Black Jack

15. April 2019 0 Von Joseph James


Dumpfer Schmerz.

Das war das, was ich zuerst spürte. Einen dumpfen Schmerz in meinem Kopf. Ich machte die Augen auf und versuchte mich aufzurichten.

Sofort wurde der Schmerz intensiver. Ich muss mich wohl an irgendetwas gestoßen, dachte ich.

Langsam realisierte ich auch, wo ich mich eigentlich genau befand. Ich war in meinem Zimmer auf der Elisabeth II. Doch etwas stimmte nicht, abgesehen davon das ich auf dem Boden lag. Der Raum befand sich im totalen Chaos, Schranktüren standen offen, Kleidungsstücke waren überall verteilt, Lampen zerbrochen, das Bett unordentlich. Kein einziges Licht brannte. Zusätzlich befand sich der Raum in einer Schieflage. Waren wir auf Grund gelaufen?

Ich versuchte mich an die Geschehnisse der letzten Stunden zu erinnern, doch das einzige was mir einfiel, war wie ich am Abend auf der Bühne stand und mein Saxophon spielte, die Leute tanzten zu meinem Song, alle waren voller Freude und Sorglosigkeit, die Luft war gefüllt mit Heiterkeit. Doch was passierte danach? Ich wusste es nicht mehr.

Ich hörte nur ein Rauschen in meinem Kopf. Keine Bilder. Keine Töne. Nur Rauschen und Schmerz.

Es war, als hätte man diese Erinnerung aus meinem Gedächtnis herausgeschnitten. Ich hatte auch keinerlei Vorstellungen davon, wie viel Zeit eigentlich vergangen war. Ein paar Stunden? Einige Stunden? Ein Tag? Schwer zu sagen.

Ich erhob mich aus meiner unbequemen Position und streckte mich, dabei fiel mir etwas Merkwürdiges auf. Es war vollkommen ruhig. Nein, mehr als das. Es war absolut still, keinerlei Geräusche. Weder waren andere Schiffsgäste zu hören, noch Mitarbeiter, noch irgendwelche Rettungskräfte. Und die sollten doch eigentlich zu hören sein, denn wie es aussieht, gab es einen schweren Unfall.

Doch da war nichts.

Kein einziges Lebenszeichen.

Ich bewegte mich aus meinem Zimmer und schaute auf den Gang. Auch hier, kein Licht, nur Chaos, als hätte ein Tornado hier gewütet.

Von den anderen war nichts zu sehen.

Ich begab mich auf das Deck, in der Hoffnung dort einen besseren Überblick über das Ganze zu erhalten.

Was ich dort sah, schockierte mich.

Mit meiner ersten Vermutung lag ich goldrichtig, wir waren auf Grund gelaufen. Das Schiff lag auf einer Sandbank vor einer Insel.

So weit, so normal. Doch als ich mich zur Meerseite umdrehte, sah ich das nichts als Nebel. Ein dicker, leicht grüner Nebel. Er schien die gesamte Insel einzuschließen, zumindest vermutete ich das. Doch das was dem ganzen die Krone aufsetzte, war der Himmel. Es war kein gewöhnlicher. Es war etwas Unbeschreibliches.

Es sah aus, als würden Farben miteinander Krieg führen. Riesige Flecken tauchten auf, wurden von kleineren verdrängt, von anderen verschlungen und wieder ausgespien. Blaue Flotten, rote Truppen, gelbe Staffeln, grüne Kompanien. Sie alle kämpften miteinander und gegeneinander. Es war ein ebenso faszinierendes, wie auch erschreckendes Schauspiel.

Für einen kurzen Moment glaubte ich, ich sei gestorben und nun in irgendeiner Art von Nachwelt. Doch das konnte es nicht gewesen sein, ich spürte immer noch die Schmerzen in meinem Kopf. Ich versuchte mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und begab mich an Land.

Dort bemerkte ich, dass ein gigantischer Riss die Außenwand des Schiffes zierte. Was war nur dafür verantwortlich? Scharfe Felsen? Oder etwas Schlimmeres? Ich wollte es gar nicht erst wissen.

Ich schaute mich um, hinter mir befand sich ein Leuchtturm und weiter dahinter schien eine Siedlung zu existieren. Vielleicht waren dort die anderen?

Als ich meinen Marsch zu den Gebäuden begann, überfielen mich auf einmal immense Schmerzen im gesamten Körper. Ich schaute auf meine Hände herab und erschrak. Meine Venen begannen sich schwarz zu färben. Die Welt verschwamm vor meinen Augen, alles schien sich zu verzerren. Was passiert mit mir?, dachte ich panisch. Die Schmerzen wurden stärker, übermannten und zerrten mich in die Bewusstlosigkeit.

Als ich aus der Dunkelheit wieder emporstieg, sah ich, dass ich nicht mehr alleine war. Eine Gestalt, gekleidet in einen schmutzigen braunen Mantel, das Gesicht von einer Kapuze verdeckt, stand vor mir. Ich wusste nicht warum, aber ich war alles andere als froh, die Person zu sehen. Ich versuchte mich aufzurichten, doch noch immer hatte der Schmerz mich fest in seiner Gewalt.

Der Unbekannte starrte mich die ganze Zeit über an, sagte nichts, tat nichts. Mit einem Mal hob es seinen Arm und zeigte mit dem Finger auf mich. Ein Gefühl von Angst durchfuhr augenblicklich meinen Körper, lähmte ihn vollständig.

Und im Bruchteil eines Blinzelns stand es vor mir und legte seine Hand an mein Gesicht.

»Akzeptiere mich«, sagte es.

Und genau in diesem Moment wurde ich zurückgeschleudert. Ich fiel in ein bodenloses Loch, Farben explodierten vor meinen Augen, Lichter formten unbeschreibliche Figuren, sie formten sich, zerfielen wieder, verschlungen sich, bildeten sich wieder neu. Es war, als würde man die Realität durch ein kaputtes Kaleidoskop betrachten. Nichts machte Sinn und alles machte Sinn.

Ein Meer von Gesichtern tauchte vor meinen Augen auf, sie alle schrien in Agonie, jaulten vor Schmerzen. Bei jeder Wellen kreischten sie. Ich sprang direkt in das Gewässer hinein, ich war umgeben von ihrem Geheul. Ich sank tiefer und tiefer, bis alles um mich herum verstummte und dunkel wurde. Dort schwebte ich nun, in der dunklen Unendlichkeit.

Bruchstücke von Erinnerungen erschienen vor meinem geistigen Auge, doch ehe ich mich fokussieren konnte, zerfielen sie auch schon zu Staub.

Wie hieß ich?

Woher kam ich?

Wer waren meine Familie, meine Freunde?

Was liebte ich?

All das spielte keine Rolle mehr, all das war weg.

Ich begann Geräusche zu vernehmen, Stimmen zu hören. Sie wurden lauter und lauter. Sie riefen, jaulten, kreischten, schrien, brüllten, alles in perfekter Einigkeit. Dutzende, hunderte, tausende. Ich begann mit einzustimmen, denn ich war nun selbst ein Teil dieses großen Ganzen. Mein Körper löste sich auf, mein Verstand zerfloss. Ich wurde eins, eins mit dem Meer aus Gedanken. Ich verstand nun. Ich schloss meine Augen und gab mich dem hin.

Als ich meine Augen wieder öffnete, befand ich mich wieder in meinem Körper, zumindest glaubte ich das. Es fühlte sich nicht an, wie mein Körper, es fühlte sich nach etwas Fremden an. Schmerzen durchzuckten mich, ließen mich aufstöhnen. Ich schaute meine Hände an, woraufhin mich Panik ergriff.

Das waren nicht meine Hände! Es waren nicht einmal die Hände eines Menschen.

Sie waren vollständig von schwarzen Flechten überdeckt, die Finger waren langgezogen und endeten spitz. Das waren die Hände eines Monsters! Panisch knüpfte ich mein Hemd auf nur, um festzustellen, dass sich die finsteren Fäden bereits auf meiner Brust langsam ausbreiteten. Tränen füllten meine Augen, meine deformierten Hände berührten meinen Kopf. Auch dieser begann sich langsam zu wandeln. Ich spürte, wie sich die Knochen unter meiner Haut sich bewegten, sich neu formierten, sich umgruppierten.

Wenn ich in ein Spiegel blicke, würde ich mich wiedererkennen? Oder würde ich nur diese Abscheulichkeit sehen?

Ich wollte es gar nicht wissen, ich wollte gar nichts mehr wissen. Und ich wusste auch gar nichts mehr. Ich konnte mich weder an meinen Namen erinnern, noch an meine Herkunft. Die Erinnerungen an mein früheres Leben waren einfach ausradiert worden.

Und nun wurde mein Körper langsam ausgelöscht, verwandelt und deformiert.

Ich griff in meine Hosentasche und spürte etwas Scharfkantiges. Ich war überrascht, als ich es herausholte und ansah. Es waren zwei Spielkarten.

Ein Herz-Ass und ein Kreuz-Bube.

Ein Black Jack.

Ich wusste nicht warum, aber aus irgendeinen Grund kam es mir äußerst bekannt vor. Vertraut. Ich versuchte mich daran zu erinnern, doch da war nichts, nur Leere.

Ich steckte die Karten wieder ein.

In den Ecken meines Verstandes schien etwas an die Oberfläche zu kommen. Stimmen. Dutzende, hunderte von Stimmen. Sie alle flüsterten wild durcheinander, ich konnte ihren Inhalt nicht verstehen. Sie flüsterten und tuschelten Dinge zueinander. Sie füllten meinen gesamten Schädel aus. Wieder begannen die Kopfschmerzen. Ich sank auf die Knie, hämmerte gegen meinen Kopf, versuchte zu schreien, doch ich bekam kein Laut raus. Tränen flossen mein Gesicht herunter, die Schmerzen wurde immer stärker, mein Körper verkrampfte sich.

Ich schaute zum Himmel und sah die Gestalt, wie sie in einigen Meter über den Boden schwebte. Ich kniete auf allen Vieren, streckte meine Hand nach ihm aus, flehte es an. Flehte es an, dass es die Schmerzen beenden würde. Doch es starrte nur, starrte mich mit seiner unendlichen Finsternis an.

»Ich akzeptiere dich!«, rief ich verzweifelt.

Die Schmerzen wurden schwächer, die Stimmen leiser, doch sie verstummten nicht vollständig. Ich stand auf und hatte die Erkenntnis, das meine Vergangenheit nun nicht mehr existierte. Mein altes Ich war nicht mehr, ich war nun etwas völlig anderes.

Ein Monster.

Ein Teil dieses großen Ganzen.

Ein Teil dieses Meeres aus schreienden Gesichtern.