Ausgetauscht

30. März 2019 4 Von Joseph James



Irgendetwas stimmte mit meinem Mann nicht.

Ich konnte nicht sagen, was nicht stimmte, doch da war etwas. Seit er von seiner Geschäftsreise aus Nordgregorien zurückgekehrt war, wirkte er … verändert.

Er sah aus wie mein Mann.

Er bewegte sich wie mein Mann.

Er sprach wie mein Mann.

Er trug die selbe Kleidung wie mein Mann.

Doch das war nicht Er.

Das war nicht mein Mann! Davon war ich voll und ganz überzeugt. Irgendjemand oder besser gesagt, irgendetwas hatte seinen Körper gestohlen. Das alte Ich herausgekratzt und sich sein Gesicht wie eine Maske übergezogen. Was es auch war, es tat es nahezu perfekt. Doch ich kannte meinen Mann, ich kannte ihn zwanzig Jahre lang und ich konnte mit absoluter Sicherheit sagen, dass dieses Ding nicht mein Mann war.

Während ich im Bett lag und mir einen Plan überlegte, wie ich den Betrüger hervorlocken konnte, schnarchte das Ding seelenruhig vor sich hin. Es fühlte sich sicher, geborgen. Es ahnte nicht, dass ich es wusste.

Am nächsten Morgen stand ich in der Küche und bereitete das Frühstück zu, Speck mit Bohnen. Frank hasste Bohnen, er hasste sie wie die Seuche. Ich stellte den dampfenden Teller auf den Tisch und erwartete seine Reaktion. Es nahm das Besteck in die Hand und begann, sich das Essen in sein Maul zu stopfen.

»Schmeckt es dir, mein Schatz?«

Es sagte nichts, es schmatzte nur und nickte eifrig mit dem Kopf.

»Wann musst du eigentlich los zur Arbeit?«

Es schüttelte den Kopf: »Nein, nein. Heute mal keine Arbeit. Mein Chef hat mir freigegeben.«

Der alte Schueler und freigegeben in einem Satz? Vorher würde Antarctica schmelzen, bevor der seinen Angestellten einen Tag freigeben würde. Der war viel zu geizig und geldgierig dafür. Doch das alles behielt ich für mich, stattdessen fragte ich: »Wirklich?«
Es grinste mich an: »Ja, ist das nicht toll? Ein ganzer Tag frei.«

»Und was hast du, stattdessen für heute geplant?«, fragte ich vorsichtig. »Nichts Großes«, antwortete es. »Ich wollte nur etwas Spazierengehen.« »Spazierengehen? Bei der Kälte?«

Es schaute aus dem Fenster und schien kurz zu überlegen. Als es fertig war, sagte es mit freudiger Stimme: »Ja, warum nicht? Ein kleiner Winterspaziergang wäre nett. Es wäre … erholsam.«

»Wie du meinst.«

Es stand auf, schnappte sich Hut und Mantel, zog sich die Winterschuhe an, drehte sich um und sagte: »Ich mach mich dann mal auf dem Weg. Wir sehen uns später, hab dich lieb.«

»Ja, bis später. Lieb dich auch.« Dann war es aus dem Haus verschwunden. Ich wartete noch ungefähr zehn Minuten bis ich dann die Verfolgung aufnahm, vorher steckte ich mir natürlich noch etwas Nützliches ein.

Draußen war alles weiß. Mein Atem gefror in der Luft. Ich folgte der Spur, welche das Ding im Schnee hinterließ. Ich versuchte auch immer einen gewissen Abstand zu bewahren, damit es keinen Verdacht schöpfte.

Nach einiger Zeit kam ich an einem verlassenen Häuserkomplex an. Müllbeutel stapelten sich zu Miniaturbergen, Graffiti bedeckte jeden noch so freien Zentimeter der Wände, diese Gegend war schon seit Jahren leer.

Aus einem der Gebäude drangen laute Geräusche hervor, es klang nach einer erregten Diskussion. Wobei ich mir nicht sicher war, welche Sprache benutzt wurde, sie klang … fremd. Sie hörte sich an, wie … Störgeräusche? So als hätte ein Fernseher kein Empfang.

Ich ging näher heran und schaute durch eines der zerbrochenen Fenster. Die Geräusche kamen tatsächlich von dem Ding und anscheinend hatte es ein paar Freunde. Ich sah einen Mann Mitte zwanzig, adrett gekleidet. Eine alte Dame im blauen Kleid. Und ein fünfzehnjähriges Mädchen. Sie alle sprachen in diesen seltsamen Tönen und soweit ich das mitbekam, schienen sie sehr über den FrankBetrüger erbost zu sein. Ihre Gesichter zeigten Zorn, Wut und Enttäuschung, während das Ding schützend seine Hände hob und mit einer eher hohen Stimme sprach.

Die alte Dame schüttelte ihren Kopf und zeigte mit dem Finger auf das Ding, danach schaute sie ihre beiden Begleiter an und bellte irgendwelche Befehle. Alle drei drehten sich um und machten sich aus dem Staub. Der Frank-Betrüger ließ den Kopf hängen, sein Gesicht spiegelte Traurigkeit und Ratlosigkeit wider. Mit einem schlurfenden Gang machte es sich auf dem Weg zum Ausgang. Das war meine Chance! Ich stellte mich dem Ding in den Weg und zielte mit dem Revolver auf ihn.
Es erschrak, riss die Hände hoch und für einen kurzen Moment sah ich etwas, das sich hinter der Maske aus Fleisch bewegte, etwas zutiefst Fremdes.

»Lise!«, quietschte es, »Was soll denn das? Was machst du da mit meiner Pistole?«

»Komm mir nicht mit Lise. Was hast du mit Frank gemacht? Was hast du ihm angetan?«

»Wovon sprichst du? Ich bin Frank, siehst du das denn nicht? Ich stehe doch direkt vor dir.«

»Du bist nicht Frank.«

»Lise … Schatz, ich bin es. Nimm die Waffe herunter.«

Es versuchte nach der Pistole zu greifen, doch ich schrie: »Noch einen Schritt weiter und ich blas‘ dir dein Hirn weg!«

Sofort machte es einen Schritt zurück, es schwitzte, schien Angst zu haben. »Du brauchst mir nichts vorzumachen, ich habe dich mit deinen Freunden gesehen, ich habe euch gehört, wie ihr gesprochen habt. Also, lass das Theater!«

Es schien zu überlegen, wägte seine Möglichkeiten ab, doch dann sagte es: »Du hast mich erwischt. Ich bin nicht Frank. War ich nie.«

»Was hast du mit ihm gemacht? Wo ist er?«, schrie ich voller Verzweiflung und Wut.

»Er weilt nicht mehr unter den Lebenden, soviel lässt sich sagen. Aber hör mir zu … bitte … Ich möchte dir nichts Böses tun, ich möchte bei dir bleiben, ich möchte … mit dir leben. Ich bin zwar nicht Frank, aber ich kann, wie er sein. Ich sehe genauso aus, ich spreche genauso, ich verhalte mich, genau wie er. Wir können gemeinsam glücklich sein. Was sagst du dazu?«

Es breitete seine Arme aus und ging auf mich zu. Ich senkte meine Waffe leicht. Es stand nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt. Kurz bevor es mich berühren konnte, … schoss ich. Es taumelte zurück, schaute verwirrt auf die blutende Wunde am Bauch. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines kleinen Kindes.

»Wa…«

Ich schoss noch einmal. Und noch einmal. Ich leerte die gesamte Trommel. Meine Augen wurden feucht. Ich spürte, wie die Tränen auf meinem Gesicht herunterkullerten. Das Ding brach zusammen, Blut strömte in Massen aus den verwundeten Körper.

Seine menschliche Fassade zerbröckelte und das wahre Ich kam zum Vorschein. Es hatte mit nichts, was ich je gesehen habe, Ähnlichkeit. Es sah aus wie eine Mischung aus Tieren, eine widerwärtige Chimäre. Rote schuppige Haut, graue Hörner am Echsenschädel, schwarze Lederschwingen, zottelige Ziegenbeine.
Ein Bild wie aus den alten Gruselmärchen. Vielleicht sollte ich den Körper nachher verbrennen, dachte ich.

Ich steckte den Revolver zurück in meinen Mantel, wischte mir die Tränen aus den Augen und ging nach Hause. Ich musste schließlich Nachschub holen.