hoffst, muss ich dich enttäuschen. Das Jenseits eurer Welt ist höllisch, das kannst du dir gar nicht ausmalen. Aber mach dir nichts draus, es musste so passieren. Die Erzählung muss schließlich weitergehen.«

Hinter ihm erschien plötzlich eine Tür, darüber stand in großen leuchtenden Buchstaben »AUSGANG«.

Der Mann drehte sich um und war bereit zu gehen und Xar sein festgeschrieben Schicksal zu überlassen.

»Warten Sie! Warum? Warum passiert das alles? Warum tun Sie uns das an?«

Der Mann drehte sich wieder um.

»Die ewigen Buchstaben befehlen es. Die Buchstaben formen die Erzählung und die Erzählung sagt: Die alten Legenden erwachen wieder

Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür und schloss sie hinter sich zu.