Die letzten Tage

20. April 2019 0 Von Joseph James

»Stimmt das? Ist das wahr? Das kann nicht wahr sein, dass kann es nicht sein. Es ist ein Scherz, oder? Ein Scherz. Es muss ein Scherz sein. Oder? Oder ein Fehler. Es ist ein Fehler. Sagen Sie mir bitte, dass es sich um einem Fehler handelt. Sagen Sie es mir! Sagen Sie es mir ins Gesicht!«

»Herr Gouverneur … Ich muss Sie enttäuschen. Kein Scherz. Kein Fehler. Nichts als die Wahrheit. Die Nachricht kam direkt aus der Hauptstadt, verfasst von der Elite höchstpersönlich. Es gibt keine Zweifel bei der Echtheit.«

Der Gouverneur lehnte seinen massigen Körper zurück, Trauer spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Seine rechte Hand, bestückt mit kostbaren Goldringen, bedeckte seine Augen. Leises Schluchzen war zu vernehmen. Ansonsten herrschte Stille im Raum. Der Sekretär senkte seinen Kopf, die übriggebliebenen Bezirksminister und der General schwiegen.

»Welch ein Alptraum«, sprach der oberste Herrscher des Bezirkes Carolia. »Welch ein schrecklicher Alptraum, ein wahrlich schwarzer Tag für das gesamte Imperium. Es stimmt also«, er sah seinen Sekretär an, »der Imperator ist tot.«

Der Sekretär nickte und sagte: »Ja, mein Herr Gouverneur. Er ist tot. Unser glorreicher Anführer … der Ewige Imperator … ist tot. Ermordet durch unsere eigenen Truppen, soweit ich das richtig verstanden habe.«

»Aber wieso? Wieso haben die das getan?«

»Das weiß ich nicht, Herr Gouverneur.«

»Was sagt denn der DMT-Geheimdienst?«

Der Bezirksminister für Inneres, ein kleingewachsener Mann mit Halbglatze und Hornbrille, trat hervor: »Das wissen wir nicht. Wir … haben den Funkkontakt zur Hauptzentrale im Lorgon-Bezirk verloren. Niemand antwortet dort, niemand meldet sich.«

»Was ist mit den anderen?«

»Es besteht noch Kontakt zur Zentrale in Albania und in Georgezop. Doch die wissen auch nicht weiter.«

»Nutzlose Bastarde! Verkackte Sesselfurzer!«, schrie der Gouverneur.

Der Minister wich ängstlich zurück.

»Engel?«, der Gouverneur wandte sich an seinen Sekretär.

»Ja, mein Herr?«

»Was steht noch in der Nachricht? Gibt es irgendwelche Pläne? Anweisungen?«

»Ich lese sie Ihnen am besten vor: An alle Gouverneure des DMT-Imperiums. Die Rebellen haben die Hauptstadt Lorgon-City eingenommen. Die Lügen und die Verschwörungen des Imperator wurden enthüllt. Unsere Soldaten haben ihn erschossen, er ist tot. Seine Schreckensherrschaft ist nun beendet, die Zeit des Imperiums ist vorbei. Oberbefehlshaber Venom wird hiermit aus seinem Amt enthoben und soll, wenn möglich, vor einem Gericht gestellt werden. Die Elite wird sich mit den Führungskräften der Rebellen zusammensetzen und eine Neuordnung aushandeln. Bis dahin: legt eure Waffen nieder, stoppt die Kämpfe und ergebt euch. Alle Verbände und Organisationen werden hiermit aufgelöst. Alle Lagergefangenen werden mit sofortiger Wirkung freigelassen. Alle Kriegsgefangenen werden freigelassen. Sollten bestimmte Kräfte sich diesem Befehl widersetzen, werden jene ungeheure Konsequenzen zu spüren bekommen. Gezeichnet, die Elite.«

Der Sekretär blickte alle im Raum an.

»Ergeben? Waffen niederlegen? Auflösen? Was? Was? Was soll das heißen? Der Krieg ist doch noch nicht zu Ende. Die Rebellen sind nicht besiegt«, der Gouverneur seufzte, »General Harmonie?«

Ein Mann mit grauen Haaren und faltigen Gesicht trat hervor, unzählige Orden zierten seine Brust.

»Zu Diensten, Gouverneur von Friedturm.«

»Wie ist unsere Lage? Was sind unsere Optionen?«

»Wollen Sie den Befehlen der Elite etwa nicht Folge leisten?«, fragte der General.

Der Gouverneur schaute ihn ernst an.

»Die Elite hat das Imperium verraten, ihre Befehle spielen für uns keine Rolle mehr. Jetzt kümmern wir uns um die Neuorganisationen des Reiches.«

Der General lächelte zufrieden, auf solch eine Gelegenheit hatte er schon lange gewartet.

»Es gab einen Plan für die momentane Situation, doch den müssen wir leider verwerfen.«

»Welchen Plan?«

»Der Plan war, dass Oberbefehlshaber Venom Truppen versammelt und einen Überraschungsangriff gegen die besetzten Gebiete startet.«

»Aber?«

»Der Oberbefehlshaber gilt als verschollen. Höchstwahrscheinlich ist er sogar geflohen, so feige wie er ist. Wir können also nicht auf seine Unterstützung zählen.«

»Was sollen wir dann tun, General?«

»Die Rebellenstreitkräfte haben noch nicht ganz Fuß gefasst in Carolia, deshalb empfehle ich einen Angriff mit unseren verbliebenen Truppen auf diesen Abschaum. Danach wird ein Teil der Armee Verteidigungen aufbauen, der Rest wird sich mit unseren Verbündeten vereinen. Dann werden wir unser Imperium wieder zurückerobern und diese barbarischen Horden endgültig ausradieren.«

»Können wir mit Unterstützung aus dem Gonzzoles-Bezirk rechnen?«, fragte der Sekretär.

»Leider nein. Operation Gegenschlag war eine Katastrophe. Die Rebellen haben dort beinahe die gesamte Kontrolle und große Teile der Armee haben desertiert. Nein, wir müssen auf die anderen Bezirke wie Albania, Gregorien und Basiliskar hoffen.«

»So sei es. General Harmonie, ich übertrage Ihnen die Verantwortung. Versauen Sie es nicht«, mahnte der Gouverneur.

Der General salutierte und verschwand aus dem Raum.

»Und was werden wir solange tun, mein Herr?«, fragte der Sekretär unsicher.

»Das Einzige was wir momentan tun können, ist der Dinge auszuharren. Wir werden hier warten im Schutze unserer stolzen und mächtigen Mauern. Und zwar solange bis General Harmonie erfolgreich ist. Ich versichere ihnen, meine Herren, es wird sich nur um Tage handeln.«

Doch das war eine kolossale Fehleinschätzung. Aus Tagen wurden Wochen und noch immer kam keine Meldung vom General, es kamen überhaupt keine Meldungen mehr. Keine Front- und auch keine Geheimdienstberichte. Die Kanäle blieben stumm.

Langsam wurden die Bewohner hinter den stolzen und mächtigen Mauern der Bezirkshauptstadt unruhig. Die Lebensmittelrationen gingen langsam zu Neige, die Leute hungerten. Der Schwarzmarkt und die Kriminalität hatten Hochkonjunktur.

Auch die Polizeikräfte und Soldaten begannen langsam zu murren, sie hatten keine Lust mehr zu kämpfen, sie hatten keine Lust mehr zu dienen. Sie zeigten langsam Auflösungserscheinungen, immer mehr Männer stahlen sich einfach davon, verließen den Bezirk oder schlossen sich den Rebellen an, welche eigentlich nun die rechtmäßige Regierung waren. Die einzigen noch verbliebenen loyalen Truppen waren die Klone und die Fanatischen. Doch auch deren Treue war nicht unendlich.

Auch die Diener des Gouverneurs, die Beamten, die Minister, die Sektorenleiter, auch sie suchten alle das Weite. Tauchten unter, änderten ihre Namen, wechselten zur Gewinnerseite. Waren sie Feiglinge, treulose Schweinehunde, Staatsverräter?

Vielleicht.

Aber kann man es ihnen verübeln? Wer möchte schon von einem wütenden Mob am nächsten Baum aufgehangen oder vor einem Kriegsgericht gestellt werden? Wer möchte schon alles verlieren, nur weil man störrisch an einer Ideologie festhält, die versagt hat? Warum an einem kaputten System festhalten, wenn das neue doch so viel besser funktioniert? Warum für etwas völlig Sinnloses sterben?

Niemand möchte das.

Absolut niemand.

Jeder möchte leben, jeder möchte überleben.

Ideologische Systeme sind nur solange gut, wie sie funktionieren. Sobald das Schiff untergeht, heißt es: Alle Mann vom Bord! Und das kann man (und sollte man auch) niemanden verübeln. Nur absolute Idioten bleiben auf einem sinkenden Schiff und ertrinken jämmerlich in ihrem Stolz und ihrer Ideologie.

Die Bezirkshauptstadt war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ganze Stadtgebiete standen in Flammen, die Straßen übersät mit stinkendem Abfall und verrottenden Hungerleichen. Kein Polizist oder Soldat war meilenweit zu sehen, die örtliche Ordnung war vollkommen zusammengebrochen. Das Land befand sich im Ausnahmezustand.

Nur im Gouverneurspalast brannte noch das Licht und auch nur der Gouverneur und sein Sekretär Julius Engel waren noch anwesend.

Was hatte das noch für einen Sinn? Warum weiterkämpfen, wenn man doch aufgeben kann. Doch der Herr Gouverneur gab nicht so leicht auf, er war ein unbelehrbarer Sturkopf. Eher würde er sich erhängen lassen, als dem Imperium abzusagen. Er würde bis zur letzten Kugel kämpfen. Er würde beißen, treten, um sich schlagen. Die imperiale Ideologie war fest in seinem Kopf verwurzelt, für ihn gab es nichts anderes auf der Welt, er kannte nichts anderes. Das DMT-Imperium war seine Welt, seine Heimat und die wird er nicht so einfach verlassen. Roland von Friedturm lässt sich nicht aus seiner Heimat vertreiben.

Sein Sekretär war da anderer Natur, feige und rückgratlos. Sein einziges Ziel war es zu überleben, zum Teufel mit dem Imperator und seinem verfluchtem System. Die alte Regierung war gescheitert, wofür sollte man noch kämpfen? Lieber das sinkende Schiff verlassen, als damit unterzugehen. Doch wohin sollte er fliehen? Er konnte von hier nicht weg, der Gouverneur würde ihn auf der Stelle exekutieren. Er konnte auch nicht zur Rebellenarmee rennen, die würden ihn sofort am nächsten Baum aufknüpfen. Was sollte er nun tun? Hierbleiben konnte er auch nicht für immer, irgendwann werden die Vorräte aufgebraucht sein oder die Armee wird die Stadt gestürmt haben.

Also, was waren seine Optionen?

Freitod?

Hungertod?

Exekution?

Sein Schicksal akzeptieren und einfach nichts mehr tun?

Alles war verloren, das Imperium war untergegangen.

Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis die Rebellen die Stadt erreicht und eingenommen haben. Und wenn sie es geschafft haben, werden sie die übriggebliebenen Imperialen für ihre Verbrechen hinrichten.

So oder so, Julius Engel hatte verloren.

Er saß buchstäblich in einer Sackgasse.

Es gab keinen Ausweg mehr.

Was sollte er jetzt tun? Es gab nur einen logischen Ausweg aus dieser Zwickmühle.

Er setzte sich hin und wartete.