Zugfahrt

16. April 2019 0 Von Joseph James

Langsam fielen die Schneeflocken vom düsteren Himmel. Der weiße Schnee sammelte sich am Boden von Lorgon-City, überall standen Personen, verschmutzten das unberührte Weiß.

Warum waren sie alle hier?

Welchen Grund hatten sie sich hier zu versammeln?

Gab es etwas zu kaufen?

Eine neue Besonderheit? Etwas was jeder haben muss?

Nein.

Er schaute sich um, überall sah er nur leere, graue Gesichter, ausgemergelte Gestalten, kraftlos und schwach. Eine schwere Wolke der Depression lag über allen, auch über ihn. Er fror, er hatte nichts weiter an, als einen grauen, einteiligen Anzug, auf der Brust ein rotes Karo aufgenäht, so konnte jeder gleich erkennen, was er war. Ein Verbrecher. Schwerverbrecher. Staatsfeind. Nicht mehr wert, als der dreckige Schnee unter seinen schwarzen Stiefeln.

Er sah sich weiter um, hinter ihm hatte sich eine Zuschauermenge gebildet, Schaulustige, die sich das Trauerspiel anschauen wollten. Widerwärtige Gaffer. Kamen mit ihren Kindern, Verwandten und Freunden, gekleidet in teuren Mänteln, teuren Hosen, teuren Hüten, teuren Schuhen, Tonnen von Make-up im Gesicht, alles makellos.

Hoffentlich fahren sie alle zur Hölle.

Keiner würde auch nur einen Finger rühren, um die Grauen zu retten oder zu helfen, niemand würde irgendwelche Einwände erheben. Aber warum sollten die Gaffer das auch? Ist doch nur Abschaum, der Bodensatz der Gesellschaft, wertloser Müll, Schmutz, Dreck, Abfall, soziale Anomalien. Niemand will sie hier haben, sie sollen bloß weg, weg von hier. Alle! Alle weg von hier! Weit weg von hier. Aus den Augen, aus dem Sinn. Mir doch egal, was mit ihnen passiert, von mir aus können die doch verrecken; denken die wahrscheinlich, wer weiß das schon.

Er schaute wieder nach vorn, dort stand das Gefährt, das ihn weit, weit, weit weg von hier wegbringen soll. Ein Monster aus Stahl und Eisen, sein Kopf spie Feuer und Rauch, jedes seiner Glieder war ummantelt vom kalten Metall. Nur kleine Schlitze als Fenster.

Ein imperialer Gefangenenzug, ein Panzerzug, reserviert für besondere Lieferungen und gesellschaftlichen Abschaum.

Die Eingänge zu den Waggons wurden von bedrohlichen Gestalten bewacht, die zweite Generation von imperialen Fußsoldaten. Die Gesichter hinter stummen, gefühllosen Masken versteckt, die Körper in dicke, graue Mänteln eingewickelt, die Köpfe durch Stahlhelme geschützt. Alle sahen gleich aus, alle waren einheitlich, jeder Funken von Individualität wurde ihnen geraubt. Sie waren eine Einheit, keine einzelnen Menschen. Ihr einziger Zweck war zu dienen, ihre Zahlen gingen in die Hunderttausende, ein beinahe unendlicher Nachschub an entbehrlichem Kanonenfutter.

Was bewegte sie wohl in die Armee einzutreten? Ruhm? Stolz? Ehre? Geld? Der Ruf nach Abenteuer? Wurden sie gezwungen? Mit Pistole auf der Brust?

Egal, es spielt keine Rolle, überhaupt nicht. Sie werden sterben, auf einem Weg oder dem anderen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie eine Kugel in den Kopf oder in die Brust bekommen. Sie sind alle entbehrlich, keiner von ihnen ist etwas Besonderes. Die glorreiche Führung des Imperiums und seine unzähligen Ministerien wissen das und sie nehmen es in Kauf, es ist ihnen praktisch egal. Sie werden schon eine Lösung finden, irgendwann werden sie nicht mehr auf konventionelle Methoden zur Rekrutierung von Tötungsmaschinen angewiesen sein. Sie werden ganze Armeen aus dem Boden stampfen, willenlose Sklaven. Automaten, die jeden Befehl ohne zu hinterfragen ausführen.

Einer der Grauen, ein Dragoniermädchen mit roter Schuppenfarbe, löste sich aus der Gruppe und versuchte wegzurennen. Sie kam nicht weit. Einer der Soldaten legte sein Gewehr an. Ein lauter Knall. Das Mädchen fiel mit dem Gesicht zu erst in den Schnee, die Hälfte ihres Schädel weggesprengt, Gehirnmasse verteilte sich, der Boden färbte sich rot.

Armes Ding, aber vielleicht war es besser so.

Der diensthabende Offizier erscheint, gekleidet in einer schwarzen Jacke, auf dem Kopf eine lächerlich große Mütze mit den Worten DMT in goldener Schrift.

Er blickte in die Runde, ernstes Gesicht, Abscheu und Ekel in den Augen.

»Zugehört!«, donnerte seine Stimme, »Alle formieren sich in einer geordneten Linie und begeben sich in die Waggons! Sollte sich jemand aus der Reihe wagen … na ja … ihr wisst ja, was euch dann blüht.« Sein Blick fiel auf die Leiche, ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.

Die Gefangenen taten, wie ihnen geheißen wurde; hatten sie denn eine andere Wahl? Einer nach dem anderen verschwand in den dunklen Waggons. Auch er bewegte sich hinein. Im Inneren war es genauso kalt wie draußen. Der Raum war grau und trostlos, als Sitzmöglichkeit gab es nur zwei Bänke an den Wänden. Jeder versuchte sich einen Platz zu ergattern, am Ende waren circa dreißig Personen im Waggon, die Unglücklichen mussten sich auf den Boden setzen.

Er hatte Glück, er konnte sich beinahe ordentlich hinsetzen, eingezwängt zwischen einen ausgehungerten Minotauren und einen schmutzigen alten Mann. Er sah keine Hoffnung in ihren Gesichtern, nur Trauer und Angst, Angst vor dem, was noch auf sie zu kommen wird.

Der Zug kam in Bewegung. Die Kabine zitterte.

»Wo bringen die uns wohl hin?«, fragte einer der unfreiwilligen Passagiere im hinteren Teil des Raumes.

»In den kalten Norden von Gonzzoles, direkt in das dortige Lager«, antwortete der alte Mann.

»So weit? Warum so weit? Warum nicht in eins der lorgonischen Lager?«

»Vielleicht sind die ja überfüllt?«

»Das kann es nicht sein. Die nehmen doch keine Rücksicht auf uns …«

»Du, Alter! Woher weißt du unser Ziel?«, fragte ein argwöhnischer Gefangener.

Der alte Mann leckte sich die trockenen Lippen: »Ich hab‘ gehört, was die Wachen gesagt haben. Wie sie … sich darüber beschwerten, dass sie dorthin versetzt werden.«

Der Argwöhnische senkte seinen Blick und schwieg.

»Was werden die wohl mit uns machen?«, fragte ein Junge, nicht älter als siebzehn, mit nackter Angst im Gesicht.

»Was wohl? Wir müssen dort schuften! Bis wir tot umfallen!«

»Ich hab‘ gehört, die führen an ein Experimente durch. Stecken einem Nadeln in den Körper und Spritzen und pumpen einem mit Chemikalien voll.«

»Die stecken uns in die Gaskammern!«

»Sie werden uns foltern, bis uns die Stimmbänder reißen vor lauter Schreien!«

»Schlagen unsere Schädel ein! Verfüttern uns an die Hunde!«

»Ich will nicht sterben! Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!«

»Ich bin unschuldig! Ich hab‘ nichts getan!«

»Du bist ein verkackter Dragonier, du bist sowieso Kandidat für die Todeslager.«

»Ich will nach Hause …«

»Warum kann ich nicht einfach in ein normales Gefängnis kommen …«

»RUHE!«

Alle verstummten und schauten direkt zur Quelle des lauten Gebrülls, in der Ecke des Waggons saß ein massiger Ork, seine Haut war grau und faltig, eine Narbe über seinem linken Auge zierte sein Gesicht.

»Was willst du, Schweinegesicht? Warum brüllst du hier so herum?«, fragte der Argwöhnische.

Der Ork erhob sich, stolzierte zum Fragesteller hin und baute sich vor ihm auf. Aus der Nähe betrachtet wirkte er wie ein Riese, ein muskulöser Riese.

Er packte den Argwöhnischen am Hals und hob ihn hoch, die Gesichter so nah, dass sie sich hätten küssen können.

Der Ork schnaufte, den Argwöhnischen packte das eisige Grauen. Seine Pupillen weiteten sich vor Entsetzen.

»Jetz‘ hör mir mal zu«, begann der Grauhäutige, »Ich möcht‘ das ihr alle die verschissene Fresse haltet, damit ich mich noch etwas ausruh‘n kann. Verstand‘n? Und wenn du mich nochmal Schweinegesicht nennst, reiß ich dir den verdammten Schädel ab. Haste das auch verstand‘n?«

Der Argwöhnische nickte heftig, der Ork schmiss ihn an die Wand.

Er schnaubte und setzte sich wieder zurück auf seinem Platz.

Wenige Minuten später öffnete sich die vordere Tür des Waggons und zwei Personen kamen herein.

Der eine war ein großgewachsener, dünner Mann mit breitkrempigem Hut und langem Herrenmantel, vollständig in schwarz, keinerlei Symbole oder Abzeichen; dicke Lippen und ein Wangenkinnbart schmückten sein rechteckiges Gesicht. Der andere war der Offizier, der vorhin alle hereingerufen hatte. Er war kleiner und schmächtiger als sein Gegenüber.

»Ein Schwarzmantel«, hauchte jemand.

Er wusste, wer diese beiden Gestalten waren, er wusste es nur zu gut. Der besagte Schwarzmantel war DMT-Inquisitor Yussuf Mirror, von dem man sagt, dass das Einzige was seinen Sadismus übertreffe, seine Arroganz und sein Ego wären.

Seine Begleitung war Jonathan Scueler, grausamer DMT-Offizier und ergebener Assistent von Mirror, ein treuer Stiefellecker, wie er im Buche stand.

Der Argwöhnische sprang sofort auf und rannte zu ihnen hin, klammerte sich an Mirrors Mantel, zog und zerrte daran, während er panisch schrie: »Helfen Sie mir! Bitte! Dieser … dieser widerwärtige Nichtmensch«, er zeigte auf den Ork, »hat mich bedroht, er wollte mich umbringen, er will mich umbringen, helfen Sie mir, helfen Sie mir, bitte!«

Der Gesichtsausdruck von Mirror wandelte sich von nüchtern hin zu Abscheu und Wut. Er ballte seine Faust, sogleich verstummte der Argwöhnische, sein Mund stand weit offen. Er taumelte ein paar Schritte zurück, danach begann er seinen Rücken langsam nach hinten zu bewegen, es war klar, dass er das nicht freiwillig tat, Angst machte sich in seinem Gesicht breit. Sein Rückgrat bewegte sich immer weiter nach hinten, langsam, sehr langsam. Nach einiger Zeit hörte man knackende Geräusche, das Knacken wurde immer lauter, der Argwöhnische versuchte zu schreien, doch kein Laut kam aus ihm heraus, nur das knackende Geräusch, immer lauter, immer lauter, dann … ein lautes Knacken. Der Kopf des Argwöhnischen berührte den Boden, Blut kam aus seinem Mund.

Mirror öffnete seine Faust wieder und der Argwöhnische fiel augenblicklich zur Seite. Er schritt über die verkrüppelte Leiche und blickte den Gefangenen an, dabei holte er eine Akte aus seinem Mantel, die er aufschlug, darin las und dann sprach: »Ahh, G210898. Wie schön, dass wir uns endlich persönlich treffen. Ich hab so einiges von Ihnen gehört«, er blickte hoch, »Ich habe Sie mir irgendwie anders vorgestellt. Aber ist ja auch egal, wir haben Sie endlich erwischt. Scueler!«, er sah seinen Adjutanten an, dieser nahm sofort Haltung an.

»Jawohl, Herr Inquisitor?«

»Bringen Sie unseren ehrenwerten Gastauf … sein Zimmer

»Sehr wohl, mein Herr.«

Er packte den Gefangenen grob am Arm und zog ihn hinter sich her, der Gefangene wehrte sich nicht, er ließ es einfach über sich ergehen.

Inquisitoren. Die Reaktion auf den Cesare-Putsch, bei dem sich einige Militärs der Illusion hingaben, sie könnten den Imperator und seine Regierung stürzen. Wie naiv sie doch waren, sie scheiterten kläglich. Die Putschisten wurden entlarvt und hingerichtet. Daraufhin wurde eine Sondereinheit ins Leben gerufen, welche solche Vorfälle zukünftig verhindern sollte. Die DMT-Inquisitoren, die geheime Staatspolizei des Imperiums, der verlängerte Arm des Geheimdienstes, die unsichtbaren Hände des Imperators. Das Volk nannte sie einfach Schwarzmäntel. Ihre Aufgabenfelder waren Verhöre, Befragungen, Be- und Überwachungen, Bespitzelung und ganz besonders … Folter.

Darin waren sie Meister und da jeder Inquisitor ein Magier war, war jede Folterung einzigartig.

Der Gefangene kannte diese Todesengel nur zu gut, ihre Arroganz und Überheblichkeit, ihre Grausamkeit, kannte keine Grenzen. Man kann sich nicht vorstellen, aus welchem dunklen Loch das Imperium diese Monster hervorholt.

Nach einiger Zeit erreichten sie endlich das besagte Zimmer, ein weißer Raum, vollständig gefliest, in der Mitte stand eine Metalltrage, reserviert für ihn. Scueler packte ihn an beiden Armen und verfrachtete ihn darauf. Jede seiner Gliedmaßen wurde festgebunden, eine scheußlich helle Lampe strahlte in sein Gesicht.

»Gute Arbeit, Scueler. Lassen Sie uns nun allein, bitte.«

Der Offizier machte ein leicht enttäuschtes Gesicht, wahrscheinlich hatte er gehofft, er könnte bei dieser Vergnügung dabei sein, könnte sogar selbst Hand anlegen, doch falsch gedacht.

»Sehr wohl, mein Herr«, antwortete er.

Er warf dem Gefangenen noch einen wütenden Blick zu, bevor er endgültig aus dem Waggon verschwand.

Mirror bewegte sich langsam auf die Trage zu, starrte auf sein wehrloses Opfer herab.

»Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie lange ich darauf gewartet habe, Sie endlich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sie haben meiner Behörde ganz schön viel Ärger bereitet, haben uns ganz schön auf Trab gehalten, nicht wahr? Uns monatelang an der Nase herumgeführt. Doch das endlose Versteckspiel ist jetzt endgültig vorbei. Also … möchten Sie mir etwas mitteilen, G210898?«

»Ich habe einen Namen, Dummschwätzer.«

Mirrors Gesicht kam dem des Gefangenen extrem nahe, aus seinem Mund drang der widerwärtige Geruch verfaulten Weins und schlechten Käses.

»Falsch«, hauchte er, »Sie haben hier keinen Namen, keine Identität. Sie sind ein Nichts, ein Vogelschiss auf der Windschutzscheibe. Hier sind Sie nur eine Nummer, eine unter vielen. Sie haben hier keine Vergangenheit, keine Gegenwart … und keine Zukunft. Wenn Sie Glück haben, leben Sie lange genug, um noch das Lager zu sehen. Also, G210898, wie ich vorhin schon gefragt habe … möchten Sie mir etwas mitteilen?«

»Nehmen Sie ihr widerwärtiges Gesicht aus meinem Blickfeld. Außerdem stinken Sie aus dem Maul, davon wird einem ja schlecht.«

Mit einem Mal schrie der Gefangene kläglich auf, er schaute auf seine Arme; seine gesamte Haut schien zu kochen. Ein grässliches Grinsen erschien auf Mirrors Gesicht.

»Ich denke, Sie verstehen die Lage nicht wirklich. Sie scheinen, mich nicht wirklich ernstzunehmen. Ich kann auch ganz anders, ich kann Sie Höllenqualen leiden lassen. Also … wollen Sie jetzt kooperieren?«

»Nein«, knurrte er mit gepressten Zähnen.

Mirror packte seinen Schädel, Blitze zuckten durch. Der Gefangene schrie, schrie vor schrecklichen Schmerzen. Er warf seinen Kopf hin und her, doch nichts half, er konnte sich nicht befreien, konnte den Schmerzen nicht entkommen, Mirror hatte ihn fest im Griff. Nach endlos wirkenden Minuten ließ er endlich vom Gefangenen ab. Es roch nach verbrannten Fleisch, Rauchfäden stiegen auf.

»Wie sieht es jetzt aus, G210898?«

Er schnaufte und keuchte, doch er beugte sich nicht; er schüttelte mit dem Kopf.

Mirrors Gesicht bekam ein tiefes Rot, seine Züge verzerrten sich vor Zorn.

»Zwingen Sie mich nicht Sie umzubringen!«

»Tun Sie … es doch … dann bekommen Sie … nichts«, spuckte der Gefangene ihn entgegen.

Mirror knurrte, sein Gesicht wandelte sich von Rot zu schneeweiß. Er hätte ihn wahrscheinlich wirklich umgebracht, doch bevor er irgendetwas tun konnte, platze Scueler herein; völlig außer Atem.

»Mein Herr!«, keuchte er.

Mirror drehte sich um, Wut brannte in seinen Augen.

»Was?«, fauchte er.

Scueler schrak zurück, er hatte nicht mit solchen Emotionen gerechnet, er schien es sich anders zu überlegen.

»Also ich … ähm … ja … das … na ja … Es gibt da … Ich weiß nicht … ob und … Das ist ja … und … ähm … ja … Wie gesagt, dass ist … ähm …«

»Hören Sie auf zu stammeln und spucken Sie es endlich aus!«

Der Offizier nahm seine Haltung an: »Mein Herr, es gibt ein Problem im hinteren Waggon, ein Problem mit unserer … Ladung. Man hat Schwierigkeiten und verlangt nach Ihrer Hilfe.«

Das Gesicht des Inquisitors nahm wieder eine gesunde Färbung an.

»Warum nicht gleich so?«, er drehte sich wieder zum Gefangenen hin, »Wir sprechen uns später und ich hoffe, Sie haben dann ein paar nette Antworten bereit. Wir wollen doch nicht, dass Sie noch mehr Schmerzen erleiden müssen, oder? Sie haben jetzt genug Zeit nachzudenken. Sie sollten das wirklich tun, G210898.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ zusammen mit Scueler den Waggon. Stille erfüllte den Raum, nur das Rattern der Räder und das Keuchen des Gefangenen war noch zu hören. Er schaute auf seine Arme herab, sie schmerzten unerträglich, unter dem Ärmeln des Anzugs waren sie wahrscheinlich übersät mit Brandblasen, auch sein Kopf tat weh.

Hoffentlich dauert es, bevor diese Dummköpfe wiederkommen, dachte er. Woher holt das Imperium bloß all diese Sadisten und Meuchelmörder? Oder werden sie erst im Laufe ihrer Dienstjahre zu solchen Monstern? Gab es auch vernünftige Gestalten in der Administration? Er bezweifelte es. Das gesamte Reich, jede einzelne Stelle, war besetzt von fleischfressenden Maden, die im Kadaver anderer wühlten und vom Leid ihrer Opfer lebten. Das Imperium war wie eine Maschine, sie saugt alles Gute aus einem heraus und hinterlässt nur Schwärze. Und wer sich nicht freiwillig umwandeln ließ, wurde von ihr zerdrückt wie eine lästige Fliege. Es wurde Zeit dieses maschinelle Monstrum abzuschalten und endgültig zu Altmetall zu verarbeiten.

Minuten vergingen und nichts passierte, er wartete und wartete, doch Mirror und sein treudoofer Gehilfe kamen nicht zurück. Stattdessen erschien jemand ganz anderes am anderen Ende des Waggons: der grimmige Ork von vorhin.

»Dich haben sie ja orden‘lich festgebunden. Was für Schweinehunde.«

Der Gefangene war mehr als nur verwirrt.

»Wie? Was zum … ?«

»Ich erklär‘s dir gleich. Keine Bange.«

Der Ork zerriss die Lederstriemen der Trage mit Leichtigkeit, der Gefangene fasste sich an die Knöchel, fühlte die aufgescheuerten Stellen; sie schmerzten leicht, natürlich kein Vergleich mit dem Rest seiner Arme.

»Danke.«

»Keine Ursache, Mann. Ich lass‘ doch keine Kamerad‘n in Stich.«

»Wie hast du es überhaupt hierher geschafft?«

»Witzige Geschichte. Der Schwarzmantel und sein Hund kam‘ gerade durch unsere Kabine gerast, im Schlepptau hatt‘n die mindestens ein Dutzend Soldaten. Da hab‘ ich die Chance einfach genutzt.«

»Ein törichter Plan. Das hätte uns alle das Leben kosten können«, der Gefangene schüttelte mit dem Kopf.

Der Ork zuckte nur mit den Schultern: »Hatt‘s aber nicht. Außerdem … sterben wir nicht eh alle? Hm? Warum nicht mal was riskier‘n?«

Der Gefangene wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte, stattdessen fragte er: »Und wie geht es jetzt weiter?«

»Wir kapern dieses verdammte Stück Schrott.«

»Dabei könnten wir alle einen grausamen Tod erleiden.«

»Und wenn«, antwortete der Ork trotzig, »Ich sterb‘ lieber in ‘nem gut‘n Kampf, als in irgendein Höllenloch zu verreck‘n. Wenn wir schon alle draufgeh‘n, dann nehm‘ wir diese Bastarde mit.«

Der Gefangene überlegte kurz, dann nickte er.

»Bin dabei.«

Beide schlugen ein.

»Großartig. Ich heiß‘ übrigens Ibraham. Wie nennt man dich?«

»Darius. Nenn mich Darius. Wie sieht dein Plan aus?«

»Solange der Schwarzmantel und seine Crew noch am Leben sind, sind wir nich‘ sicher. Wir müss‘n die loswerd‘n.«

»Gute Idee. Sie befinden sich höchstwahrscheinlich im hinteren Teil des Zuges.«

»Genau. Sie schein‘n alle dort zu sein.«

»Wir könnten sie überwältigen, wie viele sind wir ungefähr?«

»Vierzig? Fünfzig? Achtzig? Genug auf jed‘n Fall.«

Darius überlegte.

»Das müsste ausreichen. Gehen wir zu den anderen.«

Die Augen von Ibraham leuchteten, er konnte es kaum noch erwarten.

Der Ork hatte nicht übertrieben, alle Soldaten waren im hinteren Teil des Zuges, das Duo begegneten keinen Einzigen von ihnen.

Als sie bei den anderen ankamen, war die Stimmung trostlos und deprimierend, alle saßen mit gesenkten Köpfen in absoluter Stille. Die Leiche des Argwöhnischen lag immer noch am Boden, niemand hatte sich die Mühe gemacht sie wegzuräumen. Stattdessen ließ man sie dort zum Verrotten liegen. Sie war ein scheußlicher Anblick, völlig verdreht, mit einem ewigen Ausdruck des Schmerzes im Gesicht.

Ibraham bat alle um ihre Aufmerksamkeit, er erklärte ihnen den Plan; zuerst schüttelten sie alle ihren Kopf in Unglauben, doch es wurde mit der Zeit zu einem zustimmenden Nicken. Hoffnung zeigte sich in ihren Gesichtern, sie standen auf, voller Tatendrang. Sie waren bereit. Sie gingen gemeinsam zu den anderen Waggons und ermutigten die restlichen Gefangenen. Bald hatten sie eine kleine Armee parat. Die Truppe, angeführt von Darius und Ibraham, marschierte zu den hinteren Teil des Zuges, um sich dem Inquisitor und seinen Schergen entgegen zu stellen, doch daraus sollte nichts werden.

Der hintere Waggon war übersät mit den Leichen der getöteten Soldaten, jeder von ihnen wies Schnitt- und Schusswunden auf, aufgeschlitzt und ausgeweidet wie Schweine. Ein blutiges Massaker hatte stattgefunden.

»Was bei allen Göttern … «, flüsterte jemand.

Am Ende des Raumes stand der Verantwortliche für dieses Blutbad. Ein Mensch, ein Meter achtzig groß, bedeckt mit Blutspritzern. Sein Gesicht war hinter einer Ledermaske versteckt, die das Aussehen einer vertrockneten braunen Krähe hatte. Über seiner Schulter hing ein Maschinengewehr eines imperialen Soldaten. In der linken Hand hielt er einen grausigen Dolch, in der anderen sein letztes, noch lebendes Opfer; Jonathan Scueler.

Dieser heulte und winselte um Gnade, doch der Mann hörte nicht. Er holte nur aus und stach immer und immer wieder mit dem Messer auf ihn ein. Bald verstummten die Klagegeräusche und er ließ sein totes Opfer auf den dreckigen, blutbeschmierten Boden fallen. Die ganze Szenerie glich dem eines Schlachthauses mit irre gewordenen Metzgern. Der Chefmetzger nahm das gestohlene Gewehr und zielte auf den Trupp.

»Vorsicht!«, schrie Darius und sprang gemeinsam mit Ibraham zur Seite. Im selben Moment drückte der Irre ab, eine Salve von Kugeln durchlöcherte die Luft, viele trafen ihr Ziel. Schmerzensschreie ertönten, die Getroffenen jaulten wie Hunde. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde niedergeschossen. Doch wohin soll man fliehen, wenn man in einem Zug festsitzt?

Qualvolle Minuten vergingen, bald verstummte das wütende Gewehr. Kaum einer war noch am Leben, wer nicht von Kugeln durchsiebt wurde, wurde totgetrampelt.

Als der Maskierte weiterging, sprangen Ibraham und Darius hervor, stellten sich dem Amokläufer in den Weg. Darius wusste, dass das Magazin des Gewehrs leer war, er hatte also nur noch seinen Dolch.

»Das muss die besondere Ladung sein, von der Scueler sprach. Wer hätte das gedacht, ein durchgedrehter Serienkiller«, stellte Darius fest.

»Deswegen woll‘n sie sicher auch nach Gonzzoles. Die woll‘n Experimente an dem Kleinen hier durchführen. Oder sonst irgend‘nen kranken Scheiß mit ihm mach‘n.«

»Ganz deiner Meinung. Aber er hat uns ganz schön viel Arbeit abgenommen. Nur schade … «, er drehte seinen Kopf nach hinten, » …, dass so viele sterben mussten.«

»Er wird dafür genauso bezahl‘n, wie die anderen Bastarde«, knurrte Ibraham.

Doch bevor irgendjemand etwas tun konnte, stürmte Mirror durch die hintere Tür des Waggons, der Mantel durchlöchert und beschmutzt mit Blut, seine Hand presste er auf den Bauch, Schmerz und Qualen zeichneten sein Gesicht.

Er keuchte.

»Halt … Niemand wagt … auch nur … sich zu bewegen.«

Er streckte seine rechte Hand aus, doch bevor seine Magie irgendeine Wirkung zeigen konnte, krachte es extrem laut. Der Waggon begann zu kippen, sich zu drehen, die Anwesenden wurden in die Luft geschleudert.

Der Zug schien zu fallen.

Darius schrie.

Danach … Dunkelheit.

Schmerz. Das war das Erste, was er fühlte. Seine Beine fühlten sich gebrochen an. Darius öffnete die Augen und schaute sich um. Überall Chaos, gewaltige Risse im Zug, Leichen waren durch die gesamte Gegend zerstreut. Es schneite hinein. Er fror. Er schaute sich weiter um; Ibraham lag neben ihn, schwer atmend, er fasste sich an den Bauch.

Etwas weiter befand sich Mirror, aufgespießt durch ein langes Metallstück, Blut tropfte aus seinem Mund. Witzig, seine Magie konnte ihm am Ende auch nicht retten. Er hatte bekommen, was er verdient hatte. Hoffentlich brennst du in der Hölle, dachte Darius.

Vom Killer war keine Spur zu sehen. Hatte er auch überlebt? Wohin war er gegangen? War er verletzt? Was ist sein Ziel? Fragen über Fragen, aber keine Antworten. Darius war froh, dass er keine einzige von diesen Fragen beantworten konnte. Er war froh, dass dieses Monster fort war.

Ibraham stöhnte, Darius lauschte.

»Du, sag ma‘ …«

»Ja?«

»Warum hab‘n die dich überhaupt eingesperrt?«

Darius lehnte sich zurück und schaute in die Ferne: »Ich habe Waffen verkauft. Waffen, die mein Vater herstellen ließ. Ich habe sie an Leute verkauft, welche sie dringend nötig haben.«

»Die Rebellen?«

Darius nickte.

»Also, gibt‘s sie wirklich?«

»Ja, es gibt sie. Sie sind dort draußen und warten.«

Ibraham lächelte zufrieden.

»Sie werd‘n … uns alle räch‘n.«

»Das werden sie mein Freund, das werden sie. Noch sind sie nur kleine, verstreute Zellen, doch bald … bald werden sie gemeinsam aus dem Schatten treten und dieses Unrechtsregime in seine Knie zwingen. Bald … bald werden wir alle frei sein.«

Ibraham antwortete nicht darauf, er sagte gar nichts mehr.

Kälte kroch in die Knochen von Darius, sein Atem gefror in der Luft.

Er schloss die Augen und schlief ein.