Eine verhängnisvolle Verschwörung (Kapitel I)

1. April 2019 0 Von Joseph James

Kalter Regen fiel herab, schwarze Wolken verdeckten den Himmel. Es war früh am Morgen, doch schon jetzt war die Stadt vollkommen zum Leben erwacht. Autos verstopften die Straßen, hupten und brummten vor sich hin, Humanoide aller Art gingen, bewegten sich dicht gedrängt auf den schmalen Gehwegen. Viele von ihnen waren auf dem Weg zu ihrer Arbeit, einige wollten einfach nach Hause, um endlich zu schlafen. Menschen, Orks, Dragonier, Minotauren und andere, alle gingen ihre Leben nach. Von überall her drangen laute Geräusche hervor, es wurde gerufen, geredet, geschnattert, gebrüllt, gehupt, gequietscht, gesummt, gezischt, geknurrt.

Doch diese Geräuschkulisse drang nicht ganz bis in die dunklen, verdreckten Nebengassen des schmutzigen Industriegebietes, in eine von ihnen war reger Betrieb. Gelbe Absperrbänder flatterten im feuchten Wind, Lampen erhellten die Gasse. Im Licht standen zwei Gestalten, gebeugt und stark konzentriert. Sie starrten auf eine gekrümmte, übel zugerichtete Leiche herab. Mit etwas Fantasie konnte man sich vorstellen, dass sie einst mal ein wunderschönes menschliches Mädchen war. Sie hatte flammenrote Haare, hell weiße Haut, ein nahezu perfektes Gesicht. Doch diese Schönheit war vergangen, wie eine Sommerblume im Herbst.

Ihre Haare waren widerwärtig feucht, die Haut aufgedunsen von der Feuchtigkeit, das Gesicht beschmutzt mit blauen, fast schon grünen Flecken. Ihr weißer Körper war übersät mit tiefen Bisswunden, stellenweise fehlten ganze Fleischbrocken an Armen, Beinen und Hals. Die Gedärme und Organe hingen aus ihrem Bauch und Brustkorb, auch dort fehlten Stücke. Die Wunden wurden grob zugefügt, wie durch den Biss eines grässlichen Raubtieres. Ein wahrlich erschreckender Anblick, selbst für die beiden anwesenden Polizisten.

Beide waren in graue Mäntel gekleidet, welche an der Brust das Abzeichen der LCPA trugen. Der eine war ein Mann Anfang dreißig mit blonder Haarfarbe, welcher eine Hornbrille trug, der andere ein junger Schwarzer mit kurz rasierten Haaren.

»Und Sir … glauben Sie, dass er wieder da ist? Dass er wieder zugeschlagen hat? Der Namenlose?«, fragte der junge Polizist.

»Unmöglich, vollkommen ausgeschlossen«, erwiderte der Ältere, »ich habe gesehen, wie er gestorben ist. Nein … wir haben es hier mit jemand anderem zu tun, einem anderen Mörder.« Er beugte sich runter zur Leiche, schaute sie noch genauer an. »Und dieser ist eine echte Bestie.«

»Außerdem«, sprach der Blonde weiter, »wurde sie auf vollkommen andere Art ermordet. Die Opfer des Namenlosen wurden alle in abgeschlossenen Räumen getötet, nicht in irgendeiner Nebengasse des Industriegebietes. Sie wurden zwar auch auf bestialische Weise abgeschlachtet, aber nicht so wie hier. Dieses Opfer sieht aus, als wäre es von einem Wolf angegriffen worden und nicht von einem professionellen Killer.«

Der Schwarze nickte.

»Haben Sie schon eine Vermutung wer oder was es gewesen sein könnte?«, fragte er.

»Bis jetzt nicht, nein. Ich habe immer noch die leise Hoffnung, dass es doch ein wildes Tier war und nicht irgendein psychotischer Mörder, aber letzteres wird höchstwahrscheinlich in das Feld des Möglichen fallen, es ist doch immer so«, er seufzte, »Wissen Sie schon, wann der Gerichtsmediziner und die verdammte Spurensicherung endlich kommen, Attaway? Langsam wird es hier ziemlich ungemütlich im Regen.«

»Es sollte eigentlich nicht mehr lange dauern, aber Sie wissen ja, der Verkehr hier in der Gegend kann äußerst beschissen sein«, antwortete Attaway.

Der Kommissar grunzte zustimmend.

Während die beiden Ordnungshüter warteten, fiel der Regen unbeeindruckt weiter, wurde sogar noch stärker. Ihre Mäntel saugten sich mit Wasser voll, sie wurden schwer und klamm. Attaway begann zu zittern und auch der Kommissar spürte langsam die Kälte in seine Knochen kriechen, es war ein unangenehmes, beklemmendes Gefühl. Er war froh, wenn er endlich wieder in seinem warmen Büro sitzen konnte, fernab von all der Kälte, dem Regen, dem Schmutz.

»Scheiß Wetter. Warum musste es ausgerechnet heute regnen?«, fluchte Attaway.

Nach einiger Zeit trat dann endlich die Spurensicherung auf, mit im Schlepptau hatten sie den Gerichtsmediziner. Dieser war ein kleingewachsener Mann mit grauen, schütteren Haaren, welcher in einer gebeugten, fast schon unterwürfigen Haltung vor sich hinschritt.

»Ahh, Carter! Attaway! Genießen Sie den Regen hier?«, witzelte er.

Carter rollte mit den Augen, er konnte diesen wichtigtuerischen Möchtegernakademiker nicht ausstehen. Ständig trödelte er, trottete vor sich hin, riss seine dummen Witze, kroch und schleimte. Das war kein richtiger Mann, das war eine Schnecke, eine die sich sofort in ihr Haus zurückzog, wann immer Gefahr im Vollzug war. Einfach nur widerwärtig, wäre er im Polizeidienst tätig, wäre er eine Schande für die gesamte LCPA. Dieser Typ würde nie jemandem zu Hilfe eilen oder jemanden beschützen, nein, er würde sich nur zurückziehen und wimmern. Obwohl Carter schon lange mit diesem Weichtier zusammen arbeitet, hatte er nie eine Art Respekt für ihn entwickelt, nur Abscheu, immer größer werdende Abscheu.

»Das wird aber auch langsam mal Zeit, Smedley! Wir frieren uns hier die Ärsche ab«, schnauzte Carter ihn an.

»Wie oft muss ich dir das noch erklären, Michael? Es heißt Doktor Smedley. Doktor Morris Smedley«, erwiderte der Gerichtsmediziner.

»Kommissar Carter für Sie, ich kann mich nicht erinnern Ihnen das Du angeboten zu haben, Doktor Smedley«, knurrte er zurück.

Der Doktor senkte seinen Blick und kramte in seiner braunen Ledertasche.

»Wie wäre es, wenn einfach alle ihren verdammten Job jetzt machen und wir uns später, im trockenen, warmen Büro, gegenseitig angiften?«, bellte Attaway.

Die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner fingen sofort an ihren Tätigkeiten nachzugehen. Der Tatort wurde nochmal neu abgesperrt, Spuren wurden versucht zu sichern, Fotos wurden gemacht. Dr. Smedley kniete sich neben die Leiche, um sie näher zu begutachten. Sein Blick huschte hin und her, versuchte jedes noch so kleine Detail aufzunehmen.

Carter konnte ihn zwar nicht ausstehen, ganz und gar nicht, aber der Wicht verstand was von seiner Kunst, er galt als einer der Besten in Lorgon-City. Doch so etwas würde Carter niemals offen zugeben, geschweige denn laut aussprechen.

»Und Doktor? Was sagt ihr fachmännisches Auge dazu?«, spöttelte Carter.

Der Gerichtsmediziner dachte kurz nach, dann sprach er: »Hmm, das Opfer wurde auf jeden Fall stark misshandelt, es bekam viele harte Schläge ins Gesicht ab. Die Hämatome sind stellenweise über eine Woche alt und sie wurden definitiv vor dem Tod zugefügt. Besonders auffallend sind die vielen Bisswunden, die stellenweise sehr tief sind und wo sogar ganze Brocken rausgebissen worden sind, als wäre sie von einem Raubtier überfallen worden. Die Bisse scheinen auch der Grund für ihr vorzeitiges Ableben gewesen zu sein.«

»Und wie lange ist sie schon tot?«, fragte Attaway.

»Dazu kann ich im Moment noch nicht viel sagen. Die Totenstarre ist auf jeden Fall schon eingetreten. Sie könnte seit ein paar Stunden tot sein oder seit einem Tag und mehr. Kleinere Verwesungsprozesse sind schon zu sehen, aber noch nicht in dem Maße. Auch sind keine Fliegeneier oder Maden zu sehen. Ich muss mir das im Labor erst mal genauer ansehen. Dann weiß ich auch eine Antwort«

Carter winkte einen der Mitarbeiter von der Spurensicherung zu sich.

»Schon etwas gefunden?«, fragte er.

Der Mitarbeiter, ein jarganischer Jungspund, schüttelte den Kopf und sagte: »Nichts Spezifisches. Einige Fußabdrücke, die Blutlache vom Opfer, ein paar Blutspritzer hier und da, mehr aber auch nicht.«

»Dann sucht weiter!«, befahl Carter.

Der Mitarbeiter stahl sich schnell davon, um schnell weiter zu arbeiten. Die anderen Mitarbeiter machten Fotos aus allen möglichen Winkeln von der Leiche.

»Wenn die Untersuchungen beendet sind, würde ich die Leiche gerne mit in mein Laboratorium nehmen, wenn es recht ist, Kommissar«, sagte Dr. Smedley.

Carter gab ihm die Erlaubnis.

»Fahren wir wieder zurück ins Büro, Kommissar oder gibt es für uns noch etwas hier zu tun?«, fragte Attaway.

Carter überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf: »Nein, den Rest können wir vom HQ aus erledigen. Fahren wir ins Trockene, der Regen geht mir langsam aber sicher auf die Nerven.«

Sie stiegen gemeinsam in das Polizeiauto und fuhren zurück zum Büro. Carter war froh, endlich aus dem Industriegebiet rauszukommen. Es war das völlige Gegenteil von der Altstadt, während hier verschmutzte Fabriken und verdreckte Lagerhallen das Landschaftsbild dominierten, gab es dort weiße Marmorgebäude, kunstvolle Gebilde und saubere Straßen. Auch war die Armut und Kriminalität dort nicht so auffällig, wie hier. In der Altstadt gab es keine Bordelle oder marodierende Straßengangs. Oder Crystalsüchtige. Oder ständige Schlägereien und Morde. In der Altstadt muss man sich vielleicht mal mit falsch parkenden Autos auseinandersetzen oder einen Ehestreit schlichten. Aber keine grausamen Mordfälle lösen, manchmal beneidet er die Beamten, welche dort operieren. Die müssen keine Angst haben, niedergeschossen zu werden oder Todesdrohungen zu erhalten.

Carter schaute aus dem Fenster des Wagens, die Menschenmassen und der Verkehr schienen sich langsam zu lichten, die meisten Leute waren bereits auf der Arbeit oder Zuhause. Carter schloss seine Augen, obwohl es erst früh am Morgen war, war er jetzt schon hundemüde. Er wollte einfach nur noch ins Bett, doch das musste noch ein paar Stunden warten. Erstmal hieß es Papierkram erledigen. Er gab sich wirklich Mühe, aber er schlief trotzdem ein.

Und er fing an zu träumen.

Er befand sich in ein kleines Verhörzimmer. Über ihn leuchtete eine Deckenlampe, das Licht, welches sie ausstrahlte, tat Carter in den Augen weh. Er schaute weg und entdeckte, dass sich eine schwarze Wolke vor seinem Blickfeld materialisierte. Die Wolke nahm Gestalt an, Carter musste erst überlegen, doch dann fiel es ihn ein.

Es war der Namenlose!

Er spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief, sein Atem wurde schwerer, er begann zu keuchen. Er versuchte von seinem Stuhl aufzustehen, doch es gelang ihm nicht, er war wie festgeklebt!

Nun beruhigen Sie sich doch, Herr Kommissar, sprach die Gestalt am anderen Ende des Tisches.

Carter war sich nun völlig sicher, wem er vor sich hatte. Der Namenlose war gekleidet in der Kluft der Imperialen DMT-Inquisitoren, ein langer, schwarzer Mantel und ein breitkrempiger Hut, ebenfalls in Schwarz. Sein Gesicht sah aus, als wäre es wie Wachs geschmolzen, sein Mund war aufgeschlitzt von Ohr zu Ohr. Es sah aus, als hätte es schon einiges erlebt. Er entblößte ein unmenschliches Grinsen, aus seinem Mund ragten spitze, keilförmige Zähne heraus. Carter wusste schon damals, dass er es hier mit keinem normalen Menschen zu tun hat.

Was wollen Sie hier? Sie sind tot, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, erwiderte Carter.

Kein freundliches Hallo nach der langen Zeit? Und ich dachte, wir wären so etwas, wie Freunde geworden, er versuchte einen Schmollmund zu machen.

Sie haben so viele Unschuldige ermordet, erwarten Sie keine Freundlichkeit von mir, Zorn funkelte in den Augen Carters.

Auch ich muss meine Schulden begleichen, das verstehen Sie doch sicherlich, oder?, gelbe Augen mit schlitzförmigen Pupillen starrten ihn durchdringend an, suchten nach etwas, nach irgendeinen Anzeichen von Schwäche und Angst.

Carter knurrte ihn an: Scheißhund. Ich hoffe, dort wo Sie sind, erleiden Sie Qualen.

Glauben Sie mir Herr Kommissar, ich habe in meinen langen Leben viele, äußerst viele Qualen erlitten. Aber sagen Sie mal … erinnern Sie sich noch an meine Worte?

Carter schaute ihn verdutzt an.

Natürlich nicht, natürlich erinnern Sie sich nicht. Aber ich verüble es Ihnen nicht, an den Tag ist ja schließlich eine Menge passiert, er gluckste vor sich hin, denken Sie daran, Herr Kommissar, die Dunkelheit naht, das Ende wird bald über uns kommen, über uns alle. Es wird viele Tote geben. Unvorstellbar viele Tote. Es wird ein Blutbad geben, welches dieser bedauernswerte Planet noch nie gesehen hat. Merken Sie sich meine Worte, Herr Kommissar, das Ende naht. Und nichts und niemand kann es aufhalten!

Was wird passieren, wer oder was ist dieses Ende?, fragte Carter, einer Panikattacke nah.

Herr Kommissar, es gibt Kräfte innerhalb und außerhalb dieses Universum, die wir nicht verstehen. Mit fünf einfachen Sinnen glauben wir, den unendlichen Kosmos begreifen zu können! Doch das ist nichts weiter, als ein elender Trugschluss, Herr Kommissar.

Der Namenlose erhob sich von seinem Platz.

Die Götter fordern ihren Tribut, Herr Kommissar!

Ich habe keine Angst, erwiderte Carter mit leichten Zittern in der Stimme.

Ohh, die werden Sie noch haben, die werden Sie noch haben.

Unter Carter tat sich plötzlich der Boden auf, sein Stuhl kippte nach hinten und er fiel in das endlose, dunkle Loch. Sein Blick fiel nach oben, er sah, wie der Namenlose ihn zuwinkte.

Er begann zu schreien.