Verloren

30. Mai 2019 0 Von Joseph James

In the pines, in the pines,

Where the sun don‘t ever shines.“

– Lead Belly –

Im Nachhinein betrachtet, war es keine gute Idee sich von der Gruppe zu trennen und alleine loszumarschieren. Die Sonne verschwand langsam hinter dem Horizont und der Wald wurde finster. Ihr wurde kalt, sie begann leicht zu zittern. Ihr Atem gefror in der Luft.

Verdammte Scheiße, dachte sie, warum bin ich auch so dumm?

Sie befand sich in einem riesigem Kiefernwald irgendwo in Gonzzoles. Die Idee war, dass sie und ein paar ihrer Freunde einen netten Wanderausflug am verlängerten Wochenende machen, mit Camping und allem drum und dran. Und dann hatte sie die großartige Idee alleine einen kleinen Spaziergang zu machen, natürlich ohne jemanden Bescheid zu sagen. Sie wollte den Wald erkunden, wollte ihn in all seiner großartigen Pracht sehen. Es ist einer dieser Wälder, der schon seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar seit Jahrtausenden existiert. Wer weiß welche faszinierenden Geheimnisse sich verbergen, welche alte Ruinen sich hier verstecken.

Sie liebte die Schätze der Vergangenheit, sie liebte die Natur, der Wald war die perfekte Kombination. Sie schnappte sich also ihre Sachen und zog los, nur kurz, nur eine Stunde wollte sie weg sein. Sie wäre wieder da, bevor irgendjemand ihre Abwesenheit bemerkte. Nur für einen kurzen Moment wollte sie ihren Erkundungstrip machen und zwar alleine in völliger Ruhe. Sie liebte ihre Freunde, sie hatte sie wirklich gern, doch manche Sachen wollte sie wirklich alleine machen.

Doch aus der einen Stunde wurden zwei, drei, vier. Sie hatte völlig die Zeit vergessen und den Rückweg aus den Augen verloren. Jetzt stand sie mitten im Nirgendwo, fernab jeglicher Zivilisation. Überall wo sie auch hinsah, war nur Wald, Moos und Sträucher. Alles sah gleich aus. Wo war sie nur? Sollte sie Richtung Süden oder Richtung Norden gehen? Oder doch eher Westen? Und was ist mit Osten? Sie wusste nicht, wo sie sich befand. Auf ihre Freunde brauchte sie im Moment nicht zu hoffen, die würden Stunden, wenn nicht sogar Tage, um sie wiederzufinden.

Sie musste der Wahrheit ins Auge blicken, sie hatte sich verlaufen. Was sollte sie jetzt tun? Das Sonnenlicht war fast gänzlich verschwunden, die Dunkelheit begann die Umgebung zu verschlucken, Kälte schlich sich langsam in ihre Knochen. Auf jeden Fall sollte sie Ruhe bewahren, jetzt bloß keine Panik. Irgendein Weg wird schon zu einer befahrenen Straße führen und von dort aus kommt sie ganz leicht wieder zu ihren Freunden.

Irgendein Weg wird es schon sein, doch welcher nur? Jeder Strauch sah genauso aus wie der letzte.

Jetzt war auch das Sonnenlicht verschwunden, die Nacht war gekommen. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun.

Sie schreckte auf. War da ein Geräusch gewesen? Ein Rascheln? Wahrscheinlich nur der Wind, dachte sie, jetzt beruhige dich doch mal und denke nach.

Sie schaute sich um, nichts war in der endlosen Dunkelheit zu erkennen, nicht einmal der Mond war am Himmel zu sehen. Sie bewegte sich auf gut Glück einfach gen Süden, irgendwann müsse dieser Wald doch mal aufhören.

Wieder ein Geräusch, diesmal ein Knacken. Sie drehte sich ruckartig um, erschrocken. Wieder ein Rascheln, wieder ein Knacken. Sie bildete sich die Geräusche nicht ein, sie waren da. Jemand oder etwas schien sie zu verfolgen. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Was war da? Was bewegte sich da im Schatten? Es können nicht ihre Freunde sein, die würden sich doch melden oder erkenntlich zeigen. Vielleicht ein wildes Tier? Ein Reh? Ein Wildschwein? Oder noch schlimmer … ein Wolf. Nein. Das kann nicht sein, sie wäre nicht in der Lage einen heranpirschenden Wolf zu hören. Nein. Es muss etwas anderes in der Dunkelheit lauern.

Sie blieb stehen und fokussierte ihren Blick in den Wald hinein, langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und siehe da, da war etwas! Sie konnte die Konturen zwar nur schwach erkennen, doch sie täuschte sich nicht. Da versteckte sich jemand hinter den Bäumen.

»Hallo? Wer ist da? Können Sie mir helfen, ich habe mich verlaufen«, rief sie hoffnungsvoll.

Doch die Person blieb still, sie machte auch keinen Schritt vorwärts.

»Helft mir, bitte! Warum sagen Sie denn nichts?«

Langsam bewegte sich der Schatten doch und unsere Verlorene erkannte, dass es kein Mensch war. Es ähnelte einem, doch es war definitiv keiner. *

Blauleuchtende Kreise waren im Gesicht, da wo die Augen sein sollten, zu sehen. Unsere Heldin war Schreck erstarrt, ihre Gliedmaßen gehorchten ihr nicht mehr.

Die Kreatur kam immer näher und sie war nicht allein, sie hatte Freunde mitgebracht. Unzählige Schatten erhoben sich aus dem Wald und marschierten langsam auf ihr wehrloses Opfer zu.

Es dämmerte dem Mädchen nun endlich, was diese Wesen waren.

Waldlinge.

Ihre Großmutter erzählte ihr oft Märchen von verwunschenen Wäldern, Orte an denen verlorene Seelen hausten. Geister, die sich in tote Bäume einnisten und ihnen neues Leben einhauchen. Ihre Körper bestanden aus Holz, ihre Gesichter waren zu grässlichen Fratzen erstarrt, leblose Zweige zierten ihre Köpfe. Und sie waren nicht freundlich gegenüber Eindringlinge gesinnt. Man könnte ohne Übertreibung sagen, dass sie sie aus ihren tiefsten verdorrten Herzen verabscheuten.

Unsere junge Dame musste sich langsam entscheiden, was sie nun tun möchte. Doch sie konnte sich einfach nicht bewegen, jeder ihrer Muskeln war vor Angst gelähmt. Währenddessen wurden die Waldlinge immer zahlloser und begannen sie langsam zu umzingeln.

Sie gaben keine Laute von sich. Kein Zischen, kein Fauchen, sie waren einfach still. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war das Knacken der trockenen Zweige. Hätte das Mädchen noch länger dagestanden, wäre es wahrscheinlich ihr Ende gewesen. Doch sie riss sich zusammen, schüttelte mit dem Kopf und rannte davon. Die Waldlinge folgten ihr, Blätter raschelten, Zweige zerbrachen.

Sie keuchte und schnaufte, sie versuchte nicht zu stolpern, doch das war leichter gesagt als getan. In der Dunkelheit konnte man schlecht sehen, der Weg war uneben und Hindernisse erschwerten ihr den Weg. Zweige peitschten ihr ins Gesicht, hinterließen blutige Schmarren. Salzige Tränen flossen ihr Gesicht herunter, ihr Herz hüpfte auf und ab. Es fühlte sich an, als würde es jeden Moment aus dem Brustkorb herausbrechen.

Doch trotz alledem rannte sie weiter, obwohl ihre Beine brannten, obwohl ihr Gesicht mit Blut, Dreck und Tränen beschmiert war, obwohl sie das Gefühl hatte gleich zusammenzubrechen. Denn sie wusste, wenn sie jetzt stehen bleiben würde, wenn sie jetzt fallen würde … würde sie ein grausames Schicksal widerfahren. Sie rannte weiter.

Da! Ein Lichtblick! War das der Rand des Waldes? Sie hoffte es, gleich war sie gerettet. Die Waldlinge würden sie nicht weiter verfolgen, niemals würden sie ihren geliebten Wald verlassen. Sie machte einen letzten verzweifelten Sprung … und … Geschafft! Sie hatte es tatsächlich geschafft, sie war aus dem Wald raus. Sie drehte sich um, die Waldlinge schauten sie hasserfüllt an, dann duckten sie sich und verschwanden wieder im Gebüsch.

Das Mädchen atmete erleichtert aus, endlich war dieser furchtbare Alptraum vorbei. Sie drehte sich wieder um und wollte losgehen um endlich die Straße zu finden. Doch ihr Blick fiel auf dem Himmel. So etwas hatte sie noch nie in ihren gesamten Leben gesehen. Der Nachthimmel, wenn man ihn denn so nennen kann, erstrahlte in den seltsamsten Farben, gar unmögliche Farben. Sie wirbelten umher, kämpften gegeneinander, verschlungen sich gegenseitig, flossen ineinander ein, vermischten sich und gingen wieder auseinander.

Was hat das zu bedeuten?, fragte sie sich.

Sie schaute geradeaus und erstarrte. Einige hundert Meter von ihr entfernt, stand etwas. Etwas gigantisches. Die Statur ähnelte der eines Elefanten, doch da endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Das Ding ähnelte keiner lebenden Kreatur Terras, es ähnelte gar nichts. Sein Körper bestand aus Ranken, Wurzeln, Tentakeln, die ineinander verschlungen waren und dem Ding seine Form gaben. Aus seinem Kopf sprangen fünf massive Auswüchse, mit einer Hand umklammerte es einen Baum wie einen Bleistift. Es richtete seinen Schädel auf die junge Frau, rote Augen fixierten sie.

Sie schrie.