Die Expedition (Kapitel I bis V)

16. April 2019 0 Von Joseph James

Kapitel I

Das Klingeln eines Weckers gehört wahrscheinlich zu den nervigsten Geräuschen, die je existiert haben. So dachte zumindest Christian Woetz, als er ihn um sieben Uhr morgens hörte. Widerwilliger weise öffnete er seine Augen, starrte ungläubig seinen Lärm verursachenden Wecker an und schlug dann mit der Faust auf ihn, um ihn auszuschalten.

Endlich Stille, dachte er. Mühselig erhob er sich aus seinem Bett und machte sich auf dem Weg zum Badezimmer. Er sah in den Spiegel und erblickte ein müdes Gesicht, kein hässliches, ganz und gar nicht. Christian war jung, hatte keinerlei Falten im leicht rundlichen Gesicht, volles schwarzes Haar, alles recht ansehnlich.

Was ihn allerdings störte, war der wiedereinmal sprießende rostbraune Bart. Er zückte seine Rasierklinge, schmierte sich das Gesicht mit Rasierschaum voll und begann sein Werk. Nachdem es vollbracht war, kümmerte Christian sich um die restlichen hygienischen Angelegenheiten. Zum Schluss kämmte er sich noch die Haare und begab sich dann zu seinen Ankleideschrank.

Sein Blick fiel auf die Uhr, schon sieben Uhr dreißig, bemerkte er. Er sollte sich langsam mal beeilen, wenn er nicht wieder zu spät zur Uni kommen möchte. Wenn er wieder in die Vorlesung von Professor Roel hereinplatzt, dann kann er sich eine hitzige Standpauke vom altem Akademiker anhören lassen. Christian schaute in seinen Schrank, überlegte kurz und nahm sein liebstes weißes Hemd und eine schwarze Hose. Er bindet sich noch eine blaue Krawatte und begab sich dann in die Küche.

Wieder ein Blick auf die Uhr, sieben Uhr fünfundvierzig. Jetzt ist nur noch Zeit für ein kleines Frühstück, ein kleines Marmeladenbrötchen. Er schnappte sich noch seine Arbeitsmaterialien, zog seinen schwarzen Mantel und Filzhut an und ging zur Tür. Ein letzter Blick auf die Uhr, sieben Uhr fünfundfünfzig. Jepp, dachte er mit einem gequälten Lächeln im Gesicht, ich komme definitiv wieder zu spät.

Er schloss die Tür hinter sich zu und machte sich auf dem Weg zur Kevin-Jähns-Universität. Auf den Weg nach unten traf er noch den alten Schimanski, der ihn, wie immer, einen feindseligen Blick zuwarf. Doch Christian war gut erzogen, er hob seinen Hut wie jeden Morgen und sagte mit freudigen Ton: »Angenehmen Morgen, Sir«. Der Alte grummelte und schnaubte nur verächtlich vor sich hin.

Was habe ich ihn bloß getan?, fragte sich Christian. Doch er machte, wie immer, sich nichts weiter daraus und begab sich auf seinem Weg. Er schnappte sich sein doch recht altmodisches Fahrrad und raste zur Universität.

Die Wege waren zum Glück einigermaßen leer, sodass Christian keinerlei Probleme hatte sich in den Straßen Lorgon-Citys fortzubewegen. Nach ungefähr zwanzig Minuten erreichte er endlich sein Ziel, die Kevin-Jähns-Universität, ein wahrlich imposantes Gebäude, geformt aus weißem Marmor, kunstvoll gefertigt, eine architektonische Meisterleistung. Die Universität war eines der ersten großen Bauprojekte der Weltregierung, sie sollte als Sinnbild für Freiheit, Demokratie und Bildung gelten, weshalb sie auch den Namen eines, aus Carolia stammenden, großen Denkers und Mitgestalter der Verfassung der Weltregierung erhielt, den des berühmten Philosophen und Staatstheoretikers Kevin Jähns. Sie war die größte und beste Bildungseinrichtung Lorgons, hier studieren die zukünftigen Eliten von Morgen. Wer hier seinen Abschluss schaffte, konnte es bis ganz nach oben schaffen.

Das war auch Christian sein Traum, die Spitze des Turms zu erreichen, berühmt zu werden, einen Namen in der großen Geschichte zu hinterlassen und nicht nur zu einer Fußnote oder Randnotiz zu verkommen. Er hatte Großes im Leben vor, seine Ziele waren hoch. Doch Erwartungen und Realität sind selten deckungsgleich, Christian wäre sehr gerne erfolgreich, er wäre gerne hoch oben auf der Spitze, doch die echte Welt ist hart, hart und grausam.

Als er es schaffte an der Uni angenommen zu werden, dachte er, es wäre ein leichtes Spiel, etwas was man nebenbei macht, doch da täuschte er sich gewaltig, das Studium für Altertümliche Geschichte war alles andere als ein Kinderspiel, der Stoff war gewaltig, die Inhalte auf hohem Niveau. Er musste dafür hart arbeiten, härter als er für etwas gearbeitet hat. Hinzu kam der immense Konkurrenzdruck, die Kurse waren gut besucht, von Leuten, welche extremst ehrgeizig und skrupellos waren. Christian war auch ehrgeizig, doch ihm fehlte der Granit zerschmetternde Biss der anderen Studenten.

Christian war weich und mitfühlend, er hatte keine Kälte in seinem Herzen, er war nicht skrupellos. Die anderen Studenten waren völlig gegenteiliger Natur, sie waren rücksichtslos und nur auf den eigenen Erfolg erpicht, hier wurde denunziert, verraten, geschleimt, Verschwörungen gewoben, Allianzen gebaut und zunichte gemacht, es wurden Gerüchte in die Welt gesetzt, üble Nachrede begangen, Verrat und gesellschaftlicher Mord standen hier an der Tagesordnung, und zwar nicht nur im Studiengang Altertümliche Geschichte, nein, der galt noch als relativ harmlos, nein, in anderen Richtungen wie Jura und Wirtschaftliche Lehre war die Sache weitaus extremer. Christian traf des ÖfterenStudenten solcher Fakultäten, in seinen Augen waren sie immer hochnäsig und kaltblütig. Es waren oft Kinder von reichen oder adligen Familien, Kinder von Eltern, die in der Politik tätig oder in der Gesellschaft hoch angesehen waren. Er konnte zwar verstehen, wenn man ehrgeizig war oder hoch hinaus mochte, doch gab es auch für ihn eine Grenze, welche man nie überschreiten sollte.

Er mochte den Großteil der anderen Studenten nicht, er mochte die Kinder der hoch angesehenen Familien nicht, er verabscheute ihre Methoden und ihre Skrupellosigkeit. Er verabscheute es, dass sie nicht durch Arbeit und Können so weit gekommen sind, sondern durch ihre gewaltigen Vermögen und den Einfluss ihrer Eltern.

Als er durch die Gänge der Universität schritt, kam er einen solchen Studenten entgegen, Linus von Luther. Ein Abkömmling einer alten Adelsfamilie, welche schon Könige und Präsidenten, Minister, Senatoren und Bürgermeister hervorgebracht hatte. Damals in den alten Tagen Lorgons regierten sie gemeinsam mit den Von Lorgons und Von Regenfelds über die Ländereien. Sie hatten schon Macht, als Lorgon noch eine konstitutionelle Monarchie war und sie besaßen sie immer noch als Lorgon zur Demokratie wurde.

Linus war ein hochgewachsener junger Mann mit eher kindlichen Gesicht und ruhiger Stimme, welcher Biologie studierte. Christian wurde nicht so recht schlau aus diesen Menschen, auf der einen Seite hatte er dieses harmlose Aussehen, doch auf der anderen Seite stimmte irgendetwas nicht mit ihm, es schien so, als wäre er von irgendeiner Aura dunkler Natur umgeben, als würde etwas tief in seinem Inneren schlummern, etwas Gewaltiges, Finsteres. Es war ihn immer unangenehm in der Nähe von Linus zu stehen, er wollte so wenig Zeit, wie möglich mit ihm verbringen, er war einfach nur … unheimlich.

Linus warf einen freundlichen Blick auf Christian und sprach mit freundlicher Stimme: »Ahh, Herr Woetz! Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich ihnen! Sie sollten sich langsam beeilen, die Stunde hat schon längst angefangen«.

Christian nuschelte eine Begrüßung und ging seines Weges weiter, diesmal mit etwas mehr Tempo. Er war nur noch wenige Schritte vom Hörsaal entfernt und erreichte ihn dann schlussendlich. Er öffnete die Holztür und trat in den Raum hinein. Prof. Jonathan Roel hielt gerade wieder eine seiner flammenden Vorlesungen über den Verlauf des Letzten Kreuzzuges, als er plötzlich stoppte und zu Christian hinauf sah.

Der alte Professor wurde leicht rot im Gesicht und sprach mit fast donnernder Stimme: »Herr Woetz! Da haben Sie es ja endlich mal hierher geschafft! Gratulation! Wahrlich, ich gratuliere Ihnen! Jetzt stehen Sie da nicht so bescheuert herum, setzten Sie sich gefälligst! Wir sprechen uns nach dem Unterricht!«

Christian stammelte irgendetwas und suchte sich dann einen freien Platz, was sich als etwas schwierig gestaltete, der Hörsaal war nämlich voll. Er erspähte aber dennoch einen Platz und setzte sich dorthin.

Nachdem sich Prof. Roel wieder beruhigt hatte, fuhr er mit seinem Unterricht weiter. Christian hörte nur mit halben Ohr mit, der Letzte Kreuzzug, in der breiten Bevölkerung besser bekannt als der Todeskrieg, hatte ihn noch nie mit echten Interesse gefüllt, ganz anders sah es bei seinem Banknachbarn Dominique Schulz aus, der eifrig mitschrieb und jedes Wort des Professors gierig aufsaugte.

Dominique war jemand den Christian als Freund bezeichnen konnte. Er mag zwar seine Macken haben, trotz alledem war er weitaus sympathischer als der Rest der Studenten.

Die Stunde verging und Prof. Roel beendete endlich seinen Unterricht, zumindest für den Großteil der Schüler, denn Christian durfte noch bleiben. Er schlurfte langsam zu seinem Dozenten, der ihn schon einen bösen Blick zu warf.

Er begutachtete Christian und sagte: »In mein Büro. Sofort!«

Sie gingen gemeinsam die Gänge entlang, Christian mit gesenkten Blick, Roel mit erhobenen Haupt. Als sie das Büro erreichten, öffnete er die Tür und befahl seinem Schüler hineinzutreten. Christian setzte sich auf dem Stuhl vor dem guten, alten Eichenholztisches des Professors. Der Dozent bewegte sich mit Leichtigkeit zu der anderes Seite des Raumes und setzte sich auf seinen gepolsterten Stuhl und sah Christian direkt in die Augen. Christian mochte das alte, mit Falten besetzte Gesicht nicht, er mochte nicht die hellblauen Augen, die hinter der Nickelbrille ihn anstarrten. Es machte ihn nervös, versetzte ihn in Schrecken.

»Sie wissen ja bereits warum Sie hier sind, oder?«

»Sie haben es indirekt ja schon angedeutet. Ich bin … mal wieder … zu spät gekommen.«

»Sie sind nicht mal wieder zu spät gekommen, Sie sind schon das siebente Mal innerhalb von zwei Wochen zu spät gekommen! Was sagen Sie dazu?«

»Na ja, es kann … doch mal … passiert doch mal …«

Der Professor lachte trocken.

»Das stimmt … es kann mal passieren, aber nicht mit dieser Häufigkeit! Ich dulde keine Studenten in meinem Hörsaal, die nicht in der Lage sind die Regeln einzuhalten! Und eine der Regeln lautet: Nicht zu spät zur Vorlesung kommen! So etwas kann ich nicht tolerieren! Und es tut mir im Herzen weh, wenn ein so vielversprechender Schüler es tut, es tut wirklich weh! Sie enttäuschen mich!«

Christian schluckte.

»Es tut mir … es tut mir leid. Es kommt nicht mehr vor, ich verspreche es!«

»Das will ich auch hoffen! Sonst muss ich mit Disziplinarverfahren drohen und das möchte ich ehrlich gesagt nicht. Aber nun gut wechseln wir mal das Thema. Eigentlich wollte ich nicht mit Ihnen sprechen, um eine Predigt zu halten, es geht um etwas anderes.«

»Und das wäre, Herr Professor?«

»Es geht um eine … Expedition. Man hat nämlich eine geradezu sensationelle Entdeckung gemacht und uns gefragt, ob wir die Expedition durchführen wollen.«

»Eine Entdeckung? Was denn?«

»Gemach, gemach, die Details kommen erst später. Nur soviel: Das Mistarkonic-Institut aus Regiis, das kennen Sie ja sicher, hat bei Rektor Roglin angefragt, ob die Kevin-Jähns-Universität die Forschungen durchführen möchte, da wir eine so exzellente Geschichtsfakultät haben. Der Rektor hat sich dann mit mir auseinandergesetzt und wir haben beide zugestimmt. Nun liegt es an mir ein Team zusammenzustellen und eines der Mitglieder sollen Sie sein.«

»Ohh, wirklich?«

»Ja, ich hasse es zwar das Sie ständig in meinen Vorlesungen hereinplatzen, aber sie sind ein sehr intelligenter Student ohne Zweifel, mit etwas mehr Disziplin wären Sie hervorragend.«

»Oh, oh, ich … ich danke Ihnen … das … das Sie mir diese Chance geben, Sir!«

»Vermasseln Sie es nur nicht. Sie sollten nicht zu spät zum Flug kommen.«

»Wann fliegen wir?«

»In genau zwei Tagen. Bereiten Sie sich auf alles vor, nehmen sie Papier, Zeichengeräte und Ähnliches mit. Der Rest wird vom Historischen Museum Lorgons und dem Institut bereitgestellt. Und nun zurück zu ihren Vorlesungen!«

»Sehr wohl, Herr Professor.«

Christian verließ mit einem großen Lächeln im Gesicht das Büro von Prof. Roel.

Endlich, dachte er, geht es bergauf mit mir.

Kapitel II

Nachdem Christian einen weiteren Tag an der Uni geschafft hatte, wollte er sich so schnell wie möglich nach Hause begeben, um endlich etwas Ruhe zu haben. Doch bevor er das Gebäude überhaupt verlassen konnte, stellte sich Dominique ihn in den Weg.

»Hey Chris! Wollen wir noch `ne Runde in der Kneipe was trinken gehen?«

Eigentlich hatte Christian keinerlei Lust dazu, er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt und wollte sich eigentlich nur noch zu Hause hinlegen, doch irgendwie konnte er Dominique selten etwas abschlagen, war er doch immerhin einer seiner engeren Freunde.

Er stimmte mit gespielten Lächeln zu.

»Großartig!«, rief Dominique freudestrahlend, »Dann lass uns keine Zeit verlieren!«

Die beiden gingen durch die Eingangshalle der Universität, vorbei an zahlreichen Büsten, darunter die von zwei Studenten, welche vor drei Jahren bei einer Reise zur Verfluchten Insel verschwanden. Christian schaute sich für einen kurzen Augenblick die beiden Steinköpfe an, dabei bekam er ein seltsames Gefühl in der Magengegend, welches er nicht so recht einzuschätzen vermochte. War es Nervosität? Angst? Er wusste es nicht, er hatte doch nichts zu befürchten.

Und doch … blieb dieses seltsame Gefühl beim Anblick der Büsten bestehen. Christian schüttelte den Kopf, wandte sich ab und versuchte die dunklen Gedanken aus sein Bewusstsein zu vertreiben, was ihn ansatzweise gelang. Er dachte nicht mehr an das Schicksal der beiden Studenten, sondern konzentrierte sich nun auf den Abend mit Dominique.

Nach einem kurzen Fußmarsch gelangten sie zur berühmt-berüchtigten Studentenkneipe Dichterbräu, die Adresse für trinkfeste Akademiker. Als sie das kleine Gebäude betraten, war die Stimmung im Lokal noch relativ ruhig und gelassen. Hier und da tummelten sich einige Studentengruppen, die sich leise unterhielten und dabei kleine Mengen Alkohol zu sich nahmen. Für die Musik war eine Band von Skeletten verantwortlich, welche sanften Jazz spielten.

Christian und Dominique suchten sich einen freien Platz, sogleich kam schon ein Kellner.

»Was darfs sein, Jungs?«

»Ich hätt gern ein Lorgonisches Bier, bitte«, erwiderte Dominique.

»Für mich darf es ein Gonzzolischer Wein sein«, fügte Christian hinzu.

Nach einer kurzen Zeit brachte der Kellner die gewünschten Getränke.

Dominique trank einen Schluck und fragte dann: »Wie war dein Gespräch mit dem Professor? Hat er dir ordentlich die Leviten gelesen?«

»Ach, er hat seine übliche Standpauke abgehalten, doch das Gespräch nahm eine … sagen wir … interessante Wendung.«

Dominique hob seine rechte Augenbraue: »Wirklich?«

»Ja, er wollte mich nämlich so oder so sprechen, es ging um eine … Anfrage.«

»Eine Anfrage? Christian, mach es nicht so spannend.«

»Okay, okay … Prof. Roel stellt momentan ein Team für eine Expedition zusammen und er möchte mich mitnehmen! Kannst du das glauben? Eine echte Expedition und ich darf Teil davon sein!«

Dominique lächelte, seine Augen begannen zu funkeln: »Wirklich? Was für ein Zufall, der Professor hat mich ebenfalls in sein Team eingeladen.«

»Ohh …«

Dominique begann lauthals zu lachen, das Lachen war so stark, dass er regelrecht Tränen in die Augen bekam und anfing mit der rechten Hand auf den Tisch zu schlagen. Nachdem die Verwunderung bei Christian verflogen war, begann er ebenfalls zu lachen. Das Gelächter wurde so laut, dass der Kellner vorbeikommen und zur Ruhe ermahnen musste. Danach kam so allmählich Ruhe ein. Dominique richtete seinen Blick wieder auf Christian.

»Tut … tut mir … Hohoho … tut mir echt leid. Huch, das ist mir jetzt aber unangenehm, aber … hihi … du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen sollen! Einfach köstlich!«

Nachdem sie sich endgültig beruhigt hatten, fragte Christian: »Und was weißt du über diese Expedition?«

»Wahrscheinlich genauso viel wie du, ich weiß nur wer sie finanziert und wann der Flug losgeht.«

»Das ist wirklich nicht viel mehr … Hast du vielleicht eine Vermutung, wo es hingehen könnte, oder um was es sich handelt?«

»Ehrlich gesagt, nein. Aber wie ich das Mistarkonic-Institut kenne, handelt es sich bei dieser Expedition um keine kleine Angelegenheit. Ich mein, die finanzieren nicht spaßeshalber mal eine Reise, es muss sich schon um etwas Großes handeln, etwas Bedeutendes, etwas für das sie unsere Universität brauchen.«

»Der Professor sprach von einer sensationellen Entdeckung. Vielleicht hat man ja etwas entdeckt, was sämtliche Geschichtsbücher umschreiben wird!«

»Das glaub ich eher nicht«, widersprach Dominique, »Ich meine, unsere Universität ist zwar bedeutend, äußerst bedeutend sogar, aber solch eine Entdeckung wäre, glaube ich, eine Nummer zu groß für uns, da würde man sicher andere Institute anfragen, die echte Wissenschaftler haben.«

»Hach, Spaßverderber.«

»Eher Realist. Wahrscheinlich hat man irgendwo einen kleinen Magier-Tempel aus der Zeit des Letzten Kreuzzuges zur Tage gefördert oder dergleichen.«

»Das wäre aber keine Sensation, aber obwohl, wie ich Prof. Roel kenne, wäre schon eine Gabel aus der DMT-Ära für ihn eine sensationelle Entdeckung

»Da muss ich dir recht geben« , Dominique lachte.

Die beiden bestellten noch weitere Getränke und der Abend verlief heiter und fröhlich. Nach und nach strömten weitere Gäste in das kleine Lokal, bald war jeder Platz besetzt. Die Skelettband wurde durch eine andere Truppe ersetzt, eine Gruppe von Schwarzmenschen, welche einen gehörigen Takt anlegten. Der Sänger der Band gab sich zum Besten, seine Stimme schwang zwischen den Tönen hin und her, nie gab sein Gesangsorgan auf. Er sang mit voller Brust und forderte die Gäste auf zu tanzen und mitzuschwingen und natürlich kamen die Gäste dieser Aufforderung mit dem größten Vergnügen nach. Schnell hatte man die Tische und Stühle beiseite geräumt und eh man sich versehen konnte, schwang jeder sein Tanzbein, selbst Christian, welcher bei solchen Sachen recht zurückhaltend war, konnte nicht anders, als sich zu den rhythmischen Tönen zu bewegen. Und wie er sich bewegte!

Die Saxofone und die Trompeten und der Gesang vereinten sich zu einem wahrhaft wunderschönen Klang, die gesamte Stimmung im Lokal war einfach wunderbar, jeder hatte eine gute Zeit.

Die Getränke und wahrscheinlich auch andere Flüssigkeiten, flossen in Litern. Die Party ging noch bis spät in die Nacht hinein, doch alles Gute muss auch mal ein Ende haben.

Christian verabschiedete sich von seinem Freund und begann zu seinem Fahrrad zu torkeln, wobei er ein-, zweimal hinfiel, doch schlussendlich schaffte er es. Er schwang sich auf seinen Drahtesel und fuhr nach Hause. Zum Glück für Christian war keine Polizei in der Nähe, das hätte sonst ziemlichen Ärger gegeben.

An sein Ziel angekommen, versuchte er möglichst leise in seine Wohnung zu gelangen, schließlich wollte er niemanden aufwecken, und ganz besonders nicht den alten Schimanski. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte er es endlich die Tür aufzuschließen und begab sich hinein. Er schloss noch die Tür hinter sich und wollte sich sogleich in sein Bett, doch weit kam er nicht. Er fiel einfach auf dem Teppich und schlief augenblicklich ein.

Nach einer sehr langen Zeit wachte er mit sehr schweren Kopf auf. Sein gequälter Blick fiel auf die Uhr, es war elf. Schlagartig richtete Christian sich auf. Scheiße, dachte er, ich hab verschlafen!

Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit raste er zum Bad, mit einer ähnlichen Geschwindigkeit rannte er zu seinem Kleiderschrank. Für Frühstück war diesmal keine Zeit! Er schnappte sich seine Utensilien und sprang regelrecht aus seiner Wohnung. Auf seinem Weg nach unten kam er an den alten Schimanski vorbei, der ihn einen äußerst bösen Blick zuwarf. Doch Christian hatte diesmal keine Zeit dafür. Prof. Roel wird mir diesmal alle Höllen heiß machen, fuhr es ihm durch den Kopf.

Er sprang auf sein Fahrrad und fuhr mit Lichtgeschwindigkeit zur Universität.

Einige Beinahe-Unfälle später hatte er die Bildungseinrichtung erreicht, wo er mit immenser Erleichterung feststellte, dass Prof. Roel den ganzen Tag mit der Planung der Expedition beschäftigt war und somit keine Vorlesungen geben konnte.

Christian atmete auf.

Vielleicht wird er Tag doch nicht so übel, dachte er.

Kapitel III

Endlich war der große Tag gekommen, der Tag der Expedition und diesmal war Christian überpünktlich aufgestanden, schließlich wollte er es sich nicht versauen.

Wie immer ging er ins Bad, dann zum Kleiderschrank und schließlich machte er sich noch einen Happen zu essen. Er schnappte sich seinen Mantel, seinen Hut und seine Tasche und begab sich fröhlich aus seiner Wohnung. Auf dem Weg nach unten pfiff er eine heitere Melodie, was dazu führte, das Herr Schimanski ihm einen irritierten Blick zuwarf, doch das war Christian völlig egal. Er hob seinen Hut und begrüßte den Alten freundlich.

Christian stieg auf sein Fahrrad und raste zum Flughafen, wo nach gestriger Aussage, die anderen Mitglieder der Expedition warten würden. Als er ankam, sah er, wie eine Person ihn zuwinkte, er konnte mit Leichtigkeit erkennen, dass es sich um Dominique handelte.

Neben Dominique stand Prof. Roel, gekleidet in einem karierten Hemd und einfachen Jeans. Christian sah das noch zwei weitere Personen bei ihnen standen. Es waren zu einem Linus von Luther, mit dem Christian überhaupt nicht gerechnet hatte, und Pascal Veß, Professor für Archäologie, den Christian nur vom Sehen kannte. Als er zur Gruppe stieß, bemerkte er, dass alle einfache, schlichte Sachen trugen. Christian fühlte sich mit seinem Mantel und dem Hut recht fehl am Platz, doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.

»Sie mal einer an, Herr Woetz ist zum ersten Mal zu etwas pünktlich anwesend. Das ich das nochmal erleben darf!«, spöttelte Prof. Roel.

»Nun seien Sie doch nicht immer so, Jonathan!«, wies Prof. Veß seinen Kollegen zurecht.

Er reichte Christian die Hand: »Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Pascal Veß, Professor für Archäologie, ich werde euch auf dieser einmaligen Expedition begleiten.«

»Freut mich Sie kennenzulernen, Herr Professor. Ich bin Christian Woetz, Student der Altertümlichen Geschichte.« Er schüttelte die Hand mit großer Freude.

»Prof. Roel«, fing Linus an, »erzählen Sie uns nun wo es hingeht?«

»Haben Sie Geduld, Herr von Luther. Ich werde ihnen alles im Flugzeug erzählen, alles was Sie wissen müssen.«

Das Flugzeug war eine große, grüne Transportmaschine, welche schon einige Tage zählte. Es sah aus wie ein Relikt aus der Zeit des Imperiums, übersät mit Rostflecken und abblätternder Farbe. An einer Seite prangte das Logo des Mistarkonic-Institutes: Ein grüner Kopffüßler, auf dessen Stirn sich eine hell erleuchtete Fackel befand.

Christian betrachtete das Symbol mit äußerster Faszination, es hatte eine Art Anziehung auf ihn, die er sich einfach nicht entziehen konnte. Es war ein Zeichen, welches man nicht alle Tage sah, es schien mehr dahinter zu stecken, irgendeine uralte Bedeutung, mehr als nur schlichte Symbolik. Dominique schnippte mit den Fingern nah an seinem Gesicht und holte ihn somit aus seiner Trance.

»Hey Chris! Nicht träumen, wir wollen endlich losfliegen.«

Christian konnte sich nur schwer vom Anblick des Logos lösen, doch er folgte schlussendlich Dominique ins Flugzeug. Die drei Studenten und die beiden Professoren saßen sich auf ihre Plätze, kurze Zeit später erhob sich die Maschine mit einem brummenden, stöhnenden Laut gen Himmel. Christian schaute aus seinem Fenster und sah wie sich der Boden immer weiter und weiter entfernte. Er wandte sich zu Prof. Roel: »Nun, Herr Professor, lüften Sie nun endlich dieses mysteriöse Geheimnis, welches an uns alle nagt?«

Er seufzte kurz: »Geduld ist Ihnen ein Fremdwort, nicht wahr? Aber na gut, ich habe es ja schließlich versprochen und an den Ausdrücken in euren Gesichtern kann ich erkennen, dass ihr es alle endlich wissen wollt. Nun gut, unser Ziel … ist Antarctica.«

Die Studenten schauten ihren Professor erstaunt an, unfähig irgendeinen Laut von sich zu geben. Alle hatten große Augen, die Kinnladen hingen tief herunter.

Schließlich fand Linus einige Worte: »Antarctica? Die Ewige Eiswüste? Was … Was gibt es denn da von Bedeutung? Außer Schnee, Robben und Nordmenschen?«

»Mein Junge, es gibt dort weitaus mehr als nur Schnee, Robben und Nordmenschen«, antwortete der Professor, »unsere geschätzten Freunde vom Mistarkonic-Institut haben nämlich vor einigen Wochen eine grandiose Entdeckung aus der Luft machen können!«

»Jetzt spannen Sie die jungen Leute nicht so auf die Folter, sondern spucken Sie es endlich aus«, mischte sich Veß ein.

Der andere Gelehrte gab ihn einen genervten Seitenblick und fuhr dann mit seinen Ausführungen fort: »Man hat eine riesige oberirdische Festung der Großen Erbauer gefunden, in einen bemerkenswerten Zustand.«

Die Studenten waren erstaunt, kannten sie die Erbauer doch nur aus Lehrbüchern und aus alten Geschichten und jetzt haben sie das Privileg, die einmalige Chance, eine solche Behausung mit eigenen Augen zu sehen! Durch die uralten Gänge zu wandern, die fantastischen Apparaturen zu Gesicht zu bekommen und Zeugnisse einer längst ausgestorben Hochkultur in die Finger zu bekommen!

»Eine Festung der Großen Erbauer … Das ist ja … un… unglaublich. Ich … ich kann … es kaum fassen«, stammelte Dominique.

Christian war völlig hin und weg, er fühlte sich wie in einen Traum, einen sehr schönen sogar. Man gab ihm die Chance, die Vorreiter der menschlichen Rasse, und wahrscheinlich auch aller anderen Rassen, zu sehen und zu bestaunen, einer Rasse, die bis zum heutigen Tag als die fortschrittlichste von ganz Terra galt. Welche Wunder würden wohl dort auf ihn warten? Er war so aufgeregt, er fühlte sich fast schon wie ein kleines Kind in einem großen Spielzeugladen.

»Wie wird denn unsere Vorgehensweise dort sein, meine Herren?«, fragte Linus.

Diesmal war Professor Veß an der Reihe, um zu erklären: »Wir werden in der Nähe von Karstak landen, dort schlagen wir auch unser Basislager auf. Von dort aus steigen wir in ein kleineres Aufklärungsflugzeug um und fliegen in die Nähe der Ruine, wo wir ein zweites Lager aufbauen werden und von dort aus unternehmen wir dann unsere Forschungen.«

»Wie weit weg von der Festung werden wir unser Lager aufschlagen?«, fragte Christian neugierig.

»Nicht sehr weit«, antwortete Roel, bevor Veß es konnte, »ungefähr ein bis zwei Kilometer.«

»Das hört sich doch recht weit an«, warf Dominique ein.

»Vorgabe des Institutes, sie meinten, es wäre die optimale Entfernung«, erklärte Roel.

„Zwei Kilometer klingen für mich nicht nach optimaler Entfernung“, murmelte Christian.

»Genug davon! Es sind nun mal Vorgaben, an denen wir uns halten müssen«, antwortete Roel harsch.

Die drei Studenten waren schon von den Gedanken erschöpft, zwei volle Kilometer im Schnee, bei extremst eisiger Kälte, im schlimmsten Fall sogar im Sturm, laufen zu müssen. Christian schlotterte allein schon, wenn er an die dortigen Temperaturen nur dachte.

Hoffentlich halten die Pelzmäntel schön warm, sprach er gedanklich zu sich.

Christian schaute wieder aus seinem Fenster, unter ihnen war nichts als endlose blaue Massen an Wasser. Welche Geheimnisse sich wohl unter den tosenden Wellen versteckt hielten? Welche uralten Ruinen, welche längst vergessenen Königreiche dort wohl existieren? Das Meer war ein faszinierender Ort, der seine Mysterien selten freiwillig preisgab. Nicht wenige starben bei dem Versuch sie an die Oberfläche zu bringen, sie dem Tageslicht zu präsentieren. Nun war der Ozean ihr kaltes, ewiges Grab, nun waren all die Helden, Abenteurer und Schatzjäger, welche es versucht hatten, ein Teil des urzeitlichen Wassers, Futter für die abscheulichen Kreaturen der Tiefe. Jene Kreaturen, von denen man an der Oberfläche nur mit flüsternder Stimme und vorgehaltener Hand spricht. Jene Kreaturen, von denen die alten Seemänner berichten, wenn sie von ihren langen Reisen wiederkamen. Das Meer ist uralt und so sind seine Geheimnisse und diese Geheimnisse wollen auch weiterhin verborgen bleiben, um jeden Preis.

Christian starrte weiter auf die unendlich blauen Weiten, bis seine Lider immer schwerer und schwerer wurden und er letztendlich in einen tiefen Schlaf fiel. Es dauerte auch nicht lange, da bildete sich ein Traum in seinem Kopf.

In ihm sank Christian, er sank ihn die Tiefe des Ozeans. Er öffnete die Augen, er fühlte keinerlei Panik, sondern Ruhe, Gelassenheit, Ausgeglichenheit, inneren Frieden. Er sank tiefer und tiefer, bis er schlussendlich den Grund des Meeres erreichte. Vor ihm bildete sich aus dem Nichts ein gewaltiges Schloss, geformt aus Stein und Korallen. Dutzende riesige Türme erhoben sich meilenweit nach oben, bis man ihre Spitzen nicht mehr erkennen konnte. Das Schloss nahm Dimensionen an, welche jede Stadt Terras übertrafen, Stein um Stein, Koralle um Koralle wuchs es. Gigantische Fenster öffneten sich in den Türmen und Burgen, Buntglas wuchs aus ihnen, bildete wunderschöne Verzierungen, wahre Kunstwerke, welche kein normaler Sterblicher anfertigen könnte. Immense Wehrgänge und Mauern erhoben sich aus dem Schlamm, überwuchert mit Seetang und Muscheln, die Größe übertraf alles, was je erbaut wurde und je erbaut werden wird.

Rechts und links von Christian krochen Statuen aus dem Sand.

Wem oder was stellen sie dar?

Waren es Sardonier?

Nein.

Nein, sie sind etwas Älteres.

Etwas … Uraltes.

Älter als die Menschheit.

Älter als alle Nichtmenschen.

Älter als die Großen Erbauer selbst, denn sie selbst waren machtvolle Erbauer.

Sie waren es, welche das wunderschöne Schloss erschufen in all seiner Pracht.

Sie waren Titanen, sterbliche Götter.

Christian betrachtete ihre kolossalen Statuen, doch konnte er sich keinen Reim aus ihnen machen, glichen sie doch keiner ihm bekannten Lebensform. Sie waren majestätisch und anmutig, zeitgleich aber auch einschüchternd und wild. Ihr Körperbau war perfekt für die dunklen Tiefen des Ozeans angepasst, alles an ihnen schien perfekt.

Auf einmal kam ein helles Leuchten aus dem Inneren des Schlosses, wodurch Christians Aufmerksamkeit darauf gelenkt wurde. Er schritt näher heran, betrachtete es nun aus vollster Nähe. Erst jetzt wurde ihm diese Größe wirklich bewusst, es stellte alles ihn Bekannte in den Schatten. Der Ratstempel des Magier-Ordens, die Große Bibliothek, die Festung Jörmungandr, all diese Bauwerke waren winzig im Vergleich zu diesem Schloss. Wenn die Großen Erbauer Jahrhunderttausende lang regiert hatten, so hatten diese Titanen Jahrmillionen regiert, erkannte Christian. Er trat noch näher an das ominöse Leuchten und vernahm einen lieblichen, gar wunderschönen Gesang. Nun stand sein Entschluss fest, er wollte dort hinein, nein, er musste dort hinein. Er musste diese fleischlichen Götter in all ihrer lebendigen Pracht sehen, er musste ein Auge auf ihren Glanz werfen.

Er rannte, er rannte so schnell er konnte, immer in Richtung Licht, immer in Richtung des Gesanges, immer den lieblichen Stimmen nach. Er hatte es auch beinahe geschafft, er war nur noch wenige Zentimeter vom heiligen Licht entfernt, doch kurz bevor er es berühren konnte, tat sich der Boden auf und er fiel.

Er fiel in einen bodenlosen Abgrund.

Er begann zu schreien, er hoffte, er wache bald auf.

Doch leider war es ihm nicht vergönnt.

Noch nicht.

Es fühlte sich an, als würde er Äonen lang fallen.

Schlussendlich schlug er am Boden auf.

Schnee und Kälte waren das, was er fühlte, der Traum verwandelte sich in einem Alptraum. Christian schaute sich um und sah, dass er sich mitten in einem Schneesturm, mitten in einer Eiswüste befand. Er blickte nach vorn und sah eine gigantische, von eisbedeckte, Festung. Er wusste nicht warum, doch er marschierte einfach darauf zu. Seine Beine gehorchten ihn nun nicht mehr, sie hatten ihren eigenen Willen, besser gesagt, sie wurden von jemand anderem kontrolliert. Christian ging durch das Tor der Festung hinein in die Dunkelheit. Der Zahn der Zeit hatte lange an diesem Gebäude genagt, viele Gänge waren verschüttet und von Eis bedeckt. Er durchschritt große Räume, in deren seltsame Apparaturen lagerten, vorbei an kuriosen, senkrechten Glassärgen, gefüllt mit großen, zyklopenäugigen Skeletten. Christian kamen die Überreste bekannt vor, er hatte sie schon einmal irgendwo gesehen.

Er marschierte Treppen hoch, ging durch lange Korridore, bis er schließlich im obersten Geschoss, in eine Art Kuppelraum ankam. In der Mitte des Raumes stand ein kleines Podest aus Stein, auf dem sich eine Art Gegenstand zu befinden schien. Christian schritt zielgerichtet darauf zu und erkannte, dass es sich beim besagten Gegenstand um ein braunes Buch handelte. Sobald er näher herantrat, konnte er eine Stimme flüstern hören:

Finde es.

Suche es.

Christian versuchte den Titel zu lesen, doch es misslingt ihm, die Schrift des Titels war zu verschwommen. Er konzentrierte sich, ging noch näher an das Buch heran. Während er näher herankam, schwoll die Stimme zu einem Chor von Stimmen heran.

Finde es.

Finde es.

Such es.

Nimm es.

Nimm es.

Du willst es.

Nimm es dir.

Du brauchst es.

Du willst es.

Es gehört dir.

Christian streckte seine Hände aus und versuchte mit aller Kraft das Buch zu umgreifen. Währenddessen wurde der flüsternde Chor immer lauter und lauter. Die Stimmen wurden immer herrischer, immer befehlender, immer disharmonischer, immer schneller.

Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es.

NIMM ES.

Christian bekam das Buch endlich zu packen, er hob es hoch, fühlte den alten Ledereinband. Er konzentrierte seinen Blick auf das Buch. Der Raum fing sogleich an zu schmelzen, alles zerfiel, die Realität selbst schien sich zu krümmen und zu zersplittern. Dunkelheit konsumierte die Bruchstücke und der Chor sang siegreich in voller Harmonie. Dann … plötzliche Stille.

Alles war dunkel.

Christian war allein.

Er schaute sich den Titel des Buches an und konnte nun endlich lesen was dort in großen, schwungvollen Buchstaben stand:

Immatericon.

Kapitel IV

Mit einem Schrecken erwachte Christian aus seinem tiefen Schlaf. Völlig verwirrt schaute er sich um, um sich zu vergewissern, dass er wieder im Flugzeug sitzt und nicht immer noch in diesen Traum gefangen war. Wenn man es einen Traum nennen konnte, Christian war sich da nicht so sicher. Alles schien so echt gewesen zu sein, alles schien so … real.

Nein, das kann nicht sein.

In Gedanken versuchte Christian zu rekapitulieren, was im Traum genau geschehen war.

Das Schloss …

Die Titanen …

Die Festung …

Das Buch …

Das Buch. Wie hieß es doch gleich? Christian versuchte nachzudenken, als ihn plötzlich ein Bild vor Augen schoss. Es war das Buch! Das kostbare Buch! Das Immatericon! Immatericon? Christian hatte noch nie ein solches Buch gesehen oder jemals davon gehört, dass so etwas überhaupt existiert. Christian wusste nur, dass es äußerst mächtig war und das es ihm gehörte, ganz allein ihm.

»Hey Chris! Du bist ja endlich wach!«, schallte eine Stimme.

Christian schrak aus seinen Gedanken hoch und blickte zur Seite. Es war Dominique, er stand neben ihn und schaute ihn an.

»Ähm … Ja … Ja … Ich bin … Ich bin … Ich bin wohl … Ich bin wohl eingeschlafen«, stammelte Christian vor sich hin, während er sich den Schlaf aus den Augen rieb. Dominique lachte herzlich.

»Nicht so tragisch, ist den anderen auch schon passiert.«

»Hab ich irgendetwas Wichtiges verpasst?«, fragte Christian.

»Nur das hier«, Dominique reichte ihm ein paar Schwarz-Weiß-Fotos, »Die hier sind von Prof. Veß, es sind Aufnahmen aus der Luft, das Mistarkonic-Institut hat sie vor ein paar Tagen gemacht.«

Christian nahm die Fotografien in die Hand und begutachtete sie gründlich, als ihn die Erkenntnis plötzlich und mit aller Macht traf. Die Aufnahmen … zeigten die Festung aus seinem Traum! Es war das gleiche Gebäude, die gleiche Struktur, die Architektur, dieselbe Beschaffenheit der Umgebung. Alles war haargenau dasselbe! Alles war wie in seinem Traum!

»Chris? Alles in Ordnung? Geht es dir gut?«, fragte Dominique besorgt.

Christians Gesicht war kreidebleich geworden, er hatte einen völlig schockierten Ausdruck angenommen. Nun war alles wirklich glasklar, nun stand seine Mission fest, nun gab es wirklich keinerlei Zweifel mehr. Es war kein Traum, es war definitiv kein Traum, es war eine Vision. Es gab einen Grund, warum er mit auf diese Reise kam und weiß er ihn nun. Er muss dieses Buch in die Hände bekommen, koste es, was es wolle, niemand darf ihn daran hindern. Deswegen muss er vorerst Stillschweigen bewahren, außerdem möchte er die anderen nicht mit seinem Traum beunruhigen. Sie dürfen nichts merken.

Er musste das Buch bekommen, er musste darin lesen, er wollte die Geheimnisse, welche sich hinter dem braunen Ledereinband verbargen, unbedingt erfahren.

Es war seine Bestimmung!

Sein Schicksal!

Seine Mission!

Dominique berührte ihn an der Schulter.

»Chris? Chris! Hallo? Chris, du bist so weiß! Geht es dir gut? Alles okay?«

Christian schüttelte seinen Kopf, befreite sich so aus der Trance.

»Ja … Ja … Alles in bester Ordnung. Mir war nur … Mir war nur kurz echt übel. Muss wohl der Flug sein.«

Dominique schaute ihn misstrauisch an, doch bevor er weiter darauf eingehen konnte, platzte Linus mit einem geradezu freudestrahlenden hinein.

»Leute, Leute, Leute! Wir landen gleich! Wir landen gleich!«

Kurz nachdem er die freudige Nachricht überbracht hatte, begab sich das Flugzeug auch schon in den Landeanflug. Die Kabine rüttelte und schüttelte sich, Christian wurde ein wenig unwohl Magengegend, doch schon nach wenigen Augenblicken war es wieder vorbei, die Maschine war sicher und heil gelandet.

Nach der Landung kam Prof. Roel in die Kabine und sagte zu seinen drei Schützlingen: »Meine Herren, wir sind nun in Karstak angekommen. Bevor wir das Flugzeug verlassen, sollten sie sich die Pelzmäntel anziehen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, es sei verflixt kalt hier. Ziemlich kalt sogar.« Mit diesen Worten verließ Roel die Kabine wieder.

Linus, Christian und Dominique zogen sich auf der Stelle die dicken Pelzmäntel und die restliche Ausrüstung an. Sofort fühlten sie eine immense Wärme, die im Flugzeug äußerst unangenehm war, doch draußen ihr Überleben sicherte. Sie stiegen alle gemeinsam aus der Transportmaschine und kurzerhand kam ihnen schon ein kalter Wind entgegen. Die Gruppe stand auf einen asphaltierten Flughafen nur wenige hundert Meter von Karstak entfernt.

Die Festungsstadt Karstak war eine der Größten ihrer Art in Antarctica und wahrscheinlich auch eine der Ältesten, datiert sie doch zurück bis zur Zeit von Katarina der Eisigen und sogar bis zur Zeit des Großen Gonzzolischen Reiches. Sie war eine beeindruckende Stadt, umringt von großen, schwarzen Mauern, ein Meisterwerk uralter Städtebaukunst.

Der Gruppe näherte sich eine Person, gekleidet in einen grünen, dicken Mantel. Als sie in ausreichender Sichtweite war, konnte Christian erkennen, dass es sich um einen Mann in mittlerem Alter handelte, glatt rasiert, mit dicken Brillengläsern im Gesicht.

»Seid gegrüßt, meine wissbegierigen Akademiker. Wenn ich mich so vorstellen darf, mein Name ist Herbert Mistarkonic, Enkel des Gründers unseres berühmten Institutes. Ich bin der Organisator dieser … geschichtsträchtigen … Expedition.«

Er reichte jedem die Hand, hörte sich von jedem den Namen an und fuhr dann fort: »Wir werden hier unser Basislager aufschlagen und mit dieser Maschine«, er zeigte auf ein weitaus kleineres Flugzeug, nur wenige Meter von der Transportmaschine entfernt, »werden wir dann zum zweiten Lager hinfliegen, viele Kilometer ins Landesinnere. Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zum Ziel.«

»Wird uns einer der Eingeborenen begleiten?«, fragte Veß neugierig.

»Leider nein. Die Nordmenschen meiden das Innere von Antarctica wie die Pestiria. Sie sagen, diese Gebiete seien für Menschen verbotenes Territorium. Dort sollen angeblich grausame Teufel leben, die jeden, der es wagt durch ihre heiligen Reviere zu streifen, auffressen. Man hat hier einen Namen für diese Wesen, aber … leider ist mir dieser entfallen. Jedenfalls, die Eingeborenen haben zu viel Angst, um uns zu begleiten. Sie weigern sich konsequent daran teilzunehmen, aus Furcht vor dem Zorn der Wesen.«

»Abergläubische Narren«, murmelte Roel.

»Aber das soll uns nicht abhalten«, fuhr Herbert unbehelligt fort, »kommt mit, wir bereiten alles für euren nächsten Abflug vor.«

»Kommen Sie mit, Herr Mistarkonic?«, fragte Linus.

»Nein, nein. Ich muss leider hier bleiben im Basislager. Es gibt hier noch eine Menge zu tun. Aber ich werde im stetigen Funkkontakt mit euch bleiben, da verlasst euch drauf.«

Als sie am Flugzeug ankamen, sprach er weiter: »Die gesamte Ausrüstung wie Zelte, Untersuchungsgeräte, Rucksäcke, Nahrung und Funkapparate befinden sich bereits in der Maschine. Sie müssen nur noch das Lager aufbauen, das dürfte ja kein Problem sein, oder? Dachte ich mir auch schon, sie sind doch alle kluge Köpfe, dann dürfte es ja keinerlei Schwierigkeiten geben. Großartig.« Er räusperte sich, woraufhin ein Mann in voller Uniform aus dem Zelt schritt.

»Dieser Mann wird ihr heutiger Pilot sein, er hört auf den Namen Cooper Seery.«

Cooper nickte der Gruppe zu.

»Wundern sie sich nicht, er ist keine redselige Person, eher einer von der schweigenden Sorte. Er wird sie sicher zum nächsten Ziel bringen, sie dort absetzen und dann wieder zum Basislager zurückkehren. Sie sind dann auf sich alleine gestellt, wir bleiben aber in stetigen Funkkontakt«, er zeigte dabei auf das Basislager.

»Noch irgendwelche letzten Fragen?«

Alle schüttelten mit dem Kopf.

»Dann kann es ja losgehen!«

Die drei Studenten und ihre zwei Professoren begaben sich in das relativ kleine Flugzeug, Cooper folgte ihnen. Kurze Zeit später hob die Maschine auch ab, es dauerte nicht lange, da ließen sie auch schon Karstak hinter sich, unter ihnen nichts als weiße Leere. Christian versuchte diesmal nicht zu lange aus dem Fenster zu starren, er wollte nicht wieder einen Traum auslösen, nicht hier, nicht bei so vielen Leuten auf so engen Raum.

»Und«, fragte Linus in die Runde, »was haltet ihr von den angeblichen Teufeln, die hier hausen sollen?«

»Humbug!«, antwortete Roel schnell, »Nichts als Legenden, nichts weiter als Mythen!«

»Was für Mythen, verehrter Kollege?«, fragte Veß.

»Herr Mistarkonic redete von Wendigos, diese sogenannten Teufel werden hier Wendigos genannt.«

»Wendigos? Noch nie davon gehört«, sagte Dominique.

»Woher denn auch? Sie gehören zu den örtlichen Legenden, zu Ammenmärchen, die die Nordmenschen ihren Kindern erzählen, um ihnen Angst zu machen. Es handelt sich bei ihnen um Geschöpfe des Eises und der Kälte, die angeblich in der Lage sind das Wetter zu manipulieren, um Schneestürme heraufzubeschwören. Sie sollen Reisende erbarmungslos jagen, um sie zu verspeisen, dabei stoßen sie ein Todesgeheul aus, was einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wortwörtlich

»Klingt für mich nach einer existierenden Kreatur«, warf Christian ein.

Roel machte einen absolut fassungslosen Gesichtsausdruck, dabei schaute er Christian an, als hätte dieser den Verstand verloren: »Sie glauben doch auch an Schlangenmenschen, die in den Minen von Gonzzoles leben, oder?«

»Ich wollte damit nur sagen, dass doch die Möglichkeit bestehen könnte, das solche Wesen hier existieren könnte«, rechtfertigte er sich.

»Das Einzige was in dieser Einöde lebt, sind ein paar Robben, Eisbären und eventuell noch ein, zwei noch lebende Drachen. Mehr auch nicht.«

»Denken Sie doch nur mal an die anderen fantastischen Wesen, welche auf diesen Planeten existieren. Gargoyles, Drachenschlangen, Riesenspinnen, Hirgel, Wolpartenger, Jackellopas, die Liste ist riesig. Was ist mit diesen wunderbaren Wesen?«, konterte Christian.

»Für diese Lebensformen gibt es Beweise, Augenzeugenberichte, mehr als nur Märchen und Sagen und Legenden.«

»In jeder Legende steckt auch ein Körnchen Wahrheit«, warf Dominique ein.

»Mag sein, doch bis heute konnte niemand die Existenz von Wendigos beweisen. Man hat weder lebende Exemplare gefunden, noch die Gebeine, noch irgendwelche anderen Spuren.«

»Und woher kommen diese Legenden, Herr Professor«, mischte sich Veß mit ein.

»Ganz einfach, mein hochgeachteter Kollege, wahrscheinlich basieren sie auf irgendeinen Barbarenstamm, der vor vielen Jahrtausenden die Nordmenschen terrorisierte. Und, man kennt das ja, werden solche Gestalten oft dämonisiert und zu grausamen Monstern gemacht. Eigentliche Fakten werden übertrieben, es wird gelogen, die Wahrheit zu Recht gebogen, nur um diese Barbaren noch schlechter darstehen zu lassen. Und im Laufe der Zeit vergisst man die Herkunft der Legende und man hält sie fortan nur noch für wahr, als wäre sie schon immer so gewesen, als hätte es schon immer solche Monster gegeben. So ist es immer, so ist es immer gewesen, so wird es auch bleiben. Menschen wie Nichtmenschen machen ihre Feinde immer zu grässlichen Monstern, das macht es einfacher das Feindbild aufrechtzuerhalten und später wird es einfacher diesen besagten Feind umzubringen, weil ist ja nur ein Monster, nur ein Ungeheuer. Ungeheuer kann man ohne Gewissenskonflikte töten, man braucht danach kein schlechtes Gewissen zu haben, man hat schließlich ein Monster erschlagen, die verdienen es ja schließlich getötet zu werden. So … Punkt. Fertig. Aus.«

Die Anderen schauten sich gegenseitig in die Gesichter, gegen diese Argumente können sie nicht wirklich viel ausrichten. Siegessicher lehnt sich Professor Roel und krönt sich, mal wieder, zum König der Debatten.

Kapitel V

Das Flugzeug landete sicher am Boden, die Gruppe stieg aus und sah sich um. Nichts als weiße Einöde, so weit das Auge reichte, mit Ausnahme der großen, von Eis und Schnee verwehten Festungsruine am Horizont.

»Na dann wollen wir mal das Lager aufbauen, bevor noch ein Schneesturm kommt oder es dunkel wird, nicht wahr Leute?«, rief Veß.

Gesagt, getan. Jeder schnappte sich irgendein Teil, jeder packte mit an. Christian nahm sich die Funkausrüstung und Schlafsäcke, Dominique die Rucksäcke und die technischen Geräte, wie Generatoren und Scheinwerfer, Linus die Laborutensilien, Roel das Proviant und Veß die Zelte. Nachdem alles aus der Maschine ausgeladen war, salutierte Cooper, startete die Maschine und flog schweigend davon. Nun war die Gruppe vollständig auf sich allein gestellt, fast vollständig abgeschnitten von der Außenwelt.

Zuerst machten sie sich an den Aufbau der Zelte, was leichter gesagt, als getan war, denn um ehrlich zu sein, niemand hatte so wirklich Erfahrung darin. Doch nach einigem Herumprobieren hatten sie den Dreh raus und das Lager stand, mehr oder weniger. Danach ging es an die Verkabelung der Scheinwerfer, Generatoren und Funkgeräte, dies nahm weitaus weniger Zeit im Anspruch, da Dominique und Prof. Veß gewisse Kenntnisse mitbrachten. Bald war auch die Funkverbindung zum Basislager hergestellt und man übermittelte erste Statusberichte.

Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu, man aß noch eine Kleinigkeit, bevor man sich dann schlafen legte, um für den nächsten anstrengenden Tag ausgeruht zu sein. Christian lag zusammen mit Linus und Dominique in einem Zelt, während die Professoren ihre eigenen hatten. Draußen begann allmählich ein Schneesturm aufzuziehen, wie Christian mitbekam. Hoffentlich passiert der Ausrüstung und dem Lager nichts, dachte Christian, bevor er in einen tiefen Schlaf verfiel.

Und schon fingen die Träume wieder an.

Wieder befand er sich in der Festung, wieder wurde ihm die Kontrolle über seine Beine entrissen, doch diesmal war das Gefühl noch stärker, noch zerrender. Wieder schritt er durch die dunklen Gänge der Ruine, vorbei an Skeletten und merkwürdigen Gerätschaften. Wieder stand er im Kuppelraum, wieder war dort das Podest mit dem Immatericon, wieder flüsterte eine Stimme.

Nimm es.

Nimm es.

Nimm es.

Nimm es.

Hole es dir.

Es gehört dir.

Finde es.

Finde es.

Finde es.

Es ist dein rechtmäßiger Besitz.

Ja, ja ich weiß, flüsterte Christian zurück.

Er schritt näher heran.

Ich bin bald bei dir, bald bekomme ich dich in die Hände, bald gehörst du mir, sprach er leise.

Gut.

Gut.

Gut.

Folge meiner Stimme.

Folge mir.

Und Christian tat, was ihm befohlen wurde, er schritt näher und näher an das Buch heran, dieses Mal konnte er die Schrift klar und deutlich erkennen, diesmal war alles klar und deutlich. Er konnte auch mysteriöse Symbole erkennen, die im Buch eingraviert waren. Symbole, die er nicht beschreiben könnte, Symbole, deren Bedeutung er, oder sonst ein Sterblicher, nie begreifen oder verstehen würde. In seinen Augen waren es nur wirre Linien, gezackte Kurven, seltsame Flammen und Sterne. Er wusste nicht, was sie bedeuten mögen, doch er ahnte, dass die Antwort sich im Buch befinden würde. Er streckte seine Hände nach dem Buch aus, wieder fing der Chor an lieblich zu singen in voller Harmonie. Seine Hände hatten ihr Ziel fast erreicht.

Halt!, rief eine laute Stimme hinter ihm.

Nur widerwillig drehte Christian sich um, doch er wollte sehen, wer sich hinter ihm befand, wer es wagte ihm zu stören bei seinem Tun.

Es war eine große, dürre Gestalt in seltsamer, schlichter Kleidung. Es war auf keinen Fall menschlicher Natur, noch glich es irgendeiner anderen humanoiden Lebensform. Auffällig war das große, einzelne Auge, welches unendliche Weisheit ausstrahlte. Die Haut des Störers war grünlicher Natur, ein schmaler, langer Mund und zwei kleine Schlitzlöcher unter dem Zyklopenauge zierten das Gesicht. Ohren waren keine am Kopf zu kennen, der außerordentlich rund war. Das Wesen hatte eine sechs-fingrige Hand erhoben, mit der es auf Christian zeigte.

Tu es nicht Fremder, mach nicht den gleichen Fehler wie ich!

Was bist du?

Wer oder was ich bin, spielt jetzt keine Rolle mehr! Du darfst das Buch nicht an dich nehmen! Tu es nicht, es ist eine Gefahr für das gesamte Universum!

Aber es ruft nach mir.

Es hat nach mir auch gerufen, es hat nach uns alle gerufen! Ich bitte dich, mach nicht den gleichen Fehler!

Fehler?

Ich hätte es nie benutzen sollen, doch ich wollte helfen! Ich wollte doch nur helfen, ich wollte unser Ende verhindern! Stattdessen habe ich alle hier verdammt. Hör nicht auf seine Lügen! Es verspricht Gutes, doch es bringt nur schlechtes!

Glaube ihn nicht, höre auf mich, mischte sich die Stimme mit ein.

Hör nicht auf das Gift!

Ich glaube dir nicht, du bist derjenige der lügt, sagte Christian.

In dem Auge spiegelte sich absolute Traurigkeit wider.

Nein, nein, nein, nein, nein, nein. Nein! Tu es nicht! Es ist dein Untergang!

Auf einmal fingen die Stimmen an zu kreischen, es war das grässlichste Geräusch, welches Christian je vernahm, auch das Wesen hielt sich die Hände an den Kopf und beugte sich vor Schmerzen. Christian taumelte und schlug auf den Boden auf, der gesamte Raum begann zu vibrieren, als würde ein Erdbeben stattfinden. Teile der Decke fielen herunter, krachten in kleine Einzelstücke, Risse im Boden wurden sichtbar, die Kuppel brach auseinander, entblößte einen Himmel, welcher in verschiedenen unbekannten Farben erstrahlte. Ein Grollen, wie aus tausend Kanonen war zu hören, ein gewaltiger Schatten beugte sich über den Raum. Christian schaute nach oben.

Ein ungeheuerlicher Riese befand sich über ihnen und schaute auf sie herab. Es war eine Abscheulichkeit, ein Verbrechen gegen die Natur, es war eine weiße Kreatur, überzogen mit ekelhaften schwarzen, hervortretenden Venen. Sein Gesicht, wenn man es so nennen darf, war geschmückt mit hunderttausend eitergelben Augen, schreiende, leere Gesichter zierten sein Haupt. Es streckte seine widerwärtige Pranke aus, um ihn den Raum irgendetwas zu greifen.

Das Buch!, rief Christian, Ich muss retten! Ich muss beschützen!

Christian sprintete zum Podest und schnappte sich dabei das Immatericon. Er rannte zum Ausgang des Kuppelraumes und drehte sich noch einmal um. Er sah, wie der Riese sich den Eindringling schnappte und mit nach oben zog. Dabei kreischte er wie am Spieß, er schrie sich die Seele aus dem Leib, er bettelte um Hilfe, flehte um Gnade, doch es war vergebens, denn das Monster kannte solche Begriffe nicht, auch ließ es nicht mit sich reden. Der Eindringling schrie weiter hilflos, Tränen flossen aus seinem Auge.

Nein! Bitte nicht! Gnade, ich bitte nur um Gnade! Gnade! Gnade! Hilfe!

Nichts half, der Riese verschwand mit seiner Beute in der Hand, verschwand mit ihm in unbekannte Gefilde. Die Schreie und das Grollen entfernten sich immer weiter, bis sie schließlich nicht mehr zu hören waren.

Christian atmete erleichtert auf, das Buch war in Sicherheit, er war in Sicherheit, niemand konnte ihn oder das Buch mehr schaden. Er fühlte das Leder, berührte die Symbole, er roch den wunderbaren Geruch, diesen einzigartigen Geruch.

Du bist würdig, flüsterte die Stimme.

Würdig.

Würdig, Träger dieses Buches zu sein.

Würdig, seine Geheimnisse zu erfahren.

Würdig, die Mysterien des unendlichen Kosmos zu ergründen.

Würdig, diese Macht zu erhalten.

Der Chor sang und wie er sang, er sang noch herrlicher, noch wunderschöner als vorher. Noch nie hatte Christian solch einen wunderbaren Gesang vernommen. Er fühlte, wie sich sein Körper mit Glück füllte, mit einem Glück, welches absolut einzigartig war.

Christian lächelte.

Er öffnete das Buch und gleißendes Licht erstrahlte ihn, erhellte den gesamten Raum.

Christian wachte aus seinem wunderbaren Traum auf, er saß aufrecht in seinem Schlafsack. Noch immer war er von Glücksgefühlen übermannt, noch immer lächelte er. Doch dieses Gefühl verschwand schnell wieder. Draußen tobte noch immer der Schneesturm und er konnte den Wind heulen hören. Doch war das wirklich der Wind? Dieses Geräusch … klang anders. Dieses Heulen, klang wie der Tod. Christian merkte, wie ihn immer kälter wurde, plötzlich hörte er ein Geräusch von draußen und da blickte er zur Seite. Er hätte schreien können, doch es war gut, dass er es nicht tat.

Draußen stand etwas.

Etwas Großes.

Dünnes.

Es hatte lange Beine und genauso lange Arme, welche bis zum Boden reichten. Sein schlanker Kopf schien von einer Art Geweih gekrönt zu sein.

Christian sah, wie sich der Schatten um das Zelt schlich, wie es sich streckte und schnüffelte Es umrandete das gesamte Zelt, schlich umher, schnüffelte, lauschte. Doch genauso schnell wie es erschienen ist, so verschwand es auch wieder.

Christian saß noch eine Weile und lauschte, doch er konnte nur den Wind hören.

Er legte sich wieder hin und hoffte, dass das alles nur ein schlimmer Alptraum war, dass das nicht wirklich geschehen war, dass nichts passieren wird.

Christian schloss die Augen und schlief ein.